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Lynn Snook

Der lächerliche Liebesambassadeur

Zur Geschichte des Hanswurst

Wie leid ist es mir, daß wir um das Extemporieren gebracht sind ... denn es war die Schule und der Probierstein des Akteurs ... er war gezwungen, sich mit allen Ressourcen, die das Theater anbietet, bekannt zu machen ... und ein Dichter, der Gabe genug gehabt hätte, diese Werkzeuge zu brauchen, würde auch auf das Publikum einen großen Effekt gemacht haben ... Allein ich ließ mich leider von den Kunstrichtern hinreißen, und weil ich selbst ernsthaft war, an Possen und Schwänken keinen Gefallen hatte ..., hielt ich mich und meine Truppe für zu vornehm, als daß ich die Zuschauer wie bisher belustigen sollte. Ich verbannte den Hanswurst, begrub den Harlekin ... Und welcher deutsche Schriftsteller hat uns bisher für das, was wir hingegeben entschädigt? ... unser Hanswurst war ein Salzburger ...

Dieser Seufzer stammt von der Prinzipalin einer Wandertruppe, die Goethe in „Wilhelm Meisters theatralischer Sendung“ anführt. Ihr Bedauern und ihre unfreiwillige Anerkennung gilt aber nicht diesem entlassenen Darsteller, sondern einer besonderen Güteklasse unter den Possenreißern: dem Salzburger Hanswurst. Generationen kannten ihn in dieser besonderen Prägung, ohne vielleicht zu wissen, wer sein Urheber war. Außer den Wienern, die ihm in seinem Theater zujubelten und mit ihm lachten, lachten auf Salzburgs Kosten. Denn dieser Hanswurst redete gut deutsch mit den Leuten, und das war so viel wie salzburgisch. Er trat auf in der Tracht eines Bauern aus dem Salzburger Land, mit dem grünen Spitzhut der ehrsamen Zunft der wandernden Sau- und Krautschneider aus dem Lungau. Der grüne Hut als Zeichen eines kastrierenden Gewerbes gab ihm bereits beim Auftritt einen Lacher und die Gelegenheit zu mancher „schweinischen“ Anspielung. Unter dem Hut trug er einen schwarzen, hoch eingebundenen Haarschopf und einen kurzen Vollbart, die weiße Halskrause des italienischen Narren über dem Bauernhemd, ein aufgenähtes Herz auf dem Brustlatz und auf den Hosenträgern die Initialen H. W. (Hans Wurst). Links, einem Schwerte gleich, die Holzpritsche. Das war der hochgeehrte Pritschenmeister des Wiener Stadttheaters, Josef Anton Stranitzky, der als Salzburger Hanswurst berühmt wurde und obendrein noch als Begründer des deutschen Schauspiels in Wien in die Theatergeschichte einging. Denn er pachtete 1712 das erste von der Gemeindeverwaltung erbaute Theater nächst dem Kärntnerthor, das eigentlich für die Gastspiele der italienischen Truppen gedacht war, und gab damit der deutschen Schauspielkunst, die bis dahin nur wandernd ausgeübt werden konnte, die erste feste Bühne. Die Stadt ehrte ihn dafür mit einem steinernen Denkmal, das heute noch in einer Nische an der Außenmauer des Burgtheaters steht.

Stranitzky lebte von 1676-1726. Er war in Armut aufgewachsen und schon als Knabe einer Wandertruppe zugelaufen, bei der er bereits als 13jähriger mit großem Erfolg den Pulcinella spielte. Einige Jahre zog er mit einem Arzt durch Bayern und Österreich, um für ihn als Ausrufer Salben und Rezepte zu verkaufen. Zu jenen Zeiten gingen viele Ärzte praktizierend durch die Lande und hielten zu Dult-Zeiten auf den Märkten ihren Stand. Und wer die eigene Kunst und Ware nicht wirksam genug anzupreisen vermochte, der nahm sich einen Spaßmacher zu Hilfe. Grimmelshausen machte in seinem „Simplizissimus“ bereits folgende Bemerkung darüber:

Dieweilen ein Marktschreier oder Quacksalber (welche sich selbst vornehm Ärzte, Dentisten, Brüch- oder Steinschneider nennen, auch ihre gute permanente Brief und Siegel darüber haben), wann er am offenen Markt mit seinem Hans Wurst oder Hans Supp auftritt, auf den ersten Schrei und fantastisch krummen Sprung seines Narren mehr Zulaufs und Anhörer bekommt als der eifrigste Seelenhirt.

