Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 8
Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Uwe Lausen • Hanna Mittelstädt (Übersetzung)

Wiederholung und Neuigkeit in der konstruierten Situation

Wodurch kann man die Avantgarde von ihren Mitläufern unterscheiden? Und durch welche Mittel kann man Veränderungen erzielen — auf welchem Gebiet es auch sein mag? Durch das Experimentieren. Das Experiment erscheint als nicht gelenkt, unbewusst, jeden Sinnes beraubt und spontan. Erst bei der ersten Wiederholung wird das Experiment bewusst, wenn es beschrieben und analysiert werden kann. Dann muss entschieden werden, ob diese Wiederholung „gültig“ ist oder nicht. Ist das Ergebnis positiv, so wird die Beschreibung des Experiments zur Spielregel und das Experiment zum Spiel.

Es gibt kein Spiel ohne Wiederholung. Es ist festgestellt worden, dass die verfallende Kultur nicht mehr die geringste Kraft beim Experimentieren hatte. Diesem Verfall setzt aber die neue Erfindung der Spiele ein Ende. Das menschliche Spiel besteht in der Wiederholung einer Situation. Eine Situation kann sich ereignen — wenn die Faktoren ihrer Konstruktion nicht in unseren Händen liegen: das ist das Spiel der Wiederholung eines Gegebenen. Eine Situation kann experimentell geschaffen werden — wenn die Faktoren ihrer Konstruktion uns zur Verfügung stehen: das ist das Spiel der Wiederholung eines Experiments.

Wir wollen das Experimentieren, weil wir neue Spiele wollen. Auch die Spieler sind Plagiatoren (wir sind nicht gegen Plagiatoren). Diejenigen, die Experimente im alltäglichen Leben machen, sind auch die revolutionäre Avantgarde (wir sind diese Avantgarde). Ein Berufsplagiator kann nicht experimentieren. Ein Berufsrevolutionär kann nichts spielen. Derjenige, der zum Spezialisten der neuen Spiele werden will, kann nichts spielen.

Heute kann eine Revolution nichts anderes sein als eine Kritik an der Revolution (als einer getrennten Spezialisierung). Diese Kritik der Revolution muss den Sinn einer Verteidigung des Spiels haben. Ein Revolutionär, der spielt, verkörpert den dialektischen Widerspruch. Der Berufsrevolutionär blockiert diesen Widerspruch, indem er zur neuen getrennten Macht wird. Es gibt verschiedene mögliche Antworten auf das Leben: den Selbstmord, die Verdummung, das Experimentieren und das Spiel. Selbstmord und Verdummung sind die Möglichkeiten, die von der heutigen Gesellschaft angeboten werden. Kann man zu Augenblicken gelangen, in denen die Wahl für die Experimente und die Spiele offen stehen würde? Was sich auf folgende Frage zurückführen lässt: Wie kann man eine Revolution des Spiels machen?

Wir sind nicht gegen die Konditionierung: eine bestimmte Art der Konditionierung ist unvermeidlich. Aber wir wollen den Institutionen die ihnen zur Verfügung stehenden Konditionierungswerkzeuge entreißen, die an der Reduzierung des Menschen arbeiten. Denn es gibt keine andere Möglichkeit für die Befreiung unserer gefangengehaltenen Träume als die Aneignung der Faktoren unserer Konditionierung durch uns selbst. Dann können wir Gebiete erforschen, die wir bisher nur erahnt haben. Diese Erforschungen werden uns genauso gut dem längst Bekannten entgegenbringen — alten mit neuem Inhalt beladenen Formen, sowie altem Inhalt in neuem Rahmen.

Ein Freund von mir empfängt seine Gäste in völlig leeren Räumen. Dabei stellt er ihnen eine beträchtliche Auswahl „nützlicher“ (Bett, Schrank, Tisch, Stuhl) und unbestimmbarer Gegenstände ohne jeden Gebrauchscharakter zur Verfügung. Die Gäste dürfen die Zimmer möblieren, wie es ihnen gefällt; sie dürfen sogar, wenn sie Lust dazu haben, deren Struktur verändern. Dieser Freund ist also einer von den wenigen Gastgebern, die sich außerhalb der Tradition von Prokrustes befinden (Man kann übrigens die gesamte heutige Gesellschaft als diese paradoxe Synthese auffassen — bei ihr ist jedoch Prokrustes selbst sein eigener Gastgeber). Er zwingt uns nicht dazu, es uns in einem Raum bequem zu machen, dem eventuell eine Stimmung anhaftet, die zu einem uns fremden oder feindlichen Menschen passte. Er reduziert uns weder auf einen unpersönlichen Wohnraum, wie ein schlechtes Hotelzimmer; noch auf einen, der für eine bestimmte Kategorie von Menschen eingerichtet wurde, die sich nach den durchschnittlichen Fähigkeiten dieser Menschen richtet, wie es mit dem der Fall ist, was als Hotelzimmer gilt.

