Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 12
Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Hanna Mittelstädt (Übersetzung) • Situationistische Internationale

Wie man situationistische Bücher nicht versteht

Wenn die von der S.I. geführte Aktion nicht seit kurzem einige öffentlich skandalöse und bedrohliche Folgen gehabt hätte, so hätte keine französische Veröffentlichung über unsere neuerschienenen Bücher berichtet, darüber kann nicht der mindeste Zweifel bestehen. Das gab auch Francois Chatelet im Nouvel Observateur vom 3. Januar 1968 naiv zu: „Gegenüber solchen Werken empfindet man als erstes das Gefühl, man sollte sie lieber ganz einfach ausschließen und ihren absoluten Standpunkt eben im Absoluten, im Nicht-Relativen und Unberichteten liegenlassen.“ Trotz des vielen im Unberichteten Liegenlassens aber mussten die Organisatoren dieser Verschwörung des Stillschweigens nach einigen Jahren erleben, wie dieses sonderbare „Absolute“ ihnen auf den Kopf gefallen ist und sich als wenig von der aktuellen Geschichte unterschieden erwiesen hat, von der sie sich absolut getrennt hatten, ohne jedoch diesen „alten Maulwurf“ daran hindern zu können, weiter seinen Weg zum Tageslicht zu verfolgen. In seinem Artikel häufte dieser repräsentative Chatelet alle fatalen Geständnisse über die Geistesverfassung der Kanaille seiner Art zusammen. Indem er die Strassburger Vorfälle wachrief, kostete es dieser gute Prophet fünf Monate vor dem Mai aus, beruhigt sein zu können, und wie üblich täuschte er seine schwachsinnigen Leser: „Für eine kurze Zeit herrschte Panik; man befürchtete die Ansteckung … aber bald war alles …wieder in Ordnung.“ Er weist weiter darauf hin, dass Debord und Vaneigem, da sie „eine Denunzierung“ vorlegen, „die entweder als Ganzes anzunehmen oder völlig zu lassen ist“, disqualifiziert sind und „von vornherein jede Kritik entmutigen“, da „sie es für offensichtlich halten, dass jede Beanstandung dessen, was sie sagen, von einem Denken ausgeht, das dumm von der ‚Macht‘ und dem ‚Spektakel‘ abhängig ist.“ Freilich ist es eins unserer Ziele, die Kritik der elenden Generation von Intellektuellen zu entmutigen, die sich im Stalinismus, im „Argumentismus“ und dem philosophierenden Denken für den Express und Nouvel Observateur prostituiert haben. Nicht deshalb, weil man uns kritisiert, ist man auf dumme Art spektakulär und kriecherisch von den bestehenden Mächten, sondern im Gegenteil dazu kritisiert uns jemand wie Chatelet gerade deshalb auf so schwachsinnige Weise, weil er sich 1956 vorübergehend dem Stalinismus angeschlossen hatte und dann in einigen etwas rentableren Berufen zum Diener des Spektakels wurde. Da wir uns seiner Meinung nach auf eine radikale, aber „abstrakte“ Negation beschränken, findet Chatelet, dass wir „im Empirischen“ und sogar „ohne Konzept“ bleiben. Das ist ein hartes Wort, aber wer spricht es aus? Man weiß doch, dass, sobald der Wein der Kritik mit schmutzigem Wasser verdünnt wird, hundert belanglose Bücher schnell als höchst konzeptionell begrüßt werden von Chatelet und allen sonstigen Konzeptkastrierten, die die unglücklichen Nouvel Observateur-Leser gern glauben lassen möchten, sie hätten eins. Übrigens bewährt sich dieser ehemalige Stalinist, der selbstverständlich 1848 den Kommunismus bekämpft hätte, mit dem vielleicht ungeschicktesten Satz, der je von einem Idioten über uns geschrieben wurde. Um uns herabzusetzen, aber auch — wie alle anderen „Argumentisten“, denen der Stalinismus Hörner aufgesetzt hat — um die alte Forderung einer proletarischen Revolution zu entwerten (von der er damals glaubte, sie sei auf ewig ausgetrieben und durch seinen Stalinismus und seinen Express zu Grabe getragen worden), behauptet Chatelet, dass, obwohl diese Bücher trotz allem als „Symptome“ betrachtet werden können, wie auch das Vorhandensein der S.I. „als ein kleiner Schimmer, der undeutlich von Kopenhagen nach New-York wandert“, „der Situationismus kein Gespenst ist, das in der hochindustrialisierten Gesellschaft umgeht, genauso wenig wie 1848 der Kommunismus das Gespenst war, das in Europa umging.“ Wir heben diese recht willkürliche Huldigung hervor. Jeder wird leicht verstehen, dass wir es schon für gut halten würden, uns eher wie Marx als wie Chatelet „getäuscht“ zu haben.

