FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1991 » No. 448-450
Richard Christ

Auf Safari in Deutsch-Ost

Oder Das Ossi-Syndrom

Der politische Witz profitiert allemal von nationalen Talfahrten, er verkümmert im Aufwind des Wohlstandes. In den neuen deutschen Bundesländern, die noch vor Jahresfrist DDR hießen, fragt man heute in bitterer Selbsterkenntnis: Was ist der Unterschied zwischen Ossi und Terrorist? Antwort: Der Terrorist hat Sympathisanten ...

Delogierung. Holzschnitt von O. R. Schatz
in: Upton Sinclair, Co-op, siehe Wilfried Daim, vorne im Heft, S. 13 f.

Die Ostdeutschen sind aus ihrem Wendetraum jäh in die platte Wirklichkeit abgestürzt. Sie fühlen sich verkauft, verkohlt. Der Stimmungsumschwung erfolgte innerhalb weniger Monate. Am deutlichsten ist er vernehmbar in seinen akustischen Äußerungen. Das frenetisch-rythmische Helmut-Helmut-Gebrüll herbstlicher Wahlkundgebungen ist verstummt, die Verheißer raschen und gesicherten Wohlstandes sind als Ignoranten oder Lügner entlarvt. Wiederum sammelt sich viel Volk in den Gassen von Leipzig und anderen ostdeutschen Städten und skandiert, schlecht gereimt zwar, doch treffend pointiert: Kohl und de Maizière — so schnell kam die Misere ... Schon mischen sich Stimmen unter, die nachfragen, warum der übergewichtige Kanzler österreichische Seekulisse zum Abspecken braucht, ob nicht besser wäre, er verbringe seinen Urlaub in den neuerworbenen Ländern, um sich im Augenschein des Abgrundes zwischen Versprechen und Erfüllung die überzähligen Kilo abzuhärmen, budgetiert mit dem durchschnittlichen Arbeitslosengeld.

Kohl ist der wiederholten Forderung, sich seinen enttäuschten Leipziger Anhängern im immer matter schlagenden Herzen der sterbenden Messe- und Heldenstadt zu stellen, bis jetzt ausgewichen. Schlau meidet er das ehedem rote Sachsen und setzte stattdessen einen Test im schwärzlichen Thüringen an. Selbst dort, mit gefrorenem Lächeln prominierend zwischen Erfurts ehrwührdiger Sakralarchitektur, mußte er um seinen feinen Überzieher fürchten wegen gezielt geworfener Eier, während der Chor seiner Heilrufer, einst eine Armee, auf Kompagniestärke geschrumpft ist. Herbst des Patriarchen, ein deutsches Politikerschicksal? Auch dies, vor allem aber die Tragödie von sechzehn Millionen Angeschlossenen, die mehrheitlich nicht mehr die Hand vor den Mund halten, wenn sie ihren derzeitigen Status beschreiben als Konsumenten im kolonialen Neuerwerb eines reichen Mutterlandes.

Was ist geschehen, seit die Gnade von westlicher Währung und westlicher Lebensart sich herabsenkte auf jene, die ihr Land im Osten partout nicht im Stich lassen wollten? Eine Safari durch die fünf neuen Bundesländer und Berlin-Ost führt zuverlässig in die chaotische Realität des Absurden. Dieses Gebiet wurde ja bereits vor dem Anschluß im vergangenen Juli zur unwiderstehlichen Versuchung für eine überproduzierende westliche Wirtschaft. Welcher Industrie widerfährt schon das Wunder eines nach Waren und Dienstleistungen aller Art gierenden neuen Absatzmarktes, auf dem es keinerlei Konkurrenz gibt? Westdeutsche Warenhausketten verzigfachten ihren Umsatz, Versandhäuser arbeiteten im Drei-Schicht-Rythmus, Firmen steigerten die Produktion. Die Käufer in Deutsch-Ost stürzten sich in Überschätzung der tatsächlichen Kaufkraft ihrer pauschal umgetauschten viertausend Mark auf Unterhaltungselektronik, Gebrauchtwagen, Möbel, Reisebüroangebote. Viele erwarben auf Kredit, was sie als Grundausstattung des ihnen zugesprochenen Wohlstands für unerläßlich hielten; im Kaufrausch vergaßen sie vor dem Unterschreiben das Kleingedruckte zu lesen.

