FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1983 » No. 349-351
Friedrich Geyrhofer • Hanno Pöschl
Hanno Pöschl

Der erste Wiener

Erkundet

Hanno Pöschl, Jahrgang 1949, Akteur und Cafetier, ist heute der populärste Schauspieler des neuen österreichischen Films. Im Wiener Dialekt und mit einiger Muskulatur schuf er in der Hauptrolle von „Exit” (Franz Novotny, 1980) den unverwechselbaren Typus eines Donau-Stadtindianers und überdies einen überraschenden Publikumserfolg. An diesem Darsteller fällt seine Wandlungsfähigkeit auf. Eine Mischung von kraftvollem Habitus und empfindlicher Innenseite, spielte Hanno Pöschl in 7 Filmen unter der Regie von Peter Patzak, in der Maximilian-Schell-Version von „Geschichten aus dem Wienerwald”, in Stenzels „Obszön” und in „Frankfurt Kaiserstraße” von Roger Fritz. Gil und Robert: die Doppelrolle in Faßbinders posthumem Film „Querelle” bedeutet den bisherigen Höhepunkt seiner Laufbahn. — F. G., Filmschrift, vor Erscheinen eingestellt.

Sie fangen ja großspurig an ...

Na, bei einem Interview müssen die Antworten intelligenter sein als die Fragen.

Sie san a dümmlicher Mensch, i bin a dümmlicher Mensch, sonst wären wir nicht in der Branche — sonst wären wir bei IBM.

Wieso sind Sie in der Branche?

Beim Film? Wieso? Ich habe den Beruf des Schauspielers erlernt.

Und Ihre Karriere als Gastwirt?

Das ist keine Karriere, das ist ein Zustand. Seit 12 Jahren führe ich ein und dasselbe Lokal. Eine Karriere wär’s, wenn ich Hendl-Jahn heißen tät’, der hat seine Karriere allerdings beendet. Aber ich hätte dann wenigstens eine hinter mir.

Ihr Lokal, das Kleine Café ist in Wien zumindest ideologisch bahnbrechend gewesen. Das erste Stehbeisl ...

Das ist richtig. Ein sogenannter Trendsetter. Ich habe mir überlegt, was macht man, damit sich die Leute wohlfühlen im Lokal. Und weil ich selber gerne in Lokalen bin und sogar ständig in Lokalen bin, habe ich alle Sachen nicht g’macht, die mich in anderen Lokalen stören. Natürlich kann ich kein Lokal für alle machen, das habe ich auch nie vorgehabt. Ich habe mir gedacht, in einem Lokal muß eine gute Atmosphäre sein! Was für mich ganz wichtig ist an einem Lokal: daß Frauen allein hineingehen können. Sowas hat sich erst in den letzten Jahren herumgesprochen, aber wir haben das immer versucht. Daß Frauen nicht dumm angesprochen werden, daß sie in Ruhe ihr Bier trinken können, daß es keine Aggressionen gibt. Wenn es Aggressionen gibt, dann kommen sie von mir — und dann, sage ich: sie sind berechtigt, um störende Elemente aus dem Lokal zu entfernen.

War die Idee, beim Kleinen Café ein Lokal für den Freundeskreis von Hanno Pöschl zu schaffen?

Das ist klar. Das Lokal hat eine Größe, die der Freundeskreis füllen kann. Ein Bierzelt kriege ich mit meinen Freunden nicht voll, ich kriege maximal das Kleine Café mit meinen Freunden voll. Das ist auch der Grund, warum ich kein zweites oder drittes Lokal aufgemacht habe: das Kleine Café wird dadurch auch nicht mehr anonym, es arbeiten nicht soviele Leute dort. Wenn ich mehr Lokale hätte oder ein größeres, dann würde ich die Kellner gar nicht mehr wirklich kennen, privat, und die Gäste auch nimmer. Es wird dann ein reines Geldverdienen ...

Besteht das Stammpublikum noch immer aus den alten Freunden?

