FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1987 » No. 401-405
Jürgen Langenbach

Wider den Maschinensturm

Gudrun Ensslin ist „... gestorben worden“.

So ist es. Gudrun Ensslin hat die Probe auf jenes Exempel erlitten, das uns G. Anders als Novität vorschlägt. Gudrun Ensslin hat die Repersonalisierung der anonymen Machtapparate versucht und ist von ihnen zu Tode gehetzt worden. Deshalb spricht ihr Tod gegen eine Neuauflage der Gewaltfrage.

Deshalb spricht ihr Name in G. Anders’ Mund gegen G. Anders’ Neue Militanz.
Natürlich ist die Gewaltfrage auf der pragmatischen Ebene historischer Erfahrung allein nicht zu entscheiden, sie wäre breiter zu debattieren, wenn sie denn überhaupt zu debattieren wäre. Man müßte sie unter moralischen Gesichtspunkten betrachten und unter geschichtsphilosophischen — wenn nicht letztere Betrachtung, ich versuche sie, erstere ersparen würde: Die Gewaltfrage ist nicht nur historisch obsolet (oder, mit Anders zu reden, antiquiert), sie lenkt obendrein den Blick von anderen Fragen ab, deren Bedenken vielleicht aussichtsreicher, zumindest aber notwendiger wäre. J. L.

Gesellen, schweißt die Lettern ein,
Ich lasse das Erfinden sein.
Bewahr uns Gott vor Teufelswerk.
Dies wünscht Euch Johann Gutenberg.
 
Jura Soyfer,
„Der Lechner-Edi schaut ins Paradies“

Ein flüchtiger Blick auf eine Tageszeitung der dreißiger Jahre, zwei Zeitreisende haben sie mitgebracht, lehrt den Vater des Buchdrucks das Fürchten und das Wünschen. Die Reisenden — der von seinem Arbeitsplatz wegrationalisierte Lechner-Edi und die Maschine, die ihn wegrationalisiert hat und inzwischen selbst ihrem Nachfolgemodell zum Opfer gefallen ist — ziehen weiter in die Vergangenheit, in der sie einen Ort suchen, wo dem Fortschritt Einhalt zu gebieten wäre. Von Erfinder zu Erfinder geht die Fahrt, jeder erbleicht vor Schreck über die unvorhergesehenen Folgen seines jeweiligen Fortschrittchens, keiner versäumt den Hinweis auf seine Vorgänger. Die Reise führt bis ans Paradies, in dem eben der Mensch erschaffen wird.

Dort schrumpft die Satire zum Lehrstück vom Menschen, der ohne seinen grenzenlosen Erfindungsdrang nun einmal nicht zu haben ist. Aber das macht nichts, im Gegenteil, Edi schluckt die Lektion gleich löffelweise. Er lernt, daß der Geist (mitsamt seiner Vergegenständlichung: der Technik) erstens gut und zweitens mächtig ist und sich deshalb drittens nicht vom äußerlichen Schein blenden lassen darf, sondern sich auf den wahren Bösewicht (das Kapital) und die eigenen Kräfte besinnen muß. „Auf uns kommt’s an!“ heißt die Frohbotschaft, die der Zeitreisende in — und gegen — den anbrechenden Faschismus mitbringt.

Ob ihm sein frischer Mut auch einen neuen Arbeitsplatz beschert, bleibt offen, mit gutem Grund. Denn die Fabel Soyfers ist nicht weniger fromm als der Voluntarismus seines Gutenberg und der anderen (nur) guten Willens: Sie wünscht jene Differenz herbei, die in den dreißiger Jahren gerade im Sterben liegt, die Differenz zwischen der Entwicklungslogik der Technik und der des Kapitals. Nur auf dem Fundament dieser Differenz funktioniert das Lehrstück, kann der naive Lechner-Edi darüber aufgeklärt werden, daß er Freund und Feind verwechselt, wenn er die Maschine bekämpft statt der gesellschaftlichen Herrschaft: Falle erst einmal der Schleier und in seinem Gefolge die Klassenherrschaft, dann liege in der Technik das zweite Paradies schon bereit und harre nur mehr seiner Inbetriebnahme.

