Zeitschriften » Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 2021 - 2030 » Jahrgang 2022 » Heft 84
Eske Bockelmann

Wert, Geld und Kapital

Wert, Geld und Kapital: Unsere Vorstellungen davon mögen im Einzelnen stark differieren, aber gibt es einen gemeinsamen Nenner. Wir bringen sie unwillkürlich in genau diese Abfolge: Wert, Geld, Kapital. Sei es in historischer oder sei es auch nur in logischer Abfolge, auf jeden Fall denken wir, da wäre zuerst und irgendwie ursprünglich der Wert. Aus ihm oder mit ihm ergäbe sich dann Geld und schließlich käme es dank irgendeiner Entwicklung noch zu Kapital. Wie und wann es zu dem Einsatzpunkt dieser Abfolge kommt, zu Wert oder zu der Vorstellung von ihm, die wir heute so sicher hegen, dafür suchen wir in der Regel keine weitere Erklärung. Wert scheint uns vielmehr entweder irgendwie mit den Dingen selbst gegeben zu sein oder unmittelbar in der menschlichen Vorstellung von ihnen zu liegen. Zu Geld aber käme es dadurch, dass dieser irgendwie gegebene Wert eine eigene Gestalt annimmt oder verliehen bekommt, etwa als „allgemeine Ware“, [*] in welcher sich der Wert auch aller anderen Waren verkörpere. Und mit dem so entstandenen Geld nähme es daraufhin eine Entwicklung, die wir uns gern als ein Immer-Mehr vorstellen und die wiederum in den Kapitalismus münden würde. Zum Beispiel hätte der Handel immer mehr an Verbreitung und an Tiefe gewonnen, bis daraus schließlich Kapitalismus wurde, oder es sei die Abstraktheit des Geldes gewesen, die immer weiter stieg: „Seit seiner Entstehung hat das Geld einen immer höheren Abstraktionsgrad erreicht: von der Münze über Schuldverschreibungen, Papiergeld bis zum elektronischen Geld.“ In jedem Fall träte an irgendeinem Punkt dieser Entwicklung – an welchem Punkt, will und will sich nicht feststellen lassen − Kapitalismus zum Geld hinzu und so schwören wir insgesamt auf diese Abfolge, die Marxisten kritisch als eine von Fetischen formulieren: „Vom Warenfetisch“, der Wertform der Ware, „über den Geldfetisch zum Kapitalfetisch“.

Gut historisch-materialistisch zu fragen, was von dieser Abfolge geschichtlich zu greifen und nachzuweisen sei, ist nun leider gerade bei denen verpönt, die sich auf Marx berufen und überlegen darauf verweisen, selbst er habe seine Herleitung des Geldes im Kapital ja nicht historisch, sondern „rein logisch“ verstanden. Doch auch logisch müsste standhalten, was sich historisch vollzogen hat, beziehungsweise wird sich logisch widerlegen lassen, was ahistorisch gedacht ist. Nötig scheint es mir allemal, die Sache auch geschichtlich zu fassen. Beginnen wir also damit – bei eben dem, was wir in jener Abfolge an den Anfang setzen, beim Wert.