War schon vor der Bewegung der Besetzungen die Wut der durch das Ereignis widerlegten anmaßenden Experten gut zu sehen, so ist sie danach wirklich prächtig geworden. In Le Monde vom 25.Januar 1969 schiebt Pierre Vianson-Ponté Viénets Buch grimmig von sich mit einer selbst unter den Redakteuren dieser Zeitung ziemlich ungewöhnlichen Unredlichkeit. Für ihn sei es „nur ein fast unleserliches Prosastück, eine unbeschränkte Anmaßung und grenzenlose Ruhmgier … Sie folgern daraus glatt, dass die Mai-Revolte … nicht weniger als die Weltrevolution ankündigt“. Vianson-Ponté ist ein Schwachkopf — und nichts mehr. Er fängt seinen Artikel mit diesem Homais-Spruch an: „Früher fielen die Revolutionäre entweder auf den Barrikaden oder sie ergriffen die Macht. Sie hatten keine Zeit, ihre Geschichte zu schreiben und auch im allgemeinen keine Lust dazu.“ Man kann den hochtrabenden Irrtum schwer weiter treiben. Die Revolutionäre, und zwar die der besten sowie der schlimmsten Tendenzen, haben immer viel geschrieben und keiner kann sich einen einzigen Augenblick fragen aus welchem Grund — außer Vianson-Ponté, der diese Tatsache einfach ignoriert. Müssen wir darauf hinweisen, dass allein im Laufe des Jahres 1871 ungefähr zehn wichtige Bücher in Genf und Brüssel erschienen sind, die von überlebenden Kommunarden geschrieben worden waren (Gustave Lefrancais, Abhandlung über die kommunalistische Bewegung in Paris; Benoit Malon, Die dritte Niederlage des französischen Proletariats; Lissagaray, Die acht Mai-Tage: hinter den Barrikaden; Georges Janneret, Paris während der revolutionären Kommune usw., ohne hier den Bürgerkrieg in Frankreich zu erwähnen). Vianson-Ponté will aber Blut. Indem er automatisch die These der Polizei übernimmt, nach der es sehr wenig Tote gegeben hat, wirft er uns dieses erbärmliche Ergebnis vor: „Die Revolutionäre des Mai 68 leben ja immer noch, Gott sei dank … Nun schreiben sie. Und sogar viel. Die Hand, die gerade den Pflasterstein hat fallen lassen, greift sofort nach dem Stift.“ Die Praxis des Übergangs vom Stift zum Pflasterstein und umgekehrt ist uns als der Beginn der Aufhebung der Trennung zwischen Kopf- und Handarbeit willkommen. Versteht denn der unvorsichtige Aasfresser nicht, dass seine ungeziemende Ironie als die Aufforderung zu einer blutigen polizeilichen und militärischen Repression fürs nächste Mal verstanden werden kann? Falls das passieren sollte, liegt es außerdem nicht auf der Hand, dass viele von denen, die versucht haben, den Ernst der Bewegung von 1968 zu leugnen mit dem Argument, es habe nicht genügend Tote gegeben, Gefahr laufen, bei unvermeidlichen spontanen Vergeltungsmaßnahmen selbst als erste zum Opfer zu fallen? 1962 haben wir in der Nr. 7 der S.I. geschrieben: „Das Erstaunliche ist vielmehr, dass alle Spezialisten der Meinungsforschung nichts wissen von der unmittelbaren Nähe dieses gerechten Zorns, der sich über so vieles erhebt. Sie werden eines Tages mit großem Staunen erleben, wie man die Architekten auf den Straßen von Sarcelles hetzt und aufhängt“. Gerade wegen der Kraft, die ihr aus der zwar unvollendeten, aber schon überwältigenden Beteiligung der proletarischen Massen zufloss, ist die Mai-Bewegung gnädig gewesen. Sollte es aber eines Tages zu blutigeren Zusammenstößen kommen, so werden zwangsläufig die Urbanisten und Journalisten (die schon wegen einiger Hiebe vom roten Faschismus sprechen, die vor kurzem dem Stalinisten Badia in Vincennes versetzt wurden) in Not sein.

Les cheminements ténébreux de la révolution
«L’Espresso» du 24 mars 1968, consacrant un numéro spécial aux troubles qui commençaient à se répandre parmi les «étudiants» de plusieurs pays, a publié, sous le titre Leurs prophètes, une sorte de schéma des origines théoriques de cette agitation. L’ignorance absolue qui l’inspire n’en est que plus portée à revêtir le style d‘une figure géométrique (dans laquelle, par exemple, Guy Debord n‘est placé en relation directe qu‘avec Freud et Rudi Dutschke, ce qui est à la fois trop et trop peu). Le commentaire de «L’Espresso» est aussi embrumé que son schéma : «ils ont plus ou moins les mêmes maîtres, ils se réfèrent aux mêmes textes : mais ils ne constituent pas une église monoiithique. Entre eux, les mouvements étudiants se distinguent par une série de nuances subtiles, et pas toujours dépourvues d’importance, qui parfois tournent nettement à la polémique. Ce que nous présentons ici est une sorte d’atlas idéologique, un arbre généalogique des principales positions du mouvement universitaire. Il serait excessif cependant d’attribuer à une telle carte une absolue rigueur scientifique.»

So hat man es in Frankreich für unerlässlich gehalten, in zig Artikeln von unseren Büchern zu reden, nachdem ungefähr genauso viele, etwas redlichere und besser informierte Artikel in der ausländischen Presse veröffentlicht wurden. Es gab sogar einiges Lob, über das es sich nicht auszulassen lohnt. Auf allen diesen Kritiken lastet aber ein allgemeiner Widerspruch. Einige von ihren Verfassern, die glaubten, dass sie bei uns einige schlagende Wahrheiten finden würden, entbehrten tatsächlich die einfachsten politisch-theoretischen Kenntnisse, dank derer sie wirklich hätten verstehen können, worum es sich in diesen Büchern handelte, indem sie jedes in der Totalität seiner Aussage berücksichtigt hätten. Als mustergültiges Beispiel sei hier der Kritiker Henri-Charles Tauxe erwähnt, der seine Analyse in der schweizerischen Zeitung La Gazette littéraire vom 13. Januar 68, in der er zumindest versucht hat, den Inhalt des besprochenen Buches redlich darzulegen, mit folgender Frage abschließt: „Sicherlich könnte man sich manche Fragen stellen über die Perspektiven, die sich in Debords Buch eröffnen und sich insbesondere fragen, ob der Begriff der Revolution selbst heute noch einen Sinn hat“. Dagegen sind die von unseren Kritikern, die die in diesen Büchern behandelten Probleme gut kennen, gerade dazu gebracht worden, diese mit einer Unehrlichkeit zu vertuschen, die eng mit der besonderen Stellung und den Tribünen selbst verbunden ist, von denen aus sie sich ausdrücken. Um der Gefahr langweiliger Wiederholungen zu entgehen, wollen wir uns hier darauf beschränken, drei typische Haltungen hervorzuheben, wobei jede bei der Besprechung eines unserer Bücher zum Ausdruck kommt. Es handelt sich dabei zunächst um einen marxistischen Universitätsprofessor, dann um einen Psychoanalytiker und schließlich um einen ultra-gauchistischen Militanten.

