Zeitschriften » FŒHN » Heft 22
Markus Wilhelm

Wie?

Wie geht das? Da die kapitalistische Unordnung nicht von selbst in sich zusammenkracht, so sehr sie auch schon krachen mag, und da ihre Abschaffung nicht vom Himmel fällt, von dem schon gar nicht, ist es an uns, zu überlegen, wie wir mit unseren Händen in das da hineinkommen, was vor unseren Augen abläuft. Um die Diktatur des Geldes zu brechen, ist es unerläßlich, zu wissen, wie sie funktioniert. Und wie wir selber in sie eingespannt sind. Wir stehen ihr vielleicht mit unseren Wünschen gegenüber, unser wirkliches Leben (Schule, Arbeit, Einkauf, Freizeit, Wohnen, Medien usw.) findet aber unfreiwillig auf ihrer Seite statt. Mit jedem Griff, den wir tun, zum Autoschlüssel, zum Radio, zum Schraubenzieher, zum Bierglas, zum Klopapier oder zum Wahlzettel, stärken wir den Feind, den wir schlagen müssen.

Werbung für die Bank Austria (Kurier, 24.2.95) und Werbung für die FPÖ (Stadtblatt Innsbruck, 7.9.94):
Äfft Haider ...
... den Erfolgstypen unserer Zeit nach oder setzt die kommerzielle Werbung bereits auf den Erfolgstyp Haider?

Dieser Feind ist so schwer zu erkennen, weil er nicht von außen unser Land überfällt, sondern der ist, in dessen Armee wir selber stehen. Wenn wir von der angsteinflößenden Truppenstärke dieses Feindes, den wir niederzuwerfen haben, uns selber abziehen, bleibt jedoch wenig über, wovor wir uns fürchten müßten.

Freilich verfügt diese mehr papierene Macht über eine höchst wirkungsvolle, ganz weit vorgeschobene Position — in unseren Köpfen! Bevor wir diesen Vorposten nicht hinausschmeißen aus unserem Entscheidungszentrum, kann es nicht das unsere sein. Bis dahin wird das, was unsere Augen sehen, nicht das sein, was ist, wird mit unserem Mund jemand anderer sprechen als wir, werden unsere Hände etwas anderes tun als richtig. Wir selbst sind es, die diesen Vorposten in uns auf das Bereitwilligste versorgen. Es ist einmal so, daß nichts so wirksam den klaren Blick auf das Ganze trübt, wie Empörung über dies und das. Weil das die Herrschenden vor uns erkannt haben, verabreichen sie uns über ihre Medien wohlfeile Empörung bis zum Schlechtwerden. Kein Mensch weiß mehr wohin mit diesen ausschnittweisen Ungeheuerlichkeiten eines Straßenbau-Skandals da und eines Abfertigungs-Skandals dort, weiß, wo er den neuen Müll-Skandal und den neuen Haider-Skandal und den neuen Firmenpleiten-Skandal und den neuen Fleisch-Skandal und den neuen Milch-Skandal und den neuen Banken-Skandal und den neuen AK-Skandal und den neuen Umwelt-Skandal und den neuen Spenden-Skandal und den neuen Budget-Skandal und den neuen Wohnbau-Skandal noch hintun soll. Wir meinen ja, mit den Skandalen, die die Medien „aufdecken“, seien wir schon dicht an einer Veränderung dran. Aber diese Empörung ist nicht der erste Schritt zur Veränderung, sondern der sichere Abstandhalter dazu! Niemand kann sich so schön empören wie Profil-Leser. Niemand ist weiter davon entfernt, diese empörende Gesellschaftsordnung umzuschmeißen. Die Aufgabe der Medien ist es ja gerade, die Zusammenhänge, die bestehen, zu zerreißen. Dann können sie an einzelnen Ungeheuerlichkeiten bringen, was und wieviel sie wollen. Derzeit ist die verabreichte Empörung über einen aus allen Zusammenhängen herausgelösten Haider ihr stärkster Trumpf. Die auf ihn fixierte Kamera und der auf ihn eingeschränkte Blatt-Aufmacher können ihn freilich unmöglich entlarven. Hier wird dank Bildfüllung nicht mehr von ihm gezeigt, sondern weniger. Die Ware, die die Massenmedien, schön eingepackt, politisch und kommerziell erfolgreich verkaufen, ist Nichtwissen. Wer noch etwas weiß, wird mit Standard, Kurier, Profil, News usw. zum total informierten Nichtwisser. Die Medien schieben sich voluminös zwischen uns und die unhaltbaren Zustände. Das ist ihre Aufgabe in diesem System. Solange sie die bestehende Mißordnung so elegant schützen, können Polizei und Bundesheer in den Kasernen belassen werden. (Mehr dazu steht in FÖHN 17 „Drucken wie gelogen“.)

