Zeitschriften » FŒHN » Heft 22
Markus Wilhelm

Woher nimmt Haider die Fähigkeit zum Haider?

Warum erwischt er die Haiderwähler so treffsicher am wunden Punkt? Weil er an der selben Stelle selber einen großen schmerzenden Pletzn hat. Er braucht nicht nach Anleitung vorzugehen, braucht gar nicht einmal zu wissen, wie was (siehe oben) funktioniert, er kann, wenn er aus sich schöpft, aus dem vollen schöpfen. Er kann, wie der deutsche Sozialforscher Theodor W. Adorno in anderem Zusammenhang festgestellt hat, „die seelischen Bedürfnisse und Wünsche der für seine Propaganda Anfälligen erraten, weil er ihnen seelisch ähnlich ist, und was ihn von ihnen unterscheidet, ist nicht irgend eine echte Überlegenheit, sondern die Fähigkeit, das, was in ihnen latent (= verborgen) ist, ohne ihre Hemmungen auszudrücken.“ Was Haider an die Spitze seiner Anhängerinnen und Anhänger stellt, ist sein unbezwingbarer Drang, sein Inneres nach außen zu wenden und seine Mackn vor unser aller Augen zu kurieren. Viele der Schmähungen, mit denen er seine Gegner („Blender“, „Streithahn“, „Problemkind“) eindeckt, hat er nur deswegen so schnell bei der Hand, weil er sich nur selbst zu beschreiben braucht. So können eigene Mängel ausgelagert und umso vehementer im Feind bekämpft werden („schamlos“, „rücksichtslos“, „großspurig“, „doppelbödig“, „unlauter“, „unseriös“, „unredlich“, „mies“, „scheinheilig“). Für einen Psychologen muß jede öffentliche Sprech-Stunde Haiders die reinste Offenbarung sein. Seine Defekte, gepaart mit seinem Sprechzwang, sind sein politisches Kapital. Der Haider, den er uns täglich vorführt, der steckt der Ganze in ihm selber drin. Da ist nichts Aufgesetztes (da kann daher auch nichts abgenommen werden). Nachspielen könnte man das alles gar nicht in dieser Qualität. Die großen Geldleute, die hinter ihm stehen (siehe voriges Heft), könnten das selber nie leisten, auch bei doppelthoher Investition nicht. So wild er um sich schlägt, so beschädigt ist er. W. Scheutz, ein ehemaliger Mitschüler Haiders in Bad Goisern schildert ihn als „dicken, klanen Bua mit Komplexen“ (Basta, 10/90).Weil alle Matzen auf seiner Seele echt sind, sind auch seine Reflexe darauf echt, in seinem Aufschrei hören sich sehr viele Menschen selber aufschreien. Darin, wie er auf seine eigenen starken Minderwertigkeitsgefühle reagiert, empfinden viele der zu Nähmaschinen und zu Mischmaschinen Entwerteten Erleichterung.

Natürlich kann Haider nach zwanzig Jahren Politik in dieser Form sehr genau abschätzen, bei welchen psychischen Defekten ihm die quasi öffentliche Therapie am meisten Anhang bringt. Was er seit Jahren bietet, ist demzufolge eine Auswahl der absoluten Renner. Nicht nur die tief verletzten Haiderwähler wollen verletzen, auch er.Es bedeutet ihm keine Überwindung, es ist ihm Befriedigung. Er tut es nicht, weil er damit Erfolg hat. Er hat Erfolg damit, weil er es tut. So gesehen ist er auch kein politischer Opportunist. Opportunist ist der Spitzenpolitiker J. Haider nur insofern, als er ein Mitglied dieses Systems ist, in dem Opportunismus ein Grundprinzip ist: Rainhard Fendrich ist ein glänzender Opportunist, der genau das singt, was er meint, daß die Leute hören wollen. News ist das reinste Opportunistenblattl, das — soweit es sich ausrechnen läßt — genau das bringt, was es glaubt, daß viele lesen wollen. Oetker ist ein vollkommen opportunistischer Puddingpulverfabrikant. Im Kapitalismus ist jeder ein Opportunist — des Marktes. Der Unternehmer, der herstellen läßt, was sich verkaufen läßt, der Arbeiter, der die Arbeit macht, die auf dem Markt gefragt ist und nicht die seinen Bedürfnissen entsprechende. Jedes Schulkind lernt, sich so zu verhalten, wie es von ihm erwartet wird. Opportunismus charakterisiert die Beziehungen der Menschen zueinander unter dem Diktat des Geldes.

