FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1968 » No. 178
Ernst Fischer

Alle Macht ist verseucht

Zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Aufsatzes ist Ernst Fischer, Mitglied unseres Internationalen Komitees für den Dialog, noch Mitglied des ZK der KPÖ.

Die Macht ist die Mutter des Krieges.

Hinter dem Haben und Herrschen steht die Gewalt, hinter jeder Gewalt der Tod, häufig verhüllt, doch stets bereit, fürchterlich hervorzutreten.

Jeder winzige Fetzen Macht ist verseucht. Je größer die Macht, die Konzentration der Machtapparate, desto massiver das Verhängnis, „mit weitausgreifenden Entsetzensschritten“.

Es ist bestürzend, mit welchem satten Behagen alle, die an der Macht partizipieren, von ihr sprechen. Als ich in einem Gespräch mit einem Gehilfen der Macht aus einem Staat des Warschauer Pakts Kritik an Mißständen übte, gab er mir in vielem recht. „Aber wir haben die Macht!“ fügte er hinzu. „Das ist entscheidend!“ Wer hat die Macht? Das Volk, die Arbeiterklasse, wer?

Alle Macht, so sagt man, geht vom Volke aus. Wann aber kehrt sie zum Volk zurück?

In der sozialistischen Tschechoslowakei war das Denkwürdige geschehen: die Rückkehr der Macht zum Volke. In dieser Weltsekunde, deren Spur nicht untergehen kann, haben Hunderte Millionen Menschen in neuer Hoffnung nach Prag geblickt, nach diesem Licht in der Finsternis.

Ein Beispiel wurde gegeben: Vereinigung von Kommunismus und Freiheit, das menschliche Gesicht des Sozialismus. Die sowjetische Großmacht hat es nicht geduldet. Das kleine sozialistische Land, dessen moralische Größe weithin zu leuchten begann, wurde bei Nacht und Nebel überfallen. Eine gewaltlose demokratische Revolution wurde gewaltsam niedergeworfen. Die Panzer haben das Ihre getan, nun tut der Geheimdienst das Seine: Der Meuchelmord an der Freiheit wird „normalisiert“.

Es ist schwer, mit ruhiger Stimme von diesem Unfaßbaren zu sprechen und sachlich das Problem von Frieden und Macht zu erwägen, ja noch mehr: es ist unmöglich, ohne zuvor die bedingungslose Solidarität mit dem bewunderungswürdigen tschechoslowakischen Volk und seinen rechtmäßigen Repräsentanten zu bekunden. Vielleicht erweisen wir ihm eine Hilfe, und mag sie noch so klein sein, wenn wir die These, daß Macht den Frieden schütze, widerlegen.

Und wenn von einem Übereinkommen zwischen Moskau und den dorthin verschleppten tschechoslowakischen Parteiführern die Rede war, so erwidere ich: Zwischen der Wunde und dem Messer gibt es kein Übereinkommen. Die Wunde hat versucht, dem Todesstoß auszuweichen — das ist der Tatbestand. Doch diese Wunde wird sich nicht schließen, solange noch ein fremder Soldat im Lande steht.

Die Großmächte spielen sich als Schützer des Friedens auf. Wir haben das Wort von der „machtgeschützten Innerlichkeit“ nicht vergessen. Der es vor einem halben Jahrhundert prägte, Thomas Mann, hat es später durch sein Werk, durch seine Haltung widerrufen.

Denn mit der Macht, die sie zu schützen vorgab, ist auch die Innerlichkeit in Fetzen auseinandergeflogen und nicht anders wird es dem Frieden ergehen, wenn wir seinen Schutz den Großmächten anvertrauen.

Die Großmacht Amerika führt seit Jahren einen verbrecherischen Krieg gegen das Volk von Vietnam, und dieser Krieg ist längst zum systematischen Völkermord geworden. Die britische Labour-Regierung liefert Nigeria die Waffen zum Völkermord in Biafra. Die kommunistische Regierung der Sowjetunion hat mit unanständiger Eile das faschistische Mordregime in Griechenland anerkannt und den heimtückischen militärischen Überfall auf die sozialistische Tschechoslowakei angeordnet.