Aber der doppelte Boden ist nicht mehr, wenn er denn je war. In Tschernobyl lacht die Technik sich und anderes kaputt. Und zwar nicht nur über die köstliche Pointe von der sozialistischen Kernkraft. Sondern über alle Vorstellungen, es gäbe irgendwelche Götter neben oder gar über ihr, heißen sie nun Sozialismus oder Kapitalismus oder Dritter Weg.

Januar 1987, Diskussionsabend beim „Neuen Österreich“, jener Gruppe von Linken, die zu der Waldheim-Wahl und gegen dieselbe zusammengefunden und sich einen Namen verpaßt hat, dessen Deutung man nicht dem Humor überlassen kann, weil die Selbstgefälligkeit der Phrase so neu nun auch wieder nicht ist und die Selbstauslobung als Novität allemal den Verdacht weckt, anders sei der Ladenhüter nicht mehr loszuschlagen.

Es geht um Faschismus, und ganz nebenbei wirft einer in die Debatte, Auschwitz sei schwer mit ökonomischen Gründen zu fassen. Blankes Entsetzen im Raum. Der Unmut schlägt dem Ketzer so heftig entgegen, daß nur ein mühsamer Kompromiß den Abendfrieden rettet, rudimentär dürfen auch andere Ursachen als die Profitgier des Kapitals mit hineinspielen.

Nun wird niemand bezweifeln, daß die Konzernherren sich ebenso bereitwillig Sklaven haben liefern lassen wie die Reichsbank Zahngold. Aber damit ist das Unwesen nicht erfaßt. Eher schon mit G. Anders: „Nicht Menschen wurden getötet, sondern Leichname hergestellt.“ Auschwitz war eine Fabrik. Auschwitz war die Fabrik. In ihr hat nicht der Profit regiert (auch nicht die sadistische Mordlust), in ihr hat die Technik sich von allen ökonomischen Fesseln befreit und ist erstmals über den Menschen hergefallen, wie zuvor nur über den Rest der Natur wie zuvor nicht einmal über den Rest der Natur, da das Verwertungsinteresse immer noch nach einem verwertbaren Endprodukt gerufen hatte. In Auschwitz nicht mehr. „Das Fahrplanprogramm der einzelnen Aktionen, das in einer Fahrplankonferenz durch das Reichsverkehrsministerium genau festgelegt war, mußte unbedingt eingehalten werden“ gibt R. Höß, der Kommandant von Auschwitz, zu Protokoll, und man darf es ihm glauben.

Was? Daß in Auschwitz wie im Faschismus insgesamt der Fahrplan selbst regiert. Und daß, allgemeiner, im Faschismus die Technik alle geschäftlichen Rücksichtnahmen hinter sich läßt und zu sich selbst kommt. Welche Technik? Die Technik. Und wohin kommt sie, wenn sie zu sich selbst kommt? Zur Reinheit ihrer Bewegung (die Parolen des Faschismus sind recht vielsagend): Ohne Ansehen ihrer Zusammenhänge zerreißt die Technik die Natur zu Leichen, ohne Ansehen ihrer Person zerreißt die Herrschaftstechnik namens Bureau die Individuen zu Verwaltungsakten. Für die Opfer ist dies der Tod, und sein Grauen duldet keinen Vergleich. Aber auch die Täter haben nichts Menschliches mehr, Höß ist kein Sadist, er ist der Fahrplan.

Fraglich, und damit zurück zum „Neuen Österreich“, ob dieser Einschleifung des Menschen zum Maschinenteil (oder: zur Dienstordnung) Kategorien angemessen sind, die die Einschleifung erst gar nicht in Rechnung stellen, seien es Kategorien der Politischen Ökonomie, seien es Kategorien der Ethik. Unterstellt wird in beiden ein Spielraum der Freiheit und Verantwortung, den jene überhaupt nicht besitzen, die nichts tun als ihre Pflicht. Der Skandal liegt nicht darin, daß die Pflichterfüller lügen, wenn sie sich auf ihre Pflichterfüllung berufen. Der Skandal liegt darin, daß sie dann die Wahrheit sagen.

