FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1967 » No. 158
Herbert Prader

Für aktive Architekturpolitik

Während ganz Österreich sich über den „Bauskandal“ empört, wird der permanente, stille Skandal, was man in Österreich baut, kaum beachtet.

Dies gilt sowohl für die Art und Weise, wie unsere Landschaft zerbaut und verhüttet, Stadt- und Ortsbilder verschandelt, wertvolle alte Bauwerke zerstört werden, als auch dafür, wie ein riesiges Bauvolumen öffentlicher, halböffentlicher und privater Provenienz heranwuchert, ohne Konzept, ohne Qualität, ohne daß etwas „entsteht“.

Wohl gibt es Ausnahmen, aber so wenige, daß auf internationalen Kongressen vom „architektonischen Niemandsland Österreich“ gesprochen wird.

Man kennt heute (allerdings kaum in unseren Bauämtern) Begriffe wie schweizer, holländische, englische, nordische, italienische, deutsche Architektur, so kleine und eher arme Länder wie Finnland oder Dänemark haben Weltleistungen aufzuweisen, Österreich aber zählt wenig.

Es ist bezeichnend, daß in allen politischen Programmen vom (Wohnungs-) Bauen die Rede ist, aber das Bauen nur unter seinen wirtschaftlichen und wahlpolitischen Aspekten gesehen wird. In keinem der maßgeblichen Gremien der großen Parteien sitzt ein Architekt. Wie anders etwa in England, wo beide großen Parteien ihre Bauprogramme (die einander übrigens gleichen wie zwei Eier) von Architekten haben ausarbeiten lassen.

Man kommt in den Reihen unserer Politiker anscheinend gar nicht auf den Gedanken, daß wesentlicher als ihr ständiger Zank und das „Wie“ des Bauens, die Frage nach dem „Was“ des Gebauten, also nach der Qualität der Ergebnisse ist.

Ein besonderes Paradoxon hiebei ist, daß man das Unbehagen an dem Gebauten der jüngstvergangenen Jahre allgemein auf die „moderne Bauweise“ schiebt. Ein Paradoxon deswegen, weil ja gerade die zutiefst antimoderne Grundhaltung und die nur nach rückwärts gewandte Orientierung, das Unwissen um die Problematik und die Möglichkeiten zeitgenössischen Bauens, daß all das gute moderne Lösungen verhindert.

Gänzlich neue Konzeptionen
von Stadt und Bauwerk, aus den Erfordernissen und Möglichkeiten der Techne geboren, eröffnen unserem Leben neue Dimensionen. (JAPAN)

Wohl kommt man um die laue Übernahme und Nachahmung moderner Einzelformen nicht herum, aber es fehlt an einer entschieden modernen Baugesinnung. Diese äußert sich vor allem auf dreierlei Weise:

  1. In der Erkenntnis der notwendigen Einordnung jeder Einzelaufgabe in das größere Ganze (der Stadt, der Landschaft, der Gesellschaft).
  2. Im Verstehen des Begriffes „Angemessenheit“ für Gesamtstruktur und Detail einer Bauaufgabe. (Weil dies fehlt, wird es genehmigt, daß riesige Espressoportale in würdige alte Häuser eingebaut werden, daß Landessparkassen wie Düsseldorfer Konzernzentralen gestaltet werden und daß Würstelstände sich mit Motiven kalifornischer Millionärs-Bungalows befeschen.)
  3. Im Verständnis für die notwendige Eigengesetzlichkeit und innere Konsequenz moderner Gestaltungsqualität. (Bei uns gilt: modern und doch geschmackvoll; außen Glas, innen Gschnas; Beton ist etwas Grausliches, Marmor ehrt.)

Wohl hat sich in den letzten Jahren eine sehr ernsthafte Architekturkritik etabliert. Aber es scheint, daß sie zu sehr im innerfachlichen Bereich und in der ästhetisierenden „Kunstkritik“ befangen bleibt. Architekturkritik, die sich überwiegend mit formalen Fragen beschäftigt, die ihre „Einser“ nach dem Notenbüchel verteilt, ist unter Umständen manchmal gefährlich. Sie vermittelt nämlich dem Laien oft den falschen Eindruck, daß man ein für allemal wüßte, wie zu bauen sich ab jetzt gehöre und was von jetzt an zu gefallen habe. In Wirklichkeit ist die Entwicklung der Architektur in so rasendem Fluß begriffen, daß in den Augen der „Jungen“ Schinkel und Mies van der Rohe zu einem zusammenzufließen beginnen. Was in unseren Ministerien als „ganz modern“ gilt, ist in Wahrheit fast schon historisch.

