Zeitschriften » Wurzelwerk » Jahrgang 1984 » Wurzelwerk 28
Martin Fasan

Wohl bekomm’s

Unsere Landwirtschaft — welch eine Wirtschaft!

Die allgemeine Schadstoffbelastung von Lebensmitteln steht hinter dem internationalen Niveau um nichts zurück. Dabei zeichnen sich vor allem zwei Gefahrenbereiche ab:

  1. Es gibt in Österreich praktisch keine Lebensmittel mehr, die als chemikalien- oder rückstandsfrei zu bezeichnen sind.
  2. Über viele Stoffe ist noch wenig bekannt. Körperliche Schädigungen treten aber meist durch unkontrollierte, regelmäßige Einnahme eines Giftes auf.

Zur Fleischproduktion ist etwa das Siebenfache an pflanzlichen Nahrungsmitteln nötig. Und Futtermittel werden nicht selten aus der dritten Welt importiert, während alle zwei Sekunden ein Mensch an Unterernährung oder deren Folgeerkrankungen zugrundegeht.

Vor allem in den Innereien des Zuchtviehs finden sich Stoffe wie Cadmium, Arsen, Blei und andere, die durch die allgemeine Luft- und Wasserverschmutzung von den Tieren aufgenommen werden. Abgesehen davon finden sich im Fleisch Beigaben zur Wachstumsbeschleunigung wie Antibiotica, Hormone und Schilddrüsenhemmstoffe.

Warum diese Stoffe dem Viehfutter beigegeben werden? Damit das Vieh schneller wächst und früher verkauft werden kann! Denn ein „landwirtschaftlicher Betrieb“ (Bauernhöfe sind ja passé) muß wirtschaftlich und nicht biologisch denken, sonst ist er ganz schnell weg vom Fenster.

Das Pasteurisieren macht die Milch zwar länger haltbar und tötet viele Bakterien, aber es werden etliche wichtige Abwehrstoffe zerstört, die wichtiger wären als das Fehlen von Bakterien. Dafür spricht die Tatsache, daß Kälber zugrundegehen, wenn man sie ausschließlich mit pasteurisierter Milch füttert. Das Homogenisieren zögert die Bildung einer Rahmschicht hinaus, bringt aber sonst keinen Vorteil. Dafür enthält entrahmte Milch weniger Nährstoffe.

Von der H-Milch, die durch Ultrahocherhitzung (135-150°C) für 3-6 Sekunden entsteht, ganz zu schweigen. Sie ist, ebenso wie die abgekochte Milch, biologisch völlig tot. Eine Vielzahl von Schadstoffen, deren Gehalt ständig steigt, findet sich in sämtlichen Milchprodukten.

Zur Untersuchung von landwirtschaftlichen Produkten: Mittelwerte liegen meist noch unter den zulässigen Toleranzgrenzen. In Gebieten mit hoher Siedlungs- und Industriedichte oder stark chemisierter Landwirtschaft werden die Grenzwerte fast ausnahmslos überschritten. Nicht umsonst ist die Krebshäufigkeit in intensiv bewirtschafteten Agrargebieten ähnlich hoch wie in städtischen Ballungszentren.

Über Kunstdüngerverwendung und Verseuchung durch Schädlingsbekämpfungsmittel bei Obst und Gemüse zu schreiben, hieße Eulen nach Athen tragen.

Wie kommt die Landwirtschaft dazu, mittels Anbau in Monokulturen von Pesti-, Herbi-, Fungi- und sonstigen -Ciden sowie von allen möglichen Kunstdüngersorten abhängig zu sein und dabei einen Überschuß zu erwirtschaften, dessen Export mit Millionen-Subventionen unterstützt werden muß?

Wo doch alles so einfach wäre: kleine Felder, mit Sträuchern umrandet, in denen Vögel leben, die nämlich die natürlichen Feinde von Schädlingen aller Art sind, würden den biologischen Anbau sichern. Kompost als Naturdünger (dazu kann man den gesamten organischen Hausmüll verwenden) würde weniger — aber genug! — Ertrag bringen, ohne die Böden auszulaugen. In Niederösterreich sind nämlich bereits 70% aller Ackerböden kulturgeschädigt. Und das Landwirtschaftsministerum müßte keine Exportsubventionen aus Steuergeldern zahlen. Sogar für das Viehfutter bliebe noch genug übrig. Wir hätten dann vielleicht weniger, aber gesundes Fleisch und kein „Schrumpfschnitzel“.