Wenn dem aber so ist, dann ist Ideologiekritik alten Stils obsolet. Und nicht mehr die Dechiffrierung vorgeblicher Sachzwänge als Herrschaftsinstrument steht auf dem Programm, sondern umgekehrt: Die Entschlüsselung jenes Geschehens, in dem die Tische und Kernkraftwerke wahrhaft zu tanzen anheben, als hätten sie Lieb’ im Leibe.

Werfen wir einen Blick hinein in die Blauen Bände. Kurz vor dem bösen Ende noch schien der Lechner-Edis Paradies zum Greifen nahe, der „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ (Engels) sollte die Bildung des letzteren im Gefolge der Großen Industrie (plus Revolution) mit der „allseits entfalteten Individualität“ (Marx) krönen. Soweit das Hoffnungsmaximum. Nach einer zweiten, bescheideneren Variante sollte, wenn schon nicht die Befreiung in der Arbeit, so doch die von der Arbeit — der Widerspruch hat in aller Jugendfrische überlebt und wird uns bald wieder begegnen —, das Ende der Vorgeschichte einläuten. Das Potential von Wissenschaft und Technik versprach, den biblischen Fluch so weit vom Menschen zu lösen, daß zwar, wer die Fabriktore durchschreite, weiterhin „jede Autonomie fahren lassen“ möge (wiederum Engels), daß sich aber auf dem Rückweg in die verlängerte Freizeit die Pforte zum „Reich der Freiheit“ in aller Breite auftue (wiederum Marx).

Der erwähnte Widerspruch bricht in allen Analysen der Arbeit auf — und wird meist gar nicht wahrgenommen, wozu später —, er ist aber nicht der Analyse geschuldet, sondern deren Gegenstand: Arbeit ist aporetisch: Arbeit befreit aus Natur und naturwüchsigen Herrschaftsverhältnissen, Arbeit unterwirft unter ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten. Zuschlechterletzt erdrückt die eine Seite der Aporie die andere.

Dann gibt es innerhalb der Arbeit keine Freiheit und außerhalb schon gar nicht. Das Elend der Arbeitslosigkeit liegt nicht nur am mangelnden Geld, die Unerträglichkeit der Freiheit von Arbeit hat ihren Grund auch und eher im Stand der Arbeitsteilung selbst, darin, daß der ins Getriebe (von Fabrik oder Bureau) Eingepaßte weder im Arbeitsprodukt, das er nicht kennt, noch im Produktionszusammenhang, den er nicht übersieht, irgendeinen Gegenstand findet, an dem er sich orientieren oder bilden könnte. Halt bietet ihm am fließenden Band und vor dem flimmernden Schirm einzig das Äußerlichste, die Verrichtung irgendeines Handgriffs. Wird ihm auch noch dieser genommen, dann bricht das Außenskelett zusammen.

Daher die Wut, mit der er auch noch die widersinnigste Tätigkeit als die seine nimmt und sie, je weniger Befriedigung er in ihr findet, desto verzweifelter verteidigt. Nicht nur die Aktionäre der Rüstungsindustrie lassen Champagner öffnen, wenn irgendwo in der Welt wieder ein Krieg in Gang gebracht worden ist, auch der dann immer noch starke Arm des Proletariats prügelt die Straße frei, auf daß die Waffen, beispielsweise die Steyr-Panzer aus Wien-Simmering, den Weg in ihren Konsum finden.

Daher auch die Schrumpfung des Gewissens zur Gewissenhaftigkeit und weiter zum Reflex. Wo Endprodukt und Produktionszusammenhang der einzelnen Teilarbeiten nicht mehr zu sehen sind, bleibt dem Interesse des Arbeiters an seiner Arbeit (außer der abstrakten Vermittlung durch das Geld) nur noch die Flucht in die korrekte Erledigung der Teilarbeit selbst. Dann heißt deutsch sein, eine Sache um ihrer selbst willen machen und in der Einhaltung der Fahrpläne seinen Lebensinhalt finden, ganz gleich, ob die Züge mit Menschenfleisch nach Auschwitz fahren. Höß würde ebensogut Urlauber auf die Sekunde genau an ihren Ferienort befördern, er ist keine Inkarnation des Bösen wie frühere Schlächter der Weltgeschichte, sein Schrecken ist in menschlichen Kategorien nicht mehr zu fassen.