Der junge Stranitzky wird dabei seinem Brotgeber viel von der ärztlichen Kunst abgeguckt haben, was ihm später zugute kam, als er in Wien neben seinem Schauspielerberuf auch noch Vorlesungen hörte, Examina machte und sich 1707 an der Universität als geprüfter Zahnarzt einschreiben lassen konnte.

Während seiner Lehr- und Wanderjahre machte er überhaupt die Augen und Ohren weit auf. Er spielte gelegentlich bei Wandertruppen wiederum den Pulcinella und Harlekin. Als Heilgehilfe spielte er den Hanswurst auf den Marktplätzen und holte sich unterwegs die Anregung dafür. Denn er sah Hanswurst als Laienspielfigur auf den Dörfern im Fleckerlgewand mit riesigem, weißem Zuckerhut, mit schwarzem Bart und Pritsche. Er fand ihn als Schießbudenfigur, die bei jedem Treffer umfällt und automatisch wieder aufsteht. Auf Krügen und Trinkgefäßen sah er ihn in den Wirtsstuben, und in den Bauernhäusern als Back-Model für Oblaten und Spekulatius. Bei Gerichtsspielen entdeckte er den Richter hinter der Maske des Hanswursts. Bei festlichen Umzügen beobachtete er seine Sprünge und Späße als Vorläufer, Festordner, Brautführer oder Wegauskehrer. Diese so vielseitige Figur bäuerlichen Brauchtums fand sich also praktisch auf der Straße, auf der für jeden Begabten das Geld liegt. Und Stranitzky wußte es aufzuheben. — Wie bereits geschildert, kombinierte er sich seine Kleidung zusammen und eroberte mit dem grünen Hut der Sauschneiderzunft die professionelle Bühne. Neben der privilegierten Beliebtheit der Italiener auf den Hofbühnen erstand mit ihm das erste Wiener Volkstheater. Er schrieb vermutlich seine Stücke alle selbst, meist nach den bekannten italienischen Operntexten oder nach den Bildungsstücken der Universitätsbühnen. Da er anfangs noch nicht mit deren großem Maschinenapparat konkurrieren konnte, verzichtete er auf prunkvolle allegorische Verwandlungsszenen und nahm die mythologisch-geschichtlichen Stoffe zur Vorlage. Er zimmerte sich diese Haupt- und Staatsaktionen zurecht und schrieb sich, dramaturgisch geschickt eingefügt, die jeweilige Buffo-Rolle auf den eigenen starken Leib. Also nicht länger Zwischenspieler wie Hanswurst oder Harlekin in den Jahrmarktbuden, hält er sogar die Fäden der Intrigen in der Hand, und agiert zwischen römischen, persischen, langobardischen Feldherrn, zwischen verliebten Königen und Prinzessinnen aus Thrazien, Albanien, Spanien und Welschland. Der modisch verschnörkelte Titel eines seiner Stücke lautet:

Triumph römischer Tugend und Tapferkeit — oder Giordanus der Große. Mit Hans Wurst, dem lächerlichen Liebesambassadeur, vermeindten Toten, ungeschickten Mörder, gezwungenen Spion und was noch mehr die Comoedie selbsten erklahren wird.

Ein anderes Stück hieß:

Nicht diesem, dem es zugedacht, sondern dem das Glücke lacht — oder Der großmütige Frauenwechsel unter königlichen Personen. Mit Hans Wurst dem verratenen Intriganten ...

Immer besagt schon der Untertitel, wie schwer er es hat und wie schlecht es ihm geht:

Mit Hans Wurst, dem übel belohnten Liebhaber vieller Weibsbilder ...

oder:

Mit Hans Wurst, dem übl geplagten Jungengesellen von zwei alten Weibern — componiert von einem zu Wien anwesenden Comico.

oder:

Der sich 9x mordende und das zehende Mal dennoch wieder lebende Hanswurst.

