Zeitschriften » radiX » Nummer 4
Thomas Schmidinger

Zwischen Bergbau und Kolonialismus

Die sozialen und politischen Umgestaltungen Indonesiens lassen auch die Menschen auf Westpapua neue Hoffnung schöpfen.

Während auf den Molukken, Sumatra (Aceh im Norden der Insel) oder Borneo separatistische Bewegungen den politischen Umbruch nutzen um Autonomie oder Unabhängigkeit zu verlangen und dabei teilweise auch „ethnische Ausschreitungen“ zwischen „Einheimischen“ und unter Suharto angesiedelten „TransmigrantInnen“ von anderen Inseln riskieren, hat die Unabhängigkeitsbewegung in West-Papua seit eineinhalb Jahren einen einseitigen Waffenstillstand beschlossen. Nach Jahrzehnten der brutalen Verfolgungspolitik durch die Regierung in Jakarta versuchen die AktivistInnen aus West-Papua nun mit Verhandlungen einen Unabhängigkeitsprozeß nach dem Vorbild Ost-Timors einzuleiten.

Nach dem Sturz Suhartos kamen am 26 Februar 1999 erstmals hundert Delegierte aus ganz West-Papua auf Einladung des Indonesischen Kirchenrates in die Hauptstadt Jakarta. Mit dem damaligen Präsidenten Habibi war vereinbart worden, über die Autonomie für West-Papua zu verhandeln. Die Delegierten führten dem Übergangspräsidenten jedoch detailiert aus, warum sie nichts weniger als die Unabhängigkeit für die westliche Hälfte der drittgrößten Insel der Welt verlangten. Habibi, der nicht gewillt war über eine solche Unabhängigkeit auch nur zu sprechen, empfahl den Delegierten doch wieder nach Hause zu gehen und nochmals darüber nachzudenken.

Und die Delegierten setzten diese Empfehlung des indonesischen Präsidenten sogleich um. Gemeinsam mit der Befreiungsbewegung OPM (Orgenisasi Papua Merdeka, Papua Befreiungsbewegung), die jahrzehntelang im Untergrund für ein unabhängiges West-Papua gekämpft hatte, errichteten die Dörfer der Delegation „Posten“, um einen neutralen Ort zum Nachdenken zu haben. Die Versuche der Armee, diese Posten zu zerstören wurden mit dem Hinweis verhindert, Präsident Habibi selbst hätte die Anordnung zum Nachdenken gegeben, welche nun nur konsequent umgesetzt würde.

Ein Jahr später erklärten die Papuas den Nachdenkprozeß für beendet und wollen wieder mit der Regierung über die Unabhängigkeit verhandeln. Diese hat zur Zeit aber an allen Enden des Staates mit Problemen zu kämpfen und will sich nicht auf umfassende Zugeständnisse gegenüber den politischen VertreterInnen West-Papuas einlassen. Das Damoklesschwert eines Militärputschs, oder zumindest einer verstärkten Einflußnahme der Militärs gegen jede Lösung, die die staatliche Einheit Indonesiens gefährten könnte, steht zudem immer im Raum.

Am ersten Dezember 1999 wurde erstmals die Ausrufung der ersten Unabhängigkeit vom 1. Dezember 1961 mit großen Demonstrationen und dem Hissen von Flaggen gefeiert. Am Ende desselben Monats besuchte der neue Präsident Wahid West-Papua um die Jahrtausendwende in jenem Teil Indonesiens erleben zu können. Eine unbewaffnete Polizeitruppe der OPM beschützte ihn dabei vor Angriffen von Provokateuren und wollte damit ein Zeichen setzen, daß es der Unabhängigkeitsbewegung nicht um einen Kampf gegen Indonesien geht, sondern darum in Ruhe gelassen zu werden.

Im Gegensatz zu den Unruhen auf Borneo, will die Unabhängigkeitsbewegung in West-Papua keinen Kampf gegen Zuwanderer, sondern mit jenen Menschen, die unter der Herrschaft Suhartos nach West-Papua umgesiedelt wurden, gemeinsam die Unabhängigkeit erkämpfen.

Wie auf Borneo wurden unter der Herrschaft Suhartos, Hunderttausende Menschen aus Java mit Weltbankgeldern nach West-Papua umgesiedelt. Diese „Transmigrasi“-Projekte wurden von der Regierung gezielt verwendet um einen „Indonesischen“ Nationalismus auszubreiten und Bevölkerungen wie die Papuas in West-Papua oder die Dayak in Borneo zu marginalisieren.