Claude Lefort ist ein Revolutionär gewesen und war Anfang der fünfziger Jahre einer der Haupttheoretiker der Zeitschrift Socialisme ou Barbarie — einer Zeitschrift, von der wir in der Nr. 10 der S.I. erklärten, sie sei in die vulgäre „argumentistische“ Fragestellung abgesunken und sie müsse verschwinden, wobei sie uns recht gab, indem sie tatsächlich einen oder zwei Monate später einging. Zu dieser Zeit hatte sich Lefort schon seit einigen Jahren von ihr losgesagt, da er an der Spitze des Kampfes gegen jede Form der revolutionären Organisation gestanden hatte, die er als zwangsläufig der Bürokratisierung geweiht denunzierte. Über diese schmerzliche Entdeckung kam er hinweg, als er eine gewöhnliche Laufbahn als Universitätsprofessor einschlug und Artikel in der Quinzaine littéraire schrieb. Dieser ordentlich gewordene, aber recht gebildete Mensch rezensiert in der Nummer vom 1. Februar 1968 dieser Zeitschrift Die Gesellschaft des Spektakels. Zuerst spricht er dem Buch einigen Wert zu. Die Anwendung der Marxschen Methodologie und auch die der Zweckentfremdung ist ihm nicht entgangen, obwohl er nicht so weit ging, auch Hegel darin wiederzufinden. Trotzdem erschien ihm dieses Buch nach den Universitätsnormen ungenießbar — und zwar aus folgendem Grund: „Debord fügt zwar den vorangehenden neue Thesen hinzu, er kommt aber nicht weiter. Unermüdlich wiederholt er dieselbe Idee — dass die Wirklichkeit in die Ideologie umgekehrt wird, dass die im Spektakel in ihr Wesen verwandelte Ideologie sich als die Wirklichkeit ausgibt und dass die Ideologie gestürzt werden muss, damit die Wirklichkeit wieder zu ihrem Recht kommt. Egal ob er dieses oder jenes Thema behandelt, bespiegelt sich diese Idee in allen anderen und den Schluss bei der 221. These verdanken wir nur dem Ende seiner Ausdauer“. Debord gibt sehr gern zu, dass er bei der 221. These gefunden hat, er habe genug gesagt; weiter, dass er niemals mehr sagen wollte, als das, was genau in diesem Buch steht. Ihm ist es nur darauf angekommen, „unermüdlich“ das zu beschreiben, was das Spektakel ist und wie es gestürzt werden kann. Dass „diese Idee sich in allen anderen bespiegelt“, gerade das halten wir für das Kennzeichen eines dialektischen Buches. Ein solches Buch braucht nicht „voranzugehen“, wie eine staatliche Doktorarbeit über Machiavelli der Befriedigung der Prüfungskommission und der Erlangung des Doktortitels entgegenstrebt (und, wie Marx im Nachwort zur 2. deutschen Auflage des „Kapitals“ über die Art sagt, die als „Darstellungsweise“ der dialektischen Methode aufgefasst werden kann, mag diese Spiegelung „aussehn, als habe man es mit einer Konstruktion a priori zu tun“). Die Gesellschaft des Spektakels macht keinen Hehl aus ihrem vorgefassten a priori und versucht nicht, ihren Schluss aus einer Fragestellung akademischer Art herzuleiten; dagegen wurde sie nur deshalb geschrieben, um das kohärente konkrete Anwendungsgebiet einer These zu zeigen, die von einer Untersuchung herkommt, die die revolutionäre Kritik über den modernen Kapitalismus machen konnte. Im wesentlichen ist es also unserer Meinung nach ein Buch, dem es an nichts außer an einer oder mehreren Revolutionen fehlt; die unmöglich lange auf sich warten lassen konnte. Lefort aber, der überhaupt nicht mehr an dieser Art Theorie und Praxis interessiert ist, findet, dass dieses Buch an sich eine geschlossene Welt ist: „Man glaubte, es würde gegen seine Gegner Sturm laufen, man muss aber zugestehen, dass diese sich breit entfaltende Rede nichts anderes als die Schau bezweckte. Dass sie ihre besondere Schönheit hat, muss man ihr lassen: niemals verliert die Sprache die Fährte. Da jede Frage, deren Antwort nicht von vornherein bestimmt ist, von den ersten Zeilen an ausgeschlossen wurde, stimmt es, dass man umsonst nach einem Sprung im Denken suchen würde“. Also ein vollkommen verkehrter Sinn: Lefort erblickt dort eine Art Reinheit wie bei Mallarmé, wo dieses Buch als das Negative der spektakulären Gesellschaft — in der auch jede Frage, deren Antwort nicht von vornherein bestimmt ist, jeden Augenblick ausgeschlossen wird, nur auf umgekehrte Weise — schließlich nichts anderes erstrebt, als das in den Fabriken und auf der Straße vorhandene Kräfteverhältnis umzukehren.