Sie alle tun es nicht in böser Absicht — Gott behüte —, sondern zum Schutze des Friedens, der Freiheit, der Demokratie. Friedensengel, hoch vom Himmel her, werfen in Vietnam Napalmbomben auf Schulen und Krankenhäuser, und den Frieden hat die Sowjetmacht gerettet, indem sie die Tschechoslowakei mit Krieg überzieht, mit dem Gespinst der Gewalt, der Lüge, der Geheimpolizei.

Wie schon Alexis de Tocqueville vor 150 Jahren voraussagte, sind Amerika und Rußland zu den entscheidenden Weltmächten geworden. Im Hintergrund steht als dritte, künftig vielleicht als erste Großmacht China. Daß Europa noch die Chance hat, zur vierten Großmacht zu werden, ist unwahrscheinlich. Im Augenblick also hängt viel davon ab, wie die Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion sich gestalten. Ich stimme mit allen überein, die eine Verständigung befürworten. Ich widerspreche allen, die der Auffassung sind, ein Arrangement der Großmächte, die Teilung der Welt unter sie, könne den Weltfrieden garantieren. Die Welt ist wie noch nie in Bewegung und keinerlei Vereinbarung kann sie zum Stillstand bringen.

Und teilt man sie noch so sorgsam in Interessensphären — unvermeidlich geraten die Interessen der Schwächeren, der Objekte des Status quo, in Widerspruch zu den Interessen der Mächtigen, die sich für auserwählt halten, die einzigen Subjekte der Weltgeschichte zu sein. Und diese Mächtigen selbst stellen einander das Bein, während sie einander die Hand reichen. Sie unterwühlen den Status quo, um den antagonistischen Partner zu schwächen, die eigene Position zu stärken, das behütete Gleichgewicht behutsam zum eigenen Übergewicht zu transformieren.

Jede Macht tendiert nicht nur zur Konzentration, sondern auch zur Expansion. Elias Canetti hat in seinem bedeutenden Buch „Masse und Macht“ das Prinzip der Macht zur suggestiven Formel zusammengefaßt, daß der Machthaber als einziger überleben wolle. Ich zweifle an der Richtigkeit dieser Hypothese, wohl aber halte ich es für die Tendenz der Macht, sei sie individuell oder kollektiv, daß sie verdinglicht, zum Apparat geworden, jede andere Macht brechen, niederwerfen, auffressen will, um zur einzigen Macht zu werden.

In wessen Namen immer sie ausgeübt wird, ist die Macht bemüht, sich jeder Kontrolle zu entziehen, Auflehnung nicht zu dulden, die Gegenmacht zu schwächen und im gegebenen Augenblick zu vernichten.

Gewiß: in den USA spricht man nicht mehr vom amerikanischen Jahrhundert, nicht mehr von Weltherrschaft. Die Sowjetunion betont immer wieder, daß ihr Sozialismus kein Exportartikel sei, daß sie nicht die Absicht habe, sich in die inneren Angelegenheiten anderer Völker einzumischen. In Wirklichkeit ist es der Traum der einen wie der anderen, ein die ganze Welt umspannendes monolithisches Imperium zu konstituieren. Die Teilung der Welt ist provisorisch; die Herrschaft über die ganze Welt, über die Erde, den Mond und jeden erreichbaren Planeten ist das eigentliche Ziel.

Es ist ein gemeinsamer Zug der Macht in allen gesellschaftlichen Systemen, daß sie trachtet, jede Verantwortung von sich abzuwenden. Louis XIV. mit seinem berühmten „L’état c’est moi!“ war die Ausnahme. Die Regel ist, daß jede Macht auf eine höhere sich beruft. Wenn sie befiehlt, gibt sie vor, zu gehorchen: der Offizier dem General, der General dem Generalissimus, und dieser gebietet im Namen Gottes oder des Volkes oder der heiligsten Güter, mögen sie Weltordnung heißen oder Sozialismus. Die Macht ist prinzipiell verantwortungslos.

Wenn ich von gemeinsamen Zügen der Macht in allen gesellschaftlichen Systemen spreche, von ihrer Berufung auf einen höheren Zweck und Auftrag, von ihrer Tendenz zur Konzentration und Expansion, von ihrem paranoiden Mißtrauen, ihrem Mangel an Humor, ihrer Sucht nach Prestige, möchte ich hinzufügen, daß es dennoch nicht gleichgültig ist, in wessen Namen die Macht ausgeübt wird, als wessen Exekutive sie zu gelten wünscht. Wenn sich auch jede Macht ihrem Ursprung entfremdet, ist doch ihre ursprüngliche Zielsetzung und Rechtfertigung nicht irrelevant. Es ist ein bedeutsamer Unterschied, ob diese Macht sich konstituierte, um die feudalen Formen des Eigentums durch die bürgerlichen zu ersetzen, oder die Produktionsmittel, die Privateigentum waren, zu vergesellschaften.

