FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1983 » No. 356/357
Jürgen Langenbach

Fortschrittsfreudenhäusl

Wissenschaftsmesse Ö3 oder/und Die Weihe der Kunst zur Dritten Kraft

Eine Begriffserklärung vorweg (s. Kasten hybrid).

Nun aber hinein. Noch nicht in den Messepalast zu Wien, in dem eine „weltweit einzigartige Messe“ ihre „Superlative“ aufgetürmt hatte. Sondern zuerst einmal in die Zusammenhänge, in die Zyklen des Marktes. Der allfrühjährliche Frischfleischhandel hat eben den Höhepunkt seiner Saison überschritten, der Opernball ist vorbei; was immer dort eingekauft worden sein mag, Schleier drüber, der Ernst des Tages ruft zum anderen Geschäft. Die Regeln sind hier wie dort freilich dieselben, unter dem wachsamen Augen besorgter Kuppelmütter soll zum Kuß gebracht werden, was sich noch ziert; auch der Vermittler ist derselbe, er heißt auf beiden Märkten Geld. Nur die Ware ist eine andere, statt Fleisch wird diesmal Geist feilgeboten. Der Geist der Wissenschaft.

WiwiKultur

Und nicht nur er. „Hier trifft sich Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur,“ kann der zum Palast Strömende den diversen Ankündigungen des freudigen Ereignisses entnehmen, und während er noch grübelt, was die drei denn miteinander hätten, erhält er erste Fingerzeige. Wie dies bei kulturellen Veranstaltungen so üblich ist, muß er sich erst eine Eintrittskarte erstehen, welche dann von einem Billeteur in Empfang genommen wird, der ganz ähnlich kostümiert ist wie seine Kollegen vom Burgtheater. Und nicht nur die Kultur im allgemeinen, auch die Bildende Kunst im besonderen geleitet den Gast. Ein bedauerlicherweise anonym bleibender Grafiker hat sich ein Emblem einfallen lassen, das den umfangreichen Gehalt der Monstershow mit wünschenswerter Deutlichkeit in ein Bild setzt: Ein zum Flachkopf geschrumpfter menschlicher Kopf wird ausgerechnet auf der Höhe, auf der gewöhnlich das Gehirn ansetzt, von einem klaffenden Riß gespalten; als ob sich das Denkvermögen just vom Menschen abheben und in höhere Gefilde auffahren wollte.

Der Wahrheit solcher Drohung steht der Messebesucher dann bald gegenüber, hat doch die Wissenschaft ihre geballte Intelligenz aufgehäuft; zuvörderst in jenem Zweig, der gegenwärtig den Reigen des Fortschritts anführt, in der Mikroelektronik und in ihren Wundern. Neben den schon vertrauten Bureaucomputern und Sichtschirmarbeitsplätzen steht da etwa der „neue hochintelligente Mehrfarben-Plotter mit Mikroelektronik“, der zeichnen kann, wie keine menschliche Hand es könnte — „Die Kreise werden immer rund!“ —, und neben ihm der „Intelligenzfortschritt der Telefonie“. Und weil schließlich der überflüssige Menschenkopf doch noch irgendwie beschäftigt werden will, schicken ihm die intelligenten Arbeitsmaschinen ihre Geschwister zur Unterhaltung, den „Video-Spiel-Computer ‚mit Intelligenz‘ — für Heim und Hobby, Unterricht und Ausbildung“. Für alles mithin. Von der Wiege bis zur Bahre.