Daß diese Idealvorstellungen von der landwirtschaftlichen Idylle nicht mit einem Fingerschnippchen von heute auf morgen erreichbar sind, sondern daß dafür weitreichende, auf internationalen Abkommen beruhende Maßnahmen notwendig sind, die den Bauern und nicht den Brieftaschen der Genossenschaftsbonzen dienen, versteht sich von selbst.

Ebenso unbestreitbar ist, daß der Weg zum biologischen Landbau nur durch ein langsames Umdenken von Bauern und Genossenschaften, unterstützt von einer konsequenten und vernünftigen Landwirtschaftspolitik, gangbar ist.

  • 1954 gab es in Österreich 990.000 Bäuerinnen und Bauern auf 423.000 Bauernhöfen
  • 1976 waren es nur noch 305.000 Bäuerinnen und Bauern auf 331.000 Bauernhöfen

Die Landflucht ist äußerst bedrohlich. Denn wenn dieser Trend anhält, wird es im Jahr 2000 nur mehr 97.000 Bäuerinnen und Bauern auf 73.000 landwirtschaftlichen Großbetrieben geben. Denn „Bauernhöfe“ wird man dann kaum noch sagen können.

Die Landwirtschaft geht den selben Weg wie die Industrie. Oberstes Gebot ist die Massenproduktion und Massenvermarktung. Dazu ist natürlich der Anbau auf riesigen Monokulturen notwendig. Nachdem aber Monokulturen extrem anfällig für den Schädlingsbefall sind, braucht man mehr Schädlingsbekämpfungsmittel. Nachdem die blöden Schädlinge aber resistent werden, braucht man neue und stärkere Mittel. Außerdem braucht man Kunstdünger. Der laugt aber den Boden aus. Daher braucht man mehr Kunstdünger oder Halmwachstumsregulatoren (!) für das Getreide, die ähnliche Wirkungen auf den Organismus haben wie DDT. Nur wer diesen Weg mitgeht, hat die Chance, zu überleben.

Mit dem Übergang zur großindustriellen, zentralistischen Nahrungsmittelproduktion verlängert sich natürlich der Zeitraum zwischen Ernte und Verbrauch des Produkts. Was dann passiert, zeigt das Beispiel der pasteurisierten Milch oder das Beispiel Brot wie folgt: Entfernt man vom Getreidekorn seine Randschicht und seinen Keim, dessen Fettanteil zu rascher Verderblichkeit von Vollmehl führt, erhält man „Auszugsmehl“. Diesem fehlen zwar Vitamine, Spurenelemente, Ballast- und Immunstoffe, dafür ist es lange genug haltbar, um es zu lagern, während man Werbung für das „tägliche Brot“ macht.

Die Bauern geraten zunehmend in die Abhängigkeit von Genossenschaften und Großbetrieben, indem sie Saatgut, Kunstdünger und Pflanzenschutzmittel vorgestreckt kriegen und dafür eine Abnahmegarantie erhalten. Auf die Vermarktung ihrer Produkte haben die Bauern keinen Einfluß mehr. Der Preis wird von den Genossenschaften diktiert. Viele kleine Landwirte halten diese Belastung nicht aus und gehen, wie die Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte deutlich zeigt, zugrunde. Oder sie werden Nebenerwerbsbauern und müssen oft Monsterdistanzen zu ihren Arbeitsstätten zurücklegen. War dies in der Zeit des Wirtschaftswachstums noch nicht so schlimm, stehen heute bereits etliche Ex-Landwirte ohne Arbeit auf der Straße. So entstehen Arbeitslosigkeit und Pendlerproblem.

Die reichen Bauern verdienen natürlich einen großen Batzen. In Österreich verdienten 1976 die 1.230 reichsten Bauern genausoviel wie die 60.000 ärmsten. Vom gesamten landwirtschaftlichen Einkommen der Voll- und Nebenerwerbsbauern verdiente 1976 das ärmste Fünftel 3% und das reichste Fünftel 50%.