Es muß daher bewußt gemacht werden, daß Architektur heute etwas anderes und weit mehr ist, als man unter der Baukunst, der „Architektura“, vergangener Stilepochen verstanden hat; daß der Komplex „Architektur“ heute einen archimedischen Punkt darstellt, von dem aus unsere reale Umwelt aus den Angeln gehoben und neu geformt werden muß; daß sich in Häusern, Möbeln und Gegenstandsformen wohl Architektur manifestiert, dies aber nur Teilerscheinungen eines größeren Ganzen sind.

Es geht nicht mehr um Hausformen, Fenstergrößen und Fassaden. Vorstellungen vom Menschenbild, gesellschaftstheoretische und volkswirtschaftliche Absichten, Verkehrsfragen, soziologische Vorstellungen, großtechnologische Erwägungen, wie Klima-, Energie- und Wasserhaushalt, Bodenpolitik, Produktionsmethoden, Materialentwicklungen, logistische Aufgaben — Analyse, Fragen der Bevölkerungsstruktur u.a. —, gewinnen entscheidende Bedeutung für den Architekten. Die Architektur aber, einmal entstanden, gibt ihrerseits all dem Genannten einen bestimmenden Rahmen.

„Rationelle Unterbringung“
in ihrer brutalsten Form, aber dafür im Montagebauverfahren hergestellt, 90% unserer ‚„Wohnhausanlagen“ sind wohl weniger hoch, doch des gleichen Geistes Kind. (HONGKONG)

Architektur ist daher ein Politikum in des Wortes eigentlicher und ursprünglicher Bedeutung. Das Risiko, eine aktive Architektur-Politik zu betreiben, muß eingegangen werden.

Um dies genauer verständlich zu machen, seien hier noch einige historische Betrachtungen angeführt:

Nimmt man, etwa aus den Archiven der Stadt Wien, einen Bauplan aus der Zeit des Biedermeier zur Hand — der letzten noch ganzheitlich geschlossenen Kulturphase — so fällt dem Bautechniker sofort auf, daß Koten (Maßketten), hochbautechnische Konstruktionsdetails und andere Ausführungsspezifizierungen fast völlig fehlen. Es sind graphisch meist sehr schöne Blätter, auf denen im wesentlichen grobe Risse und Bilder von dem, was man bauen wollte, zu sehen sind. Auch die Verträge mit den ausführenden Firmen waren sehr einfach und kurz. Unsere komplizierten Ausschreibungstexte, die jeden Nagel einzeln aufführen müssen, gab es damals nicht. Denn der Baumeister wußte von selbst, wie das Haus zu bauen war, welche Konstruktionen sinnvoll, welche Detailformen angemessen, welche Materialien zu verwenden waren. „Von selbst“ standen Hausgröße, Geschoßzahl und Parzellengröße in einem vernünftigen Verhältnis. Man wußte Bescheid, wie und von wem die Räume eines Bauwerkes benützt werden würden. Es gab nur einige Möglichkeiten der Beheizung, der sanitären Ver- und Entsorgung. All das führte zu einer geschlossenen Darbietungs- und Nutzungswelt, die durch das Wort „Baustil“ nur unzulänglich wiedergegeben wird. Darum werden ja durch neue Fenster, Dachdeckungsmaterialien, Heiz- und Sanitäranlagen sowie Änderungen des Grundrisses auf unsere heutigen Bedürfnisse hin, alte Häuser so leicht verdorben.

Noch der große Otto Wagner zeichnete ein Fensterdetail als Bild; es wäre ihm nicht eingefallen, dem Tischler zu sagen, wie er zwei Hölzer „zusammenmachen“ soll.

Heute ist es ganz anders. Unzähligen Materialien und Arbeitsmethoden steht eine völlige Verwirrung der Ausführenden gegenüber, der Architekt muß den größten Teil seiner Zeit im Kampf und Streit um die richtige Durchführung seiner Ideen verbringen. Alles muß bis ins Kleinste planlich erfaßt werden, weil es sonst sicher falsch wird. Das alte Paradies der Meister, „die alle zusammen ein Haus bauen“, kommt nicht wieder.