Kombi-Schnuller

„Die Begegnung. Mit der Objektivität“, kündigt eine Datenbank an und zeigt zur Illustration ein Baby mit Schnuller im Mund, welcher Schnuller eben die Objektivität ist, der das Baby begegnen darf, weil die Datenbank längst besser über seine Bedürfnisse Bescheid weiß als es selbst, weshalb zuguterletzt dem Babyschnullerfabrikanten anempfohlen wird, er möge die Dienste der Datei in Anspruch nehmen, wenn er nicht Konkursgefahr laufen wolle. Ist das Kind trotzdem herangewachsen, wird ihm mit anderen Mitteln das Maul gestopft, „beim ‚Strebern‘ hilft der Heimcomputer“. Und nach der Schule kommt der Beruf. Aber da wird’s heikel, die Industrieroboter können ein Automobil schon ganz alleine zusammenbauen; und wer von der einen Arbeitslosigkeit in ein Bureau geflüchtet ist, dem setzt die intelligente Technik nach: „Die Arbeitsplatzcomputer von Digital Equipment bringen neue Qualitäten an den Arbeitsplatz“. Ungewohnt offenherzig plaudert ein Konkurrent aus, welche alte Qualität dafür weichen muß: „Guten Morgen“, begrüßt die Maschine den Angestellten bei seinem letzten Bureaubesuch ganz familiär, „ich bin der neue Kleine aus der großen Familie der IBM. Ich schenke Ihnen Zeit und nehme Ihnen dafür Ihre Arbeit weg.“ Das sind freilich amerikanische Methoden, die europäischen Auslober desselben haben ihre Kultur und nehmen deshalb Arbeit niemals weg, immer nur ab. Die semantische Differenz hilft dem mit dem kostbarsten Gut Beschenkten allerdings auch nicht darüber hinweg, daß er sich für die frei Zeit weder etwas kaufen kann noch im Reich der Zwangstfreiheit etwas mit sich anzufangen weiß. Wer noch Geld hat, der kann den Rest seines Lebens vor dem Spielzeug verbringen, das mit ihm spielt: „Der VC 20 Volks-Computer ist da!“ Endlich. Und das „Universalgenie“ kann alles, sogar musizieren, war doch sein Vorgänger schon „eine bisher einmalige Kombination von Microcomputer, Videospiel und Musiksynthesizer“. Greifen Sie zu, meine Herrschaften, er wird Sie zu seinen Dienerschaften herabwürdigen, „bald werden auch Sie erfahren — einmal angefangen, kommt man von der ‚Computerei‘ nicht mehr los“. Der Hybride ist geboren. Waren vormals Mensch und Maschine wenigstens in der Freizeit getrennt, so darf der erstere nun rund um die Uhr als Reflex in der letzteren zappeln.

Piepshow & Liebe

Wer jedoch das Geld nicht mehr hat, mithilfe dessen er sich selbst an die Maschine verkaufen kann, der mag seine weitere Existenz der Beantwortung einer kniffligen Frage widmen: „Lieben Sie Vollautomation?“

Auch eher abschlägige Bescheide werden allerdings die aufdringliche Brautwerberin in eigener Sache nicht allzusehr betrüben. Die „störsichere und zerstörfeste Logik“ der Technik baut sich die Welt ohnehin zurecht, nach ihren eigenen Bedürfnissen und zu ihrem eigenen Ebenbilde; mit Liebe hat die Schönheit der neuen Welt wenig zu tun, eher schon mit maschineller Daueronanie. Der Mensch darf beim Wachstum seiner Apparate eben noch Öl ins Getriebe gießen und im übrigen seinen allfälligen Masochistenvoyeurismus befriedigen: „Piep-Schau“, preist ein launiger Werbetexter den Vorzug seines Produkts an, „es hat einen eingebauten Signalton (Beeper). Dieser gibt an, ob ein Widerstand unter bzw. eine Spannung über einem einstellbaren Schwellwert liegt.

