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Aike Blechschmidt

Friedrichshof grüßt Bauhütte

Dieter Duhm: Aufbruch zur Neuen Kultur. Kösel Verlag, München 1982, 118 Seiten, DM 16,80/öS 127,80

Das Unfaßliche verlangt gebieterisch eine Antwort.

Dieter Duhm (S. 37)

Dient das Pathos der Sprache dieses Buches der Sache? Mich hat es eher verwirrt. Denn den Inhalt teile ich auf weite Strecken. Weniger Weihrauch hätte der Messe eine bessere Predigt gebracht.

Kommunen Praxis & Theorie

Dieter Duhm verarbeitet hier seine Kommune-Erfahrungen und verquickt diese mit viel Wissensstoff.

  • Die Erfahrungen machte er in der von ihm maßgeblich mit aufgebauten Kommune Bauhütte, welche, so der Anspruch, die Friedrichshofer und AAO-Praxis zu veredeln sich anschickt, in emotionaler Kommunikation („SD“, sprich Selbstdarstellung), Sexualität („freie“) und Struktur („Hierarchie“).
  • Darauf wird, lax gesagt, ein „Überbau“ getürmt — interessantes Gemisch aus diversen Wissensdisziplinen der Anthropologie, der Physik und namentlich Reich’scher Theorie und Therapie.

Aus diesen Komplexen hat Dieter Duhm ein interessantes Amalgat gemacht, das sich seiner Autorität gegenüber dem Leser sicher ist. Wissensfroh werden praktische Erfahrungen philosophisch hochtransformiert. Zweifellos spiegelt sich hier ein Grundproblem wider, das „Intelligenz“ im letzten Drittel unseres Jahrhunderts so mit sich bringt. Selbst ein Produkt der isolierenden Arbeitsteilung und der spalterischen Kopf-Bauch-Topographie, sucht sie die Negation all dessen ... als Buch. Das Problem ist zweifellos nicht durch Nicht-Buch, d.h. durch Nur-Praxis-Fetischisiererei lösbar. Duhms Versuch wäre in dieser Frage vielleicht zu einer glaubwürdigen Lösung gekommen, wäre der Bezug zur praktischen Basis stringenter gelungen — sei es auch auf Kosten von Geschlossenheit und Eleganz. Liegt hier die Quelle für das Pathos? Ich glaube, daß das Buch viel gelesen werden wird, fürchte aber, daß es bei der Lektüre bleibt — aus eben dem genannten Grund.

Es handelt sich allerdings nicht um Belletristik, das sieht man schon an jener aus nur billiger Persiflage bestehenden Rezension, die vor kurzem in der TAZ erschien. Die Hilflosigkeit dort spendet Duhm Lob. So ist es denn zu wünschen, daß sich Rot, Grün und Lila an dieser inhaltlich im linken Lager fremden Kost die Zähne abkauen, der übliche sozialistische Jammereinheitsbrei auf den schlimmen Zeiten macht dies dringlich.

Duhmwörter

An undurchschauten und unbewältigten Vorgängen im Bereich von Sexualität und Eifersucht sind schon weit mehr Gruppenprojekte gestorben als an ökonomischen oder politischen Schwierigkeiten.

Humanität ist das Uneingelöste bekannter Vokabeln.

In Wahrheit gibt es überhaupt nur eine wirkliche Emanzipation, nämlich die vom eigenen Wahnsinn, der eigenen Projektion und der eigenen Angst.

Der letzte große Versuch nach dem Christentum, die Welt auf existentieller Basis zu verändern, wurde im Faschismus begangen.

Wer Frieden will, muß aufhören, Aggressionen zu unterdrücken.

Angst

Das zentrale Ausgangsthema. Duhms Thema. Fast ein Markenzeichen:

Das Prinzip Angst ist der lähmende und alles zerstörende Gegensatz zum Prinzip Liebe. Es kann aber nur von diesem überwunden werden.