Laut höre ich den Ruf nach den Genossenschaften. Das sind doch Selbsthilfeorganisationen von Bauern, um ihre Produkte besser zu verkaufen und günstige Kredite zu bekommen!? Die Genossenschaften entwickelten sich immer mehr zu verselbständigten Machtapparaten und eigenen Wirtschaftsimperien. Die Raiffeisen-Organisation, Österreichs größte landwirtschaftliche Genossenschaft, ist heute Mehrheitseigentümer von unzähligen Großfirmen wie z.B.: Baustoffhandel, Immobilien, Bauberatungsgesellschaften, Lagerhäusern, Banken, Verlagen etc.

Der Gesamt-Jahresumsatz beträgt etwa 100 Milliarden Schilling, das ist mehr als der Umsatz von VOEST, VEW, Chemie Linz und Steyr gemeinsam!

Für 80% der Produkte für landwirtschaftliche Chemie, die in der Chemie Linz hergestellt werden, ist Raiffeisen der Abnehmer. Der Spitzenmanager des Raiffeisenverbandes ist gleichzeitig auch Aufsichtsratsmitglied der Chemie Linz.

Die Chemie Linz zahlt eigene Düngeberater, die den Bauern von Raiffeisen empfohlen werden und ihnen den Linzer Dünger einreden. Und wenn ein Bauer keinen Kunstdünger oder keine Pflanzenschutzmittel verwenden will, oder nicht über Raiffeisen bestellen will, kann es passieren, daß er plötzlich nicht mehr kreditwürdig ist oder seine Milch einen geringeren Fettgehalt aufweist und daher billiger ist. Und diese genossenschaftlichen Milchkontrollen sind für die Bauern nicht kontrollierbar.

So wird ein Bauernhof entweder ein landwirtschaftlicher Großbetrieb, der nach der schon zur Genüge breitgedroschenen Wirtschaftsmentalität produziert und vermarktet, chemisiert und vergiftet, oder eine verlassene Ruine, deren Exbewohner die städtischen Arbeitslosenzahlen aufbessern.

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

FORVM unterstützen

Die Digitalisierung des FORVM und der Betrieb dieser Website ist ein Projekt von Context XXI. Im Rahmen von Context XXI sind bereits 5804 Beiträge veröffentlicht. 9878 Beiträge warten derzeit darauf, der Texterkennung zugeführt und verfügbar gemacht zu werden. Context XXI kann Euch in den kommenden Jahren noch Vieles bieten. Das kann zu unser aller Lebzeiten und dauerhaft nur mit Eurer Unterstützung gelingen. Ganz so wie unsere alternativen Zeitschriften auf Abos angewiesen waren und sind, so ist dieses Projekt auf regelmäßige Beiträge von Euch Lesenden und Nutzenden angewiesen — hier heißen sie halt fördernde Mitgliedschaften:

Persönliche Daten

bzw. zweites Namensfeld bei juristischen Personen

z.B. "p.A. Kommune 1"

einschließlich Hausnummer und ggf. Wohnungsnummer

Mitgliedschaft

Ich trete hiemit dem Verein Context XXI - Verein für Kommunikation und Information als förderndes Mitglied in der gewählten Beitragsgruppe bei. Ich kann meine Beitragsgruppe jederzeit ändern.

SEPA-Lastschriftmandat

Ich/Wir ermächtige/ermächtigen Context XXI – Verein für Kommunikation und Information, Zahlungen meiner/unserer Mitgliedsbeiträge von meinem/unserem Konto mittels SEPA-Lastschrift einzuziehen. Zugleich weise ich/weisen wir mein/unser Kreditinstitut an, die von Context XXI – Verein für Kommunikation und Information auf mein/unser Konto gezogenen SEPA–Lastschriften einzulösen. Ich kann/Wir können innerhalb von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrages verlangen. Es gelten dabei die mit meinem/unserem Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen. Zahlungsart: wiederkehrende Lastschrift (Recurrent)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1984
Wurzelwerk 28, Seite 18
Autor/inn/en:

Martin Fasan:

Lizenz dieses Beitrags:
CC by
Diese Seite weiterempfehlen