Den üblichen und durchaus unwillkürlichen Gedankenreflex kennen wir alle. Als Beispiel zitiere ich eine bekannte, explizit „historische“ Untersuchung zum „Ursprung des Geldes“, die ernsthaft so einsetzt: „Homer kennt die Münze nicht. Was dient in homerischer Zeit als Geld? Dass die Münze Geld ist, folgt u. a. daraus, dass sie noch heute eine typische Geldform ist.“ Geld aber sei „Wertmesser“, wie wir alle wissen, also hätten in homerischer Zeit Rinder als Geld gedient, denn: „Wertmesser in der homerischen Zeit ist das Rind.“ Der Historiker, der sonst sehr sorgfältig zu arbeiten vermag, gerade bei seinem zentralen Gegenstand fragt er keine Sekunde lang, ob es den in jenen ‚ursprünglichen‘ Zeiten, die er untersucht, tatsächlich schon gegeben hat. Nein, er weiß es schlicht und einfach: ohne zu fragen und ohne es zu wissen. Und was er da nicht weiß, das folgert er logisch − falsch. Logisch geht er von etwas aus, das heute „eine typische Geldform“ sei, nämlich von der Münze, und folgert dann ahistorisch, ohne jede Überlegung und ohne jeden Anhaltspunkt, dass Münzen so wie heute schon zu allen Zeiten als Geld gedient hätten. Ja, er weiß sogar darüber hinaus, dass auch in Zeiten, die noch keine Münzen kannten, deshalb etwas anderes als Geld gedient haben müsse – er weiß noch nicht, was, aber er weiß: unbedingt als Geld. Es also der Historiker selbst, der aktiv in die frühe Zeit hineinsieht, was er von heute kennt, und allein weil er es von heute kennt, braucht er nicht zu fragen, ob es wirklich in die frühe Zeit gehört. Das ist hart. Und dann geht es in dieser Weise noch einmal blind retrojektiv weiter: Weil Geld heute allgemein als „Wertmesser“ gilt, habe schon zu homerischen Zeiten, in denen irgendetwas als Geld gedient haben müsse, eben dies irgendetwas auch zur Messung von Wert gedient – nämlich das Rind. Das ist jeweils derart zirkulär, dass einem davon schwindlig werden mag. Die logische Herleitung besteht in nichts anderem, als dass per Retrojektion heute geltende Verhältnisse unmittelbar als immer gültige vorausgesetzt werden.

Wir setzen Wert in dieser Weise unwillkürlich voraus, so wie der Professor für Wirtschaftsgeschichte. Und deshalb fällt uns ebenso wenig auf wie ihm, dass wir die allererste und historisch so offensichtlich notwendige Frage unterlassen, ja, dass diese Frage für uns gar nicht existiert: ob Wert zu einer bestimmten historischen Zeit wirklich bestanden hat; ob Leute zu einer bestimmten historischen Zeit wirklich den Wert wovon auch immer gemessen haben. Wenn sie etwas kauften, wenn sie etwas tauschten, wenn sie mit etwas handelten: Haben sie dabei schon immer nach Wert gekauft, schon immer Wert gegen Wert getauscht, schon immer mit Werten Werte erhandelt? Haben sie die Dinge, die da hin und her gingen, mit der Vorstellung eines Wertes verbunden, den jedes von ihnen hätte oder den es wenigstens für die Tauschenden darstellen würde? Diese Frage stellen wir uns nicht und wir kommen nicht einmal auf die Idee, es zu tun. Und dabei sage ich ausdrücklich „wir“, denn zugegeben, auch ich habe sie mir nicht gestellt. Ich habe sie mir so lange nicht gestellt, bis mir bereits die Antwort unverwandt ins Auge blickte. Erst dann habe ich dahinter die unterlassene Frage erkannt.

Und die also lässt sich beantworten. Hätte man bewusst nach ihr gesucht, wäre die Antwort sogar verhältnismäßig einfach zu finden gewesen. Denn sie wird von einer großen Anzahl historischer Tatsachen belegt.

Wert hat es nicht gegeben – nicht in homerischer Zeit und nicht vorher, nicht, als Münzen aufkommen, nicht in der gesamten Antike und nicht in irgendeinem der frühen Reiche. Noch im mittelalterlichen Europa gibt es ihn nicht, bis es dort einmal aus einem entsprechenden Grund zu der so genannten Neuzeit kommt. Und in anderen Teilen der Welt bleibt Wert zum Teil noch sehr viel länger unbekannt, jeweils nämlich so lange, bis – aber dazu später.

Natürlich wurden in all diesen Zeiten Dinge oder Taten geschätzt, waren sie begehrt, geachtet, verliehen sie Ansehen. Aber auch wenn sie Gegenstand eines Tausches wurden, wenn mit ihnen ein Kauf, eine Pflicht, eine Schuldigkeit abgegolten wurde, hat man sie strikt nur aneinander abgeschätzt, nicht nach Wert. Genauer: Man hat sie dabei nicht nur jeweils Ding an Ding, sondern beide jeweils auch nach dem Verhältnis der beteiligten Personen zueinander bemessen, nach dem Verhältnis der Tauschenden oder derer, zwischen denen eine Pflicht und Schuldigkeit einzulösen war. Ding oder Tat auf der einen und Ding oder Tat auf der anderen Seite hatten auch dessen würdig zu sein, dem sie zum Ausgleich geleistet wurden, und dessen, der sie zum Ausgleich leistete.