(S. 28)

Liebe ohne Angst ist auf jeden Fall das Gegenteil von von dem, was in unserem Kulturkreis als Liebe bezeichnet wird. Die Wahrheit dieser Zusammenhänge gehört zu dem Unglaublichen, was unsere Zeit zu bieten hat. Wer sie nicht einmal irgendwo im Ansatz sehen kann, der möge dieses Buch auf der Stelle schließen, denn für ihn kommt ab jetzt nur noch Blödsinn.

(S .44)

Ich habe dennoch weitergelesen. Und hatte nicht den Eindruck, daß nun noch Blödsinn kommt. Dieter Duhm spricht nicht mehr allein von Angst im Kapitalismus (sein erstes Buch), sondern von Angst in der Zivilisation. Damit ist er zweifellos näher bei der Wahrheit. Aber auch weiter bei Sysiphus. Geht man mehr von der Praxis aus, d.h. von den Erfahrungen mit der Angstbewältigung, dann wird die theoretisch allemal vertretbare Polarität Angst-Sexualität (schon vom hormonellen Geschehen her) nicht den Möglichkeiten der Dialektik des Handelns gerecht. Folgt denn nicht Angst daraus, daß der Mensch, aufgrund seiner zerebralen Fähigkeiten der Wirklichkeits(um)deutung grundsätzlich in einem Spannungsverhältnis zur Umwelt, zu sich und den anderen steht? Was ihn selbst als Kern seiner homo-sapiens-Existenz ausmacht? Ein Spannungsverhältnis, das nicht mehr aktiv gestalten zu können das Verbrechen der Zivilisation heute (bei uns: des Kapitalismus) ausmacht? Wird vielleicht doch in der Bauhütte zu wenig Kunst gemacht und zuviel gebrütet?

Intellekt und Rationalität

Welche Bedeutung hat in Duhms Utopie, die er „Neue Kultur“, die Rationalität, der Intellekt, die Wissenschaft? Auf der einen Seite eine ungeheuer große Bedeutung:

Jede transformatorische Kommune, welche den entstehenden Epochenwechsel durch einen entsprechenden Bewußtseinswandel vorbereitet, wird über kurz oder lang für ihre geistige Entwicklung eine Art Forschungszentrum einrichten, wo sie Fragen eines neuen Bewußtseins, einer neuen Erkenntnisweise und einer neuen Kultur systematisch untersucht. Diese Forschungszentren werden Knotenpunkte sein im geistigen Netzwerk der herauskommenden neuen Kultur ... Denn sie schaffen eine neue menschliche und gemeinschaftliche Basis, von der aus die Zukunftsfragen erst richtig gestellt werden können.

(S. 73)

Sicher hat sich Dieter Duhm nicht leichten Herzens für dieses relativ esoterisch-elitäre Konzept entschieden, daß es ausgerechnet die Forschungszentren sind, die seine neue Kultur schaffen. Neue politische Bewegungen wie die Grünen zeigen in der Tat, wie schwer es wiegt, wenn man das Problem der Spezialisierung und der Wissenschaftskompetenz in den Wind schlägt und fröhlich auf die Vertretung im Parlament losstürmt.

Dennoch, sich von Wissensalchimisten — der letzte Wissenschaftler mit Überblick starb vor über 200 Jahren — die Lebensbasis basieren zu lassen, das heißt das Kind mit dem Bade ausschütten: Muß man wirklich die Vorstellung zu Grabe tragen, daß ein Dorf oder Stadtteil sich seine Infrastruktur schafft, ökonomisch, kulturell, pädagogisch, medizinisch? Daß man aus der Praxis soviel Kompetenz gewinnt, um Spezialisten funktional einzusetzen? Daß wir gerade aus dem alltäglichen Zusammenleben mit den Spezialisten merken, wo sie Wissen zur Herrschaft mißbrauchen? Für die extrem gegenteilige Duhmsche Position fehlt — zumindest im Buch — der zwingende Beweis. Hat Dieter seine Seele dem dogmatischen Rationalismus („ich glaube, was ich denke“ Swedenborg etc.) verschrieben?