Warum? Weil die allgemeine Einsicht und Übereinstimmung über die meisten Detailfragen der Ausführungstechnik (und bei „gewöhnlichen“ Bauten auch der Form) unter der Lawine täglich neuer Anforderungen, Ideen, Materialien und Möglichkeiten völlig zusammengebrochen ist. Sie muß durch genaue Planung seitens eines vom Architekten integrierten Spezialistenteams ersetzt werden. Der einzelne Professionist ist von sich aus nicht mehr in der Lage, eine Leistung und ein „Ganzes“ richtig einzugliedern, weil er nicht weiß, was und wie dieses „ganze Bauwerk“ sein soll. Er überblickt kaum die täglichen Nöte und Neuerungen seines Spezialgebietes und ist meist schon zufrieden, wenn er eine Rechnung legen kann, an der die Prüfer kein Haar finden. Mit der alten immanenten Ordnung ist es aus, daher auch mit der unbewußten richtigen Einordnung.

Der Architekt kann heute nur von einem bewußten zeitgeschichtlichen Standpunkt aus agieren, er muß das Risiko des Engagements für eine neue Welt eingehen. Der alten „Architectura“, die man so schön in Gotik, Renaissance, Barock usw. einteilen konnte, wird nicht einfach ein neuer Stil angefügt. Etwas anderes, größeres geschieht:

Die Techne-Welt kommt, in der der Mensch diesen Planeten als Ganzes verändern muß, um weiterleben zu können. In der er sich als Teil dieser technogenen Weltstruktur erlebt und beispielsweise zur Molekularstruktur seines Kunststoffsessels oder zur kybernetischen Analyse seiner Hirnfunktion ebenso wie zur Form des Überschallflugzeuges „Concorde“ wieder ein emotionelles Verhältnis bekommen wird. (Nur so wird er „Richtig“ von „Falsch“ auch bei einen Rauchtischerl unterscheiden lernen.)

Der Anbruch dieser Techne-Welt vollzieht sich in vielen Teilabläufen sehr unterschiedlicher Progression. Beispielsweise:

Die Entwicklung der Existenzvoraussetzungen dieser Welt (Wissenschaft und Technik) wird erst heute spürbar und zum Ergebnis, rollt aber weiter. Die Entwicklung adäquater Gesellschaftsformen beginnt erst in unserer Zeit und hat noch kein Ergebnis. Die politische Entwicklung hinkt weit hintennach, hat vielleicht noch gar nicht begonnen. Die Entwicklung eines Bewußtseins und Denkens, das von unserer Einsicht in die Struktur des Kosmos ausgeht und in die Welt der Techne formend rückgekoppelt ist, hebt erst in einem engen Kreis von Fachwissenschaften an, muß sich erst durch ein Gebirge von erhabener, aber schrottreifer Philosophie durchkämpfen. Wie es weitergeht, bis es wieder einmal zu jener allgemein gültigen, von allen „verdauten“ Gesamtumweltschau kommt, die wir eine „Kultur“ nennen, kann man nur ahnen, aber durch unser Tun mitbestimmen.

Architektur ist daher nicht mehr zuerst die Formung eines Bauwerkes und seiner Teile auf Grund und nach den Wünschen eines bestimmten Auftrages. Architektur ist vorerst richtige Einordnung einer konkreten Aufgabe, ihrer relativen Wertigkeit nach, in die Imagination dieser neuen Welt. Wo dies nicht geschieht, ist das Ergebnis von vornherein „falsch“.

Denn wir Architekten bauen heute, besonders in Österreich,

  • für eine Gesellschaft, die nicht „stimmt“,
  • an Aufgaben, die falsch gestellt sind,
  • am unrichtigen Ort,
  • mit fragwürdigen Mitteln.

Dazu einige Beispiele:

Betrachten wir nur etwa einen jener „Häuserberge“ am Rande unserer Städte: Ob die einzelne „Villa“ nun im Grinzinger oder Tiroler Stil oder von Le Corbusier selbst gebaut ist, ist für die Stadt als Ganzes völlig gleichgültig. Die Addition dieser einzelnen Häuser auf ihren einzelnen, meist viel zu kleinen Parzellen an sich ist eine schlechte, eine unmenschliche Bauform, die einen volkswirtschaftlich untragbaren Erschließungsaufwand erfordert und deren Bodenbedarf unsere Landschaft zerstört.

