Zeitschriften » Grundrisse » Jahrgang 2006 » Nummer 18
John Holloway

Wir sind die Krise der abstrakten Arbeit

„Stimmen des Widerstandes: alternative Stimmen“. [1] Was sind unsere Stimmen? Unsere Stimmen sind die Krise der abstrakten Arbeit. Wir sind die Krise der abstrakten Arbeit. Wir sind die Kraft des kreativen Tuns.

Wir sind die Krise. Wir sind nicht zuallererst eine positive Kraft, sondern eine negative. Was uns heute hierher bringt ist kein Positives, das uns gemein ist, sondern das NEIN, das wir alle teilen. Nein zum Kapitalismus, Nein zu einer Welt der Gewalt und Ausbeutung, Nein zu einer gesellschaftlichen Organisation die buchstäblich, im wahrsten Sinne des Wortes, die Menschheit zerstört. Nein zu einer Welt, in der das, was wir tun, von Kräften bestimmt ist, die wir nicht kontrollieren. ¡Ya basta! [2] Aber dieses ¡ya basta!, diese Weigerung, befindet sich nicht außerhalb des Kapitals, sie geht ins Herz des Kapitals, einfach deshalb, weil das Kapital von unserem Ja, von unserer Akzeptanz, von unserer Zustimmung zu arbeiten und Wert zu schaffen, von unserer Reproduktion der Obszönität, die uns umgibt, abhängig ist. Unser NEIN ist ein Nein der Stärke, einfach deswegen, weil die Existenz des Kapitals von unserem Ja-Sagen abhängig ist. Unser NEIN ist die dem Kapital eigene Krise.

Wir sind NEIN, wir sind Negativität, wir sind die Krise des Kapitals. Aber wir sind mehr als das. Wir sind die Krise dessen, das das Kapital produziert, die Krise der abstrakten, entfremdeten Arbeit. Abstrakte Arbeit produziert Kapital. In der Tat, Kapital ist die Abstraktion der Arbeit, der Prozess, durch den der immense Reichtum der menschlichen Kreativität, kontrolliert, gebändigt, nutzbar gemacht wird im Dienste der Expansion des Werts. Die Abstraktion der Arbeit reduziert die intensive Farbe des kreativen Tuns auf das Grau der Wertproduktion, auf die Leere des Geldmachens. Im Kapitalismus ist das kreative Tun (was Marx konkrete oder nützliche Arbeit genannt hat) der abstrakten Arbeit unterworfen, es existiert in der Form abstrakter Arbeit, aber diese Form verbirgt eine ständige Spannung, einen ständigen Antagonismus zwischen Inhalt und Form, zwischen kreativem Tun und abstrakter Arbeit. Kreatives Tun wird von abstrakter Arbeit unterworfen, aber nicht eliminiert: Es existiert in ständiger Rebellion gegen abstrakte Arbeit, es existiert als die latente Krise der abstrakten Arbeit

Hierin liegt der Kern des Klassenkampfes: Der Kampf zwischen dem kreativen Tun und der abstrakten Arbeit. In der Vergangenheit war es üblich, sich den Klassenkampf als Kampf zwischen Kapital und Arbeit vorzustellen, wobei Arbeit als Lohnarbeit, abstrakte Arbeit, verstanden wurde und die Arbeiterklasse oftmals als Klasse der Lohnarbeitenden definiert wurde. Aber diese Auffassung ist falsch. Lohnarbeit und Kapital ergänzen sich gegenseitig, Lohnarbeit ist ein Moment des Kapitals. Es gibt in der Tat einen Konflikt zwischen Lohnarbeit und Kapital, aber es ist ein relativ oberflächlicher Konflikt. Es ist ein Konflikt über die Höhe der Löhne, die Länge des Arbeitstages, die Arbeitsbedingungen: Alle diese Konflikte sind wichtig, aber sie setzen die Existenz des Kapitals voraus. Die wirkliche Bedrohung für das Kapital kommt nicht von der abstrakten Arbeit, sondern von der nützlichen Arbeit oder dem kreativen Tun, denn es ist das kreative Tun, das in radikalem Gegensatz zum Kapital, d.h. zu seiner eigenen Abstraktion, steht. Es ist das kreative Tun, das sagt, „nein, wir werden nicht tun, was das Kapital befiehlt, wir werden tun, was wir für notwendig oder wünschenswert erachten“.

