Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2005 » Heft 1-2/2005
Lotte Tobisch-Labotýn

Zum Geleit

Er geht mir ab, und je älter ich werde, desto mehr

Es war bei einer Einladung im Frühjahr 1962, als ich ihn zum ersten Male traf. In der Wohnung des ehemaligen Burgtheaterdirektors Josef Gie­len, dem Schwager des Pianisten Eduard Steuermann, bei dem der junge Adorno im Jahre 1925 in Wien sein Klavierspiel perfektionierte, während er zur gleichen Zeit bei Alban Berg Musiktheorie und Kompositionslehre studierte. (...)

Wenn er sich glücklich fühlte, strahlte sein Wesen eine berührende kindliche Freu­de und Dankbarkeit aus, die so ganz im Ge­gensatz standen zu dem stets unverändert bleibenden, wissenden und forschenden Blick aus seinen besonders großen, dunklen, ein wenig asymmetrischen Augen, die mich immer an die faszinierenden Augen des alten Goethe auf K. A. Schwerdgeburths Zeichnung aus dem Jahr 1832 erinnerten.

Ich weiß nicht, woran es lag, dass schon diese erste Begegnung durch eine gegenseitige spürbare Zuneigung geprägt wurde; aber ich weiß, dass diese Sympathie allein gewiss nicht ein ausreichend tragfähiges Fundament gewesen wäre für die Brücke, die über die unterschiedlichen Genera­tionen, sozialen Positionen, Formen der Intellektualität und Temperamente den weltberühmten Philosophen und die noch junge, mäßig erfolgreiche Schauspielerin zu einer jahrelangen, innigen — doch immer platonisch gebliebenen — Freundschaft zu­sammenführte.

Wo das Verbindende, das Gemeinsame dieser sonderbaren Beziehung zu finden ist, erhellt Adorno in seinem Brief vom 20. November 1964, den er mir anlässlich des Todes seines Lehrerfreundes Eduard Steu­ermann schrieb:

... wenn es etwas Tröstliches gibt, und davon zu reden, ist fast schon vermessen — dann liegt es darin, daß Du es warst, von der ich die Nachricht empfing. Unser Verhältnis hat ja auch dies Merkwürdige, daß es, trotz unseres Altersunterschiedes — ich bequem Dein Vater sein — etwas von einer Jugendfreundschaft hat durch all die Fäden, die von Dir zu meiner Jugend und zu de­ren bestimmten Erfahrungen sich spinnen. Es hat im Namen dieser späten und ana­chronistischen Jugendfreundschaft etwas unendlich Sinnvolles, daß uns nun gerade der Augenblick aneinanderknüpft, in dem einer der letzten und wichtigsten Menschen mir weggerissen wurde, der noch mit der ei­genen Jugend mich verbunden hat, und der, wie ich es auch von mir glaube, nichts von dem geopfert oder verraten hat, was in der Jugend ihn bewegte. Ich bin dankbar dafür, daß Du da bist und ich Dich habe ...

(...) Als er, 22-jährig, nach Abschluss seines Philosophie Studiums von Frankfurt nach Wien kam, war der große Aufbruch in die Moderne zwar längst unter den Trümmern, die der Erste Weltkrieg zurückgelassen hat­te, begraben, — aber davon spürte er offen­bar wenig. Im elitären Kreis um Schönberg und Berg, finanziell unabhängig, beschäf­tigte sich Adorno in Theorie und Praxis mit kunstphilosophischen Problemen, vor al­lem jenen der Musik. Er sah sich als Künst­ler, der sich bei den Großen der »2. Wiener Schule« weiterbilden wollte.

Wohl aus der sicher schmerzhaften Er­kenntnis, dass er dem höchsten Anspruch, den er immer an sich stellte, auf diesem Ge­biet nicht genügen konnte, verließ er Wien bereits wieder im Herbst 1925. Er kehrte zurück nach Frankfurt und zur Philosophie, die von nun an sein Leben bestimmte. Aber die Musik blieb zeitlebens ein wesentlicher Bestandteil seines Denkens.

