Zeitschriften » Grundrisse » Jahrgang 2009 » Nummer 30
Pelin Tan
Istanbul:

Widerstand im Stadtteil und gegenkultureller Raum

… Räume können niemals vollkommen kapitalisiert werden. Sie besitzen immer die Eigenschaft, etwas anderes zu werden. [1]

K. Gibson-Graham

Stadterneuerung in Istanbul

Am frühen Morgen des 28. August 2008 begannen die Bulldozer der Stadtverwaltung die Baracken von aus der Stadt Adana [2] stammenden Roma-Saisonarbeiter_innen zu zerstören. Unter Polizeischutz demolierten sie die Häuser der Einwohner_innen des Istanbuler Stadtteils Sulukule. Die Bewohner_innen einiger Stadtteile Istanbuls und lokale Autoritäten befinden sich in den letzten Jahren in andauernden Konflikten und Auseinandersetzungen. Eine Reihe von Bezirken wie Sulukule, ökonomisch wenig entwickelt und ethnisch auffällig, stehen im Zentrum der Stadterneuerung. Die Umstrukturierung dieses heruntergekommenen Bezirks bedeutet hier keine Verbesserung der materiellen und sozialen Bedingungen, sondern die Vertreibung der Bewohner_innen, um Projekte zu verwirklichen, die den Wert für den städtischen Markt steigern. In den letzten drei Jahren haben sich Bewohner_innen zusammen geschlossen, um gemeinsam ihre Wohnrechte zu verteidigen. In Zusammenarbeit mit Akademiker_innen, unabhängigen Wissenschaftler_innen, Künstler_innen und anderen bemühen sich diese Nachbarschaftsinitiativen, Möglichkeiten eines gegenkulturellen Raumes anzubieten, nicht nur über ihre Wohnrechte zu diskutieren, sondern um ein kollektives soziales und alltägliches Leben herzustellen.

TOKI [3] (die Wohnunraumentwicklungs-Verwaltung der Türkei) und die lokalen Verwaltungen sind die Hauptakteur_innen der städtischen Entwicklungsprojekte in der Türkei. Sie präsentieren sich als lokale Version neoliberaler städtischer Umstrukturierung und Erneuerung. TOKI ist offiziell eine staatliche Abteilung mit dem Ziel, günstige Wohnungen für arme Menschen zu errichten. TOKI ist aber ein privates Unternehmen, das in Zusammenarbeit mit den Autoritäten als städtisches Räumungsunternehmen handelt, um arme und ethnisch auffällige Communities zu vertreiben. Die Firma KİPTAŞ, [4] von der Istanbuler Stadtverwaltung ins Leben gerufen, ist eine weitere Akteur_in, die sich am Bau und Verkauf von Wohnungen auf Kreditbasis beteiligt. [5] Alle diese in Bautätigkeiten involvierten Akteur_innen sind eine weitere lokale Variante dessen, was David Harvey als Neoliberalismus beschreibt, „…der eine komplexe Veränderung der Beziehungen zwischen Wirtschaft und Staat bedeutet, wobei die staatlichen Institutionen aktiv werden, um am Markt orientierte regulatorische Einrichtungen zu fördern.“ [6] Die Stadtpolitik dient dazu, Bewohner_innen zu vertreiben und die Besitz- und Eigentumsverhältnisse zu verändern. Dabei nutzen lokale und ausländische Investor_innen Istanbuls Image als Marketing-Instrument und bedienen urbane Ängste (Terrorismus, Erdbeben, Unsicherheit), um städtische Säuberungen und Umstrukturierungen durchzusetzen.

