Zeitschriften » FŒHN » Heft 16
Markus Wilhelm

Zwentendorf

Wie die Torheit der Herrschenden schon einmal zum Greifen war

Ein einziges Mal erst, nach jahrelangem Drucksen und Würgen, wurde eine entscheidende Frage dem Volk von Österreich zur Beantwortung überlassen: die über die Inbetriebnahme des schlüs­selfertigen Atommeilers von Zwentendorf. Freilich, die Art der Beantwortung wollte man auch hier nicht dem Volk überlassen. Die flächendeckende aggressive Kampagne, die von einer wohl mit Millionen reich gesegneten, mit glaubwürdigen Argumenten aber äußerst dürftig ausgestatteten Lobby seinerzeit gegen uns geführt wurde, bietet üppig Anschau-Material für heute.

Die Dinge ändern sich nicht, wenn wir sie nicht ändern.

Die Wortführer von damals sind die Wortführer von heute:

H. Krejci damals:

Soll Österreich in ein Hinterwäldlertum abgedrängt werden?

Industrie, 7.7.78

H. Krejci heute:

Die Industrie drängt vehement in die EG. Es geht uns alles noch zu langsam.

Pressekonferenz, 29.12.87

H. Kienzl damals:

Die Mütter, die von technischen Dingen wirklich nichts verstehen, (...) sind voller Angst, voller Schrecken und wissen wirklich nicht, wo­vor sie sich da fürchten.

Extrablatt 9/78

H. Kienzl heute:

Wenn wir nicht (...) wirtschaftlich, kulturell und politisch versickern wollen, müssen wir die EG wählen.

Schreiben vom 16.10.91

Usw.

Die „Argumente“ von damals gleichen denen von heute:

damals:

Bei Nein zu Zwentendorf: „Die österreichische Energiewirtschaft wäre dann eigentlich bankrott.“

H. Kienzl, Nationalbank-Gen.-Dir., Extrablatt 9/78

heute:

Bei einem Nichtbeitritt: „Dann wäre die österreichische Wirtschaft ohnedies ‚kaputt‘.“

R. Graf, Minister, TT, 11.9.87

damals:

Dann wird auch Österreich fin­steren Zeiten im wahrsten Sinne des Wortes entgegensehen.

W. Freisleben, Polit. Perspektiven, ÖVP, 3/4 76

heute:

Wenn wir keine Verhandlungen führen, beginnen 1993 für bestimm­te Wirtschaftszweige die Lichter auszugehen.

L. Steiner, (VP) Innsbruck, 21.11.88

damals:

Es geht um die Frage, ob unser Land ein konkurrenzfähiger Indu­striestaat bleiben oder sich selbst in die Rolle eines Entwicklungslandes zurückträumen will.

Univ.-Prof. W. Macke,
Wochenpresse, 1.11.78

heute:

Nur eine Vollmitgliedschaft kann verhindern, daß Österreich zu einem Entwicklungsland in Europa wird.

J. Haider, Presse, 21.9.87

Usw.

Die Angst vor dem Volke ist dieselbe:

damals:

Eine Volksabstimmung über die Inbetriebnahme Zwentendorfs wäre genauso unsinnig wie eine über die Wiedereinführung der Todesstrafe.

Th. Chorherr, Presse, Initiativ 1/78

heute:

Ich bezweifle überhaupt, ob ein EG-Beitritt einer Volksabstimmung zu unterwerfen wäre.

H. Androsch, AZ, 27.7.91

Die „Auseinandersetzung“ mit jenem Teil der Bevölkerung, der nicht der Herren-Meinung ist, sieht wie damals aus:

damals:

Das ist eine seltsame Koalition von Linksextremisten und Rechtsradi­kalen.

H. Androsch, Kurier, 30.10.78

heute:

Radikalinskis von links und rechts vereinen sich, um ihre europafeind­lichen Gedanken unter die Öffent­lichkeit zu bringen.