Hier wird nicht blinder Egalität das Wort geredet. Ich behaupte jedoch, daß Kommunen die Strukturen der bürgerlichen Gesellschaft nicht reproduzieren dürfen, schon gar nicht die Trennung der Hand vom Kopf, der Institution Wissenschaft von den übrigen Kommunarden. Dies ist gemeint im Sinne von C. F. Weizsäckers Satz „Kapitalismus, Staatssozialismus und klassische Physik sind alle drei derselbe Irrtum“. Eine Aussage, deren Brisanz schön deutlich wird, wenn man sie, was Weizsäcker nicht tut, auch auf die Person des Wissenschaftlers bezieht. Dessen suggestives Ansehen ist schließlich Teil der bürgerlichen Herrschaft. Nun wissen unsere Wissenschaftler im Grund auch nicht viel mehr als ein guter Schamane der sogenannten primitiven Völker, sie unterscheiden sich aber in diesem: heutige Wissenschaftler haben den Schamanenhokuspokus nicht so nötig, denn die bürgerliche Gesellschaft mit ihren verinnerlichten Autoritäten ist selbst das Trance-Theater geworden.

Die Kommune als Alternative zur bürgerlichen Gesellschaft muß auch die Position des Wissens und des Wissenschaftlers neu definieren. — Horst v. Gisycki spricht in diesem Zusammenhang von einer „schöpferischen Primitivierung“. Gemeint ist damit, daß die neuen Strukturen den Kommunarden transparent sein müssen. Kommune im kommunikativen Sinn heißt doch u.a., daß die festgeschriebenen Rollen der bürgerlichen Gesellschaft aufgelöst werden: was vorher passiv vollzogen wurde, wird nun gewußt und aktiv verändert. Wissen hat damit ab ovo einen anderen gesellschaftlichen Stellenwert. Wenn alle in den Beziehungen forschen, kann der Psychologe, Pädagoge oder Soziologe keinen Wissenschaftsstatus mehr beanspruchen; alles andere — Physik, Chemie etc. — gehört sowieso zum Spezialistentum.

Ekstase, Wahn & Mystik

Für das esoterische Wissen, auf das und mit dem Duhm gern abhebt, gilt der Satz von der schöpferischen Primitivierung von Gisycki noch mehr. Denn alle Ekstase, aller Wahnsinn, alle Mystik muß in der Kommune sozial verkraftet werden. Denn sie bedient sich nicht der bürgerlichen Ausgrenzungsmöglichkeiten wie Gefängnis und Psychiatrie, und sie will schon gar nicht militärisch-polizeiliche Gewalt, die früher der kollektiven Ausbreitung kreativer Verrückungen — siehe die Sekten bis zum 18. Jahrhundert — einen brutalen Riegel vorgeschoben hat. Eine Kommune, die sich ihrem Namen stellt, hat nüchtern und rational zu sein, auch die Ekstase muß transparent werden. Die Position aber, die Duhm der Wissenschaft zuschreibt, steht dem mehr im Wege, als daß sie es zu fördern vermöchte.

Wie schwer sich Dieter Duhm mit der wissenschaftlichen Hypothek tut, zeigt sein Bekenntnis zum Agnostizismus, das unvermittelt neben dem zur Esoterik steht:

Die Phänomene der Paradoxie und der Systemoffenheit — und unser geringer Wissensstand in der Lebenserforschung: diese drei Dinge zusammen nötigen uns zu einer intellektuellen Haltung, welche den Zweifel grundsätzlich bejaht ...