Nach dieser globalen Ablehnung will Lefort bei einer Einzelheit noch den Marxisten spielen, um daran zu erinnern, dass dies sein Gebiet ist und dass er gerade als solcher ein Zeilenhonorar in intellektuellen Zeitschriften bekommt. Er beginnt mit der Fälschung, um sich Gelegenheit zu geben, pedantisch an längst Bekanntes zu erinnern. Er kündigt feierlich an, Debord habe „aus der Ware das Spektakel gemacht“, was „folgenschwer“ sei. Er fasst schwerfällig zusammen, was Marx über die Ware sagt und schreibt Debord fälschlicherweise zu, gesagt zu haben, dass „die Produktion des Trugbildes die der Waren bedingt“ anstatt des Gegenteils. Dieses Gegenteil wird jedoch deutlich als eine offensichtliche Tatsache vor allem im 2. Kapitel der Gesellschaft des Spektakels ausgedrückt, wo das Spektakel nur als ein Moment im Entwicklungsprozess der Warenproduktion definiert wird. Folglich kann Lefort scherzhaft folgern: „wenn man Debord liest, scheint jede Gesellschaft vergeblich zu sein.“ Ferner stellt Lefort folgende Diagnose: „Als seltsamer Nachkomme von Marx hat sich Debord mit der berühmten Analyse des Warenfetischismus berauscht“. Wir wollen uns nicht in eine Polemik über die beste Art und Weise, sich zu berauschen, einlassen, da dies gerade eine den Universitätsprofessoren wenig bekannte Frage ist. Weisen wir aber darauf hin, dass die Geschichte damals zurückkehrte und Lefort im Mai mehr überrascht hat als uns. Damals konnte man in diesem „bacchantischen Taumel“ der Wahrheit, „an dem kein Glied nicht trunken ist“ (Hegel) sehen, wie Massen — schon Massen — durch die Entdeckung der Ware und des Spektakels als Wirklichkeiten des zu zerstörenden Pseudo-Lebens berauscht waren. Lefort, der immer wieder gegenüber dem zurückbleibt, was passiert, und sogar gegenüber dem, was er weiß — diesmal aber trotzdem weniger als im Februar 1968 — geht in Le Monde vom 5. April 1969 so weit und schreibt, dass man nicht wie „die bürgerlichen Beobachter“ dadurch ganz benommen sein sollte, dass das alte trotzkistische Gerümpel links vom stalinistischen Apparat wieder auftaucht, da von nun an „alle Bedingungen vorhanden sind, damit eine Kritik der bürokratischen Welt entstehen kann und eine Analyse der modernen Ausbeutungs- und Unterdrückungsmechanismen mit neuen Worten eingeleitet wird … Mit der Mai-Bewegung und den spontanen Handlungen, zu denen sie junge Arbeiter geführt hat, wird etwas Neues zum Ausdruck gebracht, das nicht dem Eingreifen von Helden verdankt — eine Opposition, die sich zwar noch nicht benennen lässt, aber jeder etablierten Autorität derart trotzt, dass sie unmöglich mit den vergangenen Bewegungen verwechselt werden kann.“ Besser spät als nie! Nur, wie man sah, waren im Februar 1968 alle Bedingungen schon vorhanden, obwohl Lefort sie ignorieren wollte und er heute „noch nicht“ weiß, wie diese Opposition sich nennt.

Les jeux de l’époque
Cet intéressant problème est extrait d’une série de tests publiée dans la revue Constellation, de mars 1969, sous le titre «Connaissez-vous la Révolution ?» Nous pouvons rassurer les éventuels perdants, en leur disant : «Ce n‘est que partie remise».

