FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1988 » No. 417-419
Elisabeth Freundlich

Anna Mahler

Anna Mahler ist auf dem Weg von London nach Salzburg gestorben.
Den Katalog ihrer Ausstellung hat sie noch mitentworfen. Es muß angenommen werden, daß die Vorfreude den Tod der 84-jährigen beschleunigt hat. Sie wurde am Sonntag, dem 19. Juni, auf dem Londoner Highgate Cemetery beigesetzt. E. F. war bei der Gedenkstunde für Anna Mahler, am 30. 7. 1988, im Salzburger Kleinen Festspielhaus.

Vorwegnehmend muß gesagt werden, daß viel zu viel Musik geboten wurde. Bach war gewiß in Anna Mahlers Sinn, hat sie selbst doch viel Bach gespielt. Alles weitere an Musik war entschieden zu viel, ermüdete das Auditorium und verhinderte die Konzentration auf die Plastiken. (Gezeigt wurden 15 Skulpturen und ebensoviele Porträtbüsten.) Nur Lieder von Gustav Mahler wären in diesem Rahmen in Frage gekommen — Anna Mahler soll sich das jedoch strikt verbeten haben. Kein Sich-Messen mit dem großen Vater.

Hilde Spiel hielt die Gedenkrede und verschwieg dabei auch nicht die politische Ahnungslosigkeit von Anna Mahler, die Schuschnigg porträtiert hatte und zeitweise Umgang mit einem Heimwehroffizier hatte.

Elias Canetti hat im zweiten Band seiner Autobiographie „Augenlicht“ von dem außerordentlichen Eindruck berichtet, den Anna Mahler auf ihn machte, und wer alles in ihrem Hietzinger Atelier verkehrte — gezeigt wurde auch ein Film, in dem Anna Mahler ihre Arbeit als Bildhauerin zeigt und erklärt.

Ursprünglich hatte sich Anna Mahler der Malerei zugewendet, dann aber hat sie wohl offenbar das Bedürfnis verspürt, ihre eigene Realität durch die Herstellung realer Objekte, sogar überwältigend großer, zu bestätigen. Aus diesem Grunde wechselte sie — sie wurde Schülerin von Wotruba — zu Skulpturen, sogar zu Monumentalskulpturen über.

Ich habe Anna Mahler unmittelbar nach der Annexion Österreichs in Paris kennengelernt, wo ich einen Vortragsabend Werfels organisierte und Alma Mahler mich täglich durch Anfragen, wieviel Karten schon verkauft seien, irritierte und Anna Mahler viel Verständnis für mich zeigte, denn sie hatte unter ihrer despotischen Mutter noch viel mehr zu leiden.

Anna Mahler, immer auf der Flucht vor ihrer tyrannischen Mutter, ging 1950 nach London. Ich hatte sie aus den Augen verloren. Erst 1987 begann ich, nach ihr zu recherchieren. Es war damals das Gerücht entstanden, Alma Mahler habe unveröffentlichte Noten von Mahler über die Pyrenäen gerettet. Das wollte ich wissen. Ich wendete mich an Krenek, [1] an Berthold Goldschmidt, keiner wußte etwas davon. Schließlich bekam ich den Rat, mich an Anna Mahler zu wenden, sie lebte damals in Spoleto.

In dieser Zeit bekam ich einige Briefe von ihr, im Juli 1987 schrieb sie mir:

Ich glaube, Alfred Rose hat einiges gerettet, z.B. den ‚gräßlichen Rübezahl‘ und das von Mahler verworfene Stück aus der ersten Symphonie. Ich war von 1930 bis 1950 in London.

In einem anderen Brief:

Ich fuhr 1938 mit meiner Mutter nach Prag und dann auf Umwegen nach Zürich, wo ich Werfel zum letzten Mal sah.

Und in einem dritten Brief:

Ich kann nur sagen, was ich miterlebt habe — und dann noch einige Schlußfolgerungen ziehen. Meine Mutter und ich fuhren Mitte März 1938 nach Prag und auf Umwegen nach Zürich, wo wir Werfel trafen. Es war klar, daß Alma, Werfel, Golo und Heinrich Mann und dessen Frau für die Übersteigung der Pyrenäen nur das Notwendigste mitnehmen konnten. Meine Mutter hatte, wie gewöhnlich, ziemlich viel Gepäck, von Partituren war da nicht die Rede, auf keinen Fall von Unveröffentlichten. Ich war glücklicherweise in London, habe Werfel nach 1939 nie wiedergesehen. Alma hatte immer das wunderbare Talent, Sklaven zu finden. Sie hat Mahlers Manuskripte (alles veröffentlicht) in den USA bekommen.

Wer war Anna Mahler eigentlich? Ein einsames Kind zwischen einer tyrannischen Mutter und einem ihr gegenüber wohl meist geistesabwesenden Vater. Völlig verloren wohl nach dem Tod der geliebten Schwester Manon (Alban Berg hat sein Violinkonzert dem „Andenken an einen Engel“ gewidmet).

Homeless Sculpture

Kunstwerke, namentlich Skulpturen, hatten keinen Platz mehr in der Gesellschaft, konnten in bürgerlichen guten Stuben nicht aufgestellt werden. Und aus diesem Grund konnten sie nur in Museen oder in der Werkstatt des Künstlers selbst gerettet werden. Durch die um Jahrzehnte verspätete Tradition waren sie nicht nur ‚homeless‘ geschaffen, sondern sozial heimatlose Objekte. Skulpturen sind Stein gewordene Ersatzstücke für die Fotografie des 20. Jahrhunderts.

Günther Anders [2]

[1Krenek lernte sie in Berlin kennen, es kam zu einer kurzen Ehe mit ihm. Ihre Ehe mit Zsolnay wurde auf Drängen der Mutter geschlossen, der es offenbar als „praktisch“ erschien, sie mit dem Verleger Werfels zu liieren.

[2Aus einer Rede am 13. März 1943 anläßlich einer Ausstellung in der Vigo-Vino Galerie, Brenton Wood, Kalifornien. In: Phenomenological Researchs, Dec. 1944.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1988
, Seite 59
Autor/inn/en:

Elisabeth Freundlich:

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