Zeitschriften » FŒHN » Heft 22
Markus Wilhelm

Wie läßt sich viel Altes am besten verstecken? Hinter viel Neuem!

Will die Reaktion erfolgreich sein, muß sie sich schick anziehen. Modernität hat nichts zu tun mit Fortschritt, sie dient nur dessen Vortäuschung. Sein Büro mit höchst schrägen Designerstühlen einrichten lassen hat sich z.B. ein Wolfgang Schüssel, der politisch in den 50er Jahren sitzen geblieben ist. Nichts braucht so sehr den Anschein des Vorwärtsdrängens wie gerade das Aufderstelletreten. Wo viel Mode ist, ist viel Mode nötig. Kein sichereres Anzeichen für politische Reaktion als dickaufgetragener Zeitgeistplunder! Z.B. immer dieses blödgesichtige Erstaunen: Haider geht in Diskos! Als wären das nicht totalitäre Stätten, Orte der Deformierung und nicht der Befreiung!

In Wahrheit ist da gar kein Widerspruch zwischen Haiders Styling und Haiders Politik. Ein Handy ist ein Fortschritt nirgendwohin. Haiders Porsche bolzt auch mit 265 km/h in keine neue Zeit. Fortschreiten im Kapitalismus heißt Fortschreiten tiefer in den Kapitalismus hinein. Und das will er ja auch politisch! Haider ist entsetzlich modern, weil er entsetzlich konservativ ist. Um das an einem anderen Beispiel zu zeigen: Satelliten-TV etwa, das nach ultramodern riecht, ist stinkreaktionär, antidemokratisch, psychisch wie materiell ausbeuterisch, menschenfeindlich. Auch in den USA und in Italien sind mit R. Perot und S. Berlusconi die kapitalistischsten Politiker folgerichtig die modernsten.

Wie sie geht Haider nicht über das, was ist, hinaus, sondern nur forsch weiter in dieses hinein.

Er bewegt sich in diesem System wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser. Er weiß: Um ein Unternehmen zu beherrschen, muß man es nicht kaufen. Es genügt ein Aktienpaket von jener Größe, die die Lenkung der Mehrheit erlaubt. So konnte er nach den Landtagswahlen von 1989 mit einem Stimmenpaket von 25,1 Prozent (!) aller Wahlberechtigten Landeshauptmann werden. Die Kunstgriffe der Marktwirtschaft beherrscht er blind. Unbequem gewordene Parteiangestellte werden mit einigen hunderttausend Schilling auf die Hand verabschiedet. Im Wahlkampf besonders aktive Funktionäre werden (z.B. in Tirol 1995) mit Flugreisen belohnt. Leitende Mitarbeiter bekommen nach Nationalrats- und Landtagswahlen (wie TIWAG-Angestellte nach Fertigstellung von Kraftwerken) Gratifikationen in der Höhe von mehreren tausend Schilling ausbezahlt.

