Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2006 » Heft 4-5/2006
M. Wimmer

Zwischen High Society und Naziszene

Verschwörungstheoretiker Gerhoch Reisegger

In seinem Wohnort Thalheim bei Wels in Oberösterreich verdingt er sich als biederer Unternehmensberater, in der internationalen rechtsextremen Szene gilt er als „shooting star:“ Gerhoch Reisegger. Einen Namen als „Größe in der Neonazi-Szene“ (Norddeutscher Rundfunk [1]) machte er sich vor allem durch sein Buch „Wir werden schamlos in die Irre geführt!“ Hinter dem weinerlichen Titel verbirgt sich ein absurdes Machwerk, in dem Reisegger behauptet, die Anschläge auf das World Trade Center vom 11. September 2001 wurden nicht von islamistischen Terroristen durchgeführt, vielmehr haben amerikanische und israelische Geheimdienste das World Trade Center in die Luft gesprengt.

Ja, in Reiseggers irrer Welt gibt es auch keine entführten Flugzeuge, die in die Gebäude krachten — die wurden erst nachträglich in die diversen Filmaufnahmen geschnitten —, vielmehr waren Bomben in den Gebäuden selbst detoniert. Die TäterInnen seien in Kreisen der amerikanischen „Hochfinanz“ und des Pentagons zu verorten. Und warum das Ganze? Weil die USA pleite waren. Sie brauchten einen Vorwand für ein paar Kriege und jetzt geht’s ihnen wieder gut.

Kaum zu glauben, dass solche kruden Theorien tatsächlich ihre AnhängerInnen finden. Seit der Veröffentlichung seines Werkes ist Reisegger sehr häufig bei diversen Veranstaltungen der rechtsextremen und neonazistischen Szene zu Gast. Ob bei den Freiheitlichen Frauen oder bei herkömmlichen Veranstaltungen österreichischer Neonazis wie dem Bund Freier Jugend: Überall ist Reisegger gern gesehener Referent. Im Jänner 2002 referierte Reisegger sogar bei einer Nazi-Konferenz in Moskau, neben Holocaust-LeugnerInnen und FaschistInnen von Radio Islam bis zum Ku Klux Klan, wie die britische Zeitung searchlight berichtet. Zwischendurch publiziert der Reserveoffizier des österreichischen Bundesheeres zu im Vergleich mit seinen sonstigen Spintisierereien eher biederen Themen wie „Weg mit den Benesch-Dekreten!“ oder „Die Türken kommen“ (beides Buchtitel von ihm). Beiträge von ihm erscheinen in zahlreichen rechtsextremen Zeitschriften, etwa in der Aula, fakten, Deutsche Stimme, die Junge Freiheit, Eckartbote, Opposition, Staatsbriefe oder Die neue Ordnung.

Seine Theorien zum 11. September finden jedoch auch Anklang über rechtsextreme Kreise hinaus, etwa – wenig verwunderlich – bei radikalen Muslimen. So verbreitet etwa die Sendung Islam im Gespräch im alternativen Freien Radio Oberösterreich (FRO) Reiseggers Thesen via Radio und Internet. [2] Verantwortlich für die Sendung ist niemand Geringerer als der Medienbeauftragte des Obersten Rates der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich und Vorsitzender der Islamischen Religionsgemeinde Linz (zuständig für Oberösterreich und Salzburg), Muhammad Michael Hanel. Die Islamische Religionsgemeinde in Linz war erst im Jänner dieses Jahres ins Gerede geraten, als aufkam, dass sie den verurteilten Neonazi Alexander Forsterpointner [3] als Religionslehrer alias Alexander Ibrahim Cem beschäftigte. Forsterpointner-Cem wurde erst 2004 neuerlich verurteilt – wegen Körperverletzung, Morddrohung und Nötigung. Die Islamische Glaubensgemeinde führt ihn auf ihrer Homepage trotz offizieller Distanzierung aber nach wie vor als Mitglied des bundesweiten Schura-Rates und als Generalsekretär der Islamischen Glaubensgemeinde Oberösterreich/Salzburg. Eine Sendung von Radio FRO mit Forsterpointner-Cem aus dem Jahr 2003 kann weiterhin abgerufen werden. [4]

In Anbetracht dessen ist es nicht unbedingt verwunderlich, dass die oberösterreichischen Moslem-Führer auch kein Problem mit einem Gerhoch Reisegger haben, der wiederum die muslimische Gemeinde als potenziellen Markt für seine Bücher entdeckt hat. Ob ein unter dem Pseudonym Christian Guthart im muslimischen Verlag SKD Bavaria veröffentlichtes Werk namens „11. September“ ebenfalls von ihm stammt, wie fallweise behauptet, kann hier nicht bestätigt werden.

Die Schuld am 11. September wie auch am Tsunami 2004 sehen Reisegger und seine Geistesbrüder in einer internationalen (jüdischen) Verschwörung. Um mit dem Verbotsgesetz nicht in Konflikt zu geraten, wird meist nur von den „Kosmopoliten“ oder einer „Krake“ oder auch „die USA und Israel“ und der „amerikanischen Hochfinanz“ gesprochen – Neonazis und andere mit der Materie Vertrauten wissen Bescheid, wer gemeint ist.

Doch auch in feministischen Kreisen scheint Reisegger AnhängerInnen zu haben – und gemeint ist hier nicht die Initiative Freiheitlicher Frauen, bei denen er 2004 zu Gast war. Es geht vielmehr um die Initiative ceiberweiber (www.ceiberweiber.at), deren Redakteurin Alexandra Bader Reiseggers Thesen anhängt – und sie auch auf der von drei Ministerien und den SPÖ- wie den ÖVP-Frauen gesponserten Seite wortreich bewirbt. Sowohl die ceiberweiber als auch Radio FRO wurden für ihre Reisegger-Sympathien bereits im September 2003 von Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes kritisiert – ohne bis heute Konsequenzen gezogen zu haben.

In der rechtsextremen Szene selbst kam Reisegger ins Gerede, als seine Mitgliedschaft beim Round Table [5] publik wurde. Round Table, eine Charity-Organisation ähnlich dem Lions Club, gilt ParanoikerInnen nämlich als Keimzelle der „jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung.“ In manchem rechten Diskussionsforum wurde deswegen die Vermutung geäußert, Reisegger sei kein Aufdecker, sondern gar selbst „ein Irreführer im Solde der Juden und Freimaurer“ …

[1Sendung Panorama, 27. 1. 2005

[2http://www.fro.at/sendungen/islam/wtc.html Die Sendung „Islam im Gespräch“ auf Radio FRO steht so ziemlich jeder Art von Verschwörungstheorien positiv gegenüber …

[3Ex-VAPO-Aktivist, beteiligt an einem Brandanschlag 1992 in Traunkirchen

[5http://www.roundtable.or.at/static/rtatable.asp?Table=6, Mitgliedliste des RT 6; zahlreiche honorige Welser Bürger gehören ihm an.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2006
Heft 4-5/2006, Seite 0
Autor/inn/en:

M. Wimmer:

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