Bemessen also wurden sie in diesem Sinn. Niemals aber wurden sie bemessen nach einem Wert. Wert, das ist notwendig die Vorstellung einer Größe, die sich gemeinsam in allen Dingen oder zumindest allen Waren fände beziehungsweise ihnen zugewiesen würde, und daher in all diesen unterschiedlichen Dingen dennoch als einheitliche, jeweils gleichförmige Größe. Bei einem Tausch von Ding gegen Ding wäre Wert stets dies gemeinsame „Dritte“, das beide, wenn auch in unterschiedlicher Menge, gleichermaßen aufweisen müssten. Und wenn nun ein Homer den Wert von etwas in Rindern gemessen und Rinder damit als Geld verwendet hätte, hätte er auf eben diese Größe reflektieren müssen: Um sie wäre es ja bei einem Tausch oder ähnlichem gegangen. Wo jemand etwas als „Wertmesser“ heranzieht, muss es ihm um den gemessenen Wert zu tun sein: Er muss ihn als Wert kennen, als Wert benennen, er muss einen Begriff von diesem Wert haben. Den aber hat Homer nicht, den kennen die homerischen Zeiten nicht und kennt noch nicht einmal das europäische Mittelalter. So lange gibt es diesen Wert nicht.

Wohlgemerkt, das ist keine Frage der bloßen Benennung und keine Frage nur der Definition. Es geht um die Wirklichkeit der Sache, die ihr Begriff meint. Also mag noch nicht einmal entscheiden, dass jene Zeiten kein Wort für „Wert“ haben, auch wenn es ein Wunder wäre, wenn sie konsequent alle etwas, womit sie unserer Überzeugung nach so zwingend und umfassend umgegangen wären, nicht hätten benennen wollen. Entscheidend ist, dass sie niemals von der Sache „Wert“ handeln und nie etwas wie Wert beschreiben, sondern dort, wo wir Wert bei ihnen voraussetzen und ihnen Wertmessung unterstellen, die Sache klar und deutlich anders darstellen: in einer Weise, die sich mit der Vorstellung von Wert nicht verträgt. Dazu gehört bereits, dass sie stets nur jeweils paarweise Ding an Ding bemessen und daher auch nur streng paarweise danach beurteilen, ob beide in der gegebenen Situation einander – und der Beteiligten – würdig sind oder nicht. Hätten sie einen Wert der Dinge bemessen, wäre dies eine völlig widersinnige Beschränkung.

Doch ich will einen stärkeren und logisch vielleicht weniger anspruchsvollen unter den vielen Belegen nennen, die zeigen, wie gründlich die Sache „Wert“ einmal nicht existiert hat, wo wir ihn so sicher voraussetzen: nicht als Vorstellung, nicht in den Dingen, in keiner Form von Wirklichkeit. Ein Tausch von Waren, deren Wert bemessen wird, hat zur Folge, dass sich auch ein Gewinn oder Verlust in Wert bemisst. Die verkaufte Ware und das, womit sie gekauft wird, sie lassen sich, Wertmessung vorausgesetzt, in ihren Werten vergleichen und bei unterschiedlich großem Wert ergibt sich auf der einen Seite ein Gewinn, der auf der anderen Seite als Verlust zu Buche schlägt. Wo mit Werten gehandelt wird, läuft ein Handel also notwendig auf eine solche Gewinn/Verlust-Rechnung hinaus, die dabei angestellt werden muss. In jenen früheren Zeiten jedoch wurde zwar viel gehandelt und unzählige Dokumente haben sich erhalten, auf denen notiert ist, was dabei Sache war. Oft und oft ist dort auch von Gewinn die Rede – von Gewinn: nicht aber von Verlust. Warum das? Weil auch bei Handel und Tausch kein Vergleich von Werten stattgefunden hat – weil man in den getauschten Dingen nicht Werte sah. Es ging bei diesem Handel so lange eben nur um diese Dinge selbst, nur um sie: um Metalle etwa, die der eigenen Gemeinschaft fehlten, um Holz, das benötigt wurde, um Lebensmittel, an denen sonst Mangel war. Für all das hatte man denen, die es einem überließen, zumeist eine Gegengabe zu leisten, zum Dank, als Anerkennung, zum Zeichen des friedlichen Übereinkommens. Gewinn also waren die Dinge selbst, die man erhandelte und die man erfolgreich der eigenen Gemeinschaft zubrachte. Dieser Gewinn konnte größer oder kleiner ausfallen, je nachdem, ob man mehr oder weniger von den erhandelten Gütern für seine Gegengabe bekommen hatte. Aber wenn man nur überhaupt das Gewünschte erhandelt hatte, war es in jedem Fall Gewinn, immer nur Gewinn. Um aus einem Weniger an erhandelter Ware einen Verlust zu machen, hätte man, wie wir es heute unwillkürlich voraussetzen, die Waren auf beiden Seiten nach Wert bemessen und diese Werte dann gegeneinander verrechnen müssen. Bei einer Bemessung und Verrechnung nach Wert muss es so auch zu Verlusten kommen, es kann nicht anders sein. Wo es also nicht zu solchen Verlusten kommt, über Jahrtausende nicht, kann es keinen Wert und kann es keine Bemessung nach Wert gegeben haben.