Was immer sonst aus solchen Umwälzungen hervorging, wie sehr die neue gesellschaftliche Wirklichkeit den Forderungen und Verheißungen von einst widerspricht, auf die Dauer haben die ökonomischen Fundamente gesellschaftliche Konsequenzen. Und da wir die Relation von Macht und Frieden untersuchen, können wir nicht übersehen, daß es wesentlich ist, ob gesellschaftliche Gruppen an Rüstung und Krieg profitieren oder nicht, ob der Aufwand für militärische Zwecke eine Komponente der ökonomischen Konjunktur oder ein Hemmnis der Entwicklung zu sozialem Wohlstand ist.

Es ist vulgärmarxistischer Unfug, Kriege nur aus ökonomischen Ursachen herleiten zu wollen, aber es läßt sich wohl kaum bestreiten, daß ein Staat, für dessen ökonomische Machthaber der Krieg ein Geschäft ist, ihn eher riskiert als ein Staat, für dessen Bürger in ihrer Gesamtheit er nichts als Opfer und Entbehrung bedeutet. Daß militärische Aggression auch andere Ursachen hat, beweist der Überfall auf die Tschechoslowakei.

Oder: wenn wir den Krieg der Vereinigten Staaten gegen das Volk von Vietnam analysieren, entdecken wir viele Motive, die sich zum Knoten schürzen: der hartnäckige Wunsch, Hegemon der Welt zu sein, die militärische Metaphysik, die Fehleinschätzung durch einen stupiden Geheimdienst, die Furcht, zu verlieren, was man das Gesicht nennt, also das Prestige, die echte und die vorgetäuschte Angst vor dem Kommunismus, aber auch die unmittelbaren ökonomischen Interessen einer vom Krieg sich nährenden Industrie wirken zusammen.

Andererseits haben auch zum Überfall auf die Tschechoslowakei ökonomische Interessen beigetragen, neben der Forderung des Militärs, einen souveränen sozialistischen Staat zu einer Provinz des russischen Riesenreiches zu degradieren, neben der Angst vor dem Atem der Freiheit und neben falschen Informationen, die möglicherweise der amerikanische Geheimdienst dem sowjetischen brüderlich zugespielt hat.

Großmächte als Friedensstörer

Wie immer das sei: daß es Großmächte sind, die hier die Okkupation der Tschechoslowakei, dort den Völkermord in Vietnam zu verantworten haben, erleichtert nicht, sondern erschwert das Zustandekommen einer halbwegs erträglichen Lösung. Beide Großmächte behaupten, daß ihre Kriegsverbrechen dem Schutz des Friedens dienen, daß ein Rückzug das Gleichgewicht des Schreckens erschüttern und dadurch die Gefahr eines Weltkriegs heraufbeschwören würde. Als Frankreich sich aus Vietnam und später aus Algerien zurückzog, war dies keinerlei Gefährdung des Weltfriedens; im Gegenteil. Warum also sollte ein Rückzug der USA aus Vietnam, ein Rückzug der Sowjetunion aus der Tschechoslowakei eine solche Gefährdung sein? Weil Frankreich eine Macht geringerer Größenordnung ist? Damit wird zugegeben, daß, je größer die Macht, desto geringer die Chance des Friedens ist.

Ich wiederhole: Expansion ist ein Gesetz der Macht, jeder Macht. Diese Expansion — die nicht unter allen Umständen kriegerisch sein muß — wird zumeist ideologisch motiviert, gerechtfertigt. Brüderliche Hilfe, Verteidigung der Freiheit, der Demokratie, des Sozialismus, der Souveränität, der Selbstbestimmung, des Weltfriedens — bald wird man all diese großen Worte nicht mehr aussprechen können, ohne sich vor Ekel zu erbrechen.