Wir sind die Krise der abstrakten Arbeit, wir sind die Krise der Arbeiterbewegung, der Bewegung, die auf dem Kampf der abstrakten Arbeit basiert. Seit der Frühzeit des Kapitalismus hat die abstrakte Arbeit ihren Kampf gegen das Kapital, ihren Kampf um bessere Bedingungen für die Lohnarbeit organisiert. Im Zentrum dieser Bewegung befindet sich die Gewerkschaftsbewegung mit ihrem Kampf um höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. In der klassischen Literatur des orthodoxen Marxismus wird dies als ökonomischer Kampf betrachtet, der durch den politischen Kampf ergänzt werden muss. Der politische Kampf wird durch Parteien organisiert, die die Erlangung der Staatsmacht zum Ziel haben – sei es durch parlamentarische Mittel oder bewaffneten Kampf. Die klassische revolutionäre Partei beabsichtigt selbstverständlich, die Gewerkschaftsperspektive zu überwinden und eine Revolution anzuführen, die die abstrakte Arbeit, die Lohnarbeit abschaffen wird. Aber in Wirklichkeit ist (oder war) sie innerhalb der Welt der abstrakten Arbeit gefangen. Die Welt der abstrakten Arbeit ist eine Welt des Fetischismus, eine Welt, in der gesellschaftliche Verhältnisse als Dinge existieren. Es ist eine Welt, die von Geld, Kapital, dem Staat, den Parteien und Institutionen bevölkert ist, eine Welt voller falscher Stabilitäten, eine Welt der Identitäten. Es ist eine Welt der Trennung, in der das Politische vom Ökonomischen, das Öffentliche vom Privaten, die Zukunft von der Gegenwart, das Subjekt vom Objekt getrennt ist, eine Welt, in der das revolutionäre Subjekt ein sie (die Arbeiterklasse, die Bauernschaft) ist, nicht ein wir. [3] Der Fetischismus ist die Welt der Bewegung, die auf dem Kampf der Lohnarbeit, der abstrakten Arbeit aufbaut und von diesem Fetischismus gibt es kein Entrinnen: Es ist eine Welt, die unterdrückerisch und frustrierend und furchtbar, furchtbar langweilig ist. Es ist auch eine Welt, in der der Klassenkampf symmetrisch ist. Dass sich abstrakte Arbeit und Kapital gegenseitig ergänzen, spiegelt sich in der grundlegenden Symmetrie zwischen dem Kampf der abstrakten Arbeit und dem Kampf des Kapitals wider. Beide drehen sich um den Staat und den Kampf um Macht über andere; beide sind hierarchisch, beide streben nach Legitimität in ihrem Handeln an Stelle [4] anderer.

Wir sind die Krise der Arbeit und ihrer Arbeiterbewegung. Das war immer wahr, aber das neue ist, dass wir nicht länger ihre latente Krise sind, sondern ihre offene, manifeste Krise. Die abstrakte Arbeit war immer der Schlüssel zur kapitalistischen Herrschaft, d.h. die Verwandlung kreativen Tuns in abstrakte Arbeit und, damit einhergehend, die Verwandlung von menschlichen Erschaffenden in Lohnarbeiter. Anders ausgedrückt bildete Lohnarbeit [5] immer den Kern der kapitalistischen Kontrolle. Die so genannten Vollbeschäftigungsökonomien der Nachkriegszeit, stellten zusammen mit der massiven und intensiven Abstraktion der Arbeit in der fordistischen Ära den Höhepunkt der Herrschaft der abstrakten Arbeit und ihrer Institutionen – in denen die klassische Arbeiterbewegung eine zentrale Rolle gespielt hat – dar. Diese Form der Herrschaft befindet sich seit 30 Jahren in einer offenen Krise und wir sind diese Krise, unser NEIN, unsere Weigerung, die Verwandlung unserer Kreativität in bedeutungslose, abstrakte Arbeit, die Verwandlung von uns selbst in Maschinen hinzunehmen.