Leselust

Honi soit qui mal y pense. Nein, das lustige Apparätchen zeigt weder den mangelnden menschlichen Widerstand noch auch das Anschwellen der Technik über alles in der Welt hinaus an. Gehört es doch selbst zu jenem Wachstum der Maschinen, das alle Schwellen über den Haufen rennt. Was zu den glücklichen Zeiten eines Marx nur das Geld wollte — die unendliche Mehrung seiner selbst —, das will das Geld heute zwar nach wie vor. Aber ganz unabhängig davon wollen die Maschinen in ihrem Reich inzwischen exakt dasselbe, immer mehr Material muß immer schneller in den Präzisionsveitstanz der vormaligen Arbeitsinstrumente hineingewirbelt werden: „Während Sie diese zwei Zeilen lesen, hat dieser Drucker bereits 1600 Buchstaben geschrieben.“ Wer die nun wieder lesen soll, und dann die, die er während der Lesezeit geschrieben hat und ad infinitum weiterschreibt? Wer anders als das interaktive Büro. Gemeint sind nicht etwa die beim Kaffee plauschenden Sekretärinnen, interagiert wird vielmehr zwischen Maschine und Mensch, und, weil die schwächere Hälfte der Hybriden die Temposteigerungen nicht mehr lange wird aushalten können, bald nur noch zwischen den übermenschlichen Partnern. Schließlich steht nicht umsonst eine „Psychologie hinter der Software“ und kümmert sich um die Gesundheit der Maschinenseele, um das Gelingen der „Zusammenarbeit zwischen Arbeitsplatzcomputern und anderen, größeren Rechnern“. Das „Einzelplatzsystem“ läßt sich ohne großen Aufwand „zur Mehrplatzanlage und sogar zum lokalen System-Verbund“ erweitern; das Lokal wiederum kennt keine Grenzen, die Gesellschaft der Maschinen läßt sich global vernetzen, „rund um den Erdball wird viel von uns geregelt“.

Im Würgegriff

Die eine „neue Dimension“ sprengt alle alten. Der Raum ist schon bezwungen, vorwärts also in die neue Zeit: Liefert die eine Firma das Produkt „von morgen ... schon heute“, so denkt sich der andere brain-trust noch Grandioseres aus und setzt seinen Stolz in die „Entwicklung von neuen Produkten, die völlig neue Anwendungsmöglichkeiten und Problemlösungen schaffen“; die Probleme selbst und die Not, die da gerlöst und gewendet werden sollen, werden sich dann schon einstellen. Darüber nachzudenken bleibt dem verzweifelt hinter seinen Produkten Hinterherhastenden ohnehin keine Zeit. Und wenn auch zu seiner Unterstützung das Magazin „VIDI“ herbeieilt, das die „Zukunft im Griff“ zu haben vorgibt und seinem Konsumenten verspricht, auch er werde nach der Lektüre die „Welt von morgen schon heute überblicken“ Andere wecken den Zweifel, ob überhaupt noch irgendwer irgendetwas überblickt, geschweige denn im Griff hat. Der Fortschritt überholt sich selbst offenbar mit solcher Rasanz, daß nicht einmal mehr die druckfeuchte Werbebroschüre eines Computerherstellers die Garantie dafür übernehmen will, daß nicht „seit der Drucklegung einige Informationen bereits überholt“ sind. So schnell geht’s.

Da wollen die anderen Fakultäten auch nicht zurückstehen, jene, die im Gegenzug zur Abschaffung von Raum und Zeit die Lücken füllen und das Neue schaffen, die Herren der zweiten Schöpfung. Die Menschenkonstrukteure, die ihr Material auf genetischem Wege („Cloning“) in die Apparatewelt einpassen wollen, halten sich zwar diskret im Hintergrund; wenigstens habe ich sie auf der Wiener Messe nicht entdeckt. Um so protzender machen sich dafür die Erbauer der neuen Materie breit; CERN, das Europäische Kernforschungszentrum, beehrt sich anzuzeigen, es sei dem Erfindergeist wieder einmal gelungen, „ein neues Elementarteilchen ... (zu) erzeugen, das es bisher gar nicht gab“. Der Besucher erinnert sich einen Augenblick an die Segnungen der Kernphysik, die die stümperhafte Natur schon in manchem nachgebessert hat — und begibt sich mit leicht wackeligen, aber umso eiligeren Füßen zu einem anderen Messewerber, an dessen Stand „Power-Alkohol“ ausgeschenkt wird. Zwar nur auf dem Papier und in dem Laien nicht recht verständlichen Erklärungen, aber irgendwie muß man den ganzen Spuk für eine Weile aus dem Hirn vertreiben.