„Politik machen“, sagt Haider, „ist sehr ähnlich wie ein Unter­nehmen führen. jeder kämpft um Marktanteile, so, wie er glaubt, am effizientesten zu sein.“ (Wochenpresse, 27.9.90) Seine Partei, so erklärt er einmal, „ist in Wahrheit eine Firma“, die er 1986 „dem Konkurs nahe, übernommen“ habe (Spiegel, 45/92). jetzt seien die „gestiegenen Marktanteile zu sichern“. Haider zeigt sich als des Kapitalismus allergelehrigster Schüler, indem er die Praktiken des Marktes jetzt gegen seine politischen Konkurrenten anwendet: Produktdesign, Merchandising, sales promotion usw. Die Empörung ist groß. So haben wir nicht gewettet, sagen die bisher marktbeherrschenden Parteien. Aber da ist auch Genugtuung. Die Menschen, die selber tagtäglich der rohen Marktkonkurrenz mit deren Listen und Tücken ausgesetzt sind, vergönnen sie den Politikern. je ruinöser Haider den Wettbewerb anlegt, das heißt kapitalistischer, desto schadenfroher. Wenn die FPÖ als völlig neues Produkt daherkommt, dann ist das in bester, das heißt schlechtester marktwirtschaftlicher Manier nur die Verpackung. Mein Gott, wie oft wurde nicht das Persil schon in neue Schachteln gepackt! Philips bringt seinen Scherblatt-Rasierer seit 17 Jahren zu jedem Vatertag neu heraus. Gerade auf diesem Gebiet sollten wir doch unsere Lektion gelernt haben (Der neue Audi! Die neue FPÖ! Das neue Ottakringer!), und sind doch verführbar wie am ersten Tag. Wenn z.B. die Kärntner Filiale der Firma FPÖ bereits vor sechs Jahren als Mitgliedsausweis eine Servicekarte im Scheckkartenformat entwickelt hat mit einem eingebauten Chip, auf dem 64.000 Zeichen abgespeichert werden können, so sind das eben Maßnahmen zur Beschleunigung des Massenumschlags. Daß Haider seine Kaderzeitung Freie Argumente jetzt auch in einer englischsprachigen Version unter dem Titel f-news auf den Markt bringt, ist einfach Produktmanagement. Wir sollten das nicht siebengscheit belächeln, bevor wir es verstanden haben. Der FPÖ-Spitzenfunktionär Hojac hat sich in einen werbeträchtigeren Westenthaler umgetauft. Ihm das vorzuwerfen ist unter den Regeln, die gelten, kindisch. Auch die rothaarige Ilona, die sich in der Kronenzeitung feilbietet, ist weder rothaarig, noch heißt sie Ilona. K. Wlaschek nennt sich Billa. Sarközi Tony Wegas. Wieso sollen wir jetzt auf einmal moralisch werden? Was Haider treibt ist Quotenhurerei, wie sie alle Erfolgreichen treiben. Dazu gehört auch, sich wie jedes x-beliebige Markenerzeugnis über Schleichwerbung an Kunden heranzumachen. Sein Auftreten z.B. bei Eröffnungen von Modeläden und Cafes sind als das zu sehen, was man Product Placernent nennt. Auch Haiders Teilnahme am Tiroler Koasalauf ist nichts anderes. Was Römerquelle & Co. ständig versuchen, nämlich möglichst unauffällig möglichst auffällig in Spielfilmen vorzukommen, das ist ihm z.B. mit seinem Gastauftritt im „Schloß am Wörthersee“ vorzüglich gelungen. Natürlich will auch Haider immer mehr: „In ‚Peter Strohm‘ würde ich gut hineinpassen.“ (Kronenzeitung, 1.9.91)

Das zuletzt zigtausendfach ausgehängte Haider-Verkaufsplakat mit dem Slogan „Er hat Euch nicht belogen“ ist von Leuten, die körperlich um so vieles agiler sein müssen als geistig, landauf landab, wie sie meinen, verbessert worden, indem sie das nicht überklebt haben. Die neue Botschaft war mindestens so falsch wie die alte. Aufklärerisch wäre gewesen, zu sagen: Er hat Euch auch belogen. Die Anti-Haider-Gazetten überschlagen sich jetzt darin, ihm Lügen im Detail nachzuweisen. I bitt schön, spart’s euch die Müh’. Natürlich stimmt nicht, was Haider, um sich zu vermarkten, sagt. Ja, es sind zum Teil reine Erfindungen, Verdrehungen, Märchen, Raubersgschichten usw. usw. Aber bitte, das ist doch ganz normal im kapitalistischen Wettbewerb! Stimmt das vielleicht, was auf der chilenischen Tiroler Darbo-Konfitüre draufsteht oder auf der oberösterreichischen Tirol-Milch-Butter oder auf dem echten holländischen Nordtiroler Speck vom Handl? (Gasser-Speck bekämpft Handl-Speck nicht, indem er ihn der Unredlichkeit bezichtigt, sondern indem er es ihm an Unredlichkeit zumindest gleichtut!) Warum soll ausgerechnet kapitalistische Politik nicht kapitalistisch sein dürfen? Bei News, bei Vera, bei Bahlsen stimmt doch auch nichts außer der Kassa. Wenn es um etwas anderes ginge im Kapitalismus, würde er ja nicht so heißen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1996
Heft 22, Seite 39
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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