Inzwischen ist das Bargeld versiegt. Die Verdienstmöglichkeiten schrumpfen. Die Arbeitslosigkeit nimmt zu. „Treffen sich zwei Ossis auf Arbeit ...“, so beginnt — und endet der neueste Witz. Man trifft sich auf dem Arbeitsamt. Sachverständige rechnen mit drei Millionen Beschäftigungslosen im heurigen Sommer. Drei Millionen! Das trifft etwa jeden Dritten im erwerbsfähigen Alter. Damit verglichen ist die Weltwirtschaftskrise der ausgehenden Zwanziger, von unseren Eltern als die schwärzeste Phase ihres Lebens erinnert, nicht viel mehr als die saisonale Schwankung einer ansonsten intakten Wirtschaft.

Ökonomisch stand die ehemalige DDR knapp vor dem Zusammenbruch, daran wird außer ihrem Totengräber, dem demnächst vor Gericht zu erwartenden Politbüromitglied Mittag und einigen seiner ministeriellen und akademischen Mittäter niemand zweifeln. Wirtschaftliche Prinzipien wurden, zugunsten des politischen Schauwertes, durch ideologische ersetzt, bedarfsgerechte Produktion zu kostendeckenden Preisen durch eine unsinnige Subventionierung von Waren und Dienstleistungen, statt Innovation Agitation, Initiative durch zentralistische Planung gelähmt, Unternehmertum durch Bürokratie erdrosselt. Zum Unerklärlichen des ersten wie letzten Arbeiter-und-Bauern-Staates auf deutschem Boden wird gehören, daß ebendiese Arbeiter und Bauern über Jahrzehnte es hingenommen haben, daß ihnen hohe Leistungen und Produkte von Exportqualität abgefordert wurden, während ihnen selbst nur mindere Qualität oder Fehlerserien aus zurückgewiesenem Export angeboten wurden. Es erklärt allerdings die ungebremste Kaufgier, die einem Nachholbedarf aus vierzig Mangeljahren entsprach.

Immerhin, die Ex-DDR verfügte über eine industrielle und landwirtschaftliche Kapazität, die zumal im Vergleich mit anderen Ostblockländern ein beträchtliches Ausmaß hatte. Dazu über einen ordentlich ausgebildeten Stamm von Facharbeitern. Es gab Kombinate, die auf einem hinreichend dicken Auftragspolster saßen. Es gab eine ansehnliche Handels- und Fischfangflotte, einen leistungsfähigen Hafen, eine Luftfahrtgesellschaft mit Liniendienst nach Fernost, Südostasien, in die Karibik. Es gab die Selbstversorgung mit Grundnahrungsmitteln durch eine einigermaßen krisenfeste Landwirtschaft, es gab ein ausbaufähiges System der Sekundärrohstoff-Erfassung, es gab das, wenn auch unbefriedigend funktionierende, aber konzeptionell vernünftige System der Polikliniken innerhalb einer verstaatlichten Gesundheitsfürsorge. Es gab so manches, was sich bewährt hatte.

Die besonneneren Köpfe unter den Reformvätern und Wendemüttern versuchten es einzubringen in einen Staatenbund, zu erhalten, zu modernisieren, rentabler und damit konkurrenzfähig zu machen. Nichts von allem wird nun bleiben. Der Anschluß hat der Ostwirtschaft den Fangstoß gegeben.

Einer Holding, wie es sie weltweit nie größer gegeben hat, ist der Großteil des Volksvermögens übergeben worden zur Privatisierung. Die Bezeichnung „Treuhand“ entlarvte sich bald nach ihrem Amtsantritt als zynischer Euphemismus; die Gesellschaft privatisiert nach dem Filetierverfahren, indem sie die Schmankerln heraustrennt und abstößt „für’n Appel und’n Ei“, berlinisch gesagt, während der Rest verschrottet wird. Achttausend Unternehmen in Liquidation, gerade eben feilgeboten auf der Leipziger, dann auf der Hannover-Messe wie sauer Bier. Da das ehemals west- und nun großdeutsche Reich dominiert wird wie der west- und nun großdeutsche Kanzler von seiner idée fixe einer Bismarck-Nachfolge, ist zusätzliche Unsicherheit und Unlust entstanden bei potentiellen Käufern und Investoren, die ihr Geld nicht eben dort anlegen möchten, wo sich alsbald Besitzer melden könnten, um Uraltansprüche einzuklagen auf Grund und Boden oder zwangsenteignete Firmen. So werden immer mehr Unternehmen, denen die belebenden Finanzspritzen fehlen, zur Konkursmasse des verendeten Staates geschlagen, und mit jedem neuen Offenbarungseid wächst das Arbeitslosenheer.