Sondern nur mehr in Kategorien der Technik, der Typus Höß ist im wörtlichen und nicht im metaphorischen Sinne Rad im Getriebe. Er verkörpert jene Gleichgültigkeit, die der Technik von ihren Freunden als Neutralität nachgerühmt wird: Es komme schließlich immer darauf an, was man damit mache, ein Messer sei schließlich auch zum Brotschneiden zu verwenden, und Hiroshima sei schon eine fürchterliche Geschichte, aber die Kernspaltung lasse sich doch auch zu friedlichen Zwecken einsetzen. Mitnichten. Denn erstens einmal ist ein Atomkraftwerk kein Messer: Die Großtechnik läßt sich zu überhaupt keinen Zwecken einsetzen, sondern übernimmt selbst das Regiment: Wackersdorf und Vermummungsverbot entspringen keinem Altersstarrsinn eines F. J. Strauß, sie sind die schlichten Konsequenzen der Atomkraftwerke.

Und zweitens ist dieses Regiment gerade durch seine Gleichgültigkeit gegenüber allem, was in seine Räder und Dateien gerät, mörderisch. Es preßt alle Qualität zur Meß- resp. Verfügbarkeit ein, eine Person etwa zu einem Lochstreifen (und, in noch moderneren Zeiten, zu einem Strichcode). Aber dieser Tod ist nicht das Ende, er haucht seinen Opfern neues Leben ein: Wo die objektive Beurteilbarkeit des eigenen Treibens respektive Getriebenwerdens und die subjektive Urteilsfähigkeit, wo also die Qualität zerrieben ist, da macht sich zum Ersatz die Quantiität breit. Und immer breiter. Denn die Quantität kennt kein Gut und kein Böse, ihr Richtmaß ist der Komparativ. Mehr muß alles werden, schneller muß alles gehen. Alles? Alles, was noch nicht ist wie sie selbst, die Technik und ihre Mundlanger.

„Wir marschieren in rapider Schnelligkeit bewegten Zeiten entgegen“, hatte der Führer der Bewegung und Der Bewegung 1936 auf dem Reichsparteitag angetrieben, und sein Unterführer, der für die Arbeit zuständig war, R. Ley, ringt dem Marsch gerade aus dem fehlenden einen Sinn ab: „Es kann sich immer nur um den Suchenden, um den ewig Wandernden handeln. Wir kennen keine Endstationen.“ Sie kennen stattdessen ein „Rauschempfinden“, das sie zu „ungeheueren Selbststeigerungen“ treibt und dessen Drogencharakter sie allenfalls in der Ausnüchterungszelle des Spandauer Kriegsverbrechergefängnisses durchschauen:

Es kommt mir vor, als habe der verzweifelte Wettlauf mit der Zeit, dieses besessene Starren auf Produktionsziffern, alle Erwägungen und Gefühle der Menschlichkeit zugedeckt. Ein amerikanischer Historiker hat von mir gesagt, ich hätte die Maschinen mehr geliebt als die Menschen. Er hat nicht unrecht.

Er hat nur insofern unrecht in seiner Analyse von Hitlers Architekten und Rüstungsminister A. Speer, als es sich bei dieser „Liebe“ nur um eine Symbiose handelt, in der auch eine differenzierte Persönlichkeit wie der Großbürger Speer sich von der Technik aufsaugen und von der Geschwindigkeit besoffen machen läßt.

Aus sich heraus, darin hat Ley recht, findet dieser Rausch kein Ende. Er kann nur überboten werden, temporär beispielsweise dadurch, daß die Produktionskapazitäten der Weltkriegsgegner noch rascher wachsen als die der Nazis. Und endgültig dadurch, daß irgendwann die Menschen mit der Raserei der Technik nicht mehr werden Schritt halten können, spätestens dann, wenn die Technik jene Bewegungsenergien freisetzt, die in den Bombenarsenalen warten.