H. Haigermoser (FPÖ),
am 29.6.89 im Nationalrat

Es gleichen sich die Methoden in der Bekämpfung anderer Meinungen:

An der Kampagne von damals kann man Maß für die kommende nehmen. Die Indexsteigerung und den Zinseszins muß man halt dazurechnen. Kampagnen sind (zu deutsch) Feldzüge, und Feldzüge brauchen Generäle. Zwei führende Generäle der EG-Kampagne, Krejci und Kienzl, Generalsekretär der eine, Generaldirektor der andere, von der Industriellenvereinigung jener, von der National­bank dieser, gründeten damals, um das Volk um seine Interessen zu betrügen, ein „Österreichisches Komitee für Zwentendorf“. Gefüttert wurde dieses österreichfeindliche Komitee für Zwentendorf von der Industriellenvereinigung, der Bundeswirtschaftskammer, der Bun­desregierung und der E-Wirtschaft. Die Initiative „Pro Atomstrom“ dieses Komitees bearbeitete die Medien des Landes, versuchte in eigenen Veranstaltungen Betriebsräte und Kammerfunktionäre abzurichten, fuhr fünf Wochen lang einen Informationszug genann­ten Desinformationszug quer durch Österreich, hielt da zum Thema ein dreitägiges Symposion im Haus der Industrie ab, dort eines zum Thema „Atomangst“, schrieb selbst Leserbriefe und was weiß ich noch was. Was ich noch weiß: Das „Österreichische Komitee für Zwentendorf“ ließ sich auch einen Schüleraufsatzwettbewerb „Österreich und seine Energiewirtschaft“ einfallen und ein großes Preisausschreiben mit zehn Fragen, bei dem es Elektro-Geräte zu gewinnen gab.
(Alles wahr. Alles belegt.)

Um dem Volk, das frei zu entscheiden haben sollte, das Freie an der Entscheidung auszutreiben, warf sich auch der ÖGB ins Zeug (z.B.: „Die Bau- und Holzarbeiter haben beschlossen: Ja zu Zwenten­dorf!“, Inserate). Die E-Wirtschaft selbst versuchte mit einem Auf­wand von 20 Millionen, andere sagen: mit einem von 35, die breite Ablehnungsfront zu knacken. Mittels Zeitungsanzeigen Höhe mal Breite und über Radio und Fernsehen abgestrahlten Parolen („Denn Strom muß fließen. Bis ins kleinste Dorf. Die E-Wirtschaft.“), sollte den Menschen die Meinung ausgewechselt werden. Die Regierung ging mit gesonderten Aufklärungsveranstaltungen, wie sie das nannte, gegen’s eigene Volk vor und affichierte bundesweit ihre Pro­paganda („JA. Weil es überall auf der Welt Kernkraftwerke gibt.“).

Auch auf Zeitungsseitengröße aufgeblasene Lügen haben nicht geholfen, auch landesweit im Plakatformat ausgegebene Werbesprüche haben nicht genutzt
Der seinerzeitige Propagandakrieg läßt ahnen, was uns beim nächsten er­wartet. (Das seinerzeitige Ergebnis bei der Volksabstimmung läßt hoffen, was sie bei der nächsten erwarten kann.)

Zu jenen, die die Österreicherinnen und Österreicher damals mit Gewalt in eine strahlende Zukunft führen wollten, gehörte auch das „Atomforum“, das von Firmen der Kraftwerksbau-Branche (Porr AG, Boehler, Elin, Siemens, Voith, Brown Boveri, usw.) gebildet wurde. Dieses Atomforum versuchte mittels großfleckigen Inseraten („Sagen Sie JA zur Zukunft!“) in eine weitere profitable Zukunft zu investieren. Wer von all diesen Volksverhetzern „Wissenschafter für Zwentendorf“ angeheuert hat, um den Atommeiler in Zeitungs­-Anzeigen anpreisen zu lassen („Österreich braucht Energie!“), und wer die Idee gehabt hat, Karl Schranz, Herbert Prohaska und andere in ein Pro-Zwentendorf-Komitee zu stecken, und wer geglaubt hatte, mit einer durch die Medien gejagten Meldung „Vatikan für Kern­kraft“ die Österreicherinnen und Österreicher zum rechten Glauben zu bringen, das ist heute nicht mehr feststellbar und nicht mehr wichtig.