Dies galt als besonders erbauliches und starkes Stück. Da im Barocktheater Exekutionen auf offener Bühne beliebt waren, mußten sogar Köpfe rollen, aber immer nur die der andern, die der Personen von Stand. So oft Hanswurst in Todesnot gerät, so oft muß er auch wieder herauskommen. Er kann einfach nicht untergehen, denn sein mythischer Ursprung verpflichtet ihn, unverwundbar und unsterblich zu sein. Er weiß zwar nichts von seinem mythischen Ahnherrn, dem göttlichen Schelm oder den Satyrn, die bei den Dionysien im Festzuge des Weingottes mittanzten. Er weiß auch nichts von den wilden Geisterzügen der unerlösten Seelen und deren Anführern und Peinigern, die das Christentum später in die Hölle verbannte, so daß er seitdem mit allen Teufeln verwandt ist. Hanswurst ist nur dessen sicher, daß es ohne ihn keine Komödie gibt, und mischt sich mit eigenem Recht sogar in die Tragödie ein. Völlig eingenommen von seiner Wichtigkeit, ist er im wahrsten Sinne des Wortes springlebendig; sein tänzerischer Schritt ist Geisterschritt, und selbstverständlich kann er auch fliegen, denn seinem Wesen eignet ja das irreale Da- und Dort-Sein der Teufel, Totengeister, Dämonen und Kobolde. Hans Wurst horcht, spioniert, lügt ohne Scham und plaudert Geheimnisse aus um ein Trinkgeld. Sein bestes Geschäft ist die Kuppelei, auch wenn er dabei des Guten oder Schlechten zuviel tut und Ohrfeigen einstecken muß. Er mag noch so wenig von dem verstehen, worein er seine Diebsnase steckt, hat aber immer den richtigen Riecher für die Situation: „Hast schon ein Mann, Mademossel?“ fragt er Ifigenia in Taurica. Er liebt es, Ratschläge zu geben wie: Lob und Ehre sind schon recht, aber der Beutel darf dabei nicht leer bleiben — oder: lieber hundertmal verderben als einmal sterben — lieber niedrig leben als hoch hängen.

Er hat für alles eine einfache Erklärung: die Ursache aller Beschwernis liegt für ihn im Magen oder gleich darunter. Er selbst kennt keine Probleme, er ist ein strammer Kerl und — auf seiner Etage, versteht sich — ein vielbegehrter Mann. Bei ihm wird nicht lang gefackelt: er schenkt den jungen Weibern Liebe, den alten Hiebe. Oft prahlt er damit, welch ein Ansehn er in Salzburg als Sauschneider gehabt habe und widerspricht sich selbst, denn er ist der größte Feigling und kann kein Blut sehen: „Ich hab’ noch kein Hendl ermordet, viel weniger einen Menschen“, sagt er zitternd und bebend, als er im fürstlichen Auftrag einen Nebenbuhler aus dem Weg räumen soll. Sein einziger Mut besteht im Davonlaufen, und wenn er vor einer Schlacht Reißaus nehmen muß, dann sucht er soviel Geld zu stehlen, als er braucht, um nach Salzburg zurückzukommen. Als Mercurio, der Gott der Diebe, ihn freundschaftlich davor warnt, er wäre nicht geschickt genug, entgegnet er ihm: „Dann will ich halt der arme Narr bleiben und das Stehlen sein lassen; und wenn ich kein Geld hab’, mache ich eine neue Comoedi, so bringen mir meine Herren Zuschauer schon wieder eins.“ Stranitzky muß ein genialer Schauspieler und blitzgescheit gewesen sein, daß er sich ein solches Aus-der-Rolle-fallen leisten konnte. Da stand er dann als selbstbewußter Bürger breitbeinig und gut gelaunt an der Rampe und unterhielt sich mit dem Publikum über seine Prinzipalsorgen, seine Autorschaft, sein Stückeschreiben, seine eigene Berühmtheit, seine zwölf Kinder und weitere Nebenbeschäftigungen. Da er tagsüber in einem Wirtshaus als Zahn- und Wundarzt praktizierte, neben der Hauptbühne noch ein Marionettentheater unterhielt und außerdem noch um Kundschaft für seine neueingerichtete Weinhandlung werben mußte, so lobte er sich von einer Funktion zur andern. Reinen Wein aber wird er weiterhin wohl nur von der Bühne herunter den Leuten eingeschenkt haben, und zwar mit seinen zeitkritischen Randbemerkungen, auf die man damals genauso lauerte wie ein heutiges Publikum im Kabarett. Als Kaufmann war er kein Narr — und sein Reichtum mehrte sich.