(S. 59)

War Agnostizismus nicht schon immer die Frucht quasi-bürgerlicher Vereinzelung und erwies sich nicht seine soziale Impotenz in dem Moment, wo sich hervorragende Wissenschaftler in sozialen Komplexen durchsetzen mußten? Da kann Einstein lange die Zunge herausstrecken — die Bombe wird gebaut! Diese Tragik des Einzelnen im sozialen Zusammenhang muß doch einmal einfließen in ein neues Realitätskonzept, welches nur ein kommunehaftes, der Gemeinschaft wieder stärker verpflichtetes sein kann. [*]

Zugegeben, das sind quälende Fragen — weil sie noch nicht gelöst sind; die aber durch Pathos eher verschleiert werden. Die noble Geste kann hier die angebrachte intellektuelle Radikalität nicht ersetzen!

Sexualität

Sie steht antipodisch zur Angst, schon deshalb zählt Dieter Duhm sie zum zweiten großen Faktor, den zu klären er sich bemüht. Wie kaum sonst verweigert Duhm hier gängige Masche. Die mutigen Anleihen, die Dieter Duhm hier offensichtlich bei Otto Mühl macht, sind freilich in der BRD nur wenigen evident. Da es sonst an Hinweisen auf den Friedrichshof nicht fehlt, wundert hier die Sendepause.

Schlußlob

Heftiger Applaus, daß sich ein theoretischer Kopf wie Dieter Duhm der Praxis stellt, daß er sich nicht aufs „Vernetzen“ und Kongressieren verläßt, und daß er, nicht zuletzt, daraus den Stoff seiner Träume webt.

Wenn, trotz personeller Fluktuation, ein arbeitender Stamm von rund einem Dutzend sich hält und konsolidiert; wenn, wie in Jagsthausen bei Heilbronn, dem Standort der Bauhütte, die Liegenschaften renoviert und ausgebaut werden; wenn Zeit und Stimmung für’s Malen und Tanzen bleiben; wenn sie neue Technologien (des Wasser-Recycling) entwickeln; wenn die intellektuelle Arbeit sich in gut besuchten Seminaren niederschlägt; wenn das brisante, zahllose Male gruppensprengende Thema der freien Sexualität nicht nur anfänglich angeschlagen, sondern zum Dauerbrenner wird; wenn sich Männer und Frauen auch ihrem Beziehungsmist stellen — sozusagen Recycling totale; wenn sie den emotionalen Tiefgang in der Selbstdarstellung vor der Gruppe wagen — dann ist schon aus diesem Grund das Buch Aufbruch zur neuen Kultur kein leeres Geschwätz, wie der Titel in erster Assoziation, weiß Gott, vermuten läßt.

[*P.S. Dieser Schluß steht tatsächlich so im Manuskript, statt des umgekehrten, der sich beim Redigieren aufdrängt: ... die Gesellschaft ... verpflichtendes ... Dies würde allerdings Aikes kommunardische Zwangsidee zur individuellen Potenzphantasie verkehren. Vielleicht ist Einsteins Zunge doch, an beiden Harmonisierungsversionen gemessen, das weisere Realitätskonzept.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1982
, Seite 56
Autor/inn/en:

Aike Blechschmidt: Geboren 1942 in Poznan, diplomierter Volkswirt der Universität Mannheim, Doktorand in Frankfurt, beschäftigt sich vornehmlich mit der Veränderung der Akkumulationsbedingungen und deren Auswirkung auf die Gewerkschaftsarbeit. Verschiedene Zeitschriftenartikel und zwei Bücher: „Löhne, Preise und Gewinne (1967-1973). Materialien zur ‚Lohn/Preis-Spirale‘ und Inflation“; und (zusammen mit Gerhard Hoffmann und Reinhard von der Marwitz): „Die inflationäre Struktur des Kapitalismus. Das Zusammenwirken von Konzentration, Weltmarktentwicklung und Staatsintervention, am Beispiel der BRD“ — beide erschienen im Kübler Verlag, Lampertheim 1974. — Besonders das erste ist ein ideales Handbuch für Schulung und Selbststudium.

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