Atomstrom sei umweltfreundlich, log man uns vor, und Atomstrom sei billig. Die Endlagerung sei gelöst, versuchte man uns einzure­den, und ohne Zwentendorf drohe 1985 ein Versorgungsengpaß.

Jene, die das Volk für blöd angeschaut haben, haben dabei ihre eigene Torheit ausgiebig zur Schau gestellt.

Einige der stärksten „Argumente“ von damals:

Diese Idealisten übersehen, daß sie als nützliche Idioten im Sinne Lenins von politischen Agitatoren mißbraucht werden, deren Auftraggeber jenseits der Grenzen sitzen und ihren Vollzugsorganen eine klare Order mitgegeben haben: Zerstörung des westlichen Wirtschaftssystems, um an die Stelle von Marktwirtschaft und Demokratie eine andere Ordnung setzen zu können.

H. Krejci, Industrie, 7.7.78

Als Kernphysiker, der langjährig mit Kernreaktoren gearbeitet hat, betone ich, daß Kernkraftwerke sauber, sicher, gefahrlos, billig, nicht explodierbar und auch sonst ohne jede vernünftige technische Alternative sind.

Univ.-Prof. Dr. W. Macke, Uni Linz,
Zwentendorf-Annonce, Wochenpresse, 1.11.78

Wenn wir heute auf technischen Gebieten kleintreten, so werden unsere Nachkommen mit Unterversorgung ihrer Bedürfnisse dafür büßen müssen.

Fritz Klenner, Zukunft 8/78

Kernenergie ist heute in Wahrheit das „Flugloch“ zur Freiheit in demokra­tischen Gesellschaften.

H. Magenschab, Industrie, 11.2.77

„Kienspanmentalität“: „Ihre Alternative ist die Steinzeit“

W. Primosch, Kommentator der
Kärntner Tageszeitung, 19.10.78

Man sollte von einer Mafia des Unverstandes, der Vorurteile und des bewußten Ausweichens vor einer sachlichen Information sprechen, um nicht noch härtere Ausdrücke zu gebrauchen.

H. Krejci, Industrie, 1.9.78

Da nur drei Prozent der Österreicher alle Märchen der Kernkraftgegner bedingungslos glauben, besteht die Hoffnung, daß mit entsprechender Aufklärungsarbeit schließlich doch die einzig vernünftige Entscheidung fallt: Zwentendorf in Betrieb zu nehmen.

H. Kienzl, Wochenpresse, 25.10.78

Jede Ölraffinerie, jede chemische Fabrik, ja jede Benzintankstelle stellt ein höheres Sicherheitsrisiko dar als ein Kernkraftwerk.

Univ.-Prof. Dr. Ferdinand Cap, Uni
Innsbruck, Wochenpresse, 1.11.78

Da verbrüderten sich Christen mit Maoisten, Anarchisten mit ÖVPlern und gewissensstarke Sozialisten mit Ehemaligen von der FPÖ.

Welt der Arbeit (SPÖ), Dez. 78

Es müßte sich jedermann in Österreich sagen, daß ein Verzicht auf die friedliche Nutzung der Atomkraft auf kürzere oder längere Sicht geradezu einem wirtschaftlichen Selbstmord gleichkommt.

F. Bock, Vizekanzler a.D.,
Berichte und Informationen 8/78

Zustimmung für Zwentendorf, weil wir sonst in ein paar Jahren mit dem Kienspan in der Hand zähneklappernd zwischen allen jenen Ländern sitzen, die mit Atomstrom arbeiten. Arbeitslos, hochverschuldet, Bettler an den Toren jener, die Energie zu verkaufen haben.

Winfried Bruckner, Chefredakteur
der ÖGB-Zeitung Solidarität, 11/78

Als das Volk von Österreich gefragt wurde, hat das Volk von Öster­reich geantwortet. Wie heute jede/r weiß, hat es recht gehabt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1992
Heft 16, Seite 13
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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