Der Irrsinn bringt es mit sich, daß ihm in traditionellen Kategorien nicht mehr begegnet werden kann, auch nicht in den avançiertesten. Wo die Technik sich die Produktionsverhältnisse nach ihrem eigenen Bilde selbst macht (und den Überbau gleich auch noch), greift die Kritik der Politischen Ökonomie ins Leere. Und wo das diffizil geschichtete bürgerliche Subjekt sich in den Bewegungsrausch auflöst, da hantiert das Instanzenmodell der Psychoanalyse mit Gespenstern.

Die Bitte um einen Wechsel der Perspektive kann allerdings keinerlei Anspruch auf Originalität erheben. „Allgemeine Arbeit ist so Teilung der Arbeit, Ersparnis; zehn können soviel Stecknadeln machen als hundert ... Da seine Arbeit (die jedes einzelnen innerhalb der hochgradigen Arbeitsteilung J. L.) diese abstrakte ist, so verhält er sich als abstraktes Ich oder nach der Weise der Dingheit, nicht als umfassender, inhaltsreicher, umsichtiger Geist (wie noch der Handwerker J. L.), der einen großen Umfang beherrscht und über ihn Meister ist. Er hat keine konkrete Arbeit (...), durch die Abstraktion der Arbeit (wird er) mechanischer, abgestumpfter, geistloser. Das Geistige, dies erfüllte selbstbewußte Leben wird ein leeres Tun. Die Kraft des Selbst besteht in dem reichen Umfassen (der Arbeit durch den Arbeitenden J. L.); diese geht verloren. Er kann einige Arbeit als Maschine freilassen; um so formaler wird sein eigenes Tun. Sein stumpfes Arbeiten beschränkt ihn auf einen Punkt (...), und das Bewußtsein der Fabrikarbeiter wird zur letzten Stumpfheit herabgesetzt.“

So steht es in Hegels Jenaer Realphilosophie. Und nicht anders steht es in den „Grundrissen“ von Marx: „Die Tätigkeit des Arbeiters (in der Großen Industrie J. L.), auf eine bloße Abstraktion der Tätigkeit beschränkt, ist nach allen Seiten hin bestimmt und geregelt durch die Maschinerie ... Die Aneignung der lebendigen Arbeit durch die vergegenständlichte Arbeit (= Maschinerie, Technik J. L.) ..., die im Begriff des Kapitals liegt, ist in der auf Maschinerie beruhenden Produktion als Charakter des Produktionsprozesses selbst, auch seiner stofflichen Elemente und seiner stofflichen Bewegung nach, gesetzt.“

In der abstrakten Arbeit also liegt der Mensch begraben, und abstrakte Arbeit heißt zeitgemäß nichts anderes als: Technik. Daß diese schon ganz von allein dasselbe leistet wie das hinzutretende Produktionsverhältnis „Kapital“ dann noch einmal, daß mit der Kritik des Kapitals mithin gar nichts gewonnen ist, sofern sie nicht in Technikkritik überführt wird — dies ist die Pointe, die Marx mit seinem Buch gleichen Namens vergessen macht.

Gut 150 Jahre alt ist er mithin, der Hut, aber Köpfe dazu wollen sich bis heute nicht einstellen. Und selbst die wenigen, die die Arbeit (= Produktivkraft = Technik) nicht mehr von vornherein mit dem Alibi der Produktionsverhältnisse entlasten, sondern Arbeit als Arbeit (und nicht als Wert) in den Blick nehmen, unterschlagen die Widersprüchlichkeit ihres Gegenstandes.

Freilich vergeblich, die Unterschlagung ist den Widersprüchen nicht gewachsen, und das Verdrängte kehrt in unterschiedlichen Varianten wieder. J. Huber beispielsweise („Die zwei Gesichter der Arbeit“, Frankfurt 1984) brütet am Ei des Kolumbus — „In einer ... Dualwirtschaft ist das Industriesystem in seine soziale und natürliche Umwelt verträglich eingebettet“ — gleich auf beiden Backen: „Zu den Lebenslügen des modernen Menschen“ gehöre die Illusion einer autonomen sozialen „Lebenswelt“ jenseits der Arbeit, weshalb man den modernen Menschen am besten mit der Empfehlung bedient, er möge, „um die Arbeitswelt in Ordnung zu bringen ..., vor allem ihr Umfeld, unsere Lebenswelt in Ordnung bringen“. Gibt es sie nun oder gibt es sie nicht? „Lassen wir diese Frage als bewußtseinsbildende im Raum stehen!“