Ebenso ist es nahezu gleichgültig, von welchem mehr oder minder berühmten Architekten etwa das Wiener Künstlerhaus durch einen Neubau ersetzt wird, wenn nicht vorher die Grundfrage gelöst wird, was, wie und ob überhaupt dort im Rahmen eines sinnvollen städtebaulichen Gesamtkonzepts für den Großraum „Wieden“ gebaut gehört. Mit Recht hat man gesagt, Architektur ist heute immer und überall Städtebau, positiver und negativer. Auch hier ein Beispiel: Am wunderschönen Südwesthang des Steinbruchbergs von St. Margarethen entstanden nach Entwürfen eines bekannten Architekten zwei moderne Einfamilienhäuser. War das gut? Wird nicht infolge dieser Initiative der unaufhaltsame Bau von Straße, Wasserleitung, Kanal, die Gründe dort so aufwerten, daß einer engen Parzellierung und Verhüttung dieses Landschaftsteils kaum mehr ein Riegel vorzuschieben ist?

Das „Bauen einzelner Häuser auf einzelne Parzellen“ ist am Ende. Die Tendenzen zeigen eindeutig zur Makrostruktur, zum Kontinuum hin. Die Erfordernisse und Möglichkeiten des Verkehrs zerstören die alten Städte. Urbanität aber, die komplexe Verflechtung vieler Möglichkeiten und Beziehungen, ist die Basis aller menschlichen Kultur und darf nicht im Autobahndschungel untergehen. Planungen, die hier die richtige Entscheidung fällen (funktionierender, aber dienender Verkehr in mehreren Ebenen) sind wichtiger als die Frage, ob man Aluminium- oder Steinfassaden verwendet. Neue Stadtstrukturen werden erdacht, manche grundfalsch, wie etwa die Satellitengebilde der Fünfzigerjahre. Die Entwicklung geht nun zur konzentrierten „Stadt in mehreren Ebenen“ mit integrierten Funktionen hin. Dies erfordert riesige Öffentliche Erstinvestitionen, die sich aber durchaus „rentieren“ können. Hänge und Halden werden zu Terrassensiedlungen, pyramidenförmige künstliche Wohn-Berge (die Autos usw. innen) tauchen auf; alles Möglichkeiten, die ein völliges Umdenken hinsichtlich der Eigentumsordnung erfordern. Die Städte aber müssen Grenzen erhalten, die Landschaft zwischen den Städten muß als Landschaft gerettet werden. Eine radikale Bodenpolitik wird zur Voraussetzung für positive Architektur urbaner Dimension.

Das heute Mögliche:
Wohnlandschaften, die durch die Integration vielfältiger Funktionen und Bauformen dem Menschen das Gefühl geben, hier „daheim zu sein“. (USA)

Gigantische dreidimensionale Primärstrukturen für Städte mit vielen, individuell ausfüllbaren Nutzungsebenen liegen nicht nur auf den Reißbrettern, sie sind auch schon im Bau, wie etwa Cambernould in Schottland. Individuelles Wohnen am Boden wird gleichzeitig zu Gesamtgestalten höheren Ordnungsgrades vernetzt und in überregionale Planungsstrukturen eingebettet. Von Städten fliegender Häuser, von künstlich klimatisierten Großzonen (bis 49 km2) unter einer Tragluft-Klimahaut träumen junge Architekten mit Recht, denn neue Kunststoffe, neue Konstruktionsmethoden und energetische Voraussetzungen stellen eine wirtschaftlich vertretbare Realisierbarkeit in Aussicht.

Aber unsere Gesellschafts- und Besitzstruktur, unsere Finanzierungsmethoden leisten heute all dem noch erbitterten Widerstand. Dabei ist die Alternative nur die „Unstadt“, das Gestaltlose, das nicht mehr erhält, was war, und wo nicht wird, was schon sein könnte. Das gilt auch für Wien. Wir bauen unbesehen weiter, wie immer schon gebaut wurde, nur mit gänzlich unangemessenen Proportionen und Inhalten. Fondsmittelbestimmungen, papierene Baugesetze, zufällige Besitz- und Machtverhältnisse sind die eigentlichen Architekten. Und niemand regt sich darüber auf, die Öffentlichkeit weiß nicht, daß es auch anders sein könnte. Mit formaler Modernität (besonders oft im Kirchenbau) will man sich loskaufen von dem Unbehagen und dem Unvermögen einer neuen Welt gegenüber. Dann wird meist auch die Form falsch, weil man mangels einer inneren Beziehung nach dem Modischen, Pseudomodernen greift. Natürlich entsteht eine neue Welt nur in kleinen Schritten, aber die müssen getan werden.