In den letzten Jahren seines Lebens konnte er es sich leisten, alljährlich einen Salzburger „Hausfreund“ als Gratisgabe herauszugeben. Oder er verkaufte „Hanns Wursts lustige Reisebeschreibungen“. Besonders beliebt war sein „unfehlbarer Hauskalender, mit angehängten wahrscheinlich prognosticis, bestehend in einem forschenden Gespräch, in welchen Jahreszeiten sich am besten zu verheiraten sei, mit vorhergehendem Neujahrswunsch für seine gnädigen, nach Standesgebühr hochgeschätzten Gönner und galante Gönnerinnen“. In seinen Textbüchern hat Stranitzky die eigenen Rollen nur ausgeschrieben, wo sie in die Haupthandlung eingreifen. Anstelle seiner großen virtuosen Soli und mimischen Duette stehen nur indirekte Angaben und Anweisungen wie „macht lazzo“ oder „diese Popperei nach Belieben ausdehnen“ oder „sodann wird à la gavolo geprügelt“. Engherzige Literaturforscher glaubten daraus entnehmen zu müssen, Stranitzky habe nur einem Galeriegeschmack Futter gegeben. Sie verkannten, wie erfrischend oder umwerfend komisch es gewesen sein muß, wenn er inmitten aller Verstiegenheit der barocken Gebärde, inmitten von Perücken und Spitzen über den Heldenpanzern, in seinem vertrauten Gewand immer wieder fröhliche Urständ’ feierte. Sie verkannten vor allem, wie schwer und ernst das Späßemachen ist, wenn es mehr in der geistigen als in der triebhaften Sphäre zünden soll, um nicht auf die Dauer langweilig zu werden. Wer weiß, wie oft sein Stoßgebet nötig war: „O Verstand, hilf mir den Narren machen“.

Ein frühzeitiges Leiden — vielleicht war er in seiner Weinhandlung sein bester Gast — veranlaßte ihn, rechtzeitig einen Nachfolger einzuarbeiten, den das Publikum aber ablehnte, bis Stranitzky eines Abends auf offener Szene einen rührseligen Abschied nahm und am Schluß vor den Vorhang trat: „Wollen Sie, Hochverehrte, einem alten Manne, der Ihnen manch vergnügten Abend gemacht hat, wohl eine Bitte gewähren?“ Alles brüllte zustimmend.
„Nun, so nehmen Sie diesen jungen Mann als meinen Nachfolger an, ich finde keinen Fähigeren, meinen Platz zu besetzen.“ Atemlose Stille. Da fiel Gottfried Prehauser auf die Knie, mit gefalteten Händen und in weinerlicher Stimme brach er aus: „Meine Herren, ich bitte Sie um Gottes Willen, so lachen Sie doch über mich!“ Man lachte, und der Thronfolger war vom Volke akzeptiert. Stranitzky starb, knapp 50 Jahre alt, an „innerlichem Brand“ während der Regiearbeit im Komödienhaus, dem einzigen Arbeitsplatz, auf den für ihn ein Lichtstrahl von Unsterblichkeit fallen sollte.

Der neue Hanswurst war kein kommerzielles Genie, aber er hatte es auch nicht nötig, denn er heiratete die um 25 Jahre ältere reiche Witwe seines Vorgängers. Außerdem brachte er einen Anteil ins Geschäft, der bisher fehlte, das musikalische Element. Er sang Liedchen mit weltanschaulichen Untiefen und parodierte äußerst publikumswirksam den Bombast der Opera seria, ihr Kastraten- und Starunwesen. Während die Neuberin 1737 in ihrer Bude vor dem Grimmaischen Tor von Leipzig Hanswurst öffentlich ächtet, beschränkte man sich in Wien darauf, ihn umzutaufen. Josef von Kurz, Prehausers Nachfolger, singt als „Bernardon“ die komischen Arien weiter, die ihm kein Geringerer als Josef Haydn komponiert.