Mit André Stéphanes Buch Die Welt der Beanstandung (Verlag Payot, 2. Quartal 69) dessen 13. Kapitel Raoul Vaneigems Buch kritisiert, stehen wir eine Stufe niedriger. Laut dem Verlag sollen hinter dem Pseudonym Stéphane „zwei Psychoanalytiker“ stecken. Es könnten genauso gut 22 gewesen und die Arbeit sogar von irgendeiner mit einem psychoanalytischen Programm gesteuerten IBM-Maschine gemacht worden sein, so übertrieben ist die Parodie des „orthodoxen Freudismus“ und so himmelhoch schwingt sich die Schwachsinnigkeit auf. Wenn diese Autoren Psychoanalytiker sind, muss Vaneigem verrückt sein. Er ist also ein Paranoiker und als solcher konnte er die Mai-Bewegung und einige unerfreuliche Tendenzen der gesamten modernen Gesellschaft so perfekt im voraus ausdrücken. Es kommen nur Phantasmen, Wahnsinn, Verweigerung der gegenständlichen Welt und der Ödipus-Problematik, Fusionsnarzissmus, sadistische Impulse usw. vor. Die beiden krönen ihr schwachsinniges Gebäude, indem sie „ihre Bewunderung für dieses Buch als Kunstwerk bekennen“. Da dieses Buch aber in schlechte Hände geraten ist, hat die Mai-Bewegung unsere Psychiater durch ihre blinde Gewalt entsetzt, durch ihren unmenschlichen Terrorismus, ihre nihilistische Grausamkeit und ihr ausdrückliches Ziel, die Zivilisation und vielleicht sogar die ganze Welt zu zerstören. Wenn sie das Wort „Fete“ hören, ziehen sie ihre Elektroden raus; sie bitten traurig aber gebieterisch darum, schnell wieder ernst zu werden, wobei sie keinen einzigen Augenblick daran zweifeln, dass sie selbst die Ernsthaftigkeit der Psychoanalyse und des gesellschaftlichen Lebens recht gut darstellen und dass sie über alles schreiben können, ohne Lachen zu erregen. Sogar Leute, die dumm genug gewesen waren, um bei diesen Dick und Doof der Geistesmedizin Kunden zu sein, haben sich nach dem Mai etwas weniger erdrückt und gespalten gefühlt, und sie haben es ihnen gesagt. Da sie dabei befürchten, einen Teil ihrer Renten zu verlieren (nachdem sie im Mai darum gezittert hatten, alles zu verlieren, als unser zeitloser Absolutismus selbst die Existenz der Ware und des Geldes bedrohte), schreiben unsere gesellschaftlich integrierten Wahnsinnigen: „Dies war bei einigen Kranken sehr deutlich, die anscheinend dachten, dass, wenn die Revolution (eine alte Begierde, die sie aufgegeben hatten) möglich wäre, alles möglich würde; es war nicht mehr nötig, auf irgendetwas zu verzichten …“ Diese Leute wären die Schande der Psychoanalyse, wenn auch nur eine Spur Würde in diesem trostlosen Beruf übriggeblieben wäre; wenn Freuds Werk nicht seit 30 Jahren bei dessen Rekuperierung durch die bürgerliche Gesellschaft zerstückelt worden wäre. Wenn aber diese Schwachsinnigen durch den Hass, die Angst und den Wunsch, ihre ersprießliche kleine Ansehnlichkeit zu behalten, getrieben werden und sich trauen, in einem Buch eine Frage zu behandeln, die eine offensichtliche politische Grundlage hat, wie helfen sie sich da heraus? Dort zeigen unsere weisen und vernünftigen Verteidiger der „wirklichen“ Gesellschaft — und des Grundsatzes, dass alles in der bestmöglichen Gesellschaft am besten geht — das volle Ausmaß ihrer Dummheit. Für sie ist es keine Frage, dass diese Mai-Bewegung, die sie mit so klugem Scharfsinn analysieren, eine Bewegung der reinen Studenten gewesen ist (diese Polizeihunde zur Aufspürung des Irrationalen haben es keinen Augenblick lang für abnorm und unerklärlich gehalten, dass Staat und Wirtschaft eines großen industrialisierten Landes durch einen reinen Anfall der Studentenzerstörungswut lahmgelegt werden konnte). Ferner sind für sie alle Studenten reich, leben sehr bequem in Überfülle und Komfort und haben keinen erkennbaren Grund zur rational begründeten Unzufriedenheit: sie nehmen ohne nennenswerte Gegenleistung an all dem Guten in einer glücklichen Gesellschaft teil, die nie weniger repressiv war. Somit wäre also bewiesen, dass das sozio-ökonomische Glück, das alle Mai-Rebellen offensichtlich unverfälscht genießen, mit metaphysischen Worten das innere Elend der Leute ans Tageslicht gebracht hat, die aus „infantilem Verlangen“ nach Absolutem dürsten und wegen ihrer Unreife unfähig sind, sich „das Gute“ der modernen Gesellschaft zunutze zu machen. Eine Einzelheit, die für diese Pedanten soviel wie „die Unmöglichkeit“ bedeutet, „die äußere Welt aus Konfliktgründen libidinös zu investieren. Nicht einmal die wunderschönsten Feten können denjenigen unterhalten, der die Langeweile, diese Mangelkrankheit in der Ökonomie der Libido, in sich trägt.“

Le point culminant de l’offensive du spectacle
Cette image fut assez remarquée quand elle passa, en octobre 1967, sur la chaîne protestante de la télévision hollandaise. Son directeur, qui se trouve être un ancien prédicateur, déciara alors : «Nous voulions montrer que des femmes nues peuvent être très belles». On peut admettre que là, l’inversion spectaculaire de la vie réelle avait atteint un indépassable sommet. Dans leur assurance grandissante, les experts des mass media se proposent de révéler au bétail qui les contemple une vérité dont on semble croire qu’elle lui aurait autrement à jamais échappé ; et ils se flattent de cette contribution au progrès culturel des foules qu’ils sont persuadés d’avoir réduites à une passivité définitive et absolue. Et, bien sûr, on leur livre cette réalité, après les autres, précisément sous la forme où elle échappe à tout usage concret, à toute communication réelle, derrière la vitrine du spectacle inaccessible qui «a pris en charge la totalité de l‘existence humaine». Comme pour confirmer la pensée dialectique de Clausewitz, le spectacle, au moment où il a poussé si loin son invasion de la vie sociale, va connaître le début du renversement du rapport de forces. Dans les mois suivants, l’histoire et la vie réelle sont revenues à l’assaut du ciel spectaculaire. Et cette contre-offensive ne s’arrêtera pas avant la fin du monde de la séparation.