Jetzt nimmer so, natürlich. Die alten Freunde sind verheiratet, haben Bauernhäuser und Dachterrassen. Jeder ist aber ganz erstaunt, wenn er einmal im Monat nach Wien kommt, daß er seine alten Freunde nicht mehr trifft. Er glaubt, daß nur er das Bauernhaus hat. Aber das stimmt ja nicht. Die anderen haben es auch. Und dazu eine Familie.

Das Kleine Café ist ein Lokal, das nicht einen wirklichen Komfort hat. Ich muß stehen, ich stehe manchmal in dritter Spur an der Bar, ich habe keinen Tisch für mich allein, und es gibt auch keine französische Zwiebelsuppe.

Warum nicht?

Warum? Weil es ein Kaffeehaus ist, aber kein Restaurant. Mein Vorbild war meine Phantasie. Gute Musik, gute Bedienung, korrekt, man darf net schlecht einschenken. Vor 12 Jahren war das Kleine Café ein Insider-Treff, mittlerweile ist es in der Zeitung gestanden, der Mundfunk hat funktioniert ... es wird immer populärer. Das ist nicht gut. Für die Atmosphäre ist es nicht gut. Dann bin ich Schauspieler geworden, das ist auch in der Zeitung gestanden, Eierköpfe haben es gelesen und haben geglaubt, im Lokal ist jetzt der Bär los. Es ist nix los! Wenn man es nicht selber macht.

Und wie hat sich die Gastronomie mit der Schauspielerei vereinbaren lassen?

Auf der einen Seite lassen sich Gastronomie und Schauspielerei schwer vereinbaren. Auf der anderen ergänzen sie sich. Wie ich noch in die Schauspielschule gegangen bin, die letzten 4 Monate etwa, habe ich das Kaffeehaus schon gehabt, habe dort gearbeitet und bin am Nachmittag in die Schule gegangen. Und habe eigentlich nie mehr daran gedacht, den Beruf des Schauspielers auszuüben. Ich habe die Schauspielschule nur fertiggemacht, weil ich nicht vorzeitig aufhören wollte. Man muß ja nicht eine Schule interruptus machen.

Ein paar Jahre später habe ich dann mehr Zeit gehabt, das Lokal fing an, auch ohne mich zu funktionieren, ich konnte auch andere Sachen machen. Der Gratzer ist einmal als Gast ins Kleine Café gekommen, wir haben übers Theater gesprochen. Ich hab nie jemandem erzählt, daß ich eine Schauspielschule absolviert habe. Der Gratzer hat mit mir das Gespräch geführt in dem Glauben, daß ich Kellner bin oder Gastronom, er hat sich nur gewundert, warum ich mich beim Theater ein bißchen auskenne. Er hat mich dann gefragt, ob ich nicht mitmachen will bei einer Produktion. Ich habe geglaubt, das is a Hetz. Und aus Spaß wurde Ernst! Und heute ist Ernst sieben Jahre alt.

Ich bin immer schon gern ins Kino gangen, als Kind die Jugendvorstellung, um zwei Uhr nachmittags am Sonntag, die erste Reihe hat damals gekostet 3 Schilling 50. Den Seefalken hab ich achtmal gesehen, i hab den Text schon besser können als der Errol Flynn.

Hatten Sie einen Schauspieler zum Vorbild?

Der Zorro, der war unser Vorbild beim Spielen auf der Gstettn, der Errol Flynn. Und dann der Gary Cooper, die Scharlachroten Reiter haben wir damals zwölfmal gesehen.

Ich bewundere den Oskar Sima, den noch am ehesten. Der Oskar Sima war Weltklasse, der wird nur unterschätzt. Ich werde leider nie so gut werden. Wie ich älter geworden bin, bin ich oft im Kino gesessen und habe mir gedacht: Das kann ich auch! Das hat sich dann als Irrtum herausgestellt ... i kann’s no immer net.

Als Schauspieler, als Gastronom — sind Sie familiär vorbelastet?