Wer heute über den Berliner Alexanderplatz geht, kann Fleisch- und Wurstwaren, Eier, Gemüse, Blumen, Milchprodukte, Backwaren, Honig aus landeseigener Produktion zu niedrigeren Preisen kaufen als in den meisten Warenhäusern, aus deren Regalen diese Produkte längst herausgeflogen sind. Eingeflogen werden dafür Äpfel aus Taiwan, Butter aus Dänemark, Blumen aus Holland, Bier aus Bayern (ausgerechnet in die Brauerei- und Biertrinkerstadt Berlin), Gemüse vom Bodensee. Bodenständige Erzeugnisse werden niederkonkurriert. Man will den Osten als Markt, nicht als Mitbewerber in einer freien Marktwirtschaft, was freilich nicht sehr lange funktionieren kann, weil Geldausgeben Geldverdienen voraussetzt.

Bei der Arbeit der Teuhand-Gesellschaft, in der sich, wie zu hören ist, viele Spitzenfunktionäre aus Mittags Mannschaft ihre neuen Sporen verdienen und sich kräftig in Korruption üben, ist eine grundsätzliche Frage völlig unters Eis geraten. Ich erinnere mich gut, wie noch vor Jahresfrist von offiziösen Quellen geschätzt wurde, daß bei Privatisierung aller als volkseigen bezeichneten Anlagen, Liegenschaften usw. jedem Einwohner des Landes etwa dreißigtausend Mark gutgebracht werden sollten. Wer bereicherte sich jetzt auf Kosten derer, die das Staatsvermögen erwirtschaftet haben? In den Ost-Ländern ist, entgegen dem arroganten Urteil vieler Wirtschaftswunderkinder, hart gearbeitet worden. Eine Privilegiertenschicht abgerechnet, hat niemand von seiner Arbeit profitieren können. Spareinlagen und Besitzstand der arbeitenden Klasse blieben unerheblich, nicht vergleichbar dem, was Familie Westdeutscher in vierzig Jahren Marktwirtschaft aufs Konto brachte. Nun steht am Beginn der Umwandlung einer Parteidiktatur in eine Demokratie ein grandioser Volksbetrug — ironischerweise vollzogen von einer Gesellschaft, die das Recht auf Eigentum zur heiligen Kuh gemacht hat. Natürlich wäre es kindisch zu glauben, mit der Beseitigung etwa der Treuhand würde ökonomische Gerechtigkeit einziehen, gar die ostdeutsche Wirtschaft gerettet werden. Der ermordete Manager Rohwedder war ja nicht der Erfinder der Liquidationspolitik, nur ein Instrument in der Hand jener Bonner Chirurgen, die einem auf den Tod geschwächten Patienten die noch gesunden Gliedmaßen amputieren und die eigentlichen Krankheitsherde geflissentlich übersehn.

Die Stimmung in Deutsch-Ost ist gereizt. Die Arbeitslosen in den Warteschlangen diskutieren eine bestürzend neue Erfahrung — den Fluch ihres Alters, das ihnen — vierzig als obere Grenze — die Aussicht auf einen Job verdirbt. Sie erkennen jetzt, was der Mensch wert ist: nicht mehr als in den vierzig Jahren davor. Und das Vokabular der lingua quattuori imperii ist in seiner menschenverachtenden Kälte den vorhergegangenen Reichen verdächtig nah. Ein Betrieb wird „abgewickelt“, auch die Beschäftigten werden „abgewickelt“, vorher werden sie auf „Kurzarbeit null“ gesetzt (sind also praktisch schon arbeitslos), dann in die „Warteschleife“ verwiesen (die Betroffenen nennen es „Warteschlinge“, eine Metapher von kafkaesker Grausamkeit). Eventuell haben sie die Möglichkeit einer „ABM“, einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, also einer befristeten Übergangsbeschäftigung in einer fremden Branche. Am Ende steht der Antrag auf Arbeitslosenunterstützung und danach auf Sozialhilfe. Selbständige sind ein Sonderfall, bislang erhalten sie weder das eine noch das andere, und im Fall der Erwerbsunfähigkeit in den ersten sechs Wochen kein Krankengeld.

Die Massenarbeitslosigkeit hat verschiedene Begleitumstände. Es entsteht, besonders unter Jugendlichen, die ohne Lehrstellen bleiben oder ihre Ausbildung abbrechen müssen, ein Gewaltpotential, das politisch eher von rechts als von links reklamiert wird. Eine andere Begleiterscheinung ist die, man könnte sagen Unsicherheit im Umgang mit der Arbeitslosigkeit aus Mangel an Erfahrung. Die Theorien von den allgemeinen und den zyklischen Krisen waren jedermann aus marxistischen Lehrbüchern, Partei- und Gewerkschaftsschulen geläufig, aber jeder hatte gedacht: Betrifft mich nicht. Die Verfassung der DDR garantierte das Recht auf Arbeit (ein Paragraph, den wohl nicht nur Deutsch-Ost gern in einer gesamtdeutschen Konstitution gesehen hätte; was sich hingegen abzeichnet, ist allenfalls eine Grundgesetzänderung, die das Recht garantiert, an Kriegen in aller Welt mitzuwirken — wenigstens in diesem Falle wäre Deutsch-Ost einmal nicht benachteiligt).