Saubertick
(eine klassische Zwangsneurose)

Auch als, sagen wir, kleiner Rechtsanwalt in Gmunden, würde Haider umfallen, so oft es nothätte, seelisch. Auch dort würde er sich vom Bezirksrichter und von seinen Anwaltskollegen verfolgt fühlen, als wären es Einem oder Scholten. Sein Größenwahn, der ihn schon zum Vergleich mit Jesus getrieben hat, würde ihm auch dort arg zusetzen. Wie kaputt, wie komplexbeladen muß jemand sein, der sich mit 45 auf 28 herunterfrisieren muß, sich an goldene Armketteln hängt und an 100.000-Schilling-Uhren anbindet! Wie gehemmt muß so einer hinter all dem sein, wenn er soviel äußeren Halt nötig hat! Aber in seiner schamlosen Selbstvergötzung ist Platz für die Sehnsüchte von Millionen Menschen, deren Selbstwertgefühl von den Verhältnissen zertreten ist. Indem er seine Defizite ausbeutet, kann er die Defizite der Massen ausbeuten. Haider ist psychisch klein und schwach, das macht ihn politisch groß und stark. Ein Beispiel: Wie unsicher muß einer sein (bei allem Bungee-Jumping) hinter seiner blankgeputzten Fassade aus ausgewechselten Zähnen, um in einem fort das Thema Sicherheit (Kriminalität, Exekutive, Terrorismus, Ausländer, NATO, Berufsheer, ...) so überzeugt von innen heraus („Bandenwesen!“, „Triebtäter!“, „Schnellrichtersystem!“, „NATO-Atomwaffen für Österreich!“) spielen zu können! Ein anderes Beispiel: Er hat, von welchem Knacks immer das herrühren und wie immer das pyschologisch zu deuten sein mag, einen Sauberkeitsfimmel, der sich gewaschen hat. Schaut, wie bis in die Nasenlöcher hinauf geschniegelt und gebonert er ist, absolut klinisch keimfrei gemacht durch dreimaliges Duschen täglich, zu fünf verschiedenen Anlässen fünfmal frisch herausgeputzt in jeweils tiefenreinem Aufzug. Nocheinmal, dieser Tick würde ihm auch schwer zu schaffen machen, wenn er immer noch Universitätslehrer wäre. Aber er würde seine krankhafte Schmutz-Aversion nicht öffentlich zelebrieren. Sein Problem müßte nicht umschlagen in österreichische Innenpolitik, wo er überall Schmutz, Dreck, Mist, Schutt, Sumpf sieht, ihn überall das zwanghafte Bedürfnis nach Sauberkeit, Aufräumen, Ordnung machen, Ausmisten treibt. Haider plündert sich selber völlig aus und liegt mit dem, was er da zutage fördert, in diesem System goldrichtig. Auch die Werbung übt ja einen immer heftigeren Sauberkeits­-Terror auf die Menschen aus („Porentief sauber!“, „Mehr als nur rein!“, „So sauber, daß man davon essen könnte!“). Je tiefer wir real im Sumpf des Kapitalismus versinken, desto erfolgreicher wird sie damit. Im politischen Geschäft wird aus dem Kampf gegen Schmutzschatten auf Hemdkrägen der gegen Wohnungslose, Arbeitslose, Heimatlose usw.

Weil Haider so lädiert ist, ist er so rasend aktiv. Seine Seelenbeulen sind im Trend. Millionen haben Dellen an den gleichen Stellen. Die wirkliche Lösung kann nur darin bestehen, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch (der Mensch Haider, der Mensch Haiderwähler und der Mensch Nichthaiderwähler) ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1996
Heft 22, Seite 20
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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