Eine Demokratie, die eine ist, und kapitalistische Presse schließen einander radikal aus. Derzeit schließt eben noch die kapitalistische Presse eine Demokratie, die eine wäre, radikal aus. Wer Profil und Co. auf seiner Seite sieht und z.B. die von Profil & Co. geprügelten Haiderwähler auf der anderen, hat doppelt unrecht.

Die FPÖ-Generalsekretäre?
Fast. Mannequins des Modeschuppens, der dem FPÖ-Spitzenpolitiker H. Haigermoser gehört. Werbeanzeige in der NFZ (2.11.95)

Wenn wir schon bei den Störmanövern sind, die uns vom anstehenden Kampf gezielt auf Nebenfronten ablenken sollen, ist z.B. auch daran zu denken, was etwa der Greenpeace-Weltkonzern mit uns aufführt oder der vom britischen Königin-Gemahl präsidierte WWF. Welche Flausen vielen von uns da wieder von ganz oben in den Kopf gesetzt werden! Ach, wie nah viele der gutmeinenden Umweltaktivisten (an der Basis dieser Unternehmen) an dem dran sind, was zu tun ist! Ach, wie weit weg! Es sei hier das Sandkastenspiel gestattet, diese einsatzfreudigen Kampftruppen dorthin zu verlegen, wo sie hingehörten. Man stelle sich vor, der WWF würde sich wie für die Einsetzung von Bären für die Einsetzung von Betriebsräten engagieren, die Tierbefreier würden polnische Bausklaven bei der Firma Stuag aus einem Wohn-Container befreien und Greenpeace würde statt den schmutzigen Abfluß eines Industriebetriebes dessen schmutzigen Geldfluß an den Landeshauptmann W. abdrehen. Die Kampfgruppe Vier Pfoten würde nicht nur bei den Hühnern, die für eine große Firma Eier legen, auf artgerechte Haltung schauen, sondern auch bei denen, die für eine große Firma Teppiche legen. Die Idealisten von Rettet den Wald könnten statt den Freikauf einer Fluß-Au den der rumänischen Abspüler aus den Tiroler Hotelküchen organisieren, die Weltverbesserer von der Initiative Stopp Tierversuche! könnten gegen die Menschenversuche in unseren Kliniken einschreiten, und die Draufgänger von Global 2000 könnten statt Straßen-Umfahrungen genausogut Steuer-Umgehungen blockieren. Es soll hier nicht behauptet werden, daß solche eingreifenden Aktionsgruppen ein Ansatz zur erforderlichen Ausschaltung des Kapitalismus seien — und auch nicht, daß sie keiner seien. Etwa wenn eine schneidige Kampfeinheit statt eines brutalen Tiertransports mit Schlachtvieh aus Deutschland nach Italien einen brutalen Kurdentransport mit „Schlachtvieh“ von Deutschland in die Türkei stoppen würde, oder statt militant gegen den Walfang irgendwo militant gegen den Wahlfang hier vorgehen würde, oder statt einer Kampagne gegen das Tragen von Zuchtpelzen aus „unmenschlicher“ Fabrikation eine gegen das Tragen von Humanic-Schuhen aus unmenschlicher Fabrikation („Lieber ginge ich nackt, als ...“) starten würde, oder statt sich an einen Baum anzuketten und auf einen Schornstein zu klettern ...

Nebenbei gesagt: Daß sich die Haiderwähler von Greenpeace & Co. kaum beeindrucken lassen, spricht schon sehr für sie. So billig ist ihre Wut nicht zu haben.

So ausführlich über den Horror des real existierenden Kapitalismus zu reden und über die enormen Schwierigkeiten, die seiner Überwindung entgegenstehen, mündet schnurstracks in lähmender Frustration, wenn die Möglichkeiten zu seiner Beseitigung nicht auch erkannt werden.

Wo sind nun die Leute, die diese „Diktatur des Geldes“ (Cosmos-Werbung) zu Fall bringen können? Wo ist ihr Antrieb zur Änderung? Wo ist gar der Plan zur Revolution? Der Reihe nach.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1996
Heft 22, Seite 65
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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