Wie verbinden sich die globalen Strategien einer neoliberalen Ökonomie mit dem lokalen Diskurs, [7] in dem nicht nur der städtische Raum kapitalisiert wird, sondern auch die sozialen Beziehungen, die diesen strukturieren? Um die Veränderungen des Neoliberalismus vom 20. zum 21. Jahrhunderts zu erklären, spricht Neil Smith von einer neuen Form, in dem „nicht die nationale Macht, sondern die des Staates auf einer anderen geografischen Ebene organisiert und ausgeführt wird.“ [8] Wie können wir Smiths Definition des „neuen“ Neoliberalismus auf Istanbul anwenden? Wir wissen, dass der Putsch vom September 1980 den Weg für die Unterstützung durch den IMF frei machte, um das Land in der globalen Ökonomie zu positionieren. Ab den 1980ern erhielten die Stadtverwaltungen finanzielle Zuwendungen von der Regierung (verbunden mit einem Politikwechsel), um die Stadtviertel zu erneuern. LED (Local Economic Development) verweist in diesem Kontext auf die Zusammenarbeit von Stadtverwaltungen, lokalen Planer_innen und globalen Kapitalvertreter_innen, die über die großräumigen städtischen Veränderungen und die damit verbundenen Projekte zur Gentrifizierung bestimmen. Sie verwandeln dabei das Land von Staatseigentum in private Armut. Die Beeinflussung der städtischen und ökonomischen Politik machen sowohl die Akzeptanz von Gecekondular [9] und deren Integration in die kapitalistische Organisation des städtischen Raumes [10] möglich wie auch die Ausdehnung der „Enklaven / Gated Communities“. Auch nach 2000 wurden unter den Titeln „städtische Renovierung“ oder „städtische Entwicklung“ Projekte in großem Ausmaß fortgesetzt, um die Zerstörung und den Wiederaufbau durch die abstrakten Diskurse über urbane Angst, Ökologie, kulturelles Erbe und Naturkatastrophen (z.B. Erdbeben) zu legitimieren.

Die Politik der urbanen Umstrukturierung und Erneuerung (Artikel 5366), [11] welche die Stadtbehörden autorisiert, städtische Erneuerung und Entwicklung durchzuführen, beschleunigte 2005 die in Istanbul beschlossene Legitimierung aktueller Projekte der Stadterneuerung. Diese Politik erlaubt es, jeden Platz oder jeden Bezirk in Istanbul als städtisches Erneuerungsgebiet zu definieren und damit Eigentumsrechte, städtische Planung, und die Anwendung architektonischer Projekte zu kontrollieren.

Unterschiedliche Bedingungen in den Stadtteilen

Entsprechend der Zusammenarbeit der Akteur_innen der neuen städtischen Politik werden in den im Visier der lokalen Verwaltungen stehenden Stadtvierteln die gleichen Prozesse der urbanen Säuberung durchgeführt. Diese Viertel zeigen aber unterschiedliche geografische Lagen, soziale Strukturen, Community-Identitäten und in unterschiedlichem Ausmaß erlittene Schäden. Die verschiedenen Charakteristika der Viertel erfordern eine lokale Politik und spezifische Formen der Organisierung und der Solidarität. Diese Unterschiede will ich an der Entwicklung einiger Fälle aufzeigen.

Der Bezirk Tarlabaşı besteht aus einigen Wohnviertel in der Nähe von Taksim-Beyoğlu (geografisch eines der Hauptzentren von Istanbul). Die Bevölkerung besteht hauptsächlich aus Migrant_innen aus Anatolien. Durch den kurdisch-türkischen Bürgerkrieg in den 1990ern wurden sie zur Migration aus den östlichen und südöstlichen Regionen gezwungen. [12] Weiters wohnen in Tarlabaşı auch vor Bürgerkriegen und Grenzkonflikten geflohene illegalisierte afrikanische und asiatische Migrant_innen. [13] Die früheren Bewohner_innen von Tarlabaşı waren hauptsächlich nicht-muslimische Teile der Bevölkerung des Osmanischen Reiches. In den letzten Jahren wurde dieser Bezirk als heruntergekommen abgestempelt und die heterogene arme Bevölkerung wird (als ethnisch auffällig, transsexuell ...) sozial nicht akzeptiert. Schließlich werden alle urbanen Klischees bedient, um diesen Ort als gefährlich und unsicher zu beschreiben. Die Bevölkerung ist informell im Dienstleistungssektor beschäftigt, vermutlich in Taksim-Beyoğlu. Die Verwaltung von Beyoğlu arbeitet mit TOKİ und der Baufirma GAP zusammen, um diesen Bezirk für “bessere” Schichten zu adaptieren. Die Stadterwaltung begründet die Veränderungen des Bezirks mit einem Erneuerungs- und Renovierungsplan. Der Artikel 5366 erlaubte der Stadtverwaltung, Druck auf die Besitzer_innen auszuüben, Gebäude und Wohnungen unter ihrem Wert zu verkaufen. Die Bewohner_innen wurden erst nachträglich informiert, als die Baufirma am 4. April 2007 einen Vertrag unterzeichnete. Um ihre Wohnrechte zu wahren und gegen die Zwangsmaßnahmen der Verwaltung aktiv zu werden, gründeten sie eine Vereinigung zum Schutz und zur Verteidigung ihrer Rechte als Eigentümer_innen und Mieter_innen von Tarlabaşı. Diese Nachbarsschaftsinitiative stoppte den Verhandlungsprozess zwischen der Stadtverwaltung und den Besitzer_innen, bis die Rechte der Bewohner_innen durch die Verwaltung und GAP berücksichtigt werden. Tarlabaşı ist ein Beispiel für ein heruntergekommenes, ethnisch auffälliges “Ghetto”-Gebiet. Die Stadtverwaltung will nicht nur den materiellen Zustand der baulichen Umgebung verbessern, indem Fassaden und Wohnungen renoviert werden, sondern sie will die Ersetzung der ansässigen Bevölkerung durch eine erwartete homogene reichere Klasse.