In der Schauspielerei gibt es eine familiäre Belastung. In der Gastronomie ist das einzige, daß mein Vater der vorletzte Wiener ist. Der letzte bin i. Mein Vater hat sein Leben im Kaffeehaus verbracht, und seit meinem sechsten Lebensjahr sitz ich auch in den Kaffeehäusern.

Meine Mutter war Schauspielerin, sie hat in der österreichischen Uraufführung von Horvaths Glaube, Liebe, Hoffmung gespielt. Meine Schwester hat das Reinhardt-Seminar absolviert, sie hat in Berlin gespielt und dann aufgehört was ich zum Beispiel gut verstehe. Ich bin nur noch nicht so weit.

Exit
Schauspieler, Wörterschatz, Kaffeesieder — mit Paulus Manker — Gast bei Peter Turrini
War Exit Ihr erster Kinoerfolg?

Mein erster Kinofilm war Kassbach, das war keine schöne Rolle, ich habe einen Neonazi gespielt. Es war eine widerliche Rolle, sagen wir so. Und der zweite Kinofilm war Geschichten aus dem Wienerwald. Natürlich, Exit war ein Erfolg an der Kinokassa. Aber der Erfolg spielt sich in meinem Hirn ab, in mir! Ich glaube, die Rolle, die ich in Querelle gespielt habe, das ist ein Erfolg. Ich habe, glaube ich, eine gute Leistung gebracht.

Und weshalb war Querelle für Sie so interessant? Warum konnte das eine so gute Rolle werden?

Ich glaube, daß das an der Führung gelegen ist. Ich habe schr gut arbeiten können in dem Team. Es gibt Leute, die sagen, ich bin eine Genet-Figur. Aber das kann ich nicht beurteilen. Ich habe die Chance gehabt, eine Rolle zu spielen, die mehr hergibt, als nur jemanden niederzuschlagen.

War das eine Standard-Pöschl-Rolle, jemanden niederzuschlagen?

Der Herr Pöschl wird halt besetzt, weil er so ausschaut, wie ein Beißer. Ich schau halt so aus. I bin privat goa net so. Ich kann das, natürlich. Ich übe das ja auch — jetzt nicht an Leuten, sondern ich versuche, mich auf eine Rolle vorzubereiten. Ich lese ein Drehbuch, man glaubt es kaum. Wenn eine Schlägerei notwendig ist, dann geh ich trainieren. In einem Film habe ich einmal einen Tormann gespielt. Ich bin zu einer Fußballmannschaft gangen, zu einer drittklassigen, und hab dort trainiert: als Tormann! Im Film sieht man das eine Sekunde lang, ich mach eine Parade, daß die Zuschauer glauben, ich bin gedoubelt. Mein Stolz ist, daß ich das war.

Ich hasse Sport! Aber ich betreib ihn, weil ich in diesem Beruf bin. Ich komm mir schon ein bissl komisch vor, wenn ich mich im Trainingsanzug über die Via Dolorosa quäle, die Prater Hauptallee in dem Fall; wie ich mich auf Querelle vorbereitet hab, bin ich sechsmal in der Woche trainieren gangen. Gymnastik, Gewichtheben, Boxen ... momentan geh ich Radlfahrn. Und dann hab ich wieder Phasen, da versack i, da versauf i mi. Aber in dem Moment, wo ich weiß, ich habe eine Rolle, da schieb ich den Alkohol weg und hole den Trainingsanzug.

In Amerika ist es anders, aber bei uns sind Sie einer der seltenen Schauspieler, die auch athletisch glaubhaft wirken.

Viele lachen über mich und sagen: Geh, des is do net notwendig! Über mich lachen sie, aber wie im Sommer im Stadion der Mick Jagger war, dem jubeln sie zu und sagen, was der noch immer für eine gute Show bringt — und denken nicht daran, was der dafür macht. Ich glaube, von den 55.000 Zuschauern, die im Stadion waren, die alle über jemanden lachen, der trainieren geht, hat der Mick Jagger die meiste Kondition gehabt. Und deswegen ist er Spitze, und die anderen sind nur Zuschauer. Ich bin auch gern Zuschauer aber nicht immer.