Beim Lesen dieser beiden Stéphanes muss man verstehen, dass das, was sie „die wunderschönsten Feten“ nennen, für sie so etwas wie die „Klang- und Lichtspiele“ der Cheops-Pyramide sein soll. Ihr Urteil über das Auto genügt, um den korrekt sublimierten Infantilismus dieser „echten Erwachsenen“, Monogame und Wähler zu enthüllen: dieses wunderbare Spielzeug hat auf passende Weise den kleinen elektrischen Zug aus der Zeit ersetzt, als sie zur allgemeinen Zufriedenheit ihrer ehrwürdigen Familien glücklich ihren Ödipuskomplex liquidierten. Indem sie auf einige ironische Sätze Vaneigems über die aktuelle Pseudobefriedigung der sozialen Bedürfnisse hinweisen (S. 215) — wie z.B. „Die Kommunarden haben sich bis zum letzten Mann erschießen lassen, damit auch Du Dir ein Philips Stereo-Gerät High-Fidelity kaufen kannst“ — weisen sie empört diesen paranoischen Standpunkt zurück und dozieren geradeheraus, die Kommunarden wären richtig froh gewesen, wenn sie gewusst hätten, dass sie durch ihr Opfer für Wohnungen in Sarcelles und Guy-Lux-Fernsehsendungen für ihre Nachkommen sorgen würden. Sie entscheiden wie folgt: „Man muss wirklich die Tatsächlichkeit gegeninvestiert haben, um nicht verstehen zu können, dass der Ankauf eines Autos ein zumindest provisorisches Ziel an sich sein kann und dazu geeignet, einem eine große Freude zu bereiten.“ Man muss wirklich die kleinste Spur rationalen Denkens gegeninvestiert haben, um zu einer Zeit zu einseitigen Lobrednern dieser „großen Freude“ zu werden, in der die Spezialisten der — selbst parzellierten und sozial entwaffneten — wissenschaftlichen Forschung auf allen Gebieten die Gefahren der Vermehrung dieser Starware denunzieren (Zerstörung der städtischen Umwelt usw.); in der diejenigen selbst, die am stärksten durch den „Besitz“ eines Wagens entfremdet sind, ununterbrochen über die bestimmten Bedingungen klagen, die ständig die „große Freude“ verderben, die ihnen die Werbung durch diesen Kauf garantiert hatte (natürlich geht dieses Unbehagen noch nicht bis zur Einsicht, dass dieses Verderben nicht aus irgendeinem besonderen Mangel der Behörden folgt, sondern ganz einfach aus der zwangsläufigen Multiplizierung dieses Pseudogutes bis zur totalen Überlastung. Schließlich sind unsere beiden Psychiater nur bei einem einzigen Punkt genau, ehrlich und realistisch — und zwar in einer Fußnote auf Seite 99. Dort werden einige „sich als Psychoanalytiker der Freudschen Schule ausgebende“ Leute denunziert, die nach einer Debatte in der Medizinischen Fakultät über die Frage des Honorars der Psychoanalytiker dessen Notwendigkeit selbst hätten in Frage stellen wollen. „Nun ist es für jeden, der die Auswirkungen der Projektion kennt, ganz klar, dass das vom Analysierten bezahlte Geld ihm für das bürgt, was wir schematisch ‚die Autonomie‘ nennen können (wenn er einmal den Analytiker bezahlt hat, ‚schuldet er ihm nichts mehr‘).“ Selbstverständlich war die Psychoanalyse nie in Sorge darum, um eine schöne Rechtfertigung der Notwendigkeit des Honorars vorzubringen. Wenn aber diejenigen, die das benutzen, um mehr zu konsumieren und weniger zu leben, die Marxisten so ungeniert psychoanalysieren, so können sie nicht vergessen lassen, dass ihre eigene Tiefenpsychologie (um ihren mündlichen Analysestil zu übernehmen, sei hier darauf hingewiesen, dass es nicht umsonst in der Volkssprache heißt: „Er hat die Moneten in seiner Tiefe versenkt“), ihre Ökonomie und ihre Investierungen von der einfachsten marxistischen Kritik mit besserer Genauigkeit enthüllt werden. Hier liegt also der ursprüngliche Beweggrund des Buchs der Stéphanes: ihr Geld war bedroht. Mussten sie je einen schlimmeren Wahnsinn behandeln? Seit Psychiatergedenken hat man noch keine Produktionsweise sterben sehen! Und doch fängt man jetzt an, sich davor zu fürchten.

Ende 1966 erklärte der Strassburger Universitätsrektor Bayen von der Presse, wir gehörten zum Psychiater. Im darauffolgenden Jahr musste er zusehen, wie die „Universitätsbüros zur psychologischen Hilfe“ (BAPU) in Strassburg und Nantes und 18 Monate später sogar alles verschwunden war, was er als seine liebenswürdige Universitätswelt betrachtete, sowie viele seiner Vorgesetzten. Mit dieser Kritik an Vaneigem kommen also diese Psychiater spät, die man uns angedroht hatte. Sehr wahrscheinlich werden sie diejenigen enttäuscht haben, die von ihnen die Endlösung des situationistischen Problems erwarteten.

Viénets Buch hatte nicht die Ehre, von der Psychiatrie behandelt zu werden, es wurde aber in einem Artikel der Nr. 2 von Revolution Internationale (Toulouse) kritisch rezensiert, dem Organ einer ultra-gauchistischen anti-trotzkistischen, nicht-bordighistischen, aber vom Leninismus wenig befreiten Gruppe, die immer noch die Wiederherstellung der weisen Führung einer echten „Partei des Proletariats“ anstrebt, die jedoch verspricht, nach ihrer Bildung demokratisch zu bleiben. Die Ideen dieser Gruppe riechen ein wenig zu sehr nach Staub, als dass es interessant sein könnte, hier über sie zu diskutieren. Wir wollen uns darauf beschränken, auf einige genaue Fälschungen bei ihnen hinzuweisen, da es sich um Leute handelt, die revolutionäre Absichten haben. Unserer Meinung nach widerspricht diese Art der Praxis der Tätigkeit einer revolutionären Organisation viel mehr als die einfache Behauptung irrtümlicher Theorien, die immer besprochen und richtig gestellt werden können. Diejenigen außerdem, die es für nötig halten, Texte zu fälschen, um ihre Thesen zu verteidigen, geben dadurch zu, dass ihre Thesen nicht anders zu verteidigen sind.

