Zeitschriften » FŒHN » Heft 23+24
Markus Wilhelm

Wo bleiben unsere Möglichkeiten?

Ja, wo bleiben sie denn?

Das ist nicht keine Demokratie mehr, sondern akkurat das ist sie — unter dem Kapitalismus. Das Beitritts-Manöver ist ja nur ein Musterbeispiel. Und auch von den Machenschaften dabei stehen in diesem Heft nur vielleicht 10 Prozent. Den Rest müßt ihr euch selber irgendwie dazudenken. Freilich werden eure gemeinsten Unterstellungen weit hinter den Tatsachen zurückbleiben. Demokratie, wie sie in den Schulbüchern steht, übersetzt ins Leben, das nachher kommt, heißt, Herrschaft über das Volk. Mit allen Mitteln. Das Volk, das ist die Manövriermasse, die bald da-, bald dorthin verschoben wird. Die Grenzen der Manipulierbarkeit sind nicht absehbar. Die Kriegsbegeisterung von 1914 ist jederzeit zu entfachen. Mit von oben organisierten Leserbriefserien, von oben organisierten Bürgerinitiativen, von oben organisierten Wissenschaftern, von oben organisierten Medien usw. kann heute oder morgen unser „Hurra! Auf in den Krieg!“, den wir alle nicht wollen, noch lauter ausfallen als dazumal. Eine Volksabstimmung darüber, ob wir irgendwo in einem fremden Lande für irgendeine Losung einer Werbeagentur erschossen werden wollen, kann gegen unseren Willen mit unserer Stimme jederzeit gewonnen werden. Wer daran zweifelt, sehe sich nur die noch höher entwickelte kapitalistische Demokratie der USA und die Kriegsbegeisterung an, die dort auf Knopfdruck abrufbar ist (nämlich den eigenen am Fernsehgerät). Die Sache mit der EU-Volksabstimmung ist nur ein klitzekleines Kapitelchen in der Geschichte der ewigen Manipulierbarkeit der Menschen. Darum müssen wir sie uns so genau ansehen. Wir haben eine Schlacht verloren, nicht den Krieg. Aber so wie es aussieht, verlieren wir auch die nächsten hundert Schlachten. In diesen total kontrollierten Prozessen haben wir keine Chance. Da kann genausowenig passieren wie bei Wahlen. Weil es für die Oberen so ungefährlich ist, läßt man uns jetzt ja schon fast jedes Jahr irgendetwas wählen. Aber was? Höhere Löhne? Oder etwa die Zerschlagung der Wucherbanken?

Was unablässig stattfindet im Kapitalismus, ist Klassenkampf. Ob wir das wahrhaben wollen oder nicht, er wird ständig gekämpft. Zumindest von oben gegen unten. Sonst gäbe es ganz schnell keinen Kapitalismus mehr. Der mit unserer mehrheitlichen Zustimmung gegen uns durchgedrückte EU-Anschluß war ein Sieg in diesem Klassenkampf. Aber auch nur ein Sieg.

Beim gegenwärtigen Bewußtseinsstand der Massen sind diese der Bewußtseinsindustrie, die der bei weitem stärkste Heeresteil der Herrschenden in diesem Klassenkampf ist, wehrlos ausgeliefert. Wer sich, um ein kleines Beispiel zu nennen, täglich vor deren „Zeit im Bild“ setzt, geht an einer verdammt kurzen Leine. Der tanzt, wie ihm gepfiffen wird.

Wir haben keine Chance. Und wie doch?

Um das zu erkennen, müssen wir zuerst noch klarer sehen, wie sehr wir keine haben.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1997
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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