Man kann sich nicht nur darauf verlassen, daß man das dann eh kann, im richtigen Augenblick. An das glaube ich nicht. Ich will aber auch nicht den Eindruck wecken, daß ich den Conan II spielen möchte. Es gehört natürlich etwas anderes auch dazu, das Athletische ist nur ein kleiner Bestandteil eines Schauspielers. Ein Schauspieler muß sich bewegen können.

Andere können wieder besser reden, das vernachlässige ich ein bisserl, weil ich in den Dialekt verliebt bin. Der Dialekt ist die Haut!

Ist Ihr Wienerisch echt oder angezüchtet?

Hurchn’s genau zua, und Sie werden’s wissn! Bei uns in der Familie bin ich der einzige, der Dialekt redet, aber das seit frühester Kindheit. Weil es mir immer gefallen hat, als Kind schon! Ich habe die Schule gehaßt. Ich bin in Döbling aufgewachsen, wie kann es anders sein, Cottage!

Na, dann is eh alles klar ...

Wieso? Es gibt in Döbling auch gute Vierteln, die Krim zum Beispiel, zwischen Sieveringer Straße und Krottenbachstraße, ein böses Viertel. Dort hat es mir gefallen, dort habe ich meine Freunde gehabt. Da war es für mich lustiger, interessanter. Der Franz Novoiny nennt mich das einzige wandelnde Wörterbuch in Wien. Ich versteh auch die Hefnsprache, obwohl ich net im Hefn wor — aber das wird schon noch kommen. Irgendwann bin ich einmal draufgekommen, daß sich im Dialekt viel mehr ausdrücken läßt. Und mir gefällt die Gesellschaft auch besser, in der dieser Dialekt gesprochen wird ... letztlich ist es auch das!

Als plebejischer Typus bildet Hanno Pöschl eine Ausnahme. Die Wiener Schauspieler sind entweder Typen aus Nestroys Biedermeier oder aus noblen Schnitzler-Salons. Da gibt es einen fatalen Hang zum Vornehmen, Aristokratischen ...

Das sogenannte Proletariat gefällt mir halt besser. Dazu bekenne ich mich auch. Dieses Leben ist vitaler, es ist brutaler, es ist färbiger, lustiger, es ist lebensnäher ... es ist für mich einfach besser. Dort ist die Kraft.

Woher diese Liebe zur Krim? Was ist das Schöne an der Krim?

Des ist lang her ... Sie dürfen jetzt net glauben, daß i jetzt irgendwelchen Sachen nachhäng und das Proletariat in den Himmel heb. Es geht eigentlich darum, das Proletariat net zu verdammen. Soviel Leut, die es zu was gebracht haben, kommen aus dem Proletariat. I kumm net aus dem Proletariat, aber ich verstehe es. Vielleicht ist es das Exotische, es hat etwas Exotisches ... es hat was Ehrliches an sich. Das Furchtbarste am Proletariat sind diejenigen, die nicht wahrhaben wollen, was sie für eine schöne Jugend erlebt haben, woher sie kommen — das wollen sie auf einmal alle nicht mehr wissen! Das ist furchtbar, das paßt mir nicht.

Also die halbe SPÖ?

Zum Beispiel: Ich glaub, daß das Proletariat sehr wohl ohne das Bürgertum existieren kann, das Bürgertum kann ohne das Proletariat scheißn gehn. So einfach ist es: Warum will man unbedingt bürgerlich sein? Nur weil’s bequemer ist, weil’s schicker ist, weil’s angenehmer ist?

Der Proletarier hat zum Beispiel weniger Ängste, weil er weniger verlieren kann. Der Bürger hat immer Angst, daß er wieder verliert, was er hat, daß er einmal hinuntergestoßen wird ins Proletariat.

Ich habe seinerzeit die Wahl gehabt zwischen Cottage und Krim. Meine Schwester ist in der Cottage geblieben, ich bin in die Krim gegangen.

Gerade die Arbeiter haben doch Angst vorm Gsindel?