Die jahrzehntelange Gewißheit eines gesicherten Arbeitsplatzes (in manchen Bereichen bedeutete das allerdings verdeckte Arbeitslosigkeit) erschwert nun die Umstellung auf eine gänzlich neue Lebensform, die des Nichtstuns. Unter meinen Freunden und Bekannten sind die meisten schon seit Monaten ohne Arbeit. Übereinstimmend bezeugen sie, daß ihnen am meisten zu schaffen macht, von niemanden mehr gebraucht, gefordert, wenigstens um Rat gefragt zu werden. Ein Freund, lange in einem nun „abgewickelten“ Ministerium beschäftigt, sagt: Wenn ich morgens aufstehe, sehne ich den Abend herbei, weil mein Tag keinen Inhalt hat. Eine Freundin bekennt: Als ich in die Warteschleife kam, freute ich mich auf zwei Jahre bezahlte Freizeit — endlich Gelegenheit, alles nachzuholen, was jahrelang aufgeschoben wurde. Schon nach einem Vierteljahr merke ich, daß mir daheim die Decke auf den Kopf fällt und ich zu nichts mehr Lust habe.

Für die Nischengesellschaft des real existierenden Sozialismus war ein Witzwort kennzeichnend: Die Arbeit ist der Hauptfeind der trinkenden Klasse. In Umkehrung läßt sich heute sagen, das Trinken ist zum Trost der nichtarbeitenden Klasse geworden. Die Kriminalität ist beträchtlich gestiegen, die psychischen Verheerungen sind unabsehbar. Man muß dabei berücksichtigen, daß sowohl die ambulante wie die klinische Behandlung von seelischen Erkrankungen in der ex-DDR geradezu dilettantisch erfolgte, um Jahrzehnte entfernt vom wissenschaftlichen Standard westlicher Länder. Kein Wunder übrigens, denn Freud galt als bourgeoise idealistische Erscheinung, dessen Erkentnisse in einer materialistich orientierten Seelenlehre nichts verloren hatten, sowenig wie die seiner Schüler. Entsprechend ist das psychiatrische Gesundheitswesen in Deutsch-Ost einem Massenansturm kaum gewachsen, was wiederum mitursächlich sein dürfte für eine Suizidkurve, die seit vergangenen Winter erheblich steigt und Deutsch-Ost an die Spitze der Selbstmörder-Länder aufrücken ließ.

Auch bei jenen Glücklichen, die noch in Lohn und Brot stehen, machen sich Belastungen bemerkbar, die in ihrer Bündelung ebenfalls zu psychiatrischen Diagnosen führen. Es entsteht eine Art Minderwertigkeitskomplex, das Ossi-Syndrom. Jeder, der sich auf Safari durch Deutsch-Ost begibt, kann es testen.

Eine der Hauptursachen ist die ungleiche Entlohnung gleicher Leistungen. Der Müllkutscher in Halle verdient etwa ein Drittel dessen, was sein Kollege in Düsseldorf verdient. Ein Arzt in einer Klinik in Berlin-Ost hat soviel wie die Krankenschwester in Berlin-West. Der Bürgermeister einer östlichen Kommune erhält weniger als der einer westlichen. Erklärt sich aber ein Beamter aus den Altbundesländern bereit zum Einsatz in Deutsch-Ost, erhält er zu seinen vollen Bezügen eine Zulage, die ihn für den Aufenthalt in der Barbarei entschädigt. Die Polizei-Doppelstreifen im nun vereinten Berlin bestehen aus je einem West- und Ost-Ordnungshüter, soweit sie im Ostteil eingesetzt sind. Der östliche ist erkennbar an seiner Volkspolizistenuniform und -ausrüstung und an seiner Verdrossenheit, daß er weniger Löhnung hat als der Kamerad neben ihm. Nicht anders der Eisenbahner, der Postler. Im Augenblick gibt es meines Wissens keine Berufsgruppen mit gleichen Bezügen in Ost und West. Aber: Alle Steuern und Abgaben sind in Ost und West gleich. Wo noch Unterschiede sind, gleicht sich der Osten dem Westen an durch Erhöhung der Kosten für Energie, Wasser, Abwasser, Rundfunk und Fernsehen, Post. Gebühren für Ferngespräche waren im Osten bisher höher als im Westen.

