FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1971 » No. 209/I/II
Dieter Forte

Einführung in die Buchhaltung

Aus dem Bühnenstück „Martin Luther & Thomas Münzer“

Dieter Forte, geb. 1935 in Düsseldorf, Werbetexter, Hörspiel- und Fernsehautor‚ revidiert in seinem ersten Stück (Uraufführung: Basel, deutsche Erstaufführung: Freie Volksbühne Berlin, Aufführungen an rund 20 weiteren deutschsprachigen Bühnen, in Wien im Herbst im Volkstheater) das geläufige Luther-Bild — unter anderem. Der vollständige Text ist in den Quartheften des Wagenbach-Verlags-Berlin, als Koproduktion mit dem Frankfurter Verlag der Autoren erschienen. Nachstehend zwei Szenen. Thomas Münzers Rede ist, wie anderes aus dem Theaterstück, authentisch.

Podest rechts

Schwarz über der Buchhaltung. Drei Herren sitzen um einen Globus. Fugger betritt das Podest.

Schwarz: Außerordentliche Gesellschafterversammlung der Firma Jakob Fugger.

Fugger: Gelobt sei Jesus Christus.

Alle: in Ewigkeit. Amen.

Fugger: Das ist ein Globus, meine Herren. Von unserem guten Behaim. Gott erschuf die Welt und gab ihr in seiner übergroßen Güte die Form einer Kugel. (Er streichelt den Globus.) Rund und handlich. Damit man sie umschiffen kann und Handel treiben kann. Neue Länder, neue Geschäfte. Italien, das ganze Mittelmeer wird uninteressant. Die großen Geschäfte kommen über die großen Ozeane.

Schwarz: Punkt I: Indien.

Fugger: Meine Herren, Europa braucht Gewürze. Gewürze holt man in Indien. Über den Landweg. Aber das ist uninteressant, seitdem ein Herr Vasco da Gama für Portugal einen direkten Weg nach Indien entdeckt hat. Über See. Sie erinnern sich sicher an den großen Börsenkrach. Lissabon lieferte plötzlich für den halben Preis, und die Portugiesen haben seitdem das Gewürzmonopo!.

2. Gesellschafter: Aber wir sind doch beteiligt.

Fugger: Ich will keine Beteiligung. Ich will das Monopol. Dazu brauche ich einen eigenen Weg nach Indien. Und da die Erde, wie unsere Wissenschaftler behaupten, rund ist, müßte man also nicht nur von dieser Seite, sondern auch von der anderen Seite nach Indien kommen. Unser guter Kunde Karl, unter anderem Herrscher über Spanien, hatte daraufhin ein Einsehen und schickte einen gewissen Magalhaes auf die Reise. Meine Herren, was soll ich Ihnen sagen. Die Erde ist rund.

2. Gesellschafter: Ist die Flotte zurück?

Fugger: Seit zwei Wochen. Die Wissenschaftler haben recht, und wir haben unseren Privatweg nach Indien. Man muß nur schnell genug die Hand darauf legen.

3. Gesellschafter: Aber lieber Herr Fugger, welches Risiko. Was kann da alles passieren. Fremde Länder, fremde Meere, die Schiffe können absaufen. Das ist doch eine Riesenspekulation.

Fugger: Die Portugiesen arbeiten mit Profiten bis zu tausend Prozent. Da dürfen schon mal ein paar Schiffe ausbleiben.

2. Gesellschafter: Was sagt denn dieser Magalhaes?

Fugger: Der sagt leider nichts mehr. Er blieb da, wo der Pfeffer wächst.

2. Gesellschafter: Fahnenflucht?

Fugger: Der Pfeil eines Eingeborenen.

2. Gesellschafter: Barbaren.

3. Gesellschafter: Wie groß war die Flotte?

Fugger: 5 Schiffe und 280 Mann.

3. Gesellschafter: Und was kam zurück?

Fugger: 1 Schiff und 18 Mann.