Aber was ist mit dem Neoliberalismus, was ist mit dem Krieg, was ist mit dem Empire und der Biomacht und den neuen Formen der Kontrolle? Haben sie nicht die Krise überwunden und dem Kapitalismus eine neue Basis gegeben? Nein, das denke ich nicht, und wir sollten sehr vorsichtig sein, damit wir mit unseren Theoretisierungen die Krise nicht in ein neues Paradigma, eine neue Ära der Herrschaft, ein neues Empire verwandeln, einfach weil die Positivitäten des paradigmatischen Denkens unsere Negativität einsperren, unsere Perspektiven schließen. Es die Aufgabe des Kapitals ein neues Paradigma zu erschaffen, nicht unsere. Unsere Aufgabe, sowohl praktisch als auch theoretisch, ist es, Instabilität zu erschaffen, nicht Stabilität. Der Marxismus ist eine Theorie der Krise, und nicht eine Theorie von Herrschaftsformen: nicht eine der Stärke der Herrschaft, sondern von ihrer Zerbrechlichkeit. Und es gibt viele, viele Anzeichen für die derzeitige grundlegende Zerbrechlichkeit des Kapitals: sowohl dessen zunehmende Gewalttätigkeit als auch dessen andauernde Abhängigkeit von der ständigen Ausweitung der Schulden. Sicher, es gibt eine ständige Ausweitung und Intensivierung der Abstraktion der Arbeit: z.B. sind wir in den Universitäten der Weise gewahr, in der unsere Arbeit immer direkter den Anforderungen des Marktes unterworfen wird. Aber gleichzeitig scheitert zunehmend der Versuch der abstrakten Arbeit, das Vorpreschen des kreativen Tuns innerhalb der Grenzen der Wertproduktion, innerhalb der Grenzen des Markts zu bändigen.

Dies ist die Krise der abstrakten Arbeit: die Unfähigkeit abstrakter Arbeit, die Kraft des kreativen Tuns zu bändigen. Lohnarbeit war immer und wird weiterhin (trotz der Ausweitung der Disziplin auf die Gesamtheit der „gesellschaftlichen Fabrik“ [6]) die wesentliche Disziplinarkraft des Kapitalismus sein, das bedeutendste Mittel unsere Menschlichkeit, unsere Weigerung‑und‑Erschaffung zu bändigen und zu reduzieren. Die allgegenwärtige Krise der Lohnarbeit intensiviert sowohl diese Disziplinierung (weil die Menschen um die Lohnarbeitsplätze konkurrieren) und schwächt sie, weil sie das Leben der Menschen nicht erfüllt: die Prekarität der Lohnarbeit ist auch die Prekarität der Abstraktion der Arbeit. Zunehmend bewegen sich die Protestkämpfe gegen den Kapitalismus über die Grenzen der auf abstrakter Arbeit basierenden Bewegung hinaus. Es ist nicht so, dass die alte Arbeiterbewegung nicht mehr existierte, oder dass ihre Bedeutung für die Verbesserung der Lebensbedingungen nachließe, sondern zunehmend finden die Kämpfe gegen den Kapitalismus in den Strukturen und Begriffen dieser Bewegung nicht mehr ihren Platz und bewegen sich darüber hinaus. Gleich, ob nun der Begriff Klasse ausdrücklich gebraucht wird oder nicht, bedeutet dies doch nicht, den Klassenkampf aufzugeben, sondern eine Intensivierung des Klassenkampfes, eine andere Ebene des Kampfes. Dies ist ein Kampf, der mit der Symmetrie bricht, die den Kampf der abstrakten Arbeit charakterisiert hat, ein Kampf der sich grundlegend asymmetrisch zum Kampf des Kapitals verhält und der sich an dieser Asymmetrie erfreut: Sachen auf eine andere Art und Weise zu machen, andere gesellschaftliche Verhältnisse aufzubauen, ist ein Leitprinzip.

In dieser Neuzusammensetzung des Klassenkampfes sind wir das revolutionäre Subjekt. Wir? Wer sind wir? Wir sind eine Frage, ein Experiment, ein Schrei, eine Herausforderung. Wir brauchen keine Definition, wir weisen alle Definitionen zurück, denn wir sind die anti-identitäre Kraft des kreativen Tuns und setzen uns über jede Definition hinweg. Nenne uns Multitude wenn Du magst, oder, besser noch, nenne uns Arbeiterklasse, aber jeder Versuch einer Definition ist nur insofern sinnvoll als wir mit dieser Definition brechen. Wir sind heterogen, wir sind dissonant, wir sind unsere eigene Bestätigung, die Verweigerung fremder Bestimmung über unsere Leben. Wir sind daher die Kritik der Repräsentation, die Kritik der Vertikalität und jeder Form von Organisation, die uns Verantwortung für unsere Leben nimmt. Hört die Stimmen der ZapatistInnen, der argentinischen Piqueteros, der Indigenen in Bolivien, der Menschen der sozialen Zentren in Italien: [7] das Subjekt, das sie allzeit in ihren Äußerungen benennen, ist „wir“ und es ist eine Kategorie, die über wirkliche Kraft verfügt.