Im Salzburgischen, wo Hanswurst in der Stranitzky’schen Prägung gleichfalls gespielt wird, kann er noch ein bis zwei Generationen länger unter eigenem Namen auftreten und den gebührenden Beifall quittieren, wenn er z.B. in einem Feldzug mit einer salzburgischen Arie das ganze Kriegsheer des Teufels in die Flucht schlägt. Aus dem Jahre 1764 ist die Pantomime „Der Schwätzer und der Leichtgläubige“ in Bilddokumenten erhalten geblieben, die „als ein Zwischenspiel bei einem Trauerspiel von der Liebe zum Vaterland, welches zu höchsten Ehren des Geburtstages seiner hochfürstlichen Gnaden, des hochwürdigsten und heiligen römischen Reiches Fürsten und Erzbischofs zu Salzburg ... Sigismund von Schrattenbach ... in höchster eigner Gegenwart dieses Landesfürsten in der hochfürstlichen benediktinischen Universität zu Salzburg auf dem Theater ist vorgestellt worden.“

Eine durchaus moralische Geschichte mit großem szenischen Aufwand. Die Theater in der Residenz und Aula academica konnten sich mit ihrem ganzen Maschinenzauber mit den Wiener Bühnen durchaus messen. Wie gut Extraleistungen honoriert wurden, zeigt folgende Abrechnung aus jener Zeit:

Diese Woche 6 Arien gesungen 6 fl. (Florin = Gulden)
1x in die Luft geflogen 1fl.
1x ins Wasser gesprungen 1fl.
1x begossen worden 34 kr.
Ohrfeigen bekommen 1fl. 34 kr.
1 Fußtritt 34 kr.
Worüber dankbarlichst quittiert ...

(Hans Wurst)

Aus Gründen der Sittlichkeit mußte man viele der Hanswurstiaden — sofern es sich einrichten ließ — für Männer und Frauen getrennt aufführen, und so geschah es vermutlich zwecks Beurteilung und Kritik, wenn sich der Landesherr sogar ganz allein etwas vorspielen ließ. Die Chronik berichtet, daß er dabei unermüdlich war und sich einmal eine Komödie von vier Stunden Dauer vergnüglich anschaute, verschwieg aber, um wie viel sie später für das weibliche Geschlecht gekürzt wurde.

Sigismund von Schrattenbach war ein so großzügiger Freund der Musen, daß die Theaterleidenschaft der Salzburger unter seiner Regierung ihren Höhepunkt erreichte. Auf einer seiner Reisen z.B. ehrte man den Landesherren im Mühldorfer Rathaus mit einer Komödie, deren Darsteller der Pfleger selbst mit seiner Tochter und einige Canonici waren. In St. Veit führte man ein Oratorium in lateinischen Versen auf. In Tittmoningen wurde die Tragödie „Panthea“ von adeligen Damen und Herren gespielt, bei der auch ein Hanswurst seinen Vers dazu beitrug. Im Schloßtheater zu Lauffen spielten die Schiffer eine Komödie, „so aber mehrers als eine Pouslesque anzusehen war“, unter dem Titel „Der heilig, sorgfältig und grausame Mörder Raminez“ mit dem Nachspiel „Die Dienstmagd der Ehefrau Naamann verspricht dem Herrn die Genesung“. Zum Namenstag des Landesherrn wurde in der Residenz die Buffo-Oper „La Finta Semplice“ aufgeführt, die der elfjährige W. A. Mozart komponiert hatte, der dafür zum „Fürsterzbischöflichen Konzertmeister“ ernannt wurde. Sigismund liebte die italienische Oper, ganz besonders aber das Kindertheater mit Pantomimen wie „La naissance d’Harlekin“.

Im Theaterwochenblatt für Salzburg sind verschiedene Gesellschaften aufgezählt, die zu jener Zeit in Salzburg spielten:

Schulz, welcher in der Hütte neben dem Ballhaus Lungen und Zwerchfell der Zuschauer strapaziert hat. Er spielte, nach altem hanswurstischen Herkommen, auch die erste Rolle im Trauerspiel.

Ilgner griff Salzburg mit Mord- und Traueraktionen an. Sein bester Akteur spielte den Spaßmacher oder figurierte als Frauenzimmer. Mit seinem Bruder Arlequin im großen roten Federhut und Handschuhen bis an den Ellbogen, zog er des Pöbels Starren auf sich.