3. Gesellschafter: Na bitte.

Fugger: Ich gebe zu, es ist schade um die Schiffe, aber die Ladung dieses einen Schiffes genügte, um das ganze Unternehmen zu einem Gewinn zu machen. Bedenken Sie bitte auch, daß wir in Indien, wie überhaupt im ganzen Orient, einen Riesenmarkt für unser Kupfer haben. Einen Markt, den wir jetzt direkt beliefern können. Wir verdienen also zweimal.

Schwarz: Punkt 2: Amerika. (Er gibt Fugger ein Blatt Papier.)

Fugger: Die Statistik der Gold- und Silberzufuhr aus Amerika. Sie steigt ständig. Das könnte auf die Dauer unseren europäischen Markt gefährden. Deshalb müssen wir uns da einschalten. Wir brauchen in Amerika eigene Bergwerke, am besten gleich eigene Kolonien. Wir haben sowieso die besten Ingenieure und Facharbeiter. Man ist also auf uns angewiesen. Leider halten die Indios unsere fortschrittlichen Produktionsmethoden nicht mehr lange aus. Trotz Einführung einer Mittagspause sterben sie wie die Fliegen. Die wenigen, die es noch gibt, will das Völkerkundemuseum haben. Gott sei Dank haben sich die Neger als haltbarer erwiesen, und Neger werden bekanntlich frei Küste in Afrika geliefert. Da trifft es sich nun, daß unsere Messingartikel in Afrika einen guten Markt haben und überaus beliebt sind. So werden wir also unsere Messingwaren in Afrika verkaufen, die Neger werden wir in Amerika verkaufen, das amerikanische Gold und Silber werden wir nach Europa holen, dafür werden wir unser Kupfer in Indien verkaufen, und die indischen Gewürze werden wir in Europa verkaufen. Meine Herren, dieser Globus ist kostbar. Der wird uns nicht davonkommen. Wir werden kaufen und verkaufen und ihn damit in Bewegung halten.

1. Gesellschafter: Ein Millionengeschäft.

Fugger: Ein Milliardengeschäft. Karl ist inzwischen bei uns sehr stark verschuldet. Wir werden ihm die Rechnung präsentieren.

1. Gesellschafter: Und China?

Fugger: Am Chinahandel sind wir beteiligt. Ich halte mich aber etwas zurück. Das Land macht mir Sorgen.

2. Gesellschafter: Mir macht die Gewürzqualität Sorgen.

Fugger: Schwarz.

Schwarz: Gewürz lagert man grundsätzlich in feuchten Kellern, daß sie schwerer werden. Ingwer wird mit Ziegelmehl verlängert. Pfeffer mit Kot, am besten Mäusekot, falls man hat. Safran.

2. Gesellschafter: Um Gottes willen. Ist das nicht gefährlich?

Fugger: Wir können noch ein Ave Maria hineinmischen.

2. Gesellschafter: Und wenn jemand daran stirbt?

Fugger: Sterben muß jeder, und mit dem Gewinn sind Sie doch zufrieden?

2. Gesellschafter: Durchaus.

Fugger: Noch etwas?

1. Gesellschafter: Was liefern wir den Negern nach Afrika?

Fugger: Schwarz.

Schwarz: Der letzte Auftrag lief über 24.000 Nachttöpfe.

Fugger: Meine Herren, Sie sehen, die europäische Zivilisation setzt sich unaufhaltsam durch. Gelobt sei Jesus Christus.

Alle: In Ewigkeit, Amen. (Schwarz klappt die Buchhaltung zu. Alle ab.)