Angesichts der Tatsache, daß gebaut wird und alles Gebaute die Entwicklung fixiert, haben wir Architekten uns lautstark zu engagieren. In einer Demokratie lebend, müssen wir unsere Probleme der Öffentlichkeit bewußt machen, damit die Politiker sie nicht mehr ignorieren können und auf uns hören müssen. Wir müssen Architekturpolitik betreiben. Natürlich ist es baukünstlerisch gesehen ein Unsinn, wenn man über die Frage einer Rathausrenovierung eine Volksabstimmung inszeniert, wie jüngst in Graz. Wer keine Maßstäbe hat, kann nicht urteilen. Aber wir dürfen uns nicht damit begnügen, daß irgendeine Gemeinde oder eine Siedlungsgenossenschaft ein Flachdach und größere Fenster „bewilligt“. Wir müssen immer wieder darauf hinweisen, was möglich ist und was nicht geschieht.

Die neuen Städte Englands und Frankreichs etwa sind unseren Wohnbaupolitikern weitgehend unbekannt. Wichtige Entscheidungen werden von anonymen Gemeindebeamten gefällt, und die Öffentlichkeit schluckt dann die vollendeten Tatsachen. Die Ministerialbürokratie fürchtet zwar den Rechnungshof, aber über die fachliche Qualität des Gebauten gibt es wenig Diskussionen.

Ein ungeheures Verhängnis ist bei uns vor allem die Art und Weise, wie der „soziale Wohnhausbau“ gehandhabt wird. Einerseits entstehen auf unzähligen kleinen Parzellen, die zufällig von Genossenschaften und Gemeinde erworben wurden, Häuser, deren eigentliche Gestaltungsidee die maximale Ausschlachtung der Fondsmöglichkeiten ist. Jedes Haus, jede Wohnbauanlage wird für sich allein gesehen. Die Größe und Ausführungsqualität ist schon von den Finanzierungsbestimmungen her miserabel. Zentralheizungen gelten als Errungenschaft! Die Beziehungen der Häuser zum urbanen Verband beschränken sich auf die Einhaltung (und Ausschlachtung) der Bauordnung. Größere Anlagen anderseits umfassen wohl vielleicht einige Läden oder einen Kindergarten, stehen aber ebenso unter dem Druck einer vordergründigen „Sparsamkeit“ und Rationalität. Infolge der schlechten Entfaltungs- und Honorarverhältnisse im Bereich dieses Wohnbaues ist er oft die Domäne nicht gerade der ambitioniertesten Architekten. Die „Raus damit“-Planungen erreichen vielfach nicht einmal das bescheidene Niveau des dennoch Möglichen. Dabei baut Österreich meist sehr teuer im internationalen Vergleich, was auch darauf zurückzuführen ist, daß erst bei gut durchgeplanten Großanlagen (etwa ab 250 Wohnungen in einem Zug) durch entsprechende moderne Bauverfahren eine spürbare Kostensenkung eintritt. Aber die reinen Herstellungskosten einer Wohnanlage zeigen gar nicht an, ob hier Volksvermögen wirklich rationell verwendet wurde. Das bezeugen die trostlosen Gemeinde-„Slums“ gerade in Wien. Diese Häuser waren sicher sehr billig. Doch billige Unmenschlichkeit ist nicht rationell. Die wesentliche internationale Erfahrung auf diesem Gebiet ist ja die, daß nur eine „Wohnwelt“ mit einem gewissen Grad von Vielfalt der Bauformen und Nutzungsfunktionen, versehen mit jenen Diensten und Möglichkeiten, deren das menschliche Leben in all seiner Breite bedarf, auf die Dauer erträglich ist. Nur wenn aus Wohnhäusern, Läden, kleinen Werkstätten, aus Vergnügungs- und Freizeitanlagen und dem Verkehr, wenn aus Schulen, „reiner“ Kleinindustrie, Kulturbauten, Kirchen und Sportplätzen, Spazierwegen und Gärten eine unverwechselbare Einheit entsteht, die Heimat werden kann, ist auf die Dauer ein glückliches Wohnen möglich. Das aber erfordert die größte Planungsqualität, bestimmte Mindestquartiergrößen und vor allem städtebauliche Aktionen. Dies aber setzt eine aktive Bodenpolitik und eine Änderung des Finanzierungsmodus voraus und ist daher eine Aufgabe für die Politiker.