Ich hab die Angst net. Wenn zu mir einer sagt: Du bist a Prolet! — dann denk ich mir bei mir selber: es stimmt leider nicht. Ich bin leider überhaupt kein Proletarier. Aber ich genier mich nicht dafür, wenn mich jemand dafür hält. Ein Gsindel ist das, was sich heute abspielt in den bürgerlichen Kreisen; und die reden über das Gsindel! Das ist ganz leicht, ich bin heute Automechaniker, sitz in der Sauna, die kostet 180 Schilling, und schimpf übers Gsindel: „Host glesen in da Zeidung, hot wieder so a Tschusch aner oiden Frau des Handtaschl weggnumma ...“

Das Proletariat ist immer noch das Proletariat, nur das Bewußtsein haben sie nimmer, und das ist schlecht. Alle spielen sie auf Jet-Set. Warum? Warum — zum Beispiel die Dreier: die Austria 3 war eine richtig einfache Zigarette, bescheiden, die das Wesentliche erfüllt hat: den Körper zu ruinieren. Zu zerstören. Und jetzt gibts eine schicke Packung! Es ist verschleiert. Es ist keine Arbeiterzigarette mehr, es ist noch immer eine gute Zigarette, aber sie hat jetzt ein anderes Image bekommen. Das ist jetzt eine Packung, die kann ich im Ausland auf den Tisch legen ...

Ich schmuggl normalerweise nie. Aber beim Filmen ist das mein größtes Problem: wie bringe ich diese Mengen an Dreier, die ich für 6 Wochen Dreharbeiten brauch, nach Deutschland? Jedesmal, wenn ich nach Deutschland fahr, auch aus privaten Gründen, nehm ich eine Stange Dreier mit. Es gibt schon a ganzes Dreier-Depot in Deutschland. Und wenn ich jetzt in Deutschland die Dreier auf den Tisch leg, dann fragen alle: Was ist das für eine schicke Packung? Und genau das is es, was ich furchtbar finde.

Ich verstehe nicht ganz, was sie am Arbeiterleben so exotisch finden? Vielleicht, weil es männlicher ist?

Es ist aber auch fraulicher. Die schönsten Nächte mit den besten Mädchen habe ich in Ottakring, in Meidling verbracht, bei den kleinen Friseurinnen, den Verkäuferinnen vom Gerngroß ... und net bei den Bürgerstöchtern mit den Goldketten, die Angst haben, daß sie beim Pudern ins Schwitzen kommen. In den Bassenawohnungen in Ottakring, in Meidling — dort wurde ich geliebt, da habe ich etwas gespürt. Bei die höheren Töchter is keine Zärtlichkeit und keine Leidenschaft zurückgekommen, die haben höchstens Angst gehabt, daß das Satin-Bettzeug verknittert wird, daß die Nachbarn schauen, weil ein Kerl in Lederweste aus und ein geht. Das Proletariat ist erotischer. Das ist es.

Die Liebe zum Proletariat hat also sexuelle Gründe?

Alles hat sexuelle Gründe. Ich bin überhaupt kein Verfechter vom Proletariat, ich bin überhaupt nicht jemand, der sagt: Die Bürger san olle bled! Für so dumm darf man mich nicht halten. Das finde ich beim Proletariat nicht gut, daß sich viele nicht trauen, zuzugeben, daß sie der Arbeiterschaft angehören und von dort herkommen. Das ist das einzige, was ich zu diesem Thema zu sagen habe, letztlich.

Ein anderes Thema. Wie sind Sie mit Rainer Werner Faßbinder in Kontakt gekommen?

