Zeitschriften » Wurzelwerk » Jahrgang 1985 » Wurzelwerk 40
Klaus Totzler

Wir haben eine Arena

Geschichte und Gegenwart

Wieder ziehen die Wolken ein Stück weiter und bedecken sanft den Mond. Und wieder komm ich nicht zu meinem Foto. Vorne die dunklen Umrisse des Arena-Verwaltungsgebäudes — hinten der Nachthimmel. Nächstes Mal probier ich’s mit dem Stativ. Vielleicht läßt sich das, was ich hier schon öfters beobachtet und empfunden habe, auch gar nicht fotografieren. Genausowenig, wie ich es auf Anhieb erklären könnte.

Das Wahrzeichen der Arena: der alte Schlot

Im Spätsommer 1976 hatte ich mein persönliches 1968. Damals, als wir unsere ganze Sehnsucht in einem Projekt wiederfanden. Und so bitter enttäuscht wurden. Heute erscheint es naiv, daran geglaubt zu haben. Aber damals, als wir mitten drinn waren!? Knapp dreihundert Meter von der heutigen Arena entfernt, wo jetzt der Zubringer der Südosttangente ist, dort war irgendwo der Arenawirt, der Eingang zum Auslandsschlachthof, zur alten Arena. Gleich links hat mein Freund Karli in der Sanität mitgeholfen. Dann das Café Schweinestall. Verschiedene Halien. In einer war gerade eine Party mit der von mir mitgebrachten Stereoanlage. In der großen Halle spielten die verschiedensten Musiker. Vielleicht gerade Sigi Maron oder Bob Downs, der mit seinen Flöten zauberte. Einmal kam sogar Leonard Cohen in die Arena raus und sang für uns vom tanzenden Rabbi.

In einer anderen Halle war eine Ausstellung. Der Helnwein war da und auch mein Zeichenprofessor vom Gymnasium, der Pichl. Daneben töpferte jemand. Alle waren voll von Zuversicht und tausend Plänen. Venceremos!

Das war auch noch nicht dagewesen. Bisher hatte man ja immer die Kultur von oben vorgekaut und dann überreicht bekommen. Die Zwangsbeglückung war selten boykottiert worden. Und jetzt gleich in so breiter Front. Selbstverwaltung, Basisdemokratie und intensive Kommunikationsformen quer durch die sozialen Schichten fingen da an zu funktionieren. Mit Anfangsschwierigkeiten, versteht sich, aber doch. Zuerst war das Gelände großzügig zur Verfügung gestellt worden. Schon kurze Zeit später hatte man es sich anders überlegt. Und da wurde die Arena besetzt. Als Antwort darauf kamen im Oktober die Bagger. Die Gemeinde hatte den Grund verkauft. An diverse Großkonzerne. Raffiniert, nicht? Und genau das Stück Grund, wo die Arena gewachsen war. Rundherum war zwar noch viel freies Feld, aber so war es wohl praktischer. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Schöps & Co konnten ihre Betonsilos errichten und die Unruhestifter, die sich anmaßten, selbst denken zu wollen, war man vorderhand auch los.

Die meisten resignierten. Dem aufmüpfigen Rest gab man im August 1977 einen Teil des ehemaligen Inlandsschlachthofs. Eine Art Alibihandlung. Ein Areal von etwa einem Zwanzigstel des anderen Geländes. Die ursprüngliche Idee der Gemeinde war, auch die Verwaltung zu teilen. Drei Leute von der Arena und drei, gleichsam als Kontrolle, von der Gemeinde. Dieser Vorschlag wurde von den Arenaten abgelehnt. Heute hat man die Selbstverwaltung durchgesetzt und seit 1980 gibt’s sogar Subventionen. Der harte Kern sind eine Handvoll Idealisten. Und was die geschaffen haben, ist etwas ganz anderes, als da drüben war, aber in seiner Art auch einzig. Unzählige, zumeist interessante Konzertveranstaltungen mit diversen österreichischen und internationalen Musikern. Viel Underground, aber auch Stars wie Alvin Lee (Ex-Ten Years After) und Ian Gillan (Deep Purple), Saga und New Order, Gil Scott-Heron und Wolfgang Ambros. Weiters läuft nach Sommernachtstraum und Romeo und Julia mit Leonce und Lena von Georg Büchner derzeit schon das dritte Theaterstück mit dem Beinhardt-Ensemble. Aufführungen finden jeden Freitag-Samstag-Sonntag bis zum 23. Juni statt. Und für den Herbst ist Frühlingserwachen von Frank Wedekind geplant.

Vom 12. bis 14. Juli gibts heuer wıeder ein Black Musik-Open Air. Unter anderen kommen so bekannte Reggaemusiker wie Third World, Steelpulse, Gregory Isaacs und Sly & Robbie (außer durch ihr Mitwirken bei Black Uhuru vor allem durch diverse Projekte mit den Rolling Stones, Grace Jones und anderen bekanntgeworden).

Voraussichtlich noch in diesem Jahr ist ein Zyklus: Das andere Lied (politische Texte) zu erwarten.

Ausstellungen sind auch wieder im Gespräch.

Kräftige Lebenszeichen also von einer Institution, die mit ein wesentlicher Tragpfeiler für Wiens Kultur ist. Hoffentlich sägt nicht wieder einer dran. Und wenn, sollten wir ihm in den Arm fallen.

Jetzt hab ich doch mein Foto. Aber ich hab das Gefühl es zeigt nur vage, was ich spüre. Dabei spüre ich es so deutlich. Manches läßt sich eben kaum fotografieren.

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

FORVM unterstützen

Die Digitalisierung des FORVM und der Betrieb dieser Website ist ein Projekt von Context XXI. Im Rahmen von Context XXI sind bereits 5663 Beiträge veröffentlicht. 9972 Beiträge warten derzeit darauf, der Texterkennung zugeführt und verfügbar gemacht zu werden. Context XXI kann Euch in den kommenden Jahren noch Vieles bieten. Das kann zu unser aller Lebzeiten und dauerhaft nur mit Eurer Unterstützung gelingen. Ganz so wie unsere alternativen Zeitschriften auf Abos angewiesen waren und sind, so ist dieses Projekt auf regelmäßige Beiträge von Euch Lesenden und Nutzenden angewiesen — hier heißen sie halt fördernde Mitgliedschaften:

Persönliche Daten

bzw. zweites Namensfeld bei juristischen Personen

z.B. "p.A. Kommune 1"

einschließlich Hausnummer und ggf. Wohnungsnummer

Mitgliedschaft

Ich trete hiemit dem Verein Context XXI - Verein für Kommunikation und Information als förderndes Mitglied in der gewählten Beitragsgruppe bei. Ich kann meine Beitragsgruppe jederzeit ändern.

SEPA-Lastschriftmandat

Ich/Wir ermächtige/ermächtigen Context XXI – Verein für Kommunikation und Information, Zahlungen meiner/unserer Mitgliedsbeiträge von meinem/unserem Konto mittels SEPA-Lastschrift einzuziehen. Zugleich weise ich/weisen wir mein/unser Kreditinstitut an, die von Context XXI – Verein für Kommunikation und Information auf mein/unser Konto gezogenen SEPA–Lastschriften einzulösen. Ich kann/Wir können innerhalb von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrages verlangen. Es gelten dabei die mit meinem/unserem Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen. Zahlungsart: wiederkehrende Lastschrift (Recurrent)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1985
Wurzelwerk 40, Seite 36
Autor/inn/en:

Klaus Totzler:

Lizenz dieses Beitrags:
CC by
Diese Seite weiterempfehlen