Es macht einen Unterschied, ob ich die fixen Lebenshaltungskosten von einem Monatseinkommen von tausend oder von dreitausend Mark bezahle. Viele der Wenigverdienenden in Deutsch-Ost kehren deshalb der Heimat den Rücken, um sich durch diesen nun endlich legalen Schritt aus einem Ossi in einen Wessi, einem zweitklassigen in einen vollwertigen Bürger umzuwandeln. Der Thüringer zieht nach Hessen, der Anhaltiner nach Württemberg, der Ostberliner nach Berlin-West, um für gleiche Arbeit mehr Lohn zu erhalten. Deutsch-Ost ist in Gefahr, seine leistungsfähige junge und mittlere Generation zu verlieren, es blutet langsam aus, wenn das Lohngefälle so bleibt. Seit einigen Monaten steigt die Zahl der Auswanderer wieder an, und also wird bald auch die Zahl der Arbeitslosen in den alten Bundesländern entsprechend ansteigen.

Das niederdrückende Bewußtsein, Billigarbeiter in einem Billiglohnland zu sein, wird flankiert von anderen bedrückenden Umständen. Instanzen, die selten personifiziert in Erscheinung treten, sondern wie Kafkas Gerichte hinter verschlossenen Türen tagen, entscheiden darüber, wer noch oder wieder Lehrer, Beamter, Richter, Dozent sein darf. Die Abhängigkeit und Bevormundung zehrt am Selbstwertgefühl der Ossis auch deshalb, weil sie ihre eigene Vergangenheit lieber selbst aufgearbeitet und sich mit Stalinisten und Stasipersonal auseinandergesetzt hätten. Es grämt sie zumal, daß jener Teil der Nation, der weiß Globke nicht davon reden kann, seine faschistische Vergangenheit aufgearbeitet zu haben, jetzt selbstherrlich über die realsozialistische Vergangenheit des Nachbarn zu Gericht sitzt.

In Deutsch-Ost zu leben bedeutet die Einstufung als Bundesbürger zweiter Klasse. Alle sind vor dem Gesetz gleich, aber die einen sind vor dem Gesetz nicht nur ein bißchen gleicher, sondern auch ein wenig reicher. Wenn Ossis aufbegehren, werden sie gefeuert, genug Arbeitssuchende stehen vor der Tür. Die Ordinationen der Ärzte, auch die Kureinrichtungen waren in den letzten Monaten ungewohnt leer — niemand wollte signalisieren, daß er womöglich keine vollwertige Arbeitskraft darstellt. Überheblichkeit, vom Ausland oft als ein Hauptcharakterzug der Deutschen angemahnt, wendet sich jetzt gegen die eigenen Landsleute: Lernt ihr da drüben erst mal richtig arbeiten! Die Antwort auf die brutal unsolidarische Anmaßung schwebte kürzlich auf einem Transparent über den Köpfen demonstrierender Arbeitsloser: Anpacken gern — aber wo?

Die Vokabel von der kolonialherrlichen Arroganz, ich muß das betonen, habe ich zum erstenmal aus der Feder eines westdeutschen Kritikers gelesen. Und es war kein Politiker aus Pankow, sondern aus Bonn, der die eingetretene Sachlage nach dem zusammengehudelten Einigungsvertrag eindeutig ins Bild gesetzt hat: Hätte der Osten gesiegt, gälte jetzt sein Recht auch am Rhein. So aber ... Fatal nur, daß sich Deutsch-Ost im westlichen Recht, das über Nacht gesiegt hat, nicht auskennt. Eine halbe Nation tappt durch die terra inkognita eines Paragraphendschungels, kennt weder seine Pflichten noch seine Rechte und zahlt bei beidem kräftig drauf.

Obdachlose. Holzschnitt von O. R. Schatz
in: Upton Sinclair, Co-op, siehe Wilfried Daim, vorne im Heft, S. 13 f.