In einem Lokal. Ich hab mit seinem Freund und Mitarbeiter Harry Baer in einem Tatort gespielt, der Faßbinder hat zur selben Zeit und ebenfalls in Berlin in dem Film Kamikaze 1989 mitgespielt. Wir haben beide damals zufällig im selben Berliner Lokal verkehrt, in der »Paris Bar«. Auf dem einen Tisch ist die eine Produktion gesessen, auf dem anderen Tisch die andere. Die Leute, mit denen ich zusammen gesessen bin, die sind langsam abgebröckelt, die waren müde — wie das halt so ist mit den Deutschen, kein Durchhaltevermögen in der Nacht. Als Wirt hab ich natürlich ein Durchhaltevermögen. Harry Baer hat sich dann zum Faßbinder gesetzt, ich bin allein gesessen, und daraufhin wurde gesagt: Willst du dich zu uns setzen? In Ordnung, und irgendwann hat der Faßbinder zum Harry Baer gesagt: Der ist es! Der spielt es! Und ich hab gesagt: Unbedingt! Aber bitte was? Und der Faßbinder hat geantwortet: Querelle!

Die Planung war am Anfang so: daß ich den Querelle spiele und der Harry Baer den Robert. Ich hätte sollen die Hauptrolle spielen. Ich behaupte auch jetzt, daß ich die Hauptrolle spiele und der Brad Davis nur die Titelrolle. Das ist auch das, was der Faßbinder immer gesagt hat. Und dann ist der Faßbinder auf die Idee gekommen, daß ich zwei Rollen spiele. Und weil Sie mich vorher gefragt haben, was so schön ist an der Rolle: nicht der Robert ist die schöne Rolle, das Schöne ist, daß es zwei Rollen sind.

Wie macht man das, wenn man 2 Rollen in einem Film spielt?

Irgendwann steht man vor der Entscheidung: wie spiel ich die beiden Rollen? Setzt man sie ab? Setzt man sie nicht ab! Outrier ich in der einen? Mache ich einen extrem anderen Gang? Jetzt, wo ich den fertigen Film gesehn hab, weiß ich, daß meine Überlegung richtig war. I hätt mir auch können an Schas eintretn.

Ich bin draufkommen, daß Leut, die mich nicht kennen, am Anfang gar nicht merken, daß es ein und derselbe Darsteller ist.

Die Barbara Valentin, die hat mit mir den Film auf Kassette gesehen und hat mich irgendwann einmal gefragt: Wer ist denn das? Und das war für mich eigentlich ein gutes Zeichen.

Das ist eine Entscheidung. Und die kostet schlaflose Nächte, weil diese Entscheidung ist dann nicht mehr rückgängig zu machen.

Hat der Herr Regisseur nicht auch ein Wort mitgesprochen?

Aber zuerst muß ich es anbieten! Faßbinder hat mich nicht korrigiert. Und nach ein paar Tagen oder drei Wochen hat er gesagt: Das ist ein Traum, wie du das machst! Wie der Drehplan halt so ist, spielt man am Vormittag den einen und am Nachmittag den andern. Wie wir wissen, ist es ja keineswegs so, daß ein Film kontinuierlich gedreht wird. Da wirst du am Tag dreimal umgeschminkt, und da mußt du auch umdenken. Das reißt dich auseinander.

Sie baben unter Faßbinder gearbeitet. Sind Sie jetzt mit den österreichischen Regisseuren unzufrieden?

Ich bin mit dem Herrn Patzak sehr zufrieden, und ich glaube, daß ich mit dem Patzak gute Leistungen vollbracht habe. Mit dem Herrn Novotny habe ich auch gute Leistungen gebracht; nur, ich bin nicht so restlos zufrieden.

Die österreichischen Regisseure leben in Österreich in einer filmischen Sahelzohne; aber der Faßbinder hat nicht in der Sahelzone gelebt, sondern auf einer blühenden Wiese. Der war in der Lage, einen Film nach dem anderen zu machen. Ich glaube nicht, daß der Herr Patzak oder der Herr Novotny schlecht sind — nur die Bedingungen, unter denen sie arbeiten, sind schlechter. Und ich arbeite unter denselben Bedingungen. Daher sitzen der Herr Novotny, der Herr Patzak und ich in demselben Boot. Der einzige Unterschied ist, daß wir zwar im gleichen Boot sitzen — aber ich rudere!

Rudern kann bedeuten: steuern. Es kann aber auch bedeuten: Schwerarbeit leisten.