Im Frühjahr 2008 wurde die Öffentlichkeit Istanbuls Zeuge massiver Straßendemonstrationen durch die Bewohner_innen des Bezirks Başıbüyük, darunter viele Frauen und Mütter. [14] Erstmals gingen Hausfrauen auf die Straße, um der Polizei entgegenzutreten, die die Bewohner_innen mit Tränengasgranaten angriff. Başıbüyük ist ein früherer “gecekondu”-Bezirk in Maltepe (dem Ostteil von Istanbul) auf einem Hügel mit Blick auf den Bosporus. In der Vergangenheit wurde er als Peripherie der Stadt gesehen. Zuletzt wählten 73% der Bevölkerung von Başıbüyük die AKP, was bedeutet, dass die Politik dort auf keinen Fall links dominiert ist, sondern im Gegenteil eher konservativ und rechtsgerichtet. Der politische Charakter dieses Viertels unterscheidet sich von vielen anderen Vierteln, die als linksorientiert und ethnisch auffällige Minderheits-Wohnviertel gelten. Diese “gecekondu” Umgebung wurde durch die Errichtung von Infrastruktur (Elektrizität, Wasser, Gas) gefördert, was sich seit 1984 in Wahlerfolgen für die konservative lokale Verwaltung ausdrückte. Jetzt wird dieser Stadtteil, wie andere auch, durch städtische Erneuerung bedroht. TOKI und die Verwaltung von Maltepe in Başıbüyük planen ein Projekt zur Errichtung von Luxusvillen. Interessant ist in diesem Fall, dass TOKI Sozialwohnungen in einer wenig entwickelten Gegend von Başıbüyük errichtet und 6500 Familien dorthin umsiedeln will. TOKI bietet den Familien einen relativ niedrigen Preis für ihre Häuser, zwingt sie aber, Kreditvereinbarungen für ihre neuen “sozialen” Wohnungen einzugehen. Das bedeutet, dass sie weniger Geld für ihr Eigentum bekommen als sie für ihre von TOKI gebauten Apartments zahlen müssen. Die Familien akzeptierten diese Vereinbarungen nicht, die Konflikte auf der Straße und der Widerstand gegen die Stadtverwaltung und die Polizei dauerten mehrere Monate an.

Ein anderes Beispiel ist Ayazma. [15] Die Bewohner_innen von Başıbüyük fürchteten das gleiche Schicksal wie die Menschen in Ayazma. Ayazma ist ein stark migrantisch geprägtes Viertel in der Nähe des 2001 errichteten olympischen Stadions – und Ergebnis erzwungener Migration. Fast alle Familien dort wurden genötigt, ihr Wohnviertel zu verlassen, die Stadtverwaltung ließ ab 1. Februar 2007 ihre Häuser dort zerstören. Fast 880 Häuser, ursprünglich in den 1980ern errichtet, wurden abgerissen, [16] 650 Familien wurden zum Umzug in einen anderen Bezirk gezwungen, weit weg vom Stadtzentrum, wo sie in “sozialen” Wohnungen leben müssen, die sich die meisten von ihnen nicht leisten können. Einige kehrten in ihre Heimatregionen zurück, andere kamen in der Nähe bei Verwandten in Istanbul unter und ein Rest versucht in Ayazma in Zelten zu überleben.