So wie Amorbach, die Sommerfrische seiner Familie, für ihn Inbegriff seiner Kindheit war, so wurde Wien für ihn das Synonym für jenen Abschnitt seiner Jugend, in dem er als Musiker Antworten auf die ihn bewegenden Fragen suchte, die er Jah­re später, als Philosoph, fern von Wien, in der Polarität des dialektischen Denkens zu ergründen wusste.

Die Briefe Adornos an mich sind sicher­lich nicht vergleichbar oder auch nur in einem Atemzug zu nennen mit jenen, die er mit seinen bedeutenden Zeitgenossen, Fachkollegen, Verlegern oder Studenten wechselte, und die letztlich — wie er einmal belustigt einen seiner Studenten zitierte — von ihm »für die Ewigkeit« verfasst wurden, gewissermaßen als Ergänzung bzw. Kommentar zu einem jeweiligen Thema, durchaus im Bewusstsein einer möglichen Veröffentlichung.

Die vorliegenden Briefe — sowohl seine wie meine — sind nicht im entferntesten unter diesem Aspekt geschrieben worden. Darum berichten sie auch ohne Rücksichtnahme oder Vorsicht vom Tagesgeschehen, von Zuständen und Menschen — ob pro­minent oder nicht. Manches Urteil von mir über Ereignisse und Personen ist aus heutiger Sicht nicht mehr aufrechtzuerhalten, viele angesprochene Probleme sind kaum mehr als solche zu erkennen, und dennoch hatten einige durchaus Spätfolgen — gute und auch ungute.

Wenn ich, nach langem Überlegen, ge­rade jetzt mein Placet zur Veröffentlichung unseres Briefwechsels gegeben habe, dann deshalb, weil zu erwarten war, dass anlässlich seines hundertsten Geburtstages der Buchmarkt mit Adorno-Sekundärliteratur überschwemmt werden wird und Zeitungen und Magazine mit unzähligen Adorno-Artikeln erscheinen werden. Mit Publikationen, die wohl nur in einem sehr geringen Maße dazu beitragen werden, in der vielfältigen und äußerst widersprüchli­chen Persönlichkeit des Philosophen Ador­no den so sehr verletzbaren, empfindsamen und liebesbedürftigen Menschen aufzuspü­ren, der im Schatten seines Genies lebte und zeitlebens etwas von dem Kind in sich trug, dem seine großbürgerliche, tadellose Erziehung »das Weinen verboten hatte«.

In den Briefen seiner letzten zwei Le­bensjahre schreibt Adorno wiederholt über seine ernsthafte Absicht, mit Gretel nach seiner Emeritierung zeitweise wieder in Wien leben zu wollen, um sich hier noch einmal ganz seinen musikalischen Ambiti­onen und dem Komponieren zu widmen. Wir hatten dafür schon Pläne geschmiedet und überlegt, wie die Sache zu arrangieren wäre. Aber dazu kam es nicht mehr.

Als Adorno einmal im Zusammenhang mit seiner lebenslangen liebe zu Wien gefragt wurde: »Warum gerade Wien?«, antwortete er: »In Wien steht mein Garten­zwerge« — Was er wohl damit sagen wollte, sich gedacht hat? — Ich glaube, man sollte sich davor hüten, auf diese Frage mit einer vorschnellen Antwort zu reagieren, denn über alles, was Adorno gedacht und gesagt hat, lohnt es sich — in jedem Falle — gründ­lich nachzudenken.

Er geht mir ab, und je älter ich werde, desto mehr.

Auszüge aus dem Buch Theodor W. Adorno/Lotte Tobisch: Der private Briefwechsel. Hg. v. Bernhard Kraller und Heinz Steinert. Literaturverlag Droschl: Graz 2003.

Abdruck des Vorwortes mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2005
Heft 1-2/2005, Seite 47
Autor/inn/en:

Lotte Tobisch-Labotýn:

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