FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 186/187
Wilfried Daim

Für jüdisch-arabische Symbiose

„Unentschieden!“

I.

Wenn der durchschnittliche Bibelleser die Grußanrede Jesu liest: „Der Friede sei mit euch!“, so erscheint ihm als christlich, was nichts anderes ist als die Übersetzung der normalen hebräischen Grußformel, ihrerseits identisch mit dem arabischen Normalgruß, der aus Karl May oder Haremsoperetten und -opern bekannt ist: Salem aleikum.

Der hebräische wie arabische Gruß sind nicht gerade Ausdruck nibelungenhaften Fremd- und Selbstzerstörungsdranges. Um so tragischer der israelisch-arabische Konflikt.

Ich gebe mich nicht der Illusion hin, diesen Konflikt hier zu „lösen“. Dies wäre dummdreiste Vermessenheit. Es ist jedoch auch unanständig, wenn man sich im neutralen Österreich keine Gedanken macht, wie man wenigstens einen kleinen Beitrag zum Frieden leisten könnte.

Versucht man einen solchen Beitrag, muß man auf beiden Seiten Vertrauen erwecken. Gleichzeitig muß man sich im klaren sein, daß man bei jenen in beiden Lagern, die nur das Freund-Feind-Denken kennen, Mißtrauen erweckt. Das ist das Risiko eines jeden, der Frieden stiften will.

Auch ein faktisch geringfügiger Beitrag Österreichs zum israelisch-arabischen Frieden würde einen bedeutenden Nebeneffekt haben, nämlich die Selbstreinigung des österreichischen Bewußtseins von rassistischen Bestandteilen, somit Humanisierung unseres Volkes.

II.

Primitivste psychologische Voraussetzung jeder Vermittlungsaktion: zunächst muß man beide Seiten zu überzeugen trachten, daß man ein positiv humanes Ziel hat. Minimum jeder Friedensregelung ist: Das Töten muß aufhören! Juden wie Araber können nur jemanden akzeptieren, dem sie dieses Ziel glauben. Wer den Verdacht erregt, daß ihm das Töten auf dieser oder jener Seite gleichgültig ist, scheidet als Vermittler aus.

Desgleichen, wer nicht bloß einzelne Personen oder einzelne Handlungen, sondern die völkische Substanz einer Seite für minderwertig, Juden für „Saujuden“ oder Araber für „Kameltreiber“ hält.

Zu beiden Arten von Arroganz haben wir keinen Anlaß. Der jüdische wie der arabische Beitrag zu unserer Kultur ist groß. Das Christentum ist jüdischen Ursprungs; Marx, Freud, Einstein waren Juden. Die arabischen Einflüsse sind bedeutend in der Geschichte von Mathematik, Naturwissenschaft, Philosophie.

Abwesenheit von Überheblichkeit ist aber zu wenig. Positiv geht es für uns Christen um „Nächstenliebe“: das Wort ist gefährlich ohne Konktretisierung; es hat eine sentimental-pathetische Aura und verlangt, wenn man seinen christlichen Inhalt nicht preisgeben will, nach praktischer Ausmünzung.

III.

Ich habe in meinem Buch „Christentum und Revolution“ (Manz Verlag 1967) versucht, die positive Bedeutung des Judentums für die Geschichte der menschlichen Gesellschaft darzustellen. Für die innere Selbstreinigung des Christentums, ja für die ideologische Entwicklung der Menschheit ist es bedeutsam, daß Juden und Christen einander in Koexistenz begegnen. Hingegen haben die Christen wenig für ihr entsprechendes Entrée bei den Islamiten gesorgt. Das Buch von Sigrid Hunke „Allahs Sonne über dem Abendland. Unser arabisches Erbe“ (Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1960-1967) ist ein großer Wurf. Es ist jedoch nicht einfach vom christlichen Bußstandpunkt geschrieben; gewiß ist das christliche Schuldkonto gegenüber den Juden besonders groß, aber es ist auch gegenüber den Islamiten, besonders den Arabern, nicht gerade klein.

Die islamitische Toleranz gegenüber Juden und Christen war ungleich größer als die der Christen gegenüber Judentum und Islam. Nicht alle Islamiten waren tolerant; aber insgesamt fällt ein Vergleich zu ihren Gunsten aus.

Das Judentum war für den Islam ideologisch und historisch kein so schwieriges Problem wie für das Christentum. Die Auseinandersetzung zwischen Jesus und dem jüdischen Establishment endete tödlich. Selbstverständlich darf der Christ diesen Tod nicht einem Volk anlasten; er hat sich mit allen Menschen und ihren Übeln zu identifizieren. Da alle Menschen Brüder sind, sind „alle an allem schuld“ (Dostojewski). Natürlich wäre kein Volk der prophetischen Herausforderung nicht gewachsen gewesen. Aber an den Islam trat diese Herausforderung eben nicht heran.