Das Wohnviertel Gülsüyü Gülensu, im Osten von Istanbul gelegen, kann als erfolgreiches Beispiel für Widerstand gegen lokale Autoritäten gelten. Ebenso ein früheres “gecekondu” fand sich dieses Viertel auf einer Liste von Plänen zur städtischen Erneuerung. Bis sie einen offiziellen Brief von der Stadtverwaltung bekamen, wussten die Bewohner_innen allerdings nichts davon. Als Antwort darauf sammelten sie 7000 Unterschriften und eröffneten 32 Gerichtsverfahren, um “Nein” zur Umstrukturierung zu sagen. [17] Desweiteren etablierten sie die Gülsüyü-Gülensu-Nachbarschaftsinitiative gemeinsam mit einer Plattform der Nachbarschaftsinitiativen von Istanbul (Viertel, die ebenfalls von staatlich geförderter “Erneuerung” bedroht sind). Die heutigen Bewohner_innen leben seit den 1970ern in Istanbul und auch die heutige Generation bildet eine starke linke Community.

Wieder ein anderes Beispiel ist Sulukule, das wegen einer andauernden Kampagne um Wohnrechte in den türkischen Medien sehr präsent ist. Sulukule ist der Bezirk auf der historischen Halbinsel, auf der die Mehrheit der Roma seit dem osmanischen Reich leben. Heute sehen sie einer gewaltsamen Aussiedlung entgegen. Unter Benutzung des Artikel 5366 beschlossen die staatlichen Autoritäten, die Behausungen des Viertels ab dem 13. Dezember 2006 zu zerstören. TOKI bot Sozialwohnungen in Taşoluk an, im Nordosten von Istanbul, weit außerhalb des Stadtzentrums. Sowohl Wohneigentümer_innen wie auch Mieter_innen versuchen Wege zu finden, um in ihrem Viertel zu bleiben, nicht nur um in ihren Häusern und Straßen weiter zu wohnen, sondern auch wegen der ansonsten zu erwartenden ökonomischen Verschlechterungen.

In der letzten Zeit sehen sich die Bewohner_innen der Stadtviertel (aber auch der Communities im Allgemeinen) sozialer Segregation ausgesetzt, zwischen den Armen, ethnisch auffälligen Communities und dem Rest der städtischen Bevölkerung. Alle fürchten die Unsicherheit ihrer zukünftigen Lebensverhältnisse wie auch der Ghettoisierung ihrer Wohnorte. Darüberhinaus ist die Bedrohung durch “doppelte Armut” eine konkrete Folge der Beschäftigung der Bewohner_innen im informellen Dienstleistungssektor, durch die sie die so genannte flexible Arbeit der städtischen Ökonomie repräsentieren. Wenn dann die Communities weit außerhalb der Stadt angesiedelt werden, verlieren sie deshalb ihre Jobs oder müssen als Pendler_innen mehr Geld für Mobilität ausgeben, als sie sich leisten können.

Gegenkulturelle Räume, sanfter Aktivismus

Entsprechend dem Hintergrund des Viertels und seiner Bewohner_innen zeigen die oben diskutierten Beispiele unterschiedliche Formen von Widerstand und unterschiedliche Resultate. Immer geht es um die Zusammenarbeit lokaler Verwaltungen und TOKI, autorisiert durch den Artikel 5366, wobei Projekte der städtischen Erneuerung und Umstrukturierung zu Säuberungen und Umsiedlungen genutzt werden. Viele Kampagnen in den letzten drei Jahren wurde in Zusammenarbeit mit Akademiker_innen, NGOs, unabhängigen Aktivist_innen, Journalist_innen und Künstler_innen durchgeführt. Kulturelle Veranstaltungen, künstlerische Interventionen, Forschungsprojekte und Kampagnen versuchen dabei nicht nur Aufmerksamkeit zu erregen, sondern die Informationen, was sich tatsächlich in den Wohnbezirken Istanbuls abspielt, an die Öffentlichkeit zu tragen.