Dann mit frischem Mut zur nächsten Abteilung. Die Andeutungen zu Fragen der Hybris mögen genügen. Das Thema Hybride hingegen ist mit der bislang vorgestellten Variante, der Verzwitterung von Technik und Mensch, noch nicht erschöpft.

Anal-Digit
Die Schätze der Natur

„Interface“, die Zeitschrift der „Hybridrechenanlage“ der Technischen Universität Wien, schlagzeilt jubilierend: „Das Autopatch-Zeitalter hat begonnen!“ Und erläutert, am Institut sei ein „neues Zeitalter der hybriden Rechentechnik“ angebrochen, die „Zeiten des händischen Steckens sind endgültig vorbei“ und die „Totzeiten“ zum Leben erweckt. In aller Oberflächlichkeit habe ich so viel verstanden: ein hybrider Rechner ist eine Kreuzung aus Analogrechner und Digitalrechner, bei dessen Bedienung lästige Handarbeit entfällt und dessen Kapazitäten obendrein zeitweilig brach liegen und dann tot bleiben müssen, weil das Menschenhirn nicht so geschwind denken kann wie das der Maschine. Der zuständige Professor erklärt und vertröstet zugleich, der Zeitverlust entstehe zu erklecklichen Teilen „durch wiederholte Überlegungsphasen des Benutzers (was übrigens keinerlei Kritik darstellt ...)“ und der am Institut erzielte Durchbruch ermögliche nun, daß mehrere Benutzer ihre Kalküle gleichzeitig aus derselben Maschinenbrust saugen können und überdies nicht mehr so viel an ihr herumfingern müssen. So viel zum Prinzip, ein Rechenexempel führt die praktische Nutzanwendung vor: Die Hybridwissenschaft erforscht die „Wechselwirkung zwischen zwei Populationen, die um eine gemeinsame Nahrungsquelle konkurrieren“ und gelangt zu Resultaten, die auch die Laienwelt aufhorchen lassen: „Bei der Untersuchung des Wachstums zweier Populationen kann man feststellen, daß die Konkurrenz um eine gemeinsame Nahrungsquelle dazu führt, daß nur eine der beiden überleben kann“. So führt die Avantgarde des Fortschritts in die bislang verborgenen und verschlossenen Schatzkammern der Natur; der Wanderfreund begreift endlich, warum er seit Jahren keine Maikäfer mehr gesehen hat, offenkundig ist dieser im Konkurrenzkampf mit anderen Populationen um dieselbe Schädlingsbekämpfungsmittel-Nahrungsquelle unterlegen; und die Baumkronen lichten sich derzeit wahrscheinlich deshalb, weil die Population der Schornsteine und Auspuffe den Kampf um die Nahrungsquelle Luft für sich entschieden hat. Wie das die ehernen Gesetze der Natur halt so bewirken.

Schätzung

Ein kleiner Vorschlag: Das Institut könnte seine gesammelte hybride Intelligenz doch einmal der Frage zuwenden, welche Wechselwirkung zwischen verschiedenen Computerherstellern und Universitätsinstituten herrscht, die allesamt um die eine Nahrungsquelle Geld konkurrieren. Oder der gegenwärtig noch ein wenig drängenderen nach dem Ausgang der Konkurrenz zwischen Technik und Mensch um ein und dieselbe Erde.

Zu fürchten steht allerdings, daß die Anregungen auf tauben Boden fallen. Denn die hybride Bildung des Rechners bleibt nicht auf sein technisches Innenleben beschränkt, in ihr haben sich auch andere Kräfte zur Unentscheidbarkeit gekreuzt. „Wissenschaft + Wirtschaft = Innovation“, heißt die Rechnung hinter der Rechnung, und daß Innovation sein muß, wird keiner bezweifeln, der sine ira die publizistische Begleitmusik der diversen amtlichen und halbamtlichen Messebroschüren studiert hat.