Eine Wohnung, wie auch ein Viertel, konditioniert die Leute, die in ihr wohnen. Eine Wohnung könnte jedoch durch eben diese Leute bestimmt werden. Sie könnte deren Erprobung, deren Spiegel sein. Deren Resonanzboden. Betrachtet man die heutigen Wohnungen als eine Widerspiegelung ihrer Bewohner, so muss man natürlich sagen, dass etwas in ihrer Persönlichkeit überhaupt nicht in Ordnung ist. Betrachtet man sie weiter als den Raum, in dem bestimmte Teile dieser Persönlichkeit sich entwickeln sollten, so muss man denjenigen bewundern, der ihnen entkommen konnte, ohne in diesem oder jenem Punkt zum Krüppel geworden zu sein.

Um den in diesem Sinne von einem Individuum erreichten Gebrechlichkeitskoeffizienten zu messen, könnte man diesen Test einführen: ihm einen größeren Raum als den ihm vorher zur Verfügung stehenden zu geben, um ihn nach eigener Vorstellung umzugestalten.

Wir definieren uns nicht, als seien wir gegen die Natur. Auf jeden Fall sind wir gegen die moderne Stadt als die Summe der verschiedenen Techniken zur Reduzierung des Menschen. Was findet man in der modernen Stadt? Die Konfektionswohnung oder den Schein des Privaten in der Standardisierung. Das Fernsehen oder den Schein des menschlichen Kontaktes in der Isolierung. Die Kaufhäuser oder den Schein der Bereicherung in der Gleichförmigkeit. Die Unterhaltungsstätten oder den Schein der Selbstverwirklichung in der Verdummung. Und die Straßen mit ihrem Scheinverkehr als Ketten der Isolierung. Die Natur war ein Lebensraum — genau das muss die Stadt jetzt durch unsere heutigen Möglichkeiten werden. Es wurde früher gemeint, dass die Natur Grundbedürfnisse befriedige, während heute behauptet wird, die Konfektionswohnung sei dazu geeignet, höhere, d.h. raffinierte und vielseitig gestaltete Bedürfnisse zu befriedigen. Es ist doch klar, dass die Wohnung, die zur Zufriedenstellung des offiziellen Menschenmusters eingerichtet wurde, dessen Lebensminimum man an durchschnittlichen Fähigkeiten festgestellt hat, einzig und allein dazu dienen kann, jedes wirkliche Individuum zu amputieren.

Damals wurde vom „Dschungel der Großstädte“ gesprochen. Heute ist es sehr schwer, die Überbleibsel eines Dschungels in der organisierten Normung und der vielfarbigen Langeweile herauszufinden. Ich habe vor kurzem von einem Architekten gehört, der in einem Tollwutanfall — wie man sagt — alle Gegenstände seiner Wohnung, vom Telefon und Fotoapparat bis zum Kühlschrank kaputtgeschlagen haben soll. Das ist keine unsympathische Handlung, sie kann aber überhaupt keine Wirkung ausüben. Wir können uns nicht auf bruchstückartige Aktionen beschränken. Eines Tages haben wir die passenden Begegnungen und wir finden Abenteuer in einer neuen, aus neuartigen Dschungeln, Steppen und Labyrinthen bestehenden Stadt.

Den Begriff des Vaterlandes findet man in Geschichtsbüchern. Ähnliche Worte sind mit dem Versprechen beladen worden, in einem geographischen Zusammenhang, in einer Umwelt würde irgendetwas der Persönlichkeit eines jeden entsprechen. Sie haben Gedanken und Träume mobilisiert. Das Vaterland wurde als ein kollektiver Raum für Ideen und Aktionen dargestellt, als ein Kontakt mit anderen Leuten auf gemeinschaftlichem Gebiet. Es ist heute klar, dass unser Vaterland überall ist — oder, genauer gesagt, nirgends. Die Möglichkeit für die Verwirklichung einer Gemeinschaft wird allerdings von den Situationisten vertreten, wenn sie sich darum bemühen, mit Stützpunkten des unitären Urbanismus zu experimentieren. Die Entfremdung kann nur dort bekämpft werden, wo man sich selber wiederfinden und bilden kann.

Die Situationisten sind keine Kosmopoliten. Sie sind Kosmonauten. Sie wagen es, sich in unbekannte Räume zu stürzen, um dort bewohnbare Inseln für unreduzierte und unreduzierbare Menschen zu konstruieren. Unser Vaterland liegt in der Zeit (in dem Möglichen dieser Epoche). Es ist beweglich.

Selbstverständlich brauchen wir nicht irgendwie zur Natur zurückzukehren, genauso wie wir kein Vaterland zu verlieren haben und weder die alte Gastfreundschaft noch die naiven Spiele wiederherstellen wollen. Es handelt sich vielmehr darum, die unerlässlichen Lebenssituationen herauszufinden, um sie auf höherer Ebene zu reproduzieren.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1977
Numéro 8, Seite 57
Autor/inn/en:

Uwe Lausen:

Geboren 1941 in Stuttgart, gestorben 1970 in Beilstein bei Stuttgart. Maler, Mitglied der Gruppe SPUR und der Situationistischen Internationale.

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

Lizenz dieses Beitrags:
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