Die Tendenz jeder Macht ist — wie ich sagte — äußerste Konzentration. Je weiter jedoch die Arbeitsteilung fortschreitet, je entwickelter die Struktur einer Gesellschaft ist, desto mächtiger werden die Sachzusammenhänge, desto mannigfaltiger wird der Pluralismus der Macht als Gegentendenz. Da gibt es die Macht der unmittelbar Regierenden, die Macht der gesetzgebenden Körperschaften, der Parteien und anderer Organisationen, die Macht der Bürokratie, der bewaffneten Exekutive, der über die Produktionsmittel Gebietenden, über die Massenmedien Verfügenden, und schließlich die Macht der Traditionen, der Gewohnheiten, der Ideologien. Hier wirkt ein Widerspruch, der auf weite Sicht zu Hoffnungen berechtigt. Noch niemals haben die Herrschenden so diktatorisch über so ungeheure Machtmittel verfügt — und noch niemals waren sie so abhängig von Sachzusammenhängen, so sehr Funktionäre entpersönlichter gesellschaftlicher Mächte.

Schon Marx hat festgestellt — in den „Grundrissen der Kritik der Politischen Okonomie“ —, daß in der entwickelten Gesellschaft jedes Individuum „die gesellschaftliche Macht unter der Form einer Sache“ innehat. Die urwüchsigen persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse werden zur sachlichen Abhängigkeit; nur dadurch entwickelt sich „ein System des allgemeinen gesellschaftlichen Stoffwechsels, der universalen Beziehungen und allseitigen Bedürfnisse“. Diese sachliche Abhängigkeit hält Marx für die geschichtliche Übergangsstufe zur universellen Entwicklung der Individuen, die nicht mehr den Sachzusammenhängen untergeordnet, nicht mehr Funktionäre einer Sache sind, sondern frei und gemeinsam über die geseilschaftliche Produktivität entscheiden.

Von diesem Zustand weit entfernt, sind wir in Kämpfe verstrickt, in denen die Sache und die Macht ineinandergreifen, Kämpfe, von denen es abhängt, ob wir uns einem Reich der Freiheit nähern oder seine Voraussetzungen systematisch zerstören. Aus der wissenschaftlich-technischen Revolution unseres Zeitalters kann die freie Gemeinschaft freier Menschen hervorgehen, aber auch die totale Entmenschlichung, die Automation des Herzens und des Geistes, die perfekte Selbstvernichtung des Menschengeschlechtes.

Als vermittelndes Moment zwischen dem Druck der Sachzusammenhänge und den lebenden Menschen, die ihre Machtkämpfe ausfechten, sehen wir Marxisten die Klassen. In den großen, den entscheidenden Klassen vereinigen sich objektive gesellschaftliche Tendenzen (zum Beispiel die der modernen Produktion innewohnende Tendenz zur Vergesellschaftung) mit den individuellen Interessen und Bedürfnissen der einer Klasse Zugehörenden. Der Kampf der Klassen um die gesellschaftliche Macht ist also zugleich der Kampf zwischen einer den Produktivkräften nicht mehr adäquaten und einer höher entwickelten gesellschaftlichen Struktur.

Doch hüten wir uns vor Vereinfachungen, zu denen nicht nur wir Marxisten neigen! Jede nach der Macht strebende oder sie verteidigende Klasse braucht Organisation, Koordinierung und schließlich einen Apparat. Jeder solche Apparat hat die Tendenz, sich zu verselbständigen, zum Selbstzweck zu werden. Die Macht wird zunächst als Mittel erobert, um nicht nur die Ökonomie, sondern auch die Beziehungen der Menschen zu ändern; was sie verspricht, ist nicht nur mehr Brot, sondern auch mehr Freiheit. Dieses Mittel aber, die Macht, hat sich noch niemals bereitgefunden, allmählich abzusterben.

Im Gegenteil: je weniger die Macht den proklamierten Zweck erreicht, desto mehr wird sie sich selber zum eigentlichen Zweck. Die als Beauftragte, als Repräsentanten sich gebärdenden Machthaber berufen sich auf den noch nicht erreichten Zweck, sprechen von der Wühlarbeit subversiver Elemente und dulden keinen Zweifel, daß sie es sind und niemand sonst, deren das Volk bedarf, um das begonnene Werk zu vollenden. Wer an ihnen Kritik übt, wird als Volksfeind verdammt, wer mit ihnen nicht übereinstimmt, durch Gewalt und Betrug ausgeschaltet.