Ossi steht zu Wessi in einem merkwürdig ambivalenten Verhältnis. Einerseits bewundert er ihn wegen seiner Sicherheit der Beherrschung marktwirtschaftlicher Erfordernisse, beneidet ihn um die auskennerische Cleverness, mit der jede Chance wahrgenommen und genutzt wird. Andererseits keimt in ihm ein Gefühl nicht unähnlich dem Haß für einen Bruder, der seine Überlegenheit allzu ungehemmt durch Herrnallüren erkennen läßt. Ossi möchte dem Wessi gern abgucken, wie er sich räuspert und wie er spuckt. Es wurmt ihn, daß er an vielem noch als Bewohner von Deutsch-Ost erkennbar ist. Er hat einen blauen Ausweis statt eines roten und statt eines grünen Reisepasses einen blauen. Er ist erkennbar an seinem verrosteten Auto noch eher als an dessen Ost-Kennzeichen. Er fühlt sich stigmatisiert durch seine Parkettunsicherheit und Weltunerfahrenheit, an seinen Kontaktschwierigkeiten. Man redet auf ihn ein, er müsse in Harry’s Bar unbedingt unten sitzen und das Quartier Latin dem Montmartre vorziehen und kenne nichts von Ägypten, wenn er nicht beim Zefirion in Abukir Muscheln gegessen habe — und er wagt nicht zu fragen, wo denn das alles sein soll. Vierzig Jahre Isolation haben ihn zum Hinterwäldler mutieren lassen, ein Bankomat wird ihm zur Mutprobe, jeder Schaltergang in den neuen Ämtern zur Zitterpartie. Wer diese Zustandsbeschreibung für übertrieben hält, sei erinnert an die bewegende Klage eines Bundestagsabgeordneten aus Deutsch-Ost, der es immerhin zum Minister gebracht hat, aber hinnehmen muß, daß man über seinen Nadelstreif unverhohlen grinst, so wie man einst über den Neger-GI grinste, der sich auf dem Oktoberfest unerkennbar machen wollte, indem er eine Krachlederne anzog.

Die Belustigung über Ossis Kleiderordnung wäre noch das Harmloseste. Doch die Abgeordneten aus Deutsch-Ost sind ebenso verunsichert über die Verhöhnung ihrer Dienstbeflissenheit, den parlamentarischen Ernst, die Zuhör-Disziplin, ihre vom Blatt gestotterten Reden. Erst im Laufe einer Legislaturperiode wird ihnen vielleicht aufgehen, daß auch der Anzug von Boss und das kleine Schwarze von Lagerfeld ihnen nicht das Mißtrauen vom Leibe halten wird, das Newcomer trifft, wenn sie das eingeübte und hochdotierte Rollenspiel stören.

Dem Ausländer muß dieses Deutschland in seiner wiedervereinigten Form wie ein temporäres Irrenhaus vorkommen. Reist er mit dem Auto in die Altbundesländer ein, darf er ein bißchen Alkohol im Blut haben. Passiert er die Landesgrenzen zu Deutsch-Ost, kann ihn die Polizei stellen, weil null Promille Vorschrift sind. Wiederum kann aber geschehen, daß der Polizist verzichtet, ihn zur Kasse zu bitten, weil er nicht über Strafzettel verfügt. Durch Berlin-Ost darf unser Gast fahren mit null Komma fünf Promille, in West mit null Komma acht. Das alles bei uneinheitlichen Verkehrszeichen; Abbiegepfeile wurden in Berlin-Ost demontiert und dannach wieder installiert, aber nur zum Teil. Straßen werden nach Gutdünken umbenannt. Ich weiß nicht, ob die Karl-Marx-Allee in Berlin-Ost schon ihren Namen getauscht hat, bin aber sicher, daß Karl-Marx-Straße und Karl-Marx-Platz in Westberlin keine Namensänderung erfahren werden. Frau Ossi wird fein darauf achten, daß sie Deutsch-Ost nicht verläßt, falls sie einen Schwangerschaftsabbruch vorhat, während Frau Wessi bei gleicher Indikation auf die Diskretion der Mediziner in Deutsch-Ost vertrauen muß, weil sie sonst bei der Rückkehr in ihre angestammte Demokratie ein bißchen eingesperrt werden könnte. Allerdings wird eine Grundgesetzänderung wohl bald dafür sorgen, daß auch Frau Ossi Anspruch auf eine Gefängniszelle hat. Was sie dagegen nicht beanspruchen darf, ist eine Krankenbehandlung im Westen, falls diese auch im Osten erfolgen könnte, während Westpatienten in Osteinrichtungen anstandslos behandelt werden; beide sind aber Mitglieder ein und derselben Krankenkasse. Wo sonst auf der Welt gäbe es auf einer Safari so seltsame Böcke zu schießen? Wo fände sich ein Land, das auf seine Hauptstadt verzichtet, die es vorher zum Symbol eines jahrzehntelangen Vereinigungsbestrebens gemacht hat? Auch dies übrigens ein Verhalten, das Deutsch-Ost zutiefst kränken muß: ihm ein niederrheinisches Krähwinkel als Regierungssitz zuzumuten.