Doch da wird mir eingewandt und auch das kann nicht anders sein: Wert als ein gemeinsames Drittes zu bestimmen, das sich in allen Dingen finden soll oder in ihnen gesehen werde, sei „natürlich Unfug“. Wert nämlich wäre „gerade nicht substanziell als ein Drittes zwischen den Dingen, sondern eben nur als die Beziehung zwischen ihnen zu denken“. Das habe „Marx richtig gesehen.“ O nein, verehrter Meister, das, meine ich, haben Sie so nicht gesehen! Wir aber sehen: Hier beharrt einer – gegen mich und zugunsten von Marx – auf eben dem Unfug, den wir alle so wunderbar unwillkürlich voraussetzen: Wert wäre immer schon gegeben, sobald nur Dinge zueinander in Beziehung gebracht würden. Wert wäre ja „nur“ diese „Beziehung zwischen ihnen“ selbst, nichts weiter. Es bräuchte also nichts weiter als die Dinge selbst und Leute, die sie in Beziehung setzen, und schon hätten wir es mit Wert zu tun: Er wäre damit auf der Welt, sobald es nur Dinge und Leute gibt – also in diesem Sinn schon immer. So erübrigt sich selbstverständlich jede weitere Erklärung und Herleitung, die man für ihn suchen müsste. Da würde also jemand Äpfel und Birnen vergleichen, sie zueinander in Beziehung setzen und schon zeige diese Beziehung, diese reine Beziehung zwischen reinen Geschöpfen, ihr wertförmiges Angesicht, das etwa lauten würde: 3,99 zu 4,50. Lautet so die Beziehung zwischen den Dingen „nur“ als solchen? Unfug.

Jahrtausende lang messen die Menschen tatsächlich nur Ding an Ding, setzen sie wirklich nur Ding zu Ding in Beziehung. Und dafür müssen sie nur einerseits diese Dinge selbst und andererseits sich im Verhältnis zu ihrem Gegenüber abschätzen können und kommen allein so zu einem Ergebnis, in welcher Menge welches Ding jeweils eines anderen würdig und beiden Seiten angemessen ist. Nachweislich aber kommen sie auf diese Weise nicht dazu, in jedem Ding jeweils außerdem noch ein Quantum zu sehen, das dies Ding gerade nicht ist. Denn ein solches Quantum ist der Wert. Das hat Marx gesehen; er nennt Wert ausdrücklich „ein Gemeinsames von derselben Größe“, wohlgemerkt derselben in den „verschiedenen Dingen“, und dasjenige „Dritte“, dem sie alle „gleich“ seien. Und Marx weiß daher auch, dass Wert „nur verschiedner Quantität sein“ kann, also ausschließlich quantitativ bestimmt ist, rein als Quantum. Eine einfache logische Notwendigkeit: Wenn Wert allen möglichen qualitativ unterschiedlichen Dingen als das nicht-unterschieden Selbe zukommen soll, kann er selbst keinerlei Qualität aufweisen, sondern kann er einzig als Quantum fungieren. Und in eben diesem Quantum haben die Menschen nicht gedacht, nach diesem Quantum haben sie nicht gehandelt, mit eben diesem Quantum sind sie nicht umgegangen – niemals und nirgends, bevor in Europa, nicht umsonst, das Mittelalter zu Ende ging. Dieses Quantum „Wert“ weisen die Dinge nicht auf, einfach indem man sie zueinander in Beziehung setzt. Eine Beziehung zwischen den Dingen nur als solchen weist keinesfalls diese Form von Wert auf. Dass sie es täten, kann nur vertreten, wer sich – für einen Marx-Anhänger besonders bitter – über die Wertform nicht im Klaren ist.