Der Kritiker erklärt, er wurde durch dieses Buch „um so mehr“ enttäuscht, „als mehrere Monate Distanz zu den Ereignissen bessere Möglichkeiten gegeben hätten.“ Obwohl es erst Ende Oktober 1968 erschienen ist, wird im Vorwort (S. 8) klar darauf hingewiesen, dass es am 26. Juli beendet wurde. Es wurde sofort dem Verleger übergeben und später überhaupt nicht verbessert. Nur zwei kurze Fußnoten wurden mit ausdrücklichem Hinweis auf das Datum Oktober hinzugefügt (S. 20 und 209): sie beziehen sich auf Entwicklungen der Lage in der Tschechoslowakei und in Mexiko, die erst nach Juli bekannt wurden.

Diesem Buch wird vorgeworfen, „der Tagesmode zu folgen“ — d.h. eigentlich unserem eigenen Stil, denn es hat dieselbe Aufmachung wie die früheren S.I.-Nummern wiederaufgenommen — weil es Bilder und Comix enthält (gleichzeitig wird den Situationisten vorgeworfen, „die breite infantile Arbeitermasse“ zu verachten, weil sie sie genauso wie die kapitalistische Presse und der Film nur unterhalten wollen). Es wird genau darauf hingewiesen, dass „hauptsächlich die Aktion der Wütenden und Situationisten geschildert wird“, um sofort hinzuzufügen: „wie übrigens im Titel angekündigt wird“. Tatsächlich hatte Viénet vor, sofort einen Bericht über unsere Aktivitäten in dieser Periode abzufassen unter Hinzunahme von unseren Analysen und einigen Dokumenten, in der Meinung, dass das Ganze eine wertvolle Dokumentation zum Verständnis des Mai darstellte vor allem für diejenigen, die in künftigen ähnlichen Krisen handeln müssten (zu demselben Zweck haben wir diese Frage auch in dieser Nummer erneut behandelt). Dass die einen diese Erfahrung für brauchbar und andere für belanglos halten, hängt davon ab, was sie denken und was sie effektiv sind. Sicher ist aber, dass diese genaue Dokumentation für viele Leute ohne dieses Buch entweder vorenthalten (oder nur bruchstückhaft und falsch bekannt) worden wäre. Durch den Titel wird deutlich das ausgedrückt, worum es geht.

Ohne so weit zu gehen anzudeuten, die geringste Einzelheit in diesem Bericht wäre falsch, meint unser Kritiker, dass Viénet unserer Aktion einen zu grossen Platz eingeräumt habe, von der er meine, sie sei „ausschlaggebend“. „Wenn man den von den Situationisten eingenommenen Platz auf ihr richtiges Maß zurückführt“, schreibt er, „so ist er sicher kleiner als der zahlreicher anderer Gruppen bzw. Grüppchen gewesen — und auf keinen Fall größer“. Man weiß wirklich nicht, woher seine Waage ihre „Sicherheit“ hat, als ob es sich darum handelte, das mehr oder weniger schwere Gewicht der gleichen Qualität von Pflastersteinen abzuwiegen, das jede Gruppe zum Bau desselben Bauwerks und in der gleichen Richtung mitgebracht hätte. Gewiss haben die CRS und sogar die Maoisten einen breiteren „Platz“ und ein größeres Gewicht als wir gehabt. Die Frage ist aber, in welche Richtung die einen und die anderen in die Waage gefallen sind. Handelt es sich dabei um die revolutionäre Strömung, so waren offensichtlich sehr viele unorganisierte Arbeiter von derart ausschlaggebendem Gewicht, dass keine Gruppe ihnen auch nur gegenübergestellt werden kann — aber diese Tendenz ist nicht zur bewussten Beherrschung ihrer eigenen Aktion gelangt. Handelt es sich aber nur um Gruppen, die auf klar revolutionären Positionen standen (da unser Kritiker mehr Interesse für eine Art Wettlauf zwischen den „Gruppen“ — und vielleicht denkt er dabei an seine eigene — zu haben scheint), so waren sie bekanntlich nicht sehr „zahlreich“! Dann müsste man auch sagen, um welche Gruppen es sich handelte und was sie gemacht haben, anstatt alles in einer geheimnisvollen Undeutlichkeit zu lassen, um nur zu beschließen, dass die bestimmte Aktion der S.I. gegenüber diesen unbekannt gebliebenen Gruppen „sicher kleiner“ und dann — was doch etwas anderes ist — „nicht größer“ gewesen ist.

Den Situationisten wirft die Zeitschrift Révolution Internationale eigentlich vor, seit einigen Jahren gesagt zu haben, dass ein neuer Beginn der revolutionären proletarischen Bewegung von der modernen Kritik an den neuen Unterdrückungsbedingungen abhängig sei, sowie an den neuen Widersprüchen, die jene an den Tag treten ließen. Für R.I. gibt es grundsätzlich nichts Neues im Kapitalismus und folglich auch in seiner Kritik; die Bewegung der Besetzungen brachte nichts Neues; Begriffe wie „das Spektakel“ bzw. „das Überleben“, die Kritik der zur Stufe der Überflussproduktion gelangten Ware sind nur leere Worte. Wie man sieht, sind diese drei Voraussetzungsreihen untrennbar miteinander verbunden.