Es bedeutet Schwerarbeit. Einer rudert, der andere steuert. Und ich rudere. Ich kann es Ihnen genau erklären. Ich rudere, schweißüberströmt. Der Herr Novotny steht hinter dem Boot, fährt Wasserski, mit einer kleinen Badehose, damit er recht braun wird, eingesalbt mit Piz Buin ... Ich will das jetzt gar nicht so bewerten. Auf keinen Fall negativ ... es stimmt schon, wir sitzen alle im gleichen Boot, nur eben verschieden.

Bedeutet Querelle für Sie den Anfang einer ganz großen Karriere?

Glaube ich nicht. Wenn Faßbinder nicht gestorben wäre, dann hätte ich mindestens 3, sicher sogar 4 Filme mit dem Herrn Faßbinder gemacht. Einen einzigen Faßbinder-Film, den kann man wegwischen. Aber 4 Faßbinder-Filme ... Ich wäre ein Faßbinder-Schauspieler geworden.

Abgesehen vom Renommée: wäre es für Sie auch persönlich und künstlerisch befriedigend gewesen, mit Faßbinder weiterzuarbeiten?

Ich habe mit Faßbinder privat kaum Kontakt gehabt. Aber man konnte mit ihm gut arbeiten. Was der Patzak mit dem Faßbinder gemeinsam hat: die Kontinuität in der Arbeit! Wenn man die Kontinuität in der Arbeit hat, kann man auch ein gutes Team aufbauen. Wenn man selten Filme macht, wenn man nicht die Möglichkeiten hat, kann man unmöglich ein gutes Team aufbauen. Unter einem guten Team verstehe ich jetzt nicht nur, daß man einen guten Maskenbildner hat und einen guten Architekten. Ganz wichtig beim Film ist, daß sich der gute Maskenbildner mit dem guten Architekten gut verträgt. Es ist vielleicht sogar für ein Team besser, daß man einen schlechteren Maskenbildner nimmt, der aber mit dem Ausstatter gut auskommt und dadurch bessere Leistungen bringt. Ein guter Maskenbildner kann unter Umständen schlechter sein, weil er Spannungen erzeugt.

Und wie haben Sie sich in das Faßbinder-Team eingefügt?

Ich bin an sich ein Mensch, der sich gut einfügen kann, wenn ich mich einfügen will, und wenn ich merke, daß es sich lohnt. Weil der Faßbinder diesen Namen hat, den unsere Regisseure nicht haben, konnte er sich wirklich gute Leute aussuchen, die wirklich am Medium interessiert sind. Es ist eine der größten Enttäuschungen, die ich beim Film erlebt habe, daß Leute zum Film gehen, weil es a guate Hockn is, in kurzer Zeit viel verdient! Die gehen deshalb zum Film, weil sie viel verdienen, aber pragmatisiert wollen sie auch noch sein. Sie wollen die Vorteile des Freiberuflichen haben, führen sich aber auf wie pragmatisierte Beamte. Die haben nur ein Interesse: Geld zu verdienen und möglichst schnell heimzukommen, zum Heurigen undsoweiter ... Und das hat es beim Faßbinder nicht gegeben! Das waren Fanatiker, die haben fanatisch gearbeitet, und i steh auf des. Ich will das nicht regional ansiedeln, aber es gibt in Österreich Leute, wo ich mich frage: Wieso sind die beim Film und nicht bei der Bundesbahn?

Ich verstehe bestens einen Streckenwärter in Oberpullendorf, der hat 4 Ziegen, ein kleines Streckenhäusl, jeden dritten Tag kommt ein Zug durch — das ist ein wunderschönes Leben. Dieser Mensch hat seinen Platz gefunden. Aber er soll nicht zum Film! Wenn einer zum Film geht, dann muß er wissen, was ihn erwartet. Ich will Film-Eiger-Nordwand! Abenteuer! Das letzte Abenteuer, das man in unsere Breiten noch erleben kann ...

Ahnen die Deutschen etwas vom österreichischen Film?