Zur Daunenfeder, die der Last des Ostdeutschen Kamels noch fehlt, es zusammenbrechen zu lassen, könnten die Steuererhöhungen werden, die für den Sommer angekündigt sind. Die Budgets sind aufs äußerste belastet. Für manche Familien kann der Fünfzigmarkschein, der zu Weigel statt zu Wertheim wandert, eine Existenzkrise auslösen. Beinah schwerer wiegen die moralischen Qualitäten des Vorgangs. Kohl und seine Wahlhelfer aus Deutsch-Ost, voran de Maizière alias Czerni, haben große Bogen gespuckt: Niemandem wird es nach der Vereinigung schlechter gehen als vorher. Und beeidet: Keine Steuererhöhungen für die Vereinigung, diese Petitesse zahlt ein Land vom Kaliber der Bundesrepublik aus der Portokasse!

War die CDU zu jener Zeit wirklich noch so ignorant, oder log sie bewußt, um Wähler zu gewinnen? Immerhin gab es Warnungen. Von Lafontaine. Sogar von Sachsens Landesvater, dem Wessi Biedenkopf, der allerdings nach einer Gehirnwäsche durch die eigenen Parteifreunde sich an nichts erinnern konnte. Warnungen auch von ex-DDR-Finanzminister Romberg, der wegen seiner Zahlen den Hut nehmen mußte.

Nun erweist sich, alle Schätzungen waren zu niedrig. Inkompetenz oder Verlogenheit — als Ergebnis bleibt, daß die Nation zur Kasse gebeten wird. Und das trifft wiederum die für Billiglohn Arbeitenden besonders hart. Des größeren Deutschland erste freigewählte Regierung jedoch steht nun in der anrüchigen Haltung des Schuljungen, der heimkommt mit vollen Buxen und der Mutter weismachen möchte, seine Mitschüler hätten ihm den Scheißdreck in die Hosen gestopft. Die Suche nach Ausreden und verhüllenden Begriffen war in der Tat mehr als peinlich — als wäre dem Geschröpften nicht Powidl, ob er eine Steuer, eine Abgabe, Ergänzungsabgabe oder weiß Waigel was zahlt. So kam der Golfkrieg als Himmelsgeschenk für ein Kabinett, das inzwischen auch den Koalitionspartner in der Falle sah. Die Sachlage verbot, ungescheute Zahlungsbegehren befreundeter Regierungen zurückzuweisen und zu sagen: Wenn der Emir von Kuweit sein Land von den Irakis befreit haben möchte, um seine eigene Feudaldiktatur zu reinstallieren, soll er es in Allahs Namen mit Unterstützung der Vereinten Nationen tun, aber bezahlen aus den geschätzt hundert Milliarden Zinsen, die auf seinen Schweizer Konten jährlich auflaufen. Ein Karikaturist zeichnete die Situation und ihren möglichen Fortgang so: Kohl und Waigel zupfen mit verlegenem Grinsen Hussein am Ärmel: Machst noch ein bisserl Krieg die Steuern langen immer noch nicht ...

Ein letzter, besonders schmerzhafter Befund muß erwähnt werden bei der Diagnose des Ossi-Syndroms. Umschrieben wird er gern mit einem Begriff aus dem Alpin-Sport, der in den flachen bis mittelgebirgigen Formationen Deutsch-Osts selten Benutzung findet: Seilschaft. Gemeint ist, man trägt zwar nicht mehr das Parteiabzeichen mit den zwei Händen, praktiziert aber noch immer ein dem Emblem entsprechendes manus manum lavat. Das begann bereits unter ex-Ministerpräsident Modrow, als Immobilien ehemaligen Spitzenfunktionären für ein Butterbrot zugeschanzt wurden, der Stasiapparat möglichst unbeschädigt in ein neu-altes nationales Sicherheitsamt umfunktioniert werden sollte und die Schlüsselkarteien der Stasi sowie spezielle Personalakten (offenbar auch von Modrow selbst, von de Maizière und anderen Neudemokraten) vernichtet oder unauffindbar gemacht wurden. Seilschaften: Die Kameraderie alter Genossen. Man hilft sich halt ein bißchen.