Die Methoden sind verschieden, um dasselbe Resultat zu erreichen: im sozialistischen Lager gibt es keine, in der kapitalistischen Welt nur eine scheinbare Wahl. Die Bürger der DDR müssen für Ulbricht stimmen, die Bürger der USA haben die Wahl zwischen Reaktion und Reaktion — das ist der Unterschied. Nur in Revolutionen vermag das Volk für eine Zeitlang die Macht zu ergreiten, seien es blutige oder unblutige Revolutionen.

Demokratie ist Konterrevolution

Die gewaltlose demokratische Revolution auf der Basis der sozialistischen Ökonomie in der Tschechoslowakei hat den Machtapparat des blutigen Dilettantismus über den Haufen geworfen. Dort sind Kommunisten durch den großen Versuch, Sozialismus und Demokratie, Kommunismus und Freiheit zu vereinigen, zu dem geworden, was zuvor nur eine Phrase war — zur führenden Kraft des Volkes. Denn führende Kraft zu sein, ist kein verbrieftes Recht, kein unumstößliches Privileg, sondern eine täglich neu zu bewältigende Aufgabe. Die alten Machthaber haben dem Volk, das Volk hat ihnen mißtraut. Die angemaßte Befehlsgewalt stieß auf Spott, Apathie, passive Resistenz, denn Vertrauen gewinnt man nur, wenn man das Volk ins Vertrauen zieht.

Dadurch, daß sie die Wahrheit sagten, die Staatsbürger aufrichtig informierten, ihnen die Möglichkeit gaben, frei und ohne Furcht zu sprechen, haben Männer wie Dubček, demokratische und humane Kommunisten, das Vertrauen des Volkes gewonnen. Keine Zensur, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Information an Stelle der düsteren Geheimhaltung aller in der Gesellschaft, in der Partei sich regenden Widersprüche, in einer Sprache, die jeder verstand, Wahl zwischen echten Alternativen, effektive Kontrolle und Mitbestimmung — diese sozialistische Demokratie nennt man in Moskau und Ostberlin Konterrevolution.

All dies aber ist das Programm der meisten westeuropäischen Kommunisten; unsere Forderung also nach einem humanen, demokratischen Kommunismus ist Konterrevolution.

Hingegen ist der Überfall auf die sozialistische Tschechoslowakei — lassen Sie mich die Schlagzeile des Ostberliner „Sonntag“ zitieren: „Eine Tat des kämpferischen Humanismus!“

Dort also, bei den Panzern, den Salven und den Handschellen der Okkupanten der Humanismus — und bei Dubček, der „das menschliche Gesicht des Sozialiısmus“ zu retten und zu sichern bemüht war, die Konterrevolution.

Ich spreche von den Ereignissen in der Tschechoslowakei nicht nur, um meinen Abscheu vor den Okkupanten, meine Solidarität mit dem tschechoslowakischen Volk, meine Bewunderung für seine moralische Größe kundzutun, sondern auch, weil dort eine große Möglichkeit zermalmt wurde, die Möglichkeit, das Problem von Macht und Freiheit, von Macht und Frieden einer Lösung näherzubringen.

Wenn nämlich das Gemeineigentum an Produktionsmitteln, also das Verschwinden von Profitinteressen, sich mit einem Pluralismus der Macht vereinigt, also mit dem Verschwinden einer monolithischen Autokratie und Ideologie, kann es möglich werden, die unmittelbar die Macht Ausübenden wirksamer zu kontrollieren als irgendwann und irgendwo sonst. Dann können Formen der Demokratie sich herausbilden, die der modernen Industriegesellschaft angemessen sind und dem Postulat entsprechen, daß der Mensch ein Mensch sei.

Ein Zyniker könnte erwidern: Es geht uns nicht um Freiheit, nicht um Menschenrecht, sondern lediglich um Sicherung des Friedens. Die militärische Unterjochung eines Landes innerhalb eines der beiden Machtblöcke hatte keinen Krieg zur Folge — denn der andere Machtblock zwinkert den Okkupanten zu: Tut in eurem Bereich das Eure, wir werden in unserem das Unsere tun. Das Argument ist unhaltbar: denn wir haben seit Jahren den Krieg in Vietnam, und daß es in der Tschechoslowakei nicht zu einem unabsehbaren Blutvergießen kam, ist nur der Besonnenheit der tschechoslowakischen Staats- und Parteiführer zu danken.