Mein Hauptaugenmerk liegt darin, wie kulturelle Interventionen und Gesten städtische gegenkulturelle Räume im urbanen Kontext stimulieren können, wie Kritik der Institutionen eine Rolle im gegenkulturellen Diskurs spielen kann und wie und wo Aktivist_innen und Bewohner_innen partizipieren können und eine gemeinsame Grundlage finden, um ihre Wohngegenden zu repräsentieren. In einem Gespräch mit Toni Negri [18] wird über “sanfte Formen” des Aktivismus und urbane Projekte diskutiert, die Kollektivitäten auf einer Mikroebene der Wohnviertel erzeugen. Es wird argumentiert, dass ““sanft” bedeutet, dass das politisch Transversale außerhalb des biopolitischen Diagramms existieren kann” und dieses biopolitische Diagramm “ist der Raum, in dem die Reproduktion des sozialen Lebens (sozial und politisch) in allen seinen Dimensionen kontrolliert, integriert und ausgebeutet wird.” Hier bedeutet die politische Transversalität eine Art von Zerstreuung von Machtverteilungen. Im Gespräch geht es um unterschiedliche urbane Kämpfe und Kollektive, die sich mit ihren eigenen Praktiken und ihrer Macht am städtischen Aktivismus beteiligen. Was sich in Istanbul an oppositionellen urbanen Bewegungen in den Stadtvierteln tut, kann so als sanfte Form des Aktivismus beschrieben werden.

Einige Nachbarschaftsinitiativen, etwa in Başıbüyük, Gülsüyü-Gülensu und Sulukule, werden von Gruppen aus anderen gesellschaftlichen Bereichen unterstützt. Vor dem Hintergrund einer politischen und zivilgesellschaftlichen Vergangenheit entwickelte die Nachbarschaftsinitiative von Gülsüyü-Gülensu in Zusammenarbeit mit Dayanışmacı Atölye (solidarity stüdyo, aus Studierenden für Stadtplanung und Akademiker_innen der Mimar Sinan University of Istanbul bestehend) ein Konzept, das eine partizipatorische Planungspraxis ermöglicht. Inzwischen begannen die Bewohner_innen von Gülsüyü-Gülensu ein Projekt, das sie “Stadtgarten, Stadtökologie” nennen, um der staatlich organisierten städtischen Umstrukturierung zu widerstehen, indem sie Gemüse auf Brachflächen, in Hinterhöfen und Gärten des Bezirks pflanzen. 2004 wurde die Plattform der Nachbarschaftsinitiativen von Istanbul [19] gegründet, die inzwischen fünfzehn unter Drohung einer städtischen Erneuerung stehende Wohnviertel vertritt. Diese Plattform organisierte eine Reihe von Kundegebungen und Veranstaltungen und sie beteiligte sich auch an Workshops und Konferenzen. [20] In den Stadtvierteln plant die Plattform Vorführungen von Dokumentationen über städtischen Widerstand in der ganzen Welt in Zusammenarbeit mit Künstler_innen, Filmemacher_innen, Kurator_innen und Schriftsteller_innen. Der Vorsitzende der Nachbarschaftsinitiative von Gülsüyü-Gülensu erklärt, dass sie sich weder als links noch als rechts sehen, dass religiöse und ethnische Identität keine Bedeutung habe, sondern dass sie sich nur organisieren, um ihre Wohnrechte als allgemeine Menschenrechte zu verteidigen. [21]

Genügen aber die urbanen Kämpfe mit Demonstrationen und Diskussionen, um die Aktivitäten der TOKI, der lokalen Autoritäten und der polizeilichen Kontrolle in der Stadt zu verhindern? Armut, schlechte Ausbildung (viele kurdische Menschen verstehen kein Türkisch, die meisten Bewohner_innen können nicht schreiben und verstehen die offiziellen Papiere nicht, die sie von den Verwaltungen bekommen) und viele andere Gründe behindern noch immer die Solidarität unter den städtischen Aktivist_innen. In einem Artikel fragt Jean François Perouse, warum die oppositionellen zivilgesellschaftlichen Bewegungen gegen die staatlichen Erneuerungsprozesse in der urbanen Sphäre generell, aber auch spezifisch in den Wohnvierteln, so schwach sind. [22] Am Beispiel von Ayazma benennt er einige Gründe für deren Scheitern: [23] die Unsicherheit der lokalen Bevölkerung (wegen der erzwungenen Migration), die schlechte Bewertung der informellen und flexiblen Arbeit, die weite Entfernung von den Stadtzentren, die Komplexität der Besitzverhältnisse sowie ein Mangel an kommunaler Identität.

