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Willi Stelzhammer

Wir liegen so richtig falsch! 
Zeit für Besinnung!

Unsere Gesellschaft läuft aus dem Ruder und das nicht erst seit dem Beginn der Corona-Pandemie. Die gesellschaftliche Kohäsion bröckelt, löst sich auf. Nicht empathische Dichter, sondern die „nicht Dichten“ überfluten „social media“ und gelegentlich die Straße. Aber auch die Gülle-Medien, die von gequirlter Society-Scheiße leben, diese vergolden und zu Geld machen, verbreiten fake-news-odeur.

Die Weltgesellschaft steht an der Kippe, an der überquellenden Müllkippe, die die Erde mit Dummheit, Propagandalüge und Produktions-Konsum-Sondermüll vergiftet. Wir alle wissen das, nur die Politik tut, als wisse sie es nicht. Sie igelt sich ein in National-Schrebergärten, akzeptiert Menschenrechtsverbrechen, Mordlager, Meeres-Massengräber, grenzt aus, spaltet, hat im Grunde keine Alternativen zum unakzeptablen „Ist-Zustand“ und will das vermutlich auch gar nicht. Abgehoben hecheln die Regierenden von einer Meinungsumfrage zur nächsten Wahl, sekundiert vom angefütterten Boulevard, der auf der Klaviatur der tiefsten Emotionen klimpert, systematisch hetzt und verblödet, Falschinformationen, Vorurteile, egomanischen Verhaltensgrind in den Gehirnen der Menschen ablagert. Dazu kommt die sogenannte „Massenkultur“, die den „kleinen Mann“, „die kleine Frau“ mit zusätzlichen Ängsten impft: immer gleichen, langweilig-randvoll mit Blut und Morden gefüllten Krimiserien, klischeeverseuchten Vorstadt-Soap-Operas, pseudosozialen Primitiv-Talkshows, Witze-Sendungen, wo der plötzliche Peinlichkeitstod winkt, Unsozial-Reportagen, die die widerwärtigsten Sensations- und Voyeurs-Lüste anstacheln. Die vierte Macht degradiert die Menschen zum willigen Populisten- und Demagogen-Wahlvolk, Pegida- und Anti-Corona-Demonstrations-Mitläufern, die den gesammelten Müll und Dreck und Frust der Schundzeitungen und TV-Sender, allen voran der privaten, allabendlich in sich hineinfressen und sich bei „seriösen“ Informationen und Debatten aggressiv ausklinken.

Menschlichkeit, Anstand und Kapitalismus am Ende

Desorientiert, kurzatmig, von Arbeitslast ausgepresst wie Zitronen, gestresst vom immer schnelleren und entfremdeten Rhythmus, der meist Ramsch produzierenden, in allen Strukturen krachenden, globalen Überproduktions- und Vergeudungskapitalismusmaschine, die breitband- und breitbartverstärkt die menschlichen Ressourcen und die Natur auffrisst, den Planeten in eine stinkende Kloake verwandelt und Menschen nur als Waren und Kostenfaktor mit mehr oder weniger großem Marktwert behandelt; zumeist ohne die in Europa üblichen Sozial- und Gesundheitssysteme. Alle, deren Ausbeutung zu kostspielig, also unrentabel wäre, werden dem Vergessen und Verrecken preisgegeben.

Unsere „Dodel-Vorstadt-Mander- und Weibergesellschaft“ hierzulande merkt oft gar nicht, dass dieses Verhalten, nahtlos und kaum raffinierter, anschließt an die jahrhundertealte Kolonialattitüde totalitärer Herrschaftsgelüste korrupter Machteliten, die sich, pseudodemokratisch verbrämt, besser als alle anderen Mitmenschen dünken und mit einer „hinter uns die Sintflut-Mentalität“ alles Lebendige ertragreich verwerten und verwursten wollen, koste es was es wolle.

„SUV unser“ und „wir sind immer först, förster, am förstersten“, Weltmeister der Niedertracht, der Überheblichkeit, von Anmaßung, Inkompetenz und Ignoranz, lautet für diese Attitüde die Kurz-Formel. Dafür wollen wir gefälligst auch noch gelobt, geliebt und gewählt werden. Diese furchtsam-höflichen, slim-fit gestylten Hohepriester des Scheins betreiben im Auftrag der Big-Spender-Demolier-Wirtschaft rationalisierte Destabilisierung, automatisierte Deshumanisierung, Rundum-Desorientierung der menschlichen Spezies, die eigentlich, wie wir wissen, eine soziale und auf Kooperation ausgerichtete Grundausstattung aufweist, jedoch seit der neolithischen Revolution unter brutalem Konkurrenzverhalten, Gewaltherrschaft und Sündenbock-Suchmanie, wie ein zartes Pflänzchen, verschüttet ist.