Moskau hat angeordnet, daß man in der Tschechoslowakei nicht von Okkupation, sondern von einem „Vorkommnis“ spricht. Ein zweites solches „Vorkommnis“ innerhalb eines Machtblocks würde auf militärischen Widerstand stoßen, wäre also Krieg.

Gewiß: das Sowjetvolk, das so viele Opfer brachte, so viele Entbehrungen erduldete, den Sieg über Hitler mit so vielen Toten bezahlte, wünscht aus allen Gründen den Frieden. In den Vereinigten Staaten von Amerika haben bis jetzt die Kräfte, die vor dem Risiko eines Weltkriegs zurückschrecken, das Übergewicht — wenn auch die Sowjetführer durch den Überfall auf die Tschechoslowakei den Kräften der Reaktion, den Apologeten der Gewalt einen unermeßlichen Dienst erwiesen.

Die Teilung der Welt mag vereinbart werden; doch die riesigen Machtapparate mit ihren toten Denkmaschinen und ihren lebenden Dummköpfen, die das Tempo und Ausmaß der jeweiligen Eskalation berechnen, können uns mit mathematischer Präzision in eine Katastrophe hineinschaukeln.

All den großen Machtapparaten gemeinsam ist der Großmachtdünkel, der Mangel an Phantasie und Gewissen, das paranoide Mißtrauen gegen alle, nur nicht gegen die keines Vertrauens würdigen Geheimdienste, die Faustregel, man müsse jeden Schritt des weltpolitischen Antagonisten durch einen weiter ausholenden beantworten, jeden vermeintlichen oder wirklichen Vorsprung durch einen größeren übertrumpfen.

Als Kommunist bin ich also nicht bereit, mich mit einem kommunistischen Machtapparat zu identifizieren, sondern entschlossen, jeden Rechtsbruch, jede Gewaltat zu verurteilen. Der Krieg in Vietnam stürzt die Macht, die ihn führt, in Schande. Der Überfall auf die Tschechoslowakei ist eine Schande für seine Urheber, eine Entehrung der sozialistischen Grundsätze, auf die sie sich in unfaßbarer Heuchelei berufen.

Der Völkermord in Vietnam ist schlimmer, denn er schont nicht die Kinder und Mütter, nicht die Schulen und Krankenhäuser und macht die Grausamkeit zur Pflichtübung, die Folter zur Routine. Der Überfall auf die Tschechoslowakei ist schlimmer, denn er wurde im Namen des Sozialismus gegen ein sozialistisches Land vollstreckt. Wer nicht das eine verurteilt, hat das Recht verwirkt, gegen das andere zu protestieren.

Für das sowjetische Volk, gegen die sowjetische Führung

Geschichtlich sind wir Marxisten Partei und werden immer Partei ergreifen: für den Sozialismus und sein menschliches Gesicht. Wir ergreifen daher Partei: für das Sowjetvolk, gegen die Männer, die jetzt in Moskau an der Macht sind und den Sozialismus verraten; für die sozialistische Tschechoslowakei, gegen die Okkupanten, für das Volk von Vietnam, gegen die Organisatoren des Völkermordes.

Immer ähnlicher werden die Methoden der gegeneinander rüstenden Machtapparate. Hüben und drüben verhüllt die eiserne Maske der Macht das Menschengesicht, saugt es auf, frißt es auf. Jede Konzentration der Macht birgt in sich die Gefahr totaler Entmenschlichung, so daß vielleicht nicht die Macht, sondern der Mensch absterben wird.

Dennoch: da jeder Kampf um das Morgen auch ein Machtkampf ist, können wir immer wieder in Situationen geraten, die uns verpflichten, die eine Macht gegen die andere zu unterstützen, auch wenn uns die Methoden jeder Macht mißfallen. Wir werden jeweils Partei ergreifen; für jede Aktion, die dem Frieden dient, gegen Großmachtpolitik, für Menschenrecht und Sozialismus.

Die Macht ist ein Faktum. Wir haben nur die Wahl, uns in die Einsiedelei des Privaten zurückzuziehen — oder jeweils Partei zu sein. Bejahung eines gesellschaftlichen Konzepts und totale Negation der Macht in diesem unsern Zeitalter sind unvereinbar. Um so wichtiger scheint es mir, an einigen Grundsätzen festzuhalten:

Erstens: Dem Mythos der Macht widerstehen. Nicht angesteckt werden von der Massenhysterie, dem Fahnengefühl, der Unduldsamkeit, womit die Macht die Menschen verseucht. Gegen den Ungeist des Gehorsams den Geist des Ungehorsams wachhalten.