Ein trauriges Beispiel
für den vergeblichen Versuch, eine trostlose Anhäufung von Wohnungen durch ein scheinbar besonders modernes Bauwerk „aufzulockern“. (FRANKREICH)

Nun sollte man glauben, Wien wäre hier eine Ausnahme. In Wien besitzt die Gemeinde genügend Boden, hat genug Geld und einen riesigen Fachbeamtenstab. Wie wenig das Ergebnis diesen günstigen Voraussetzungen entspricht, ist angesichts des Wiener Stadt- und Verkehrsplanungsdebakels, angesichts der trostlosen Gemeindebauten (inklusive der vorfabrizierten Montagebauten) offenkundig.

Woran das liegt, machen kleine Details offenbar: Vor kurzem hat das „rote Wien“ einen seiner stolzesten, alten Gemeindebauten, den Karl-Marx-Hof durch neu aufgesetzte Rauchfanggruppen architektonisch arg geschädigt. Sicher ist diese Veränderung als Folge irgendwelcher Mängel begründbar. Ebenso sicher wären diese Mängel aber anders zu beheben gewesen, wäre Architektur für die maßgeblichen Herren ein wichtiger Maßstab. Und wie hier im Kleinen, geht es in Neu-Kagran im großen, wo die gemeindeeigene Montagebau wütet. Vordergründige „Rationalität“ ohne städtebauliches Konzept, ohne urbane und architektonische Qualität baut hier ein Quartier zugrunde. Welch ungeheure Sorglosigkeit den Möglichkeiten gegenüber! Die Architektur erschöpft sich in albernen Feuermauerdekorationen und einigen Konsum-Supermarkets. Wer aber den inneren Betrieb auf Bauämtern und bei der Baupolizei der Gemeinde Wien kennt, weiß, daß Architektur dort höchstens als Hobby Einzelner vegetiert, wie Briefmarkensammeln, und daß dort der Architekt als technischer Zeichner für die „Bauherrnwünsche“ gilt. Denn ob rot, ob schwarz, die neue Welt, die kommt, und damit auch die neue Architektur, ist in Österreich unerwünscht. Der dritte Aufguß jener Bürgerlichkeit, deren kleinkariertem Denken wir allenthalben begegnen, der seine „minimalen Ziele mühelos erreichen will“, um mit Parkinson zu reden, spürt deutlich, daß ihm wirkliche moderne Architektur die Luft wegnimmt. Während schweizer oder italienische „Kapitalisten“ mit vergnügtem Lächeln in Ganzbetonvillen übersiedeln, ist bei uns in Wien mit guten modernen Sitzmöbeln nur ein Bruchteil des Umsatzes zu machen, der in Zürich als Norm gilt.

Ein weiterer „politischer“ Aspekt: Hätte man etwa das riesige Bauvolumen der NEWAG-NIOGAS-„Südstadt“, das bei Mödling entstand, nach St. Pölten gelegt, so hätte dies wahrscheinlich als Anstoß genügt, um St. Pölten zur Landeshauptstadt für Niederösterreich aufwerten zu können. Solche einschneidende Entscheidungen werden bei uns bisher leider nicht auf Grund eingehender Analysen der Landesplanung gefällt, sondern beim Wein und aus wahltaktischen Gründen. Hier muß der Hebel angesetzt werden. Es gibt bei uns weder die nötigen gesetzlichen Voraussetzungen, noch entsprechend dotierte, arbeitsfähige Institute für eine wirksame Landesplanung. Einzelne, damit befaßte Beamte sind auf ihre Überredungskunst angewiesen, private und halböffentliche Vereine erarbeiten zwar Erstaunliches, aber niemand ist verpflichtet, auf sie zu hören.

Es muß der Öffentlichkeit klargemacht werden, daß Gesetze über Wohnbaufinanzierung zu wenig sind, daß Baulandpolitik, Stadt- und Landesplanung genauso wichtig sind wie Gesetze über Renten- und Sozialversicherung. Daß die reale Gestaltung unseres Lebensraumes ebenso wichtig ist, wie dessen soziale Verwaltung. Daß das Eröffnen einer Wohnhausanlage knapp vor der nächsten Wahl weniger wichtig ist, als die Frage nach ihrer Architektur. Das Beispiel Englands und Frankreichs, aber auch das Skandinaviens zeigt, daß bewußtes Engagement für eine moderne Architektur in der Öffentlichkeit sehr wohl Widerhall findet. Dann wird man die Architektur auch „von kompetenter Stelle“ ernst nehmen. Das aber ist Ziel einer aktiven Architekturpolitik.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1967
, Seite 162
Autor/inn/en:

Herbert Prader: Architekt, studierte an der Wiener Technischen Hochschule und beschäftigt sich hauptsächlich mit der Theorie dreidimensionaler Stadtstrukturen.

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