Dort wird sie von O. Negt („Lebendige Arbeit, enteignete Zeit“, Frankfurt 1984) abgeholt und mit orthodoxer Weisheit entschieden. „Arbeitszeitverkürzung ist die Grundbedingung“, kann sich der Leser freuen, sofern er nicht hundert Seiten weiterblättert und dort über die Bedingung der Grundbedingung („freie Zeit ... verbleibt im Bannkreis der Regeln von Arbeitszeit“) aufgeklärt wird. Und so weiter von A. Sohn-Rethel über A. Gorz bis A. Schmidt und J. Habermas und wieder zurück zu den sogenannten Fundamentalisten Ebermann/Trampert („Die Zukunft der Grünen“, Hamburg 1984), die so fundamental nun auch wieder nicht sind, sondern die Widersprüche mit der hübschen Gutenachtgeschichte von der „militärisch und kapitalistisch“ vergewaltigten Technik einschläfern wollen.

Ganz Gallien ist besetzt? „Und sind Sie nun wirklich ein Maschinenstürmer?“, interviewt G. Anders sich selbst, „Aber natürlich bin ich einer!“

Ganz so natürlich natürlich nicht, Anders ist mit seiner Position alleingeblieben. Selbst Adorno, der die Naturbeherrschung in all ihren Verästelungen aufgespürt hat, ist vor dem Unheilswort zurückgeschreckt wie vor dem leibhaftigen Chipseibeiuns.

Vielleicht läßt sich wenigstens die semantische Macht des Tabus dadurch mildern, daß man den Genetiv einmal anders herum liest, nicht als objectivus, sondern als subjectivus. Dann kehrt sich zwar die gebräuchliche Bedeutung um, aber die Verkehrung des Worts entspricht nur der der Welt. Was da immer hemmungsloser voranstürmt, das sind schließlich die Maschinen, und nur aus ihrer Perspektive erscheint als Sturm, was aus der des Menschen das gerade Gegenteil will. Nicht Maschinensturm möchte man gebieten, der bläst ohnehin. Sondern Einhalt. Maschinenruhe.

Freilich ist damit in der Sache nichts getan und die Frage nur die, ob in der Sache überhaupt etwas zu tun ist. G. Anders hat im Gedankenexperiment die Möglichkeit eines „Produktstreiks“ — jedermann verpflichte sich in einem verallgemeinerten hippokratischen Eid auf die Verweigerung der Mitarbeit an „Vernichtungsarbeiten“ — durchgespielt und verwerfen müssen, vor allem aus Gründen der Unübersehbarkeit der Folgen des jeweiligen Tuns (etwa in der Grundlagenforschung) und der Unabschaffbarkeit eines einmal vorhandenen Knowhows. Man könnte, selbst wenn man könnte, so viele Atombomben zerstören wie man will, die Baupläne zerstört man damit nicht.

Und die Unüberschaubarkeit reicht weit über die Grundlagenforschung hinaus, sie überzieht alle Bereiche und wirft beides aufs Gerümpel der „Antiquiertheit“, die subjektive Fähigkeit zum Handeln und das objektive Gegenüber dieses Handelns. Im Zuge der Arbeitsteilung wandert die Handlungsfähigkeit aus — zurechenbaren und haftbar zu machenden — Subjekten aus und in den anonymen Zwang der — bureaukratischen und technischen — Maschinerien ein. „Hitlers und Stalins erübrigen sich heutzutage“, weil „die Tendenz zum Totalitären zum Wesen der Technik gehör(t) ... und der politische Totalitarismus nur Auswirkung und Variante dieser technologischen Grundtatsache darstell(t)“, welche Grundtatsache auf ihrem gegenwärtigen Fortschrittsstand auf Gehilfen in Menschengestalt eben verzichten kann. Und umgekehrt: An Personen ist der Fortschritt heutzutage nicht mehr zu greifen, weder zu begreifen noch anzugreifen:

Gute Zeiten waren das, als die Bosheit noch in Boshaften oder Bösartigen verkörpert war, als man noch hoffen durfte, das Böse durch Kampf gegen Böse (Menschen J. L.) bekämpfen zu können (...). Der Teufel hat eine neue Wohnung bezogen. Und ... wir müssen wenigstens wissen, wo er sich verbirgt und wo wir ihn auffinden können. Damit wir ihn nicht in einem Winkel bekämpfen, in dem er schon längst nicht mehr hockt; und damit wir nicht aus dem Nebenzimmer von ihm gefoppt werden.