Das Brennglas Pandemie macht Ungleichheit und Ungerechtigkeit deutlicher

Wer meint da ich übertreibe? Auch vor der Pandemie waren Alter, Krankheit und Tod tabuisiert oder übertüncht von interessegeleiteter Vorspiegelung ewiger Jugend, Well- und Fitness, während systematische Umweltzerstörung, grausamste Ausbeutung menschlicher Arbeit, Klimakatastrophen voran schritten und Zivilisationskrankheiten, vor allem psychische Erkrankungen, in den Industrieländern zunahmen, die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklaffte, die Gesundheitssysteme krankgespart wurden. In Griechenland, einem Land mit einer bis dahin geringen Suizidrate, stiegen nach der Wirtschaftskrise 2008 die Suizide um etwa das Doppelte an. Jetzt, verstärkt durch Effekte und Kollateralschäden der Pandemie, verursacht durch Arbeitslosigkeit und Pleiten, in Folge der notwendigen Lockdowns, wächst die Suizidalität weltweit. Gleichzeitig steigt aber auch die Chance zum Umdenken und Umsteuern, zu einer Neuaufstellung von Wirtschaft und Gesellschaft, einer kreativen Umgestaltung unserer monotonen, tradierten, überkommenen Lebens- und Arbeitswirklichkeiten, unserer Ausbildungs- und Wertesysteme, der in Beton erstarrten repräsentativen Demokratie, der „Freunderlwirtschafts-Politik“, die sich nur mit bedingungslosen Jasagern umgibt und Zivilgesellschaft ignoriert. Die Chance, das Richtige experimentell herauszufinden und manifest Falsches und Zerstörerisches in die Schranken zu weisen, Korruption, Konflikte und Kriege trocken zu legen und das vermeidbare Abdriften in psychosozial bedingte Menschheitskatastrophen — wie im letzten Jahrhundert — zu verhindern, ist gerade jetzt noch intakt.

Pandemie und Krise als Chance

Die Chance, Arbeit in Umwelt- und Zukunftsbereichen zu schaffen, Leben und Arbeit zu entschleunigen, Gesundheit und Gemeinwohl zu priorisieren, die Armutsfalle zu deaktivieren, die Lebensqualität zu verbessern, einen neuen Zusammenhalt zwischen den Menschen, eine neue Form der respektvollen, gegenseitigen Wahrnehmung und Wertschätzung, nennen wir es kooperativer Solidarität, in Vielfalt und Respekt der individuellen Unterschiede, ohne kollektive Zwangsmaßnahmen und simplifizierende Gleichmacherei, ohne Schüren von Ängsten, durch Überzeugung und Vernunft zu fördern, ist jetzt mehr denn je gegeben. Ebenso die Chance die Zerstörungen, Spaltungen und Verirrungen durch den von Sozialdemokratie und Ökologiebewegung kaum gebremsten Neoliberalismus, zu dem es keine Alternative zu geben schien und der mit dem Kampfruf „Mehr Privat als Staat“ die Weltherrschaft durch Globalisierung anstrebte, den sozialen und ökologischen Wahnsinnsrausch, den Reagan und Thatcher entfachten, einzubremsen und die Zerstörungen wieder gutzumachen.

Es ist Zeit für eine Politik und Wirtschaft, die Menschen auf allen Erdteilen selbstermächtigt und in ihren Autonomie- und Emanzipationsbestrebungen unterstützt, nicht mit Almosen, sondern mit einer Wirtschafts-, Entwicklungs-, Außen- und Friedenspolitik, die diesen Namen verdient und auf gerechtes und nachhaltiges Teilen der Ressourcen und der aus ihr resultierenden Wertschöpfung setzt. Die Chance solche Entwicklungen einzuleiten, ist heute, in dieser weltweit aufbrechenden Zoonosen-bedingten, vielschichtigen, globalen Krise, größer und aussichtsreicher denn je. Es ist ein historisch einmaliger Moment, das Ruder der schiffbruchgefährdeten Menschheit mitten im Mahlstrom kurzsichtiger Profitgier herumzureißen und den drohenden Untergang durch global vernetzte Dezentralisierung und einen positiven Kurswechsel in gemeinsamer Kraftanstrengung zu verhindern.