Zweitens: Im Bekenntnis zu einer Idee niemals strammstehen vor der sich auf sie berufenden Macht. Gegen den Anspruch der Macht auf Unfehlbarkeit, Endgültigkeit, monolithische Ideologie Einspruch erheben. Gegen jede Orthodoxie das Recht auf Ketzertum verteidigen.

Drittens: Nie vergessen, daß Macht ein Mittel ist und ihr Zweck, sie abzuschaffen. Daher: Information, Meinungsfreiheit, maximale demokratische Kontrolle, Pluralismus der Macht.

Jede Macht wirft uns Intellektuellen vor, wir seien das Negative. In der Tat: wir sind die Negation der Macht. Genauer gesagt: wir unterstützen sie, wann und wo immer sie der Freiheit Bahn bricht, und wir sagen Nein, wann und wo immer sie zur Macht wird, wie sie vorher war. Im Gesamtprozeß der Entwicklung sind wir für Entmachtung der Macht.

Doch haben wir in diesem Jahr nicht grausam gründlich erlebt, in Paris und Prag, daß wir die Schwächeren sind, wir gegen die Macht Revoltierenden, wir Narren der Freiheit, wir Träumer vom Glück? Vorbei sind die Tage des Glücks in Paris, die Monate des Glücks in der Tschechoslowakei.

Dennoch: diese Erinnerung ist unauslöschlich, und was geschehen ist, kehrt wieder, immer wieder, in permanenter Revolution. Da sind Menschen zu Menschen geworden, durch die revolutionär-demokratische Bewegung in Frankreich, durch die gewaltlose demokratische Revolution in der Tschechoslowakei. So schwer ihr Kampf war und die Niederlage — sie haben das seltene, das unvergeßliche Glück der Freiheit erlebt, Vereinigung von Traum und Tat, Vernunft und Phantasie, den Aufschwung der Persönlichkeit in leidenschaftlicher Gemeinschaft.

Dieses Glück, ein Mensch zu sein, ist vorbei, für heute — und wird zur unberechenbaren Gefahr für die mit ihrem Sieg prahlenden Machthaber. Diese gesichtslosen Realpolitiker kennen nur die Mathematik der Macht; die Menschen zählen nicht. Doch die irreale, die imaginäre Zahl: der Mensch, vermag alle Gleichungen umzustürzen.

Vielleicht wird die Welt am Wahnwitz der Macht zugrunde gehen, vielleicht ist unser Kampf aussichtslos, dennoch bleibt der Sinn unseres Lebens das menschliche Gesicht des Sozialismus.

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1968
, Seite 618
Autor/inn/en:

Ernst Fischer:

Österreichs prominentester Kommunist, mauserte sich zu einem der prominentesten Nonkonformisten im europäischen Kommunismus. Siehe seine Ansichten über moderne Kunst (vgl. seinen Aufsatz im März/April-Heft des FORVM), seinen Protest gegen die Moskauer Schriftstellerprozesse (Wortlaut im Januar/Februar-Heft des FORVM), überhaupt die Fülle seiner jüngsten Bücher, die in West- wie Osteuropa weite Verbreitung fanden. („Von der Notwendigkeit der Kunst“, Claassen, Hamburg 1967, „Von Grillparzer bis Kafka“, Globus, Wien 1967, „Was Marx wirklich sagte“, gemeinsam mit Franz Marek, Molden, Wien 1968, „Kunst und Koexistenz“, Rowohlt, Hamburg 1968, „Auf den Spuren der Wirklichkeit“, Rowohlt, Hamburg 1968.) Erster österreichischer Unterrichtsminister nach 1945, langjähriger Abgeordneter der KPÖ, übte Fischer seither schonungslose, von seiner Partei mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommene Kritik an seiner Haltung in stalinistischen Zeiten; seine ebenso schonungslose, von seiner Partei mit noch gemischteren Gefühlen aufgenommene Wendung zu neuen Positionen, eigentlich schon jenseits des Marxismus, brachte ihm berechtigtermaßen enormes Prestige unter den europäischen Intellektuellen, insbesondere der studentischen Jugend aller Richtungen.

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

Diese Seite weiterempfehlen

Themen dieses Beitrags

Desiderate der Kritik

Begriffsinventar

Geographie

Politische Parteien