Sie ahnen schon etwas. Aber die Deutschen haben überhaupt wenig Ahnung. Freilich, der Faßbinder hat jeden österreichischen Film gekannt. Der wußte ganz genau Bescheid zum Beispiel über Patzak, das hat er mir auch gesagt. Es gibt einen Patzak-Film, der mir eher schlecht gefallen hat, Santa Lucia — und der hat dem Faßbinder sehr gut gefallen. Nur hat er so getan, als ob er nicht gewußt hätte, daß ich in dem Film mitgespielt habe.

Ich glaube, daß der österreichische Film auf jeden Fall besser ist als viele deutsche Filme. Nur, der österreichische Film kommt in erster Linie aus Wien, im Wiener Dialekt, und die Deutschen verstehen das nicht. Und die Deutschen haben ja die Vorstellung, die Wiener sind nicht ernstzunehmen, das ist Balkan. Es stimmt, daß Wien Balkan ist. Das ist aber der Fehler der Wiener, daß sie die Qualität des Balkans nicht erkennen und immer auf Hamburg spielen wollen. Die Wiener sind die Indianer Mitteleuropas.

Und wovor hat Hanno Pöschl Angst?

Vorm Versagen; daß er die Sache nicht bewältigt. Eine Kamera erzeugt Angst. Wenn ich heute als Verkäufer einen Fehler mache, dann kommt ein Kunde nicht mehr. Wenn ich als Schauspieler einen Fehler mache, dann kommen gleich dreitausend nimmer. Daß man sich selbst nicht genügt. Je höher man steigt, desto höher ist die Anforderung. Keiner von den Zuschauern im Burgtheater hat ein Gewehr bei sich und schießt auf einen Schauspieler, wenn er einen Texthänger hat. Und trotzdem scheißt er sich an vor Angst. Ich muß mich berichtigen: die Burgschauspieler scheißen sich nicht an vor Angst, die scheißen sich nämlich um gar nichts mehr.

Bei diesem WM-Match in Spanien zwischen Deutschland und Österreich wurde soviel geschrieben: „Das ist ein Skandal!“ und so weiter. Dieses Spiel hat mir hervorragend gefallen. Dieses Spiel hat ganz einfach gezeigt, worum es geht: ums Geschäft. Die wollten aufsteigen und die wollten aufsteigen. Und das Publikum?

Wo ist das Publikum? Die Schauspieler, die Künstler haben den Kontakt zum Publikum längst verloren. Warum nicht auch die Sportler? Man sagt ja auch: Ballkünstler! Da darf doch ein Ballkünstler auch den Kontakt zum Publikum verlieren. Warum nur die bildenden oder die darstellenden Künstler? Warum nicht auch die Ballkünstler? Und die Journalisten, die über die Moral dieses Spiels geschrieben haben, die leben ja von dieser Unmoral. Die schreiben ja Doppelzeilenhonorar aufgrund dieses Spiels!

Und welchen Kontakt zum Publikum hat der Filmschauspieler Hanno Pöschl?

Wenn ich einen direkten Kontakt zum Publikum brauche, dann gehe ich servieren. Das ist ein ehrlicher Kontakt zum Publikum. Es ist wieder die Parallele zwischen Gastronomie und Schauspielerei. So wie ich die Gastronomie und den Kellnerberuf sehe — das ist ein Auftritt! Das ist eine Talk Show! Jeden Tag live, aber über 8 Stunden. Manchmal gelingt es mir, und manchmal gelingt es mir nicht.

Das Kleine Café ist also sozusagen eine Bühne?

Na sicher. Da bin ich Regisseur, Tonmann, Beleuchter, Bühnenarbeiter, Requisiteur in einem. Und natürlich auch Hauptdarsteller!

Kleines Café
Bühne · Hermann Czech · Heidi Heide

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1983
, Seite 28
Autor/inn/en:

Friedrich Geyrhofer:

Geboren am 03.09.1943 in Wien, gestorben am 16.07.2014 ebenda, studierte Jus an der Wiener Universität, war Schriftsteller und Publizist sowie ständiger Mitarbeiter des FORVM.

Hanno Pöschl:

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