Kapeller, ein Zimmermann von hier, spielte das sogenannte Krippenspiel mit lustigen Intermezzen. Nach seinem Tode übernahm Brandstätter, eines Schneiders Sohn von hier, Kapellers hölzerne und atmende Kompagnie, sein altes papiernes Theater, Kleidung und Witwe. Er extemporierte frischweg alle vorkommenden Trauerspiele. Er spielte erst beim Lasser, am Platzl, aus Not mußte er hernach auf die Trinkstube. Als Bedienter in der Unschuldigenkinderkomödie zeigte er die Stärke seiner Lunge, vornehmlich in der Arie: O grausam’s Lamentabl! Sein Gesang drang durch Mark und Bein und über sechs Gassen hinweg.

Dieser Bericht liest sich wie ein Rückblick auf die sogenannte gute alte Zeit. Denn das „Theaterwochenblatt für Salzburg“ wurde erst im Jahre 1775 gegründet, drei Jahre nach dem Tode Sigismund von Schrattenbachs, als der neue Fürsterzbischof seine Reformen in Kunst und Wissenschaft durchzuführen begann und nachholte, was die Neuberin vorexerziert hatte. Nur wenige Ausgaben später ist auch in diesem Theaterblatt der große Umschwung nachzulesen. Da heißt es:

Die Schaubühne blüht itzt von Monarchen und Untertanen geschützt und geehrt, die Schaubühne, welche noch vor kurzem ein Sammelplatz von Zoten und Ungereimtheiten war, dessen Mitglieder sichs zur Pflicht machten, an dem Verderben der Sitten und des Verstandes ihrer Nebenmenschen zu karren. Bald wird die von unseren Vorfahren schon gewünschte Zeit kommen, wo man die fürchterlichen Namen: Hanswurst, Bernadon, Kasperle, Lipperl oder wie dies alles heißt, nur dem Namen nach kennen und sie anwenden wird, Kinder damit zu schrecken. Es war einmal eine Zeit, wird das Mütterchen mit warnender Stimme erzählen, wo solche Leute ein ganzes Haus voll — o pfui über diese Zeit, sagt die reizende Kleine, davon mag ich nichts hören.

Lachen Sie oder ärgern Sie sich darüber, daß es Leute gab, die in der Rolle eines Kaspers großes Lachen erregten, desto mehr werden Sie dann die Männer ehren, die das schwere, mühsame Geschäft über sich nahmen, den tollen Geschmack an all den Allfanzereien auszurotten — die den schwarzgebarteten Abgott vom Throne stießen ...

Hieronymus Graf Coloredo, der letzte Fürsterzbischof von Salzburg, war ein Sohn der Aufklärung, und die Salzburger waren bestürzt gewesen, als die Wahl auf ihn fiel. In seinem Arbeitszimmer standen die Büsten Voltaires und Rousseaus. Er hob viele Feiertage auf, die bis dahin fast ein Drittel des Jahres ausgemacht hatten. Er verabscheute Possen und Mummereien, er war gegen alle zerstreuenden Andächteleien, wie er das nannte, und der echten Gottesverehrung widerstrebende theatralische Vorstellungen wie Weihnachtskrippen- oder Passionsspielen. Kreuzgänge und Umzüge wurden vermieden, vor allem in ihrem kostspieligen Prunk. Und die Possenreißer, die bis dahin sogar bei den Karfreitagsprozessionen mitgesprungen waren, konnten sich genauso wenig auf die Straße wagen wie auf die Bretter.

Der barocken Ausschweifung der Scholastik machte der Fürst mit Unterrichtsreformen ein Ende. Die Studenten erhielten zwar bessere Professoren und Lehrpläne, durften aber weniger Komödie spielen und bei den öffentlichen Preisverteilungen bei Semesterschluß nur noch ohne festliche Szenerie und Kostümierung in ihrem Theater lateinische und deutsche Reden halten. — Gegen die fahrenden Komödianten und Schausteller wurde ein Polizeigesetz erlassen, was den ganzen Strom ausländischer Truppen eindämmte, von den Puppentheatern, Schattenspielen bis zu Schauspiel- und Operntruppen.