Marx ist sich über sie im Klaren und hat Wert insofern richtig gesehen. Aber leider endet damit auch, was Marx in dieser Hinsicht richtig gesehen hat. Denn zunächst: Was sein Fürsprecher mir vorhält, Wert als jenes gemeinsame Dritte für „substanziell“ zu halten, das genau tut Marx – und ich darf sagen: ausdrücklich im Gegensatz zu mir. Marx ist es, der explizit von einer „Substanz“ des Wertes spricht, und er macht sie bekanntlich sogar, fündig geworden, zu nichts Geringerem als zur Grundlage seines gesamten großen Werkes. Wert, so meint Marx, wäre nicht rein dieses Quantum, sondern wäre Quantum von etwas, Erscheinungsform „eines von ihm unterscheidbaren Gehalts“: Wert soll in etwas bestehen. Marx’ Begründung: Es „kann überhaupt nur“ so und nicht anders sein. Marx also setzt voraus, Wert hätte eine Substanz, dann sucht er eine solche Substanz und unweigerlich findet er, was er vorausgesetzt hat: „Sieht man nun vom Gebrauchswert der Warenkörper ab, so bleibt ihnen nur noch eine Eigenschaft, die von Arbeitsprodukten.“ Das hält logisch keinen Augenblick lang stand, aber es bedient die Voraussetzung, die Marx gemacht hat, und bietet dem Wert die gewünschte, ja benötigte Substanz. Denn so sagt Marx: „Diese Dinge“, ausschließlich Produkte menschlicher Arbeit, wären „Kristalle dieser ihnen gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Substanz“ und wären dank dieser ihrer Substanz „Werte“.

Lassen wir an dieser Stelle einmal völlig beiseite, wofür sich Marx da als Wertsubstanz entschieden hat. Der Fehler liegt tiefer – und er ist uns wohlvertraut. Eine Substanz von Wert muss Marx nämlich voraussetzen, wenn auch er, wie wir alle, Wert zu Unrecht schon immer, nämlich unmittelbar für gegeben hält. Für ihn liegt unmittelbar, schon beim einfachsten Tausch Ware gegen Ware, Wert in diesen Waren. Bereits seine berühmte Gleichung für die von ihm nur „einfache“ genannte „Wertform“ – die allerdings logisch, da sie von beliebigen Waren A und B gelten soll, schon vollständig mit jener „allgemeinen“ übereinstimmt, die Marx erst umständlich daraus extrapoliert – setzt zwei Waren im Tausch einander fraglos als Werte gleich. Ihr „Austauschverhältnis“, das sie als Werte erweise, nennt Marx zwar ein „gesellschaftliches Verhältnis“, aber er trifft nicht die mindeste, möglicherweise gar historische Unterscheidung einer bestimmten Art von Gesellschaft. Sofern also nur überhaupt eine Gesellschaft Waren tausche, träten sie für Marx als Werte auf. Es bräuchte nichts sonst als Waren und Leute, die sie tauschen, und eo ipso hätten die Waren immer schon ihren Wert. Deshalb benötigt auch Marx keine Erklärung für das Entstehen von Wert, sondern benötigt er, für seine Erklärung für das Entstehen von Geld, stattdessen eine Substanz, in welcher der Wert bestünde. Die historische Tatsache, dass zu Zeiten – und zu überaus lange währenden Zeiten – Waren getauscht werden und gleichwohl nicht als Werte „erscheinen“, ist Marx unbekannt, ja ist ihm unerreichbar; wie wir alle ist auch er für sie blind. Wenn aber damals Waren tatsächlich nicht Werte oder Wertträger waren, kann Wert keine Substanz haben, die es damals gegeben hätte. Und umgekehrt: Wer verkehrterweise voraussetzt, dass es Wert bereits so lange gäbe wie die Dinge, die ihn „tragen“ sollen, muss dem Wert verkehrterweise eine solche Substanz zusprechen.