Podest links

Vor dem Podest Volk

Münzer: Ich, Thomas Münzer, wünsche euch den Frieden, dem die Welt Feind ist. Denn die Unschuldigen werden gepeinigt, und unsere Herren behelfen sich gegen uns, indem sie sagen, ich muß dich martern, Christus hat auch gelitten, du sollst mir nicht widerstreben. Daher müssen wir genau untersuchen, warum ausgerechnet unsere Verfolger die besten Christen sein wollen. Der Schaden der unverständigen Welt muß erkannt werden, in seinem ganzen Ursprung. Denn die Wahrheit wird alle Menschen freimachen. Da muß das Große dem Kleinen weichen und vor ihm zuschanden werden. Ach, wüßten das die Arbeiter, es wäre ihnen ganz nütz. Aber die Bauern und Arbeiter wissen nichts davon, weil sie sich auf die verlogensten Leute verlassen haben. Die sagen, ach Gott, es sind arbeitsselige Leute. Sie haben ihr ganzes Leben damit verbracht, ihre Nahrung zu verdienen. Ja, auf daß sie den Herren den Hals gefüllt haben. Was sollte denn das einfache Volk wissen. Es steht draußen und hofft, daß es einmal gut wird.

Das Volk hat nie etwas anderes gehofft und glaubt bis auf den heutigen Tag, die Herren wissen das Rechte. Es denkt, ei, es sind feine Männer in ihren roten und braunen Baretten, sollten sie nicht wissen, was recht oder unrecht ist? Sie rühmen sich der Heiligen Schrift, schreiben und klecksen gar stolz große Bücher voll und schwatzen immer je länger je mehr, sagen, wir haben geschrieben in unserem Gesetz dies und das, Christus hat das geredet, Paulus hat dies geschrieben, die Propheten haben dies und das geweissagt, das und das hat die Heilige Kirche ausgesetzt, ja groß Ding dies und das. Sie haben dem Volk die Bibel vorgeworfen, wie man den Hunden das Bort vorwirft und wissen über sie doch nichts, als daß sie von altem Herkommen ist. Sie predigen, was sie wollen.

Und suchst du Rat, bei diesen Gelehrten — welchen es mächtig über die Maßen sauer wird, ehe sie das Maul auftun, denn ein Wort kostet bei ihnen viel roter Pfennige, und es wird dir keiner antworten, es sei denn, du gibst ihnen 50 Gulden, ja, die Besten wollen 100 oder 200 haben und die allergrößte Würde auf Erden — und zahlst du und sagst, lieber, ehrwürdiger, achtbarer Hochgelehrter und des Drecks viel, so sagen sie, glaube, lieber Mann, glaube, willst du nicht glauben, so fahre zum Teufel. Und du: Ach allergelehrtester Doktor, ich wollte gerne glauben, aber was? Und sie: Ja lieber Mann, du mußt dich um solche hohen Dinge nicht bekümmern. Glaube du nur einfältig und schlage die Gedanken von dir, es ist eitel Phantasie. Gehe zu den Leuten und sei fröhlich, so vergißt du deine Sorgen. Sieh, lieber Bruder, solcher Trost regiert die Welt. Sie glauben, man muß den Leuten sagen, was sie gerne hören, denn, ach Gott, wenn man solche hohe Lehre den Leuten sollte erklären, so würden sie ja toll und unsinnig. Man soll die Perlen nicht vor die Säue werfen. Was soll solch hohe, ganz geistliche Lehre dem armen groben Volk. Es gebührt alleine den Gelehrten zu wissen.

Ach nein, ach nein, liebe Leute, nimmt es euch da noch Wunder, wie sie euch verdummt haben. Ihr werdet so sehr betrogen, daß es keine Zunge erzählen kann. Sie machen es so, daß der arme Mann nicht richtig lesen lerne, und sie predigen noch unverschämt, er soll sich von den Herren schinden lassen. Wann will er denn lernen? Wie ist es denn möglich, daß der einfache Mann bei seinen Sorgen um das tägliche Brot zum Nachdenken kommt. Sie schwärmen, die Gelehrten sollen schöne Bücher lesen, und die Arbeiter und Bauern sollen ihnen zuhören. Ach ja, da haben sie einen feinen Trick gefunden. Du liebes Volk, die dich heilig und gut heißen, die betrügen dich. Und die dir ohne allen Unterlaß sagen, glaube, glaube, daß dir der Rotz vor der Nasen pflastere, die sind den Schweinen und nicht den Menschen zuständig. Denn es sieht ein jeder, daß sie nach Ehren und Gütern streben.