So G. Anders 1966 („Antiquiertheit der Bosheit“), so G. Anders bis 1986. Und nun will er uns selbst foppen und läßt die Teufel aus dem Kasten springen: Was die gedankenexperimentelle Sabotage einer Atombombe „vor allem unzulänglich und sinnlos macht, ist die Tatsache, daß diese wie alle Produkte im heutigen Zeitalter der Massenproduktion jederzeit problemlos ... ersetzt werden können; ihre Zerstörung ist mithin sinnlos (...). Deshalb ist die Drohung, diese (die Bombe J. L.) zu beschädigen, nur dann wirksam und sinnvoll, wenn wir außerdem oder an erster Stelle den an der Herstellung, der Installierung und dem eventuellen Einsatz dieser Geräte Interessierten unmißverständlich erklären, daß dasjenige, was wir bis jetzt ... ihren Produkten zugedacht haben ..., nur die Vorankündigung dessen gewesen ist, was wir auch ihnen selbst anzutun gezwungen sein werden (...). Wir werden nicht davor zurückscheuen, diejenigen Menschen zu töten, die aus Beschränktheit der Phantasie ... vor der Gefährdung der Menschheit nicht zurückscheuen“.

Wir schon. Denn Anders’ Federstreich im März-FORVM läßt zwar an Deutlichkeit wenig zu wünschen, dafür an Begründung und Begründbarkeit um so mehr. Anders wirft nicht etwa seine Theorie insgesamt herum, er will ihr nur wider die Logik eine (neue) Praxis aufsetzen: Gerade weil die Technik ihre Macht bis zur Unangreifbarkeit ausgebaut hat, sollen jetzt wieder jene herhalten, die statt der Macht den Vorzug der Angreifbarkeit haben. Gute, alte Zeit?

Die Befunde und ihre Logik, die G. Anders jetzt außer Kraft setzen will, lähmen, aber die lähmende Wirkung ist nicht unbedingt ein Grund zur Preisgabe der Logik oder zum Widerruf der Befunde. Allenfalls ein Anlaß zur näheren Überprüfung der letzteren: Möglicherweise ist die Hermetik der Technik nur eine Phase der Entwicklung, möglicherweise schlägt der weitere Fortschritt Lücken in seine eigene Unangreifbarkeit, mit zunehmendem Komplexitätsgrad wird die Megamaschine verletzlicher. Und wenn zeitgemäße Bankräuber schon nicht mehr mit Dietrich und Azetylen arbeiten, sondern mit Scheckkarten und Magnetstreifen — dann könnte sich auch Geschichtsphilosophen der Erwerb und das Studium eines Heimcomputers empfehlen: Es soll unter den Hackern schon Spezialisten geben, die von ihrem Wohnstübchen aus in die abgesichertsten Dateien vordringen und dort allerhand durcheinander bringen.

Vielleicht ist das ein Weg, vielleicht müssen aber auch die Nachfahren des seligen Lechner-Edi sich auf jene Zeitreise machen und jenen geschichtlichen Ort suchen, den er im Ernst nicht gesucht und — deshalb? — nicht gefunden hat.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1987
, Seite 14
Autor/inn/en:

Jürgen Langenbach:

Geboren 1950 in Lahr (Deutschland). Studierte Philosophie und Sozialwissenschaften in Freiburg im Breisgau und schloss 1980 seine Dissertation an der Uni Wien ab. Als Wissenschaftsjournalist arbeitete er u.a. für „Falter“ und „Standard“. Seit 2002 schreibt Langenbach für „Die Presse“ und ist auch als Buchautor tätig, unter anderem über den Philosophen Günther Anders.

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