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Michael Ley

Zum sechzigsten Geburtstag Herbert Kuhners

’Ich bin auf Zerstörer des Geistes gestoßen. Sie sind würdige Nachfolger ihrer Vorgänger’, ist ein kurzes Gedicht Herbert Kuhners, das vielleicht seine Existenz im Österreich der Zweiten Republik am besten umreißt. Er wurde 1935 in Wien geboren, mußte 1938 die Stadt verlassen und wuchs in den Vereinigten Staaten auf. An der Columbia University erwarb er seinen Bachelor of Art und kehrte 1963 nach Wien zurück. Er arbeitet seither als freier Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer. So brachte er 1985 im Schocken Verlag die zweisprachige Anthologie Austrian Poetry Today heraus, eine wichtige Verbreitung österreichischer Lyrik im angelsächsischen Sprachraum. Schon vorher erschienen in englischer Sprache eigene Arbeiten. Darüberhinaus übersetzte Herbert Kuhner slowenische und kroatische Lyrik ins Englische.

Seine wichtigen transkulturellen Tätigkeiten wurden jedoch in Österreich nicht gewürdigt, er war als Kritiker des hiesigen Kunst- und Literaturbetriebs zu unangepaßt und für viele ein unbequemer Außenseiter. Er paßte sicherlich nicht in die bis heute bestehende Szene der Anti-Kunst, die vor allem von den Aktionisten und deren Epigonen beherrscht wurde und als Staatskunst zu höchsten Ehren kam. Man wollte und konnte wohl nicht die Zusammenhänge dieser Kunst und dem Nationalsozialismus sehen. Nur einem ausgegrenzten Außenseiter fiel auf, was sich hinter der billigen Floskel ’antifaschistischer Kunst’ verbarg: Affirmation totalitärer Gewaltverhältnisse, nicht ihre Kritik. Über diese Zusammenhänge einer verleugneten Vergangenheit und deren Apologie in einer Kunst, die sicherlich noch schrecklicher war als die Nazi-Kunst selbst, zu schreiben, war ein unverzeihlicher Tabu-Bruch. Da man sich jedoch als ’Antifaschist’ ausgab, schien man gegen jegliche Kritik gefeit und bezichtigte häufig die Kritiker als ’Faschisten’. In seinem autobiographischen Werk Der Auschluß legt Herbert Kuhner Zeugnis über seine Erlebnisse ab, in diesem Text werden die semi-totalitären Aspekte der Politik der Zweiten Republik besonders deutlich. Es war sicherlich die Naivität Herbert Kuhners, die ihn glauben ließ, gegen dieses Machtkartell erfolgreich schreiben zu können. In vielen seiner Gedichte spürt man die Verbitterung, um die versagten Anerkennung und Demütigung.

In den letzten Jahren erwarb er sich mit den beiden zweisprachigen Lyrikbänden Wortweben und Wären die Wände zwischen uns aus Glas als Mitherausgeber, Autor und Übersetzer eine späte literarische Anerkennung. Ein Theaterstück Der Fließbandprinz wird hoffentlich in der nächsten Zeit zur Aufführung kommen. Da eine Unzahl von Arbeiten Herbert Kuhners noch nicht publiziert worden sind, ist zu hoffen, daß in Zukunft einiges veröffentlicht werden wird.

Herbert Kuhner gehört einem Jahrgang von Menschen an, die durch die traumatischen Verhältnisse oft übersehen werden. Sie konnten sich, bzw. wurden als kleine Kinder vor der Shoa gerettet, aber ihr Schicksal wird häufig wenig beachtet. Erst in den letzten Jahren fanden sich vor allem in den Vereinigten Staaten Menschen mit diesem Schicksal und benerkten erst spät, daß ihr Leid nicht nur individuell ist, sondern sich auch hier ein Verfolgungssyndrom zeigt. Die frühen traumatischen Erfahrungen und der abrupte Übergang in eine fremde Kultur, in die man sich häufig nicht wirklich integrieren konnte, da die Erwachsenen zu Hause deutsch sprachen, ließen diese Menschen zu Wanderern zwischen zwei Welten werden. Die Entwurzelung wurde zu ihrer zweiten Haut, deshalb sind sie vielleicht am besten geeignet, Kulturvermittler zwischen den verschiedenen Kulturen zu werden.

So sind viele Gedichte, die Herbert Kuhner ins Englische übersetzte, erst in der Übersetzung wirklich meisterliche Poesie. Zuletzt übersetzte er Lyrik von David Axmann, Waltraud More und Heinz Pototschnig, alle drei Bände erschienen im Verlag des Österreichischen Literaturforums. Es bleibt zu hoffen, daß Herbert Kuhner in der Zukunft mehr Anerkennung und Beachtung im österreichischen Literaturbetrieb findet und er seinen verdienten Platz in der österreichischen Literatur bekommt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1995
Autor/inn/en:

Michael Ley:

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