Sulukule ist das bekannteste Beispiel für kulturelle und künstlerische Interventionen. Diese wurden von der Sulukule Plattform [24] (eine nicht-hierarchische Gruppe von Bewohner_innen und interdisziplinär agierenden Menschen) angeregt. Einige Architekt_innen und Aktivist_Innen anderer Bereiche initiierten die interdisziplinäre Plattform 40 Gün 40 Gece Sulukule (40 Tage, 40 Nächte Sulukule), die von mehreren NGOs und Universitäten unterstützt wurden und öffentliche Aktivitäten in Gang setzte, um den Bezirk und seine Menschen zu verteidigen. [25] Die Plattform arbeitet auch mit Rechtsanwält_innen der Architekt_innenkammer von Istanbul zusammen, um staatliche Aktivitäten vor Gericht zu verhindern. Am 17. Mai 2007 wurde ein Abkommen zwischen all jenen Gruppierungen unterzeichnet, die in diesem Fall involviert oder an ihm interessiert sind, unter ihnen Universitäten, Stadtverwaltungen, NGOs und auch die begleitenden Initiator_innen. Zusammenarbeit und Organisation auf Stadtteilebene ist so möglich, um aktuelle Veranstaltungen zu organisieren, die lokalen Netzwerke können aber nicht nur für die Partizipation in den Siedlungen genutzt werden, sondern auch durch die Protagonist_innen in den anderen Tätigkeitsfeldern. Der Medienaktivismus durch die Benutzung von Blogs und digitale Kommunikation, durch die viele Bürger_innen aus anderen Feldern zu kulturellen und künstlerischen Veranstaltungen in die Stadtviertel eingeladen wurden, ist eine Form der zivilgesellschaftlichen Organisation. Seit etwa die Tarlabaşı Association die Kommunikation mit der Verwaltung von Beyoğlu einstellte und deren unzumutbaren die Eigentumsverhältnisse betreffende Vorschläge ablehnte, gelang es in Zusammenarbeit mit Stadtforscher_innen und Akademiker_innen die Medienaufmerksamkeit auf das Problem zu lenken. Die fortdauernden Aktivitäten der Nachbarschaftsinitiativen können auch institutionelle Diskussionen in Bezug auf die Bedeutung von „Kultur“ oder „soziale Identität“ in einer segregierten städtischen Sphäre beeinflussen. Im Allgemeinen präsentieren Akademien, kulturelle Institutionen (Museen, Kunst-Institutionen) oder das Kulturhauptstadtprojekt Istanbul 2010 eine hygienische, normalisierte städtische Kultur, die heterogene Elemente der Gesellschaft und im Allgemeinen jede Art von oppositioneller politischer Agenda zugunsten eines repräsentativen Multikulturalismus ausschaltet. In diesem Fall ziehen die Nachbarschaftsinitiativen vor, mit lokalen städtischen Kollektiven, unabhängigen Wissenschaftler_innen, Akademiker_innen und Künstler_innen zusammenzuarbeiten.

George Yudice [26] zeigt, dass lokale Graswurzelbewegungen effektiver sein können als NGOs und zivilgesellschaftliche Organisationen, die mit sozialdemokratischen politischen Gruppen verbunden sind. Als Mikro-Kollektive im städtischen Raum, haben die Nachbarschaftsvereinigungen das Potential, sich mit „sanftem Aktivismus“ durchzusetzen.

[1“Mekan tabanlı küreselleşme”: Devrim için yeni bir tahayyül (“Space based globalization”: A new imaginary for a Revolution”), p.52- 55, Birikim, 205-206, May-June 2006, Istanbul

[2Fünftgrößte Stadt der Türkei.

[5Mehr über TOKI, KİPTAŞ und deren Beziehungen zur türkischen Regierung und Minister Tayyip Erdoğan: Ayşe Çavdar, “Tayyip Usülü Kamulaştırma”, p.22, Express (social-political magazine), June-July, 2008.