Und doch war auch Coloredo ein Freund des Theaters, das er im fortschrittlichen Sinne für die Erziehung und Bildung seiner Untertanen förderte. So verfügte er den Umbau des Ballhauses in ein Theater, das einer breiteren Öffentlichkeit zugute kommen sollte als das kleine, exklusive Hoftheater in der Residenz. Er setzte eine Theaterkommission ein, die für geeignete Truppen und Schauspiele zu sorgen hatte. Den Luxus der Oper litt der strenge und sparsame Fürst nicht. Aber was der Landesherr damit schuf, sollte ausgerechnet dem einen seiner Untertanen zugute kommen, für dessen Genie er kein Verständnis hatte, dem er sogar Unrecht zufügte. Wolfgang Amadeus Mozart ging mit Begeisterung in jede Vorstellung und begegnete dadurch dem genialsten Theaterunternehmer seiner Zeit, der sich den Salzburgern mit folgendem Anschlag vorstellte:

Heute hoffen wir den Ruhm davon zu tragen, das schönste aller Charakterstücke aufgeführt zu haben. Jeder Charakter ist neu und mit dem besten komischen Salz gewürzt, sodaß meine gnädigen Gönner weder unschmackhaftes noch aufgewärmtes Zeug zu verdauen haben, sondern gewiß vergnügt unsern Schauplatz verlassen werden, wozu seine Einladung machet, gnädige Gönner, Euer ergebener

Schikaneder, directeur.

Mit dem besten komischen Salz gewürzt war sicherlich auch das sonntägliche Bölzelschießen bei den Mozarts im Tanzmeistersaal, und auf die Dauer seines Gastspiels im Herbst 1780 kam der witzige Emanuel Schikaneder als Schützen- und Narrenbruder dazu. Der knapp 30jährige war bereits wohlrenommierter Prinzipal einer gut geschulten Truppe mit untadeliger Konduite und einer glänzenden Garderobe, ein gefeierter Hamletdarsteller, ein begabter Komiker und Sänger, ein Dramaturg, Regisseur und überaus produktiver Verfasser von Ritter-, Schauer- und Rührstücken, von Balletten und Singspielen. Als geschickter Geschäftsmann spielte er, um die Kasse zu füllen, sofort das Lokalstück „Die schöne Salzburgerin“, er wußte sich jeder Lokalität und Geschmacksrichtung anzupassen. Wenn man bedenkt, welcher wirtschaftlichen Unsicherheit selbst eine Wandertruppe seines Renommees ausgesetzt war, wird man ihm verzeihen, daß er Zugstücke brachte wie „Stille Wasser sind betrüglich“ — „Um 6 Uhr ist Verlobung“ — oder „Heirat durch ein Wochenblatt“. Auch daß er die „Agnes Bernauerin“, bei der er 60 Landwehrsoldaten mitspielen ließ, mitten in der Vorstellung statt zum Ertränken zum Happy-End führte, weil das Publikum in naiver Anteilnahme überkochte und tobend die Entlarvung und Bestrafung des Bösewichts forderte. (Denn sonst hätte man ihn am Bühnenausgang totgeprügelt, und der Landesherr hätte das Theater wegen des Krawalls schließen lassen.) Man darf nicht vergessen, daß Schikaneder mit viel Unfug ein Publikum einfing, dem er dann gelegentlich Shakespeare und die noch druckfeuchten Stücke deutscher Dramatiker vorspielte.

Mozart bewunderte diesen Mann, der sein dramatisches Talent entflammte, der ihm später indirekt den Hinweis auf „Figaro“ gab, und mit dem er einen Papageno schuf als den gefiederten, veredelten Enkel des alten Hanswursts.