Wir sind weiblich, nosotras nicht nosostros, [8] weil die Krise der abstrakten Arbeit die Krise einer männlich dominierten Aktivität und Form des Kampfes ist, und, weil der neue Klassenkampf nicht dieselbe Geschlechterzusammensetzung wie der alte hat.

Wir sind das Zerbrechen der Zeit, das Schießen auf die Uhren. [9] Die Bewegung der abstrakten Arbeit projiziert die Revolution in die Zukunft, aber unsere Revolution kann nur hier und jetzt sein, weil wir hier und jetzt lebendig sind und in der Zukunft werden wir tot sein (oder unsterblich). Wir sind die Intensität des Moments, die Suche (Faust‘s Suche, Bloch‘s Suche) nach dem Moment der absoluten Erfüllung. Wir sind die Poesie der Arbeiterklasse, die Arbeiterklasse als Poesie.

Unsere Revolution kann folglich nicht als Vorbereitung für ein großes Ereignis in der Zukunft verstanden werden, sondern nur hier und jetzt als Erschaffung von Rissen, Fissuren oder Brüchen im Gewebe der Herrschaft, von Räumen oder Momenten in denen wir deutlich sagen, „nein, wir werden nicht hinnehmen, dass das Kapital unsere Leben gestaltet, wir werden tun, was wir für notwendig oder wünschenswert erachten“. Wenn wir uns umsehen, können wir sehen, dass diese Räume oder Momente der Weigerung‑und‑Erschaffung überall existieren, vom lakandonischen Urwald bis zur vorübergehenden Weigerung‑und‑Erschaffung eines Ereignisses wie diesem. Revolution, unsere Revolution, kann nur als Ausweitung und Multiplikation dieser Risse, dieser Blitze der Weigerung‑und‑Erschaffung, dieser vulkanischen Ausbrüche des Tuns gegen die Arbeit verstanden werden.

Fragend schreiten wir voran. Preguntando caminamos. [10]

[1Motto eines von Le Monde Diplomatique am ??.2.2006 in Rom organisierten Forums, an dem außer John Holloway, Ignacio Ramonet; Aminata Taore und Immanuel Wallerstein teilnahmen; Anm.d.Ü.

[2Es reicht! Slogan der ZapatistInnen, mit dem sie den Aufstand 1994 begannen; Anm.d.Ü.

[3Hervorhebungen vom Übersetzer; Anm.d.Ü.

[4Hervorgehoben i.O.;Anm.d.Ü.

[5J.H. verwendet hier den Begriff „employment“, also Beschäftigung, der evtl. etwas umfassender ausgelegt werden kann. Gemeint ist jedoch Beschäftigung im Sinne der Lohnarbeit; Anm.d.Ü.

[6Der Begriff „fabbrica sociale“ wurde von Antonio Negri geprägt und bezeichnet die Ausbreitung des repressiven und auf Wertproduktion ausgerichteten Fabrikregimes auf die restlichen Sektoren der Gesellschaft; Anm.d.Ü.

[7In vielen italienischen Großstädten wurden in den 1980er und 1990er Jahren ungenutzte ehemalige Fabriken oder öffentliche Anlagen besetzt, die seitdem als autonom verwaltete Räume genutzt werden; Anm.d.Ü.

[8Die spanischen Formen für das weibliche und männliche „wir“; Anm.d.Ü.

[9Anspielung auf die 15. These des Textes „Über den Begriff der Geschichte“ von Walter Benjamin, in dem er wiedergibt, wie während der französischen Juli-Revolution von 1830 unabhängig voneinander auf verschiedene Kirchturmuhren geschossen wurde. Anm.d.Ü.

[10Spanische Version des vorhergehenden Satzes und zapatistisches Motto; Anm.d.Ü.

Autorenschaft ist immer Unsinn. In diesem Fall hat Sergio Tischler eine besondere Rolle in der Formulierung dieser Ideen gespielt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2006
Nummer 18, Seite 26
Autor/inn/en:

John Holloway:

1947 in Dublin geboren. Ist Professor am Instituto de Ciencias Sociales y Humanidades [Institut für Sozial- und Humanwissenschaften] der Benemérita Universidad Autónoma de Puebla in Mexiko. Zu seinen Veröffentlichungen zählen Crack Capitalism (Pluto, 2010) [Kapitalismus aufbrechen, Dampfboot, 2010], Change the World Without Taking Power (Pluto, 2005) [Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen, Dampfboot, 2002), Zapatista! Reinventing Revolution in Mexico (Mithrsg., Pluto, 1998) und Global Capital, National State and the Politics of Money (Mithrsg., Palgrave Macmillan, 1994).

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