Deshalb mußt du, einfacher Mann, selber gelehrt werden, auf daß du nicht länger verführt wirst. Wir sind viel gröber nach dem Adel unserer Seelen als die unvernünftigen Tiere. Hat doch schier keiner Verstand von der Ausbeuterei und von den Tücken dieser Welt. Darum können wir elenden, jämmerlichen Christen nichts mehr von Gott halten. Noch will es niemand zu Herzen nehmen, man meint, es sei zu verschweigen. Oh der großen, elenden Blindheit, daß doch ein jeder lernte, mit einem halben Auge zu sehen. Betrachtet doch, was wir Christen für Menschen geworden sind. Zanken uns tagtäglich um Geld und Güter und werden von Tag zu Tag gewinnsüchtiger. Aber sagen: Ich glaube und halte den ganzen Christenglauben und habe eine feste und starke Hoffnung zu Gott. Du lieber Mensch, du weißt nicht, wozu du ja oder nein sagst. Ja, ohne Zweifel, du bist von christlichen Eltern geboren, du hast nicht einmal gezweifelt, du willst auch feststehen, ja, ja, ein guter Christ. Wahrlich, es sind feine Leute. Sie haben einen gar festen und starken Glauben. Aber man würde schön ausschauen, wenn man sich auf ihre Larve und ihr Geschwätz verließe. Seht euch um, ihr habt den allertörichsten Glauben, den es auf Erden gibt. Und sollte ein anderer Mensch durch diesen Glauben, den wir zur Zeit noch haben, gebessert werden, da sollte er wohl viel Gewinn haben.

Denn es ist kein Volk unter der Sonne, das sein eigenes Gesetz so erbärmlich verketzert und verflucht, wie die jetzigen Christen. Ich wollte mich weit umsehen auf dem ganzen Erdkreis, ansehen alle Völker, und viele von ihnen werden uns hoch überlegen sein. Sie helfen unseren Brüdern, wir nehmen es unseren Brüdern. Uns ist niemand so lieb wie wir uns selber. Und sollten wir es nicht in kurzer Zeit bessern, verlieren wir noch die natürliche Vernunft vor lauter Eigennutz. In solcher Blindheit wandern wir, noch wollen wir niemand glauben, daß wir blind sind. Sollen uns unsere Augen aufgetan werden, so müssen wir erst unsere Blindheit erkennen. Ein Blinder führet immer den anderen, und sie fallen zusammen in die Grube der Unwissenheit. Wir müssen uns einträchtig zusammenfinden, mit den Menschen aller Nationen und Religionen, dann kommt die verborgene Wahrheit an den Tag, welche so lange geschlafen hat. Die Zeit der Ernte ist da, liebe Brüder, das Unkraut schreit jetzt an allen Orten, die Ernte sei noch nicht, doch die jetzige Menschheit wird den rechten Schwung schon gewinnen. Das glaube ich.

(Münzer mit dem Volk ab)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1971
, Seite 59
Autor/inn/en:

Dieter Forte:

1935 in Düsseldorf geboren, lebt in Basel. Berühmtheit erlangte er zuerst als Dramatiker und Drehbuchautor. Sein Theaterstück „Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung“ (1970) wurde zu einem Welterfolg. Sein erster Roman „Das Muster“ erschien 1992 und wurde mit dem Basler Literaturpreis ausgezeichnet. 1995 folgte „Der Junge mit den blutigen Schuhen“, 1998 schloss Forte die Romantrilogie mit „In der Erinnerung“ ab. Forte ist Träger des Bremer Literaturpreises 1999.

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