FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1988 » No. 411/412
Elisabeth Freundlich

Die Vernunft der Täter

Ein aufwendiges Symposion — es dauerte eine Woche, vom 19. bis 23. Oktober. Zu den Mitveranstaltern gehörten viele Institutionen. Unter den leitenden Personen die Zeithistorikerin Erika Weinzierl, zur Planung hatte man Friedrich Stadler geholt, der sich von dem Titel „Die vertriebene Vernunft — Emigration österreichischer Wissenschaft“ nicht abbringen ließ.

Schon bei den Vorbereitungen Differenzen. Mit welchen Instanzen man den Titel besprochen hatte, ist mir unbekannt. Ich jedenfalls machte sofort gegen diesen geltend, daß er zu verwaschen, absichtlich verwaschen sei, und darüber hinaus Assoziationen zu „Vertriebenenverbänden“ erwecke — was offenbar niemanden gestört habe. Mag auch sein, daß den geladenen Ex-Österreichern die Unangemessenheit des Titels nicht weiter aufgefallen war, da diese „Interessenverbände“ niemals im Mittelpunkt ihrer Interessen gestanden hatten. Aber was mit den in Österreich lebenden Teilnehmern? Wenn die nicht spüren, wie unangemessen es ist, den bereits besetzten Ausdruck für die Jahre zuvor aus Österreich Verjagten zu verwenden, dann sollte man sie in eine politische Klippschule schicken. Fragt sich nur, wo gibt es eine solche? Bei den politischen Parteien offenbar nicht.

Wie auch immer, ein solcher Kongreß ist ohne politische Stellungnahmen nicht möglich, aber die wollte man eben — das war ganz deutlich — „tunlichst“ vermeiden. Man blieb also bei dem alten Titel, obwohl es sich ja gar nicht um vertriebene oder „verjagte“ Vernunft — auch nicht ausschließlich um verjagte Wissenschafter — gehandelt hatte, sondern um die Verjagung von Menschen aus Fleisch und Blut.

Gleichviel, es gab gut klappende „panel discussions“ (warum so amerikanisch?), Workshops, Fallstudien, Zeitzeugen. Mich hatte man unter die Literaturwissenschafter eingereiht. Aber diese Klassifizierung, die Tatsache, daß ich vor einem halben Jahrhundert ein Doktorat der Germanistik in Wien gemacht hatte, ist für die Charakterisierung meiner Produktion der letzten 40 Jahre ganz unerheblich.

Es ist typisch für die akademische Wertskala, daß der Literaturwissenchafter als höher gilt denn derjenige, der die Literatur herstellt. Mich eine „Germanistin“ zu nennen, ist nicht sinnvoller als den Mond einen Astronomen zu nennen.

Natürlich gab es vorzügliche Einzelreferate, wurde manch Verschollener ans Licht geholt. So etwa David Josef Bach, Musikkritiker der Arbeiter-Zeitung, Begründer der Arbeiter-Symphoniekonzerte, der seinerzeit Anton von Webern als Dirigenten geholt hatte, was damals eine kühne Tat gewesen war (Henriette Kotlan-Werner). Oder was Paul Zilsel, in den USA lehrender Physiker, über seinen Vater Edgar Zilsel vortrug, einen Philosophen, der seinerzeit in Wien die Volksbildung mitgeprägt hatte, aber in der Emigration nirgends hatte ankommen können und Selbstmord beging. Es gab ein paar solcher verdienstvoller Referate, aber eben nur ein paar.

Welche Funktion, respektive Nichtfunktion, innerhalb der kulturpolitischen Situation Österreichs dieses aufwendige Symposion hatte, kann nur derjenige beurteilen, der sich in die Zeit unmittelbar nach dem Krieg versetzt. Keiner wollte damals etwas anderes als rasch aus der Trümmervwelt heraus, als ein geordnetes Staatswesen aufbauen, das Familienleben wieder in Ordnung bringen. Den drängenden Fragen ihrer Kinder, wie denn das damals alles so gekommen sei, wollten die Eltern nicht Rede stehen müssen. Auch in der Schule wollten ihnen die Lehrer nichts erklären, was sich bald bitter rächen sollte. Die Wörter „Emigranten“, „Juden“ oder „jüdisch“ hat man von Anfang an geflissentlich vermieden (außer natürlich in bewußt noch nazistischen oder neonazistischen Kreisen). Auch dieser Kongreß ist in dieser Tradition der Vermeidung gestanden. Die Tatsache, daß sechs Millionen Juden hingemordet worden sind, hätte verdient und verlangt, im Titel genannt zu werden. Nur leise, Herrschaften, nur leise; was duckmäuserisch ist, ist auch präsentabel.