Connaissances du Larousse
On sait que le Larousse, voici quelques années, se ridiculisa en donnant Karkunfelstein comme nom véritable du politicien qui se serait fait connaître sous le pseudonyme de Léon Blum : c’était une grossière plaisanterie antisémite des années 30, dont personne n’avait jamais été dupe, à l’exception tardive de ce malheureux dictionnaire. Quand il lui prend fantaisie, en 1969, de définir les situationnistes, on voit que sa rigueur intellectuelle reste à la hauteur de la réputation qu’il a méritée.

Wenn die Situationisten nur von der geistigen Neuerung besessen wären, würde R.I., die alles über die proletarische Revolution seit 1920 bzw. 1930 weiß, sie für vollkommen belanglos halten. Unser Kritiker nimmt aber daran Anstoß, dass wir gleichzeitig zeigen, dass diese Neuheit des Kapitalismus und folglich die Neuheit seiner Negation gleichfalls wieder auf die alte Wahrheit der damals besiegten proletarischen Revolution stößt. Hier wird R.I. sehr ungehalten, da sie diese alte Wahrheit völlig rein von jeder Mischung mit der Neuheit besitzen will — egal ob die Neuheit sowohl in der Wirklichkeit als auch in der Theorie der S.I. oder anderer Gruppierungen auftaucht. Dann setzt die Fälschung ein. Es werden einige Sätze von den Seiten 13 und 14 aus Viénets Buch entnommen, die an diese Basisbanalitäten der nicht durchgeführten Revolution erinnern, und sie werden mit Professorenrandbemerkungen wie mit roter Tinte gespickt: „Wirklich ein Glück, dass die S.I. das ‚leicht‘ feststellt, was alle Arbeiter und Revolutionäre schon wussten“ — „tolle Entdeckung!“ — „Selbstverständlich!“ usw. Aber die betreffenden Auszüge aus diesen beiden Seiten im Buch Viénets sind geschickt — wenn man so sagen darf — ausgewählt. Z.B. wird folgendes wörtlich zitiert: „Die S.I. wusste wohl (…), dass die Emanzipation der Arbeiter überall und immer gegen die bürokratischen Organisationen stieß.“ Und welches sind die wenigen Worte, die durch diese Klammer beseitigt wurden? Hier ist der genaue Satz: „Die S.I. wusste wohl, und mit ihr so viele des Wortes beraubte Arbeiter, dass die Emanzipation der Arbeiter überall und immer gegen die bürokratische Organisation stieß“. Dieses Verfahren von R.I. ist genauso evident wie damals der Klassenkampf, für dessen ausschließlichen Besitzer sich diese Gruppe anscheinend hält und an den Viénet hier ausdrücklich „im Hinblick auf so viele Kommentatoren“ erinnerte, die in Büchern und Zeitungen das Wort führen und „einstimmig gesagt haben, dass es nicht vorauszusehen war.“

Um weiter zu verleugnen, dass die S.I. im voraus irgendeine Wahrheit über die Nähe einer neuen Epoche der revolutionären Bewegung hätte sagen können, fragt R.I. ironisch, die überhaupt nicht will, dass diese Epoche neu ist, wieso die S.I. denn behaupten könne, diese Krise vorausgesehen zu haben und warum man gerade fünfzig Jahre nach der Niederlage der russischen Revolution warten musste. „Warum nicht 30 oder 70 Jahre?“ will unser Kritiker banausisch wissen. Die Antwort ist sehr einfach. Sogar wenn man außer Betracht lässt, dass die S.I. aus näherer Entfernung beobachten konnte, wie einige Elemente der Krise aufkamen (wie z.B. in Strassburg, Turin und Nanterre), haben wir nicht den Zeitpunkt, sondern den Inhalt vorausgesehen.

Die Gruppe Revolution Internationale dürfte sehr wohl mit uns in vollständigem Streit liegen, wenn es sich darum handelt, den Inhalt der Bewegung der Besetzungen zu beurteilen, sowie sie allgemeiner mit dem Verständnis ihrer Epoche in Streit liegt und folglich mit den praktischen Aktionsformen, die andere Revolutionäre wieder ergreifen konnten. Aber nicht wegen des Inhalts ihres etwas abgenutzten theoretischen Wissens verachten wir die Gruppe Révolution Internationale und wollen wir keinen Kontakt mit ihr, sondern wegen des kleinbürokratischen Stils, den sie unbekümmert für die Verteidigung dieses Inhalts entwickelt. So stimmen Form und Inhalt ihrer Perspektiven überein und stammen aus denselben trüben Jahren.

Ansonsten aber hat die moderne Geschichte die Augen erzeugt, die uns lesen können.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1977
Numéro 12, Seite 44
Autor/inn/en:

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

Situationistische Internationale: Situationistisch / Situationist: All das, was sich auf die Theorie oder auf die praktische Tätigkeit von Situationen bezieht. Derjenige, der sich damit beschäftigt, Situationen zu konstruieren. Mitglied der situationistischen Internationale.
Situationismus: Sinnloses Wort, missbräuchlich durch Ableitung des vorigen gebildet. Einen Situationismus gibt es nicht — was eine Doktrin zur Interpretation der vorhandenen Tatsachen bedeuten würde. Selbstverständlich haben sich die Anti-Situationisten den Begriff „Situationismus“ ausgedacht.

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