Mit gehobenen Tönen tut sich das »ibf spektrum« hervor, das »Österr. Magazin für Bildung, Kultur und Wissenschaft«, laut Eigenwerbung das „Magazin für kritische Denker“. Nachdem dieser Anspruch deirch die Beilage selbstverfertigter public relations (»Siemens information«) erst einmal erhärtet ist, kommt eine interessante Meinungsumfrage zu Papier, derzufolge „55 Prozent der Führungskräfte, 60 Prozent der Ärzte, 58 Prozent der Absolventen naturwissenschaftlicher Studien, ja sogar 43 (!) Prozent der Diplomingenieure die Meinung vertreten, daß die Gesellschaft die technische Entwicklung nicht mehr unter Kontrolle habe“. Während der Leser sich noch über die Ausrufszeichenverwunderung des Redakteurs wundert — wer soll über die Technik denn noch besser Bescheid wissen als die Techniker? —, hat dieser schon zu seinem Verständnis kritischen Denkens zurückgefunden und zitiert zum versöhnlichen Ende der Diskussion den Leiter des „Instituts »Technik und Gesellschaft«, das ... von der Industriellenvereinigung finanziert wird“: „Man muß auf die Selbstregenerationskraft der Technik vertrauen.“

Und, weil in laizistischen Staaten der Herrgott als zweite Vertrauensstütze nicht mehr zur Verfügung steht, auf das Ministerium für Wissenschaft und Forschung. Dies enttäuscht denn auch nicht und wirft aus vollen Händen dem Kolumbus, der nichts mehr entdeckt, die Eier hinterher. Das Gewerbe der Zuhälterei hat immer schon einen eigenen Humor besessen, deshalb hat auch diesmal ein findiger Kopf den Slogan der ganzen Aktion einprägsam zusammengedichtet: Rent a dozent. Der „Modellversuch“ »Wissenschafter für die Wirtschaft« verleiht Menschen wie andere Verleiher Automobile. Nur billiger. Für einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren werden zum allseitigen Vorteil Universitätsassistenten auf eigenen Wunsch an Wirtschaftsbetriebe ausgeborgt, und der Staat schießt ordentlich zu.

Akkumulanz

„Wissenschaftstransfer“ nennt sich das und es „soll sowohl der Wirtschaft als auch der Wissenschaft zugute kommen“. Als erste haben anscheinend die Germanisten profitiert, sie müssen alle schon verliehen sein; die Werbefluten der Industrie formulieren immer kräftiger, während das Informationsblatt des Ministeriums den „Wissenschaftern“ ihr / ein ums andere Mal verweigert. Aber das liegt an der ganz besonderen Allgemeinheit des erhofften Nutzens. Die Aktion hat „einerseits eine erhöhte Investitionsbasis ... der Wirtschaft zur Folge und fördert zum anderen die verstärkte Einbringung wirtschaftlicher Fragestellungen in Forschung und Lehre an der Universität“. Also, damit’s deutlicher wird: Auf der einen Seite profitiert die Wirtschaft, die sich die von der Allgemeinheit finanzierte Universitätsforschung mit Staatsrabatt ins Haus kaufen kann. Und auf der anderen Seite profitiert noch einmal die Wirtschaft, die die Lösung nicht allzu profitträchtiger Fragen an die Universität delegieren kann. So trifft sich in hybrider Mischung die Akkumulation des Wissens mit der des Geldes.