Jedermann weiß, daß niemand die Emigranten zurückwollte, weder die Bevölkerung noch die politischen Parteien, jeder kämpfte erbittert um seine Posten. Der einzige, der einen Aufruf an alle Emigranten erließ, nicht etwa nur an einzelne Fachleute, zurückzukehren, man brauche sie zum Wiederaufbau der Stadt, war Viktor Matejka, damals Stadtrat für Kultur und Volksbildung in der ersten provisorischen Nachkriegsrepublik. Sein flammender Appell an alle Emigranten, zurückzukommen, wurde von uns in New York in der Austro-American Tribune veröffentlicht, von englischen Zeitungen kommentiert, von der New York Times abgedruckt, und nahm von dort seinen Weg in zahlreiche andere Blätter. Sonst geschah nichts. Niemand wollte uns zurückhaben. Das ungeheure Potential an Fachkräften ließ man sich einfach entgehen. Zu seinem 100. Geburtstag hat man Erwin Schrödinger zwar durch ein Symposion geehrt, auch unseren Tausend-Schilling-Schein mit seinem Bild versehen; ihn hat man zwar zurückgeholt, aber auch das geschah nur halbherzig. Auch das ist bloßer Schein geblieben, denn die Stadt Wien konnte einer Weltfigur wie Schrödinger typischerweise keine angemessene Wohnung verschaffen. Und als man das endlich doch zustande brachte, ist dem alten Mann nur noch wenig Zeit zur Forschung geblieben.

Bei dieser allgemeinen Animosität gegen die Emigranten kann es nicht wunder nehmen, daß auch die Wörter „Emigrant“ und „Exil“ vermieden wurden. Viele fürchteten auch, daß etwaige Rückkehrer ihre alten Wohnungen würden wieder beziehen wollen. Und so ist es nur zu begreiflich, daß man diese Wörter lieber vermied.

Wo immer ich kann, verweise ich auf ein charakteristisches Beispiel: 1980, also 35 Jahre nach Kriegsende, gab es im Belvedere eine an sich durchaus verdienstvolle Ausstellung, Titel: „Die uns verließen.“ „Die wir verstießen“ hätte es natürlich heißen müssen. Keinem der Museumsbeamten ist der unangemessene Titel aufgefallen, geschweige denn, daß einer gegen diesen protestiert hätte.

In solchem Klima kann es nicht verwundern, daß österreichische und auch deutsche Verleger sich nicht gerade ermutigt fühlten, wissenschaftliche oder gar literarische Emigrationsautoren herauszubringen, außer ganz prominente, die noch aus der Vorkriegszeit bekannt waren.

Wenn ich mich mit diesen „Themen“ — ein schrecklicher akademischer Ausdruck — beschäftige, so wahrhaftig nicht, weil ich mich als Germanistin (siehe oben) dafür interessierte, auch das Wort „Interesse“ ist hier ein gar nicht zu unterbietendes Understatement: Vielmehr beschäftige ich mich deshalb mit diesen Dokumenten der schlimmsten Epoche Österreichs, und diese hören nicht auf, mich zu beschäftigen, weil diese Zeit nicht, wie es offiziell-euphemistisch heißt, eine der „Vertreibung der Vernunft“ gewesen ist, sondern eine des systematischen Massenmordes, dem natürlich auch normale Menschen, Nichtwissenschafter, zum Opfer gefallen sind. Ich gedenke zum Schluß meiner Familie, von der nur zwei Mitglieder eines natürlichen Todes in ihren Betten haben sterben dürfen. Wessen Vernunft war hier „vertrieben“? Die der Vertreibenden und die der Mörder.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1988
, Seite 11
Autor/inn/en:

Elisabeth Freundlich:

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