Die Christen scheiterten am Judenproblem, obwohl ihnen ein ideologisches Gepäck mitgegeben worden war, das die Lösung möglich gemacht hätte. Aber welche Menschen bleiben nicht hinter ihrer Ideologie zurück?

Eine christliche Chuzpe

IV.

Wie Dürrenmatt richtig schrieb, existiert der Staat Israel, weil es Hitler gab.

Sicherlich ist dies nicht der einzige Grund für seine Existenz, aber doch ein gewichtiger.

Hitler ist, wie Friedrich Heer überzeugend bewies, die letzte Konsequenz christlichen Versagens gegenüber den Juden. Aber das christliche Europa und Amerika — wir werden trotz aller möglichen Proteste gut daran tun, auch die Sowjetunion historisch in den „christlichen“ Bereich mit einzubeziehen — schob das Problem Israel den Arabern zu. Das ist — die Juden mögen verzeihen, daß wir Christen gleichsam über ihre Köpfe hinweg über sie sprechen und verhandeln — gelinde gesagt eine christliche Chuzpe. Vor allem dann, wenn man die Arroganz bedenkt, die die sogenannte Christenheit gegenüber den Arabern an den Tag legt.

Den Arabern gegenüber sei als Entschuldigung für diese Arroganz immerhin festgestellt, daß unser Bild des Islams primär von den Türken und ihrem Verhalten in Mitteleuropa stammt und nicht von den Arabern, die sich von ihren türkisch-islamitischen Brüdern verachtet und unterdrückt fühlten. (Im wesentlichen ist das nichts anderes, als wenn sich christliche Polen von christlichen Deutschen verachtet und unterdrückt fühlten.)

Man könnte sich demgegenüber eine völlig andere Attitüde vorstellen, ganz ohne christliche Arroganz, sondern an eine höhere und humanere Solidarität der Mohammedaner appellierend, von der ich vermute, daß sie angesprochen werden kann:

Wenn mich ein Kommunist besucht und bittet, etwas zu veröffentlichen, um damit Eindruck auf die Moskauer „Zentrale“ zu machen, wobei er eindeutig humanistische Ziele — zum Beispiel Liberalisierung und Demokratisierung — im Auge hat, dann appelliert er bei mir als Nichtkommunist an eine humanistische Solidarität jenseits aller „Lager“ und hat dabei das Gefühl, seinem und meinem „Lager“ in höherer Form zu dienen, als wenn er Solidarität mit dem eigenen „Lager“ übt.

Insofern ist es sicher nicht „unchristlich“ und vielleicht auch nicht „unislamitisch“, wenn ich als Christ an die islamitische humanistische Solidarität appelliere, das heißt, die Mohammedaner bitte, uns Christen bei der Lösung des Judenproblems, an dem wir so demütigend scheiterten, aus global universalistischer Solidarität zu helfen.

Bei der historischen Belastung unseres Verhältnisses zueinander, angesichts „christlicher“, kolonialistischer Unverschämtheit gewisser Länder, ist dies sicherlich viel verlangt. Im Zeitalter von Atombomben und ähnlich „humaner“ Instrumente bleibt uns aber nichts anderes übrig.

Die Araber sollten dabei auch bedenken, wie groß der Anteil des Judentums an ihrer eigenen Geschichte ist. Ein Übereinkommen mit den Juden könnte dem arabischen Raum geben, was wir in Europa versäumten: Hätten wir in Wien unsere 200.000 Juden wieder, so wäre zum Beispiel die derzeitige Versumperung unseres Geisteslebens unmöglich.

Bei einem Teil der Juden gibt es „europäische“ Arroganz. Wie es auf Grund einer — sicherlich nur zeitweiligen — kulturell-zivilisatorischen Schwäche der Araber, die ja einstmals durch Jahrhunderte „Europa“ überlegen waren, auch ein à la longue unberechtigtes Minderwertigkeitsgefühl der Araber gibt. Eine Symbiose von Juden und Arabern könnte ein starkes Stimulans darstellen, um die derzeitige Entwicklungsdistanz zwischen den arabischen und den Industrieländern zum Verschwinden zu bringen.

V.

Diese Thesen haben nicht den Ehrgeiz, konkrete Lösungen zu bieten. Sie haben jedoch den vielleicht größeren Ehrgeiz, zu einer Atmosphäre beizutragen, die ein Gespräch in Gang bringt jenseits von Arroganz und eingedenk unseres christlichen Versagens.

Salem aleikum.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1969
, Seite 415
Autor/inn/en:

Wilfried Daim:

Geboren am 21.07.1923 in Wien, ab 1939 Mitglied der österreichischen Widerstandsbewegung, 1942 zur deutschen Wehrmacht eingezogen, 1945 Rückkehr nach mehrwöchiger schwerer Verwundung, Studium an der Universität Wien (Psychologie, Philosophie, Anthropologie), 1948 Promotion zum Dr. phil., 1963-1966 am Institut für Höhere Studien (Ford-Institut), Wien. Psychologe, Psychotherapeut und Schriftsteller, gründete 1956 das private Institut für politische Psychologie.

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