Um ethnische Unruhen wie in Kalimatan — so der Name der indonesischen Provinz auf Borneo — zu vermeiden, legt die OPM und die im Zuge des „Nachdenkprozesses“ gegründete zivile Bewegung FORERI (Forum for reconciliation of Irian People) großen Wert darauf, daß sie nichts gegen die „TransmigrantInnen“ haben und diese gerne in einem unabhängigen West-Papua bleiben können. Sam Karoba, Vertreter der OPM, der kürzlich durch Europa reiste um politische Organisationen über diesen völlig vergessenen Konflikt zu informieren, erklärte dazu in Wien: „Wir haben auch einige Vertreter aus der zweiten Generation der Transmigranten in unserer Bewegung. Wir haben nichts gegen sie. Unser Zeil ist es auch nicht einen neuen Nationalstaat aufzubauen. Wir wollen einfach in Ruhe gelassen werden und so leben können wie wir es selbst wollen.“

Ein Nationalstaat würde West-Papua aber auch kaum werden können. Nicht nur die Nachkommen der SiedlerInnen, die mitlerweile mehr als die Hälfte der Bevölkerung West-Papuas stellen, leben hier, sondern auch die Papuas selbst sind alles andere als eine sprachliche und kulturelle Einheit. Die gesamte Insel Neuguinea wird von Menschen mit 600 verschiedenen Sprachen besiedelt, rund ein fünftel aller Sprachen der Erde. 250 dieser Sprachen werden in West-Papua gesprochen, einige davon nur von wenigen Familien in einem Dorf, andere wie das Lani im Hochland von rund hunderttausend Menschen. Sam, dessen Muttersprache das Lani ist, erzählt, daß jede dieser Gruppen ihre eigene OPM hat. Alle zusammen kämpfen für ein gemeinsames Ziel. Trotzdem gibt es zwischen den OPMs der verschiedenen „Stämme“ kaum Kommunikation. Zu groß sind die sprachlichen Hürden, zu weit entfernt sind ihre Verstecke im Urwald, zu viele Armeeposten lauern auf den Wegen zwischen den Dörfern und Lagern der KämpferInnen.

Wer bei der OPM an das denkt was einem/r mitteleuropäischen RevolutionsromantikerIn bei einer Guerilla so in den Sinn kommt, liegt aber in diesem Falle weiter weg von der Wirklichkeit als bei jeder anderen Guerilla der Welt. Sam erzählt von Flüchtlingen aus den Dörfern, die mit Penisrohren bekleidet und mit einer Bewaffnung, die über Pfeil und Bogen nicht hinausreicht, gegen eine moderne indonesische Armee kämpfen. Die Not der Menschen, die jahrzehntelange Bedrohung durch Vertreibungen, Massaker und Bombardierungen der indonesischen Armee, trieb nicht nur tausende Menschen aus ihren Dörfern in die Flüchtlingslager in Papua-Neuguinea, sondern auch in den Urwald, wo sie versuchen so gut es geht gegen die indonesische Armee und die Zerstörung ihres Landes durch internationale Bergbaukonzerne Widerstand zu leisten.

Die Indonesische Armee beantwortete jedoch jeden Widerstand mit härtesten Strafmaßnahmen und wurde dabei auch von europäischen Staaten unterstützt. Als eine Gruppe der OPM 1995 vier britische, zwei niederländische, einen deutschen und fünfzehn indonesische Staatsbürger als Geiseln nahmen, die in einem Dorf gut behandelt wurden, kamen indonesische, britische und niederländische Soldaten in einem Rot-Kreuz-Hubschrauber angeflogen und richteten unter der Dorfbevölkerung ein Massaker an.

Seit dem Februar 1999 schweigen aber die Waffen, zumindest jene der OPM. Die Befreiungsbewegung will den Dialog mit der neuen Regierung nützen um auf diplomatischem Wege zu erreichen, was ihnen militärisch unmöglich war. Die Umbenennung der Provinz von Irian Jaya in West-Papua und die Freilassung vieler politischer Gefangener wurde dabei schon erreicht. Die Unabhängigkeit und der Abzug der Berbauunternehmen wird wohl nicht mehr so leicht zu erringen sein.

Denn hier kommen auch europäische und US-amerikanische Interessen ins Spiel. Eine der weltweit größten Gold-, Kupfer- und Silberminen befindet sich im Hochland von West-Papua und fördert jeden Tag 50.000 Tonnen Erze im Tagebau. Dabei wird nicht nur ausgerechnet ein heiliger Berg der lokalen Bevölkerung abgetragen, sondern auch der ganze Lebensraum der Menschen zerstört. Wo einst Dörfer und Jagdgebiete lagen, fördern nun gewaltige Bergbaumaschinen Erze für die Industriestaaten zu Tage. Flüsse wie der Aikiwa, die bisher als Trinkwasser- und Fischereimöglichkeit für die Bevölkerung dienten, sind von Chemikalien und Sedimenten der Bergbauindustrie völlig vergiftet. Und den Gewinn dieses Raubbaus streift nicht einmal Indonesien ein, geschweige denn die Menschen deren Berge hier zerstört werden, sondern Firmen wie die Freeport Mining Company aus den USA oder RTZ aus Großbritannien. Daß diese Firmen gegen eine Unabhängigkeit West-Papuas arbeiten ist kein Wunder, denn als ich Sam frage was denn die OPM im Falle einer Unabhängigkeit mit den Minen vorhat, meint er nur: „Nein, verstaatlichen wollen wir sie nicht und wir wollen auch keinen Anteil am Gewinn. Wir werden die Minen schließen, denn sie zerstören alle unsere Lebensgrundlagen. Wir brauchen das Kupfer und Gold nicht, sondern unsere Berge und Wälder.“

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
2000
Nummer 4, Seite 21
Autor/inn/en:

Thomas Schmidinger:

Redaktionsmitglied von Context XXI von Juni 2000 bis 2006, koordinierender Redakteur von September 2000 bis April 2001.

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