Gerade als die Zeit der Hanswurste in extempore mit ihrer traditionellen Kleidung endgültig vorbei war, wurde ihr theatralisches Element neu belebt durch das Wunder, das — wie Vater Leopold sagte — Gott hat in Salzburg lassen geboren werden. Denn Mozart schenkte dem Musiktheater einige vorbildliche Vertreter der närrischen Sippschaft, die es nicht mehr nötig hatte, in die Unarten früherer Zeiten zurückzufallen und die Schaubühne weiterhin als moralische Anstalt bestätigte. Von Leporello, dem erbärmlichen Feigling, der ein Leben aus zweiter Hand führt und seinem Herrn dient, weil er in dessen Schatten seine eigene Lüsternheit befriedigen kann, ohne mehr zu riskieren als eine Tracht Prügel, geht die Reihe aufwärts über Papageno und Figaro bis zu Don Alfonso, der bereits an die Bewußtseinsstufe eines Shakespeare’schen Narren heranreicht und als kultivierter Räsonneur mit seiner Banalität Recht behält, solange die ideale Gesinnung auf schwachen Füßen steht. — Figaros dramatische Existenz basiert noch auf der alten italienischen Dienerrolle, die aber im Jahrhundert der Aufklärung eine höhere geistige und soziale Stufe erreicht hat. Vom Typus zum Charakter erhoben, ist er mit seiner ausgeprägten Persönlichkeit ein ernstzunehmender Gegenspieler des Adels geworden und wird nicht mehr ausgelacht, wenn er soziale Ungerechtigkeit erfährt und in der Liebe eigenen Schmerz erleidet. Papageno mit seiner Pansflöte ist liebenswert in seiner gesunden Primitivität; für ihn ist das „höchste der Gefühle“ die Gewähr seiner Nachkommenschaft, damit die Kette des Lebens nicht abreißt. Als Kontrastfigur zum edlen Liebespaar ist er ohne sittliches Streben, aber Pamina erkennt sein gefühlvolles Herz und gewinnt gerade durch ihn das erste Vertrauen zur männlichen Welt. Er ist damit erfolgreicher als seine italienischen Vettern, die sich mit schönen Worten darum bemühen, eine Ariadne zu trösten, die ihnen nicht einmal zuhört.

Lessing hatte die öffentliche Verurteilung des Hanswursts „die größe Harlekinade“ genannt, die jemals gespielt wurde. „Seitdem die Neuberin sub auspiciis Sr. Magnifizenz, des Herrn Professor Gotscheds, den Harlekin von ihrem Theater verbannte, haben alle deutschen Bühnen, denen daran gelegen war, regelmäßig zu heißen, dieser Verbannung beizutreten geschienen. Ich sage geschienen, denn im Grunde hatten sie nur das bunte Jäckchen und den Namen abgeschafft, aber den Narren behalten ... Man muß ihn als kein Einzelwesen sondern als eine Gattung betrachten, und diese Gattung leidet tausend Varietäten ...“ Wollte man nun alle Vertreter dieser Gattung aufzählen, so wäre die Reihe endlos, bunt wie Harlekins Fleckengewand und von unterschiedlichem Niveau wie der Leib einer Schlange, die sich in Wellenbewegungen immer gerade so viel vom Boden erhebt, wie es die leiblichen Muskeln noch stützen können. Nicht alle tragen die Narrenkappe, nicht alle sind wortwörtlich Kollegen „in obscoenis“ — wie Martial sie anerkennend benannte. Ochs von Lerchenau z.B. bewegt sich mit erlernten Manieren, vornehm verkleidet unter den Personen von Stand, und wenn er auch verdienterweise blamiert abtreten muß, so wird er immerhin doch als Kavalier „sich halt gar nichts denken“, d.h. er wird nichts reden, während ein Hanswurst das Maul nicht halten kann. Mit seinem prahlerischen Wunsch: „Wollt ich könnt sein wie Jupiter ...“ versteigt sich Ochs allerdings in Gefilde, die keiner seiner verwandten Sinnesgenossen jemals erreichen konnte. Auch in „tausend Gestalten“ bleiben alle dem Irdischen und Trivialen verhaftet.

Wer das nun nicht zu erkennen und genießen vermag, der soll darum nicht zu Hause bleiben. Es gibt immer noch genügend andere Gründe, um ins Theater zu gehen. Und wenn er auch nur zu jenen gehört, die das „Theaterwochenblatt von Salzburg“ 1775 beschrieb als jene „Gattung von Zuschauern, die wir schonen müssen, weil sie das meiste Geld zutragen. Sie gehn ins Theater sich die Zeit zu vertreiben. Sie wissen nichts Besseres zu tun, weder die Absicht des Theaters, noch der daher kommende Nutzen hat Einfluß auf sie. Und doch gehen sie ins Theater: haben wenigstens den ganz kleinen Nutzen: sie können indessen nichts Böses tun.“

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1967
, Seite 188
Autor/inn/en:

Lynn Snook: Hat als Bibliothekarin, Dolmetscherin, Dramaturgin und als Autorin für Film und Funk gearbeitet, bis sie über Essays für Programmhefte (u. a. über „Tannhäuser“ und den „Ring“ in Bayreuth) zur Mythenforschung gelangte, die nunmehr ins Zentrum ihrer Studien und Veröffentlichungen rückte.

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