Ein anderes Europa für eine andere Welt

Unser Europa, als Mutter kolonialer Verbrechen, geostrategisch, historisch und menschlich missglückter, willkürlicher Grenzziehungen und grausamer Fehlentwicklungen, hat eine große Bringschuld, aber auch eine große Chance auf Rehabilitierung und Platzierung als Gleiche unter Gleichen, wenn es sich zur Initiatorin einer neuen lebendigen Demokratiedynamik sozialer und ökologischer Erneuerung aufschwingt. Dazu muss es sich selbst erst mit demokratisch-sozialer Verfassung, unser aller Mut, solidarischer Wehrhaftigkeit und Generosität ausstatten, mit kreativen Ideen und Lösungsmethoden überzeugen, die das Zeug haben, die Herzen und Köpfe der Menschen ehrlich zu berühren und Auswege aus dem Desaster völlig überflüssiger Kriege um Ressourcen, Arbeits-, Wirtschafts- und Wohlstandsverteilung aufzuzeigen, allem totalitären, terrorisierenden Staats- und Machtverständnis abzuschwören und derart auch dem sich daraus ableitenden, zwillingshaften wahnhaft-religiösen Terrorismus (wie beispielsweise in Afghanistan) das Wasser abzugraben.

Gemeinsame Verhinderung von Klimakatastrophen, friedliche Bewältigung aktueller und zukünftiger menschlicher Migrationsbewegungen, Offenheit, Entwicklung einer Diskussionskultur, Bildung, Bildung, Bildung, streitbare Akzeptanz anderer Ansichten, Traditionen, Geschichten, Kulturen, auf Basis der Menschenrechte und der Freundlichkeit, das sind die notwendigen supranationalen Eigenschaften, die heute, unter demokratischer Nutzung der beschleunigten wissenschaftlichen Erkenntnisse und der weltweiten Vernetzung aller Menschen, in den Bereich des möglichen Machbaren gerückt sind.

Es geht darum, dass mit der Zeit, wirklich jede und jeder sich vom Nachbeter und Wiederkäuer vorgefasster Meinungen von LeithammelInnen in einen forschenden, neugierigen, lernbereiten Menschen verwandelt, der sich seiner/ihrer und unser aller Macht bewusst ist, auf Politik und Wirtschaft nicht nur einzuwirken, sondern sie friedlich, selbstbewusst, dialogisch selbst mitzugestalten. Das wirtschaftliche, das politische, das gesamtgesellschaftliche System und das damit verknüpfte Werteverständnis, das einseitig im Dienst einer klitzekleinen eigennützigen Minderheit unvorstellbar unverschämt reicher Besitzenden, den alleinigen Anspruch auf globale Gültigkeit und Rechtmäßigkeit erhebt und die ganze Welt an den Rand des Ruins gebracht hat, ist längst gründlich reparatur-, reform-, ja ablösebedürftig.

So viele Menschen sind im Bemühen um eine bessere und gerechtere Welt, eine offene, freie Gesellschaft und ein friedliches Leben, bisher auch ohne die aktuelle Pandemie gestorben, die ja auch nichts anderes ist als die Konsequenz falschen menschlichen Handelns, das der Natur und dem ökologischen Gleichgewicht zuwiderläuft, die Artenvielfalt auslöscht, den Lebensraum und die Lebensgrundlage für Menschen, Tiere und Pflanzen immer mehr begrenzt und solcherart Zoonosen begünstigt. All diesen, Generation um Generation vor uns Verstorbenen, sei hier mit Trauer gedacht. Aber die Hoffnung auf Veränderung lebt!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
2021
Autor/inn/en:

Willi Stelzhammer:

Geboren am 20. Juli 1952 in Wien, lebte von 1973 bis 1986 in Südfrankreich. Er schrieb und inszenierte mehrere Musiktheaterstücke, die er in verschiedenen europäischen Ländern zur Aufführung brachte und veröffentlichte politische Artikel, Essays, Gedichte und Lieder, sowie mehrere Langspielplatten. Seit 1986 lebt und engagiert er sich wieder in Wien.

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