[6Harvey, David (2006): Spaces of Global Capitalism. A Theory of Uneven Development. New York: Verso, S. 102.

[7Der nostalgische Geschmack einer ottomanisch-türkischen Identität versucht eine ultra-nationalistische und konservative Ideologie mit islamischem Hintergrund zu fördern.

[8Smith, Neil (2002): New Globalism, New Urbanism: Gentrification as Global Urban Strategy. In: Antipode, S. 429.

[9Gecekondu ist die Bezeichnung für ein Haus, das Menschen auf von ihnen besetztes staatliches Land „nachts hingestellt“ (die wörtliche Übersetzung von gecekondu) haben. Der Begriff geht auf eine vormoderne Verordnung zurück, die besagt haben soll, dass ein Haus, das „über Nacht“ auf öffentlichem Grund und Boden errichtet worden ist, nicht mehr abgerissen werden darf. (Anm. derive) Gecekondular ist der Plural.

[10Weitere Infos in Murat Güvenç&Oğuz Işık: “The newcomers were in most cases deprived of the means to build a multi-storey structure for themselves, since the practice of users building their squatter houses was already a thing of the past.”, p.212, chapter 10, A Metropolis at the Crossroads: The Changing Social Geography of Istanbul under the Impact of Globalization, in book Of States and Cities, Partitioning of Urban Space, Ed.P.Marcuse&R.van Kempen, Oxford University Press, 2002.

[1260% der Bevölkerung sind Kurd_innen, der Rest sind meist Türk_innen aus der Schwarzmeerregion.

[13Pelin Tan, Grenzpolitiken und Stadt-Betrachtungen, Self-Service City: Istanbul”, in: Stephan Lanz/Orhan Esen (Hg.): metroZones 4, B-Books, Berlin, 2004.

[14Pınar Öğünç, Bayıbüyük’ün derdi büyük kadınlar, Radikal Newspaper, İstanbul, 17.05.2008, http://www.radikal.com.tr/Default.aspx?aType=HaberDetay&ArticleID=878045&Date=21.05.2008&CategoryID=41

[15Ayşe Çavdar, Başıbüyük’ün derdi de büyük, Aktüel Magazine,İstanbul, 29.05.2008

[16Jean Francois Perouse, Kentsel Düşler, Radikal Newspaper, İstanbul, 24.06.2007

[17Müjgan Halis, Üniversiteliler Gülsuyu mahallesinde, Sabah Newspaper, Istanbul, 17.03.2007 http://arsiv.sabah.com.tr/2007/03/17/cpsabah/hob103-20070311-102.html

[18Toni Negri, Constantin Petcou, Doina Petrescu, Anne Querrien, “What makes a biopolitical space?”, (Paris, 17 september, 2007), http://www.eurozine.com/articles/2008-01-21-negri-en.html

[20November 2006: Urban Transformation Conference, Ankara; 9.-10. Juni 2008: Dwelling Rights Workshop, Ankara; 11.-13. Juli 2008: Social-economical Impacts of Urban Transformation, Istanbul, organisiert von Pelin Tan / Osman Kavala.

[21Gepräch mit Erdogan Yıldız, Istanbul Neighbourhoods Platform, Express, Mai 2008.

[22Jean Francois Perouse, Kentsel Dönüşüme karşı Ayazma’da neden yerel bir muhalefet oluşamadı?, İstanbul Magazine, April 2008.

[23Ibid.

[25Interview mit Aslı Kıyak İngin (Aktivistin und Architektin, Mitbegründerin der Sulukule-Plattform) von Pelin Tan http://www.arkitera.com/soylesi_68_asli-kiyak-ingin.html, http://40gun40gece-sulukule.blogspot.com/

[26George Yudice, p.82-108, The Globalization of Culture and the New Civil Society, The Expediency of Culture uses of culture in the Global Era, Duke University Press, Durham and London, 2003.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2009
Nummer 30, Seite 109
Autor/inn/en:

Pelin Tan:

Soziologin und Kunsthistorikerin, Lehrbeauftragte und stellvertretende Dekanin der Fakultät für Architektur an der Mardin Artuklu Universität. Lebt und arbeitet in Mardin und Istanbul.

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