In Betrieben und Dienststellen, soweit sie noch funktionieren, etablieren sich die ehemaligen Leiter, die hauptamtlichen Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre, die natürlich über das meiste Wissen, die besten Verbindungen verfügen, sie verwalten und verteilen das Kapital, führen die Verhandlungen, entlassen Leute oder stellen sie ein und begleichen dabei manch’ alte Rechnung. OibE, das sind Offiziere in besonderem Einsatz der Stasi, die meisten noch nicht enttarnt, halten noch immer Fäden in der Hand. Immer häufiger beschweren sich Leser in Briefen, daß so mancher Etagen-Honecker, der sie früher geschurigelt hat, schon wieder über ihr Schicksal befinden kann: in Wohnungsverwaltungen, Personal- und Betriebsräten, Arbeitsämtern. Man glaubt seinen Augen nicht zu trauen — ein früherer Staatssekretär für Kirchenfragen taucht wieder auf in der Chefetage eines Sparkassenverbandes, ein Oberbürgermeister und Gysi-Mitstreiter im Management einer westlichen Büromöbelfirma, der letzte Kulturminister sitzt als Abgeordneter im Bundestag, sein einstiger Stellvertreter in einem Landtag, ein anderer hat einen PR-Job. Spitzenfunktionäre gründen mit Kapital, über das die SED-Nachfolgerin PdS oder der Zentralrat der früheren Jugendorganisation FDJ oder die Einheitsgewerkschaft FDGB gewiß Auskunft geben könnten, Unternehmen in der Werbe- und Unterhaltungsbranche, Reisebüros und ähnliches.

Längst ist kein Geheimnis mehr, daß auch unterm neuen Regime ein ehemaliger Hardliner, ein nach wie vor gut funktionierender Apparatschik, noch dazu in der Angst vor der Aufdeckung unverjährter Sünden, leichter zu manipulieren und nützlicher ist als etwa ein aufmüpfiger Grüner, ein kritischer Linker, als die Unangepaßten und Außenseiter und Reformer. Auch in der Personalpolitik muß der Welt dieses größere Deutschland wie ein Tollhaus erscheinen — ein Mann wie Pfarrer Schorlemmer, zum Beispiel, dessen Einsatz der Abgang des Honecker-Mielke-Systems maßgeblich mitzuverdanken ist, hat sich völlig zurückgezogen aus einer Politik, die er nicht mehr mitverantworten möchte, während Stasi-Oberhaupt Schalck-Golodkowski und Gattin in ihrer Villa am Tegernsee nicht den Eindruck machen, als hätten sie sich aufs Altenteil zurückgezogen.

Mann und Frau auf den Staßen von Deutsch-Ost aber sind verbittert. Der reale Sozialismus hat sie enttäuscht, sie haben Demokratie und Marktwirtschaft herbeigewünscht, begeistert begrüßt — nun machen sie Bilanz. Und stellen fest, daß es ihnen materiell nicht eben besser geht. Die Freiheit, freilich, mögen sie alle, aber gerade in ihrer begehrtesten Erscheinungsform, dem Reisen, ist sie für viele aus Geldmangel nicht nutzbar.

Wie wird es weitergehen? Was wird geschehen, wenn zu den neuen Steuern im Sommer die bis zum Zehnfachen höheren Mieten im Herbst kommen? Ein heißer Winter? Den Gürtel enger schnallen!, rät der Kanzler, dem man gewiß nicht den Vorwurf machen kann, er sei nicht mit dem guten Beispiel seiner Abmagerungskur vorangegangen. Deutsch-Ost übt sich indessen in Geduld oder wandert aus. Und ballt die Faust in der Tasche, wenn es von den Enkeln des Wirtschaftswunders den Rat erhält: Da müßt ihr eben durch! Wir haben schließlich auch nach fünfundvierzig bei null anfangen müssen ...

Ossi hat schon viele Kröten geschluckt, doch würgt ihn diese am heftigsten. War’s seine Schuld, daß er zu Kriegsende bei den Russen gelandet ist? Er allein hat für die Reparationen an den Osten geschwitzt und von Care-Paket und Marshall-Plan nur träumen können, ihn hat man sein Leben lang eingesperrt, ihm aufs Maul geschlagen, wenn er es auftun wollte, mit ihm ein verlogenes Menschenbeglückungsspektakel inszeniert, und gewiß: alles seine Schuld, daß er mitgetan hat — hätte auch davonlaufen oder sich einsperren lassen können. Aber ihm jetzt den arglosen Ratschlag zu geben, ein halbes Jahrhundert Geschichte so mir nichts, dir nichts zu korrigieren und freudig einzustimmen in den großdeutschen Einigungskanon, der im Mozart-Jahr nur heißen kann (KV 382c) „Laßt froh uns sein!“

P.S. Wenigstens in Sachen Kultur fühlt sich Ossi nicht zweitklassig. Er weiß, daß Mozart-Verleger Breitkopf den Kanon-Text harmonisiert hat. Im Original hieß er nämlich: „Leckt mich am Arsch!“ Übrigens in B-Dur, einer Tonart, die mitunter als „negativ“ oder „verneinend“ empfunden wird, wie in der Fachliteratur nachzulesen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1991
, Seite 28
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Richard Christ:

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