Kreativer Nachschub

Das abschreckende Beispiel des Adels lehrt jedoch, daß Inzucht auf Dauer der Potenz zum Schaden gereicht, der Hybrid WiWi (Wirtschaft/Wissenschaft) ist anscheinend ein wenig lendenlahm geworden. Jungfräuliches Fleisch soll ihm wieder auf die Kreativität helfen: „Erstmals beteiligen sich auch die Kunsthochschulen“. The artists to the front! Im Lotterbett der Kunst liegen noch Kreativitätspotentiale brach, die als Dritte Kraft, als Entsatzheer, ins Gefecht um die internationale Konkurrenzfähigkeit geworfen werden sollen. Daß der Vorteil wiederum für alle Beteiligten auf der Börse liegt, erklärt diesmal das Organ der »Bundeskonferenz des wissenschaftlichen und künstlerischen Personals«: „Wissenschaft und Wirtschaft brauchen ... neben intellektuellem und technischem know how auch Kreativität, Inspiration und Ideen. Diesem [sic!] Umfeld soll durch die Präsentation von Kunstschaffen aus Österreichs Hochschulen hergestellt werden.“ "Künstler aller Stilrichtungen, choreographiert den Fortschrittstanz ... kommet zu hauf, Psalter und Harfe wacht auf, lasset den Lobgesang schallen!

Die Umworbenen aber stellen sich halb taub, wenig Echo hat die freundliche Ladung gefunden. Eine wahrhaft tapfere Dame hat sich inmitten der furchterregenden Medizinapparate-Abteilung eingenistet und will dort wenigstens den Kindern, die der Körperregulierungstechnik in die Krallen fallen, mit einer „Bibliothek im Kinderkrankenhaus“ beistehen. Eher verwegen hingegen hat das Institut für Publizistik Revolutionäres aus dem 48er Jahr und von Heartfield inklusive eigener Nachfolgebemühungen aufgehängt; verwegen deshalb, weil anscheinend nicht viele Gedanken darauf verschwendet wurden, daß der Messezufall die Macht des Worts direkt neben den Giganten CERN plaziert hat; der Besucher, der nach der Einschätzung des Mißverhältnisses fragt, erntet als Antwort Blicke, die ihn seinerseits daraufhin abtasten, ob er wohl ganz richtig im Kopfe sei. Dann gibt’s noch mehr oder weniger ironische Kreative. Eine Meisterklasse der Hochschule für Angewandte Kunst setzt dem Fortschritt als ihre Antwort eine Kollektion von Handwebstühlen entgegen; das Institut für Musiksoziologie und musikpädagogische Forschung bietet Musikanalysen und hat vielleicht mit Hintersinn inmitten der gespenstischen Geschäftigkeit einen Werbeprospekt ausgelegt, es empfiehlt sich Alfred Uhls Heitere Kantate „Wer einsam ist, der hat es gut“. Viel mehr ist seitens der Kultur nicht zu melden, erschienen sind neben den genannten zwar noch etliche andere Insitutionen, aber sie muß ich um Nachsicht dafür bitten, daß ich sie nicht aufführe, sie haben sich zur Messe (mir) nicht ersichtlich vermitteln können.

& putzig positivistisch

Hätten sie sich ein Beispiel an jenem Einzelkämpfer genommen, der endlich vor den Werbekarren der Großen Industrie gespannt werden will und deshalb die Technik so putzig auf die Leinwand pinselt, daß sie aussieht wie ein Garten! Darstellungsweise, Weltsicht und semantische Kraft sind an ihm gleichermaßen zu rühmen, er sieht alles ganz positiv und nennt deshalb seine originelle Kunstrichtung ebenso originell Positivismus. Aber er bleibt allein, der Rest der Kulturschaffenden hat offenkundig die profitakkumulierenden Pflichten der Kultur allen Bemühungen zum Trotz immer noch nicht auf sich genommen: Wo bleiben die Sänger, die ihre Stimme den „Beepern“ leihen, damit diese nicht auf Dauer so eintönig vor sich hinpfeifen müssen? Wo bleibt die überfällige Komposition einer Kleinen Bureaumusik für 24 Sichtbildschirme und einen Zentralcomputer? Wo bleiben die Museen, die auf Wanderausstellungen der staunenden Jugend den letzten noch in der Produktion beschäftigten Menschen vor Augen führen? Und nicht nur der Kunst öffnet sich ein weites Feld, auch die geisteswissenschaftlichen Fakultäten könnten ihr Scherflein beitragen: Man denke etwa an die Theologen. Die Hybridrechner warten immer noch auf ihre Segnung. Und so weiter, ein guter Wille ist alles, was fehlt.