Und jetzt bitte keine Empörung. Natürlich kenne ich die rettende Idee, die hier unsereins für den ernsthaft verehrten Kritiker der politischen Ökonomie parat hält: Marx hätte im Kapital bei seiner Herleitung des Geldes keineswegs ahistorisch von Waren in irgendeiner Gesellschaft, sondern historisch speziell in der kapitalistischen gehandelt. Die Idee ist sehr verständlich: Denn tatsächlich, so wird sich zeigen, erscheinen Waren in Wahrheit nur unter kapitalistischen Bedingungen als die Werte, als welche sie Marx dort voraussetzt. Nimmt man diese Idee seiner Verteidiger allerdings ernst, so wären Marx’ berühmte Ausführungen zur „Entwicklung des im Wertverhältnis der Waren enthaltenen Wertausdrucks von seiner einfachsten unscheinbarsten Gestalt bis zur blendenden Geldform“ gleichwohl gelinde gesagt ein Witz. Der große Theoretiker des Kapitals sollte meinen, dass es kapitalistisch zuginge, wenn jemand Leinwand gegen einen Rock eintauscht? Es sollte ihm unbekannt sein, dass im Kapitalismus nicht Ware gegen Ware, sondern Ware gegen Geld getauscht wird – und dass das nicht Jacke wie Hose ist, sondern einen gewaltigen Unterschied macht? Er sollte logisch so gottverlassen wenig auf dem Kasten gehabt haben, dass er seine Herleitung des Geldes im Kapitalismus spielen lässt, der doch ohne die Voraussetzung von Geld gar nicht erst zu denken ist? Ich möchte Marx dergleichen nicht unterstellen.

Aber es sei, und mag Marx in dieser Herleitung im Übrigen noch so viel geschrieben haben, was nicht in eine kapitalistische Gesellschaft passt: Nehmen wir an, Marx hätte sie dennoch gemeint. Dadurch würde die Sache wie gesagt nur noch schlimmer. In kapitalistischen Verhältnissen geht es mit Geld zu, in einer kapitalistischen Gesellschaft gibt es notwendig bereits Geld. Demnach wäre dort auch bei einem Tausch von Waren ihr Bezug auf Geld bereits notwendig mitgedacht, mitsamt ihrer Gleichsetzung als Werte, die es so lange nicht gegeben hat. Auf diese Weise aber ist das Geld mit der Voraussetzung einer kapitalistischen Gesellschaft bereits vorausgesetzt in dem Warentausch, mit welchem Marx seine Herleitung beginnt. Das Geld, von dem Marx doch vollmundig verspricht „zu leisten, was von der bürgerlichen Ökonomie nicht einmal versucht ward“, den Nachweis seiner „Genesis“, wäre er also schon vom Anfang seines Nachweises an logisch gegeben. In der Gleichung x Ware A = y Ware B steckt mitsamt dem Wert auch das Geld bereits in den Waren, ist es der kapitalistischen Sache nach in ihnen vorausgesetzt und lässt sich deshalb so ohne Weiteres daraus hervorzaubern. Von „Genesis“ kann da keine Rede sein. Auch wenn wir den Nachweis, den Marx führt, statt historisch nur wieder „rein logisch“ verstehen: Wer logisch herleitet, was er dafür voraussetzt, leitet es nicht her, sondern begeht einen Zirkelschluss – begeht einen schweren logischen Fehler.

Wie gesagt, ich möchte ihn Marx nicht anlasten. Denn dass er den Wert, den er bei Waren voraussetzt, nicht historisch denkt und nicht historisch situiert, sondern in seiner Substanz allen Zeiten unterstellt, das stellt Marx leider auch selbst unter Beweis. Er tut es, indem er oberlehrerhaft einem antiken Denker weist, was der von seiner Zeit nicht, Marx aber richtig begriffen hätte. Marx katechisiert den Aristoteles in Sachen „Wert“, weil Aristoteles beim Tausch von Waren nicht darauf kommt, als ihre „gemeinschaftliche Substanz“ die von Marx dafür gefundene „menschliche Arbeit“ zu erkennen: „Aristoteles sagt uns also selbst, woran seine weitere Analyse scheitert, nämlich am Mangel des Wertbegriffs.“