Der Zuschauer des ganzen Spektakels fühlt sich in eine unliebe Rolle gedrängt, in die eines paradoxen Zuhälters. Er zahlt einmal mit seinen Steuern dafür, daß die ganze Veranstaltung stattfinden kann, mithin dafür, daß der erschaffene Hybrid WiWi durch den munteren Betthasen Kunst zum WiWiKu aufpotenziert werden soll — „Zusammenfassende Perspektive“ der Messe ist es, „einen fruchtbaren Dialog ... zu stimulieren“. Er zahlt zum zweiten seinen Eintrittspreis in das Freudenhaus und darf dafür den Fruchtbarkeitsmühen zuschauen und es durch den Zuruf „Mehret Euch!“ anfeuernd unterstützen.

Zum dritten muß er sich mit seinem schlechten Gewissen abquälen. Auch er ist aufgerufen, dem lahmenden Fortschritt unter die müden Arme zu greifen, aber seine Hilfestellung mag der Fortschritt gar nicht. Nochmals die Verlautbarungen der Bundeskonferenz: „... können durch eine stärkere Beteiligung interessierter Bevölkerungskreise Forschungsinhalte beeinflußt werden. Dies wiederum führt zu einem verstärkten Vertrauen der Bevölkerung in Forscher und Forschungsinhalte. In Zeiten steigender Wissenschaftsfeindlichkeit ein Auftrag an alle Beteiligten.“ Kräftiges Kopfnicken fordert das Monster WiWiKu als Reverenz, die seiner würdig ist; wer sich dazu nicht durchringen kann, dem zeigt es seine Macht. Die in Aussicht gestellte Einflußnahme seitens interessierter Bevölkerungskreise kreist per definitionem erst einmal alle jene aus, die zur Bevölkerung nicht dazugehören; umgekehrt aber ist es für das Wunschvolk, das die Ballade vom Vertrauen schon angestimmt hat, völlig überflüssig, gar absurd, über solchen moralischen Beistand hinaus auf die Inhalte zu achten; sind sie es doch, die vom Vertrauen gedeckt werden.

Weshalb also überhaupt noch irgendwer — außer jenen, die sich reihum ver/einkaufen, „Hochschulen und Firmen sind sowohl Hersteller wie auch ‚Kunden‘“ — die Messe besuchen soll, bleibt im Dunkeln. [Vielleicht ist erhellend, »Messe« sakral zu denken. Gläubige besuchen sonntags die M., vielleicht so — G.O.] Und mehr noch, die Messe selbst steht in Gefahr, ihr eigenes Überflüssigwerden auszustellen; wird doch schwergewichtig gerade jene Mikroelektronik ausgelobt, die weltweit jede Information viel schneller an den potentiellen Kunden bringen kann als zeitaufwendige Reisen von der einen Messe zur nächsten.

Aber keine Angst. Im Herbst kommt ie 83 nach Wien, die preist die Kultur, die sie meint, gleich dreisprachig an: „Wien kann mit all den Einrichtungen aufwarten, die für die Kontaktpflege einfach wichtig sind“ — „Du restaurant élégant aux ‚Heurigen‘, du Burgtheater à la boîte de nuit“ — „This means that all around the fair you will find the right atmosphere for yourself and your customers“.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1983
, Seite 23
Autor/inn/en:

Jürgen Langenbach:

Geboren 1950 in Lahr (Deutschland). Studierte Philosophie und Sozialwissenschaften in Freiburg im Breisgau und schloss 1980 seine Dissertation an der Uni Wien ab. Als Wissenschaftsjournalist arbeitete er u.a. für „Falter“ und „Standard“. Seit 2002 schreibt Langenbach für „Die Presse“ und ist auch als Buchautor tätig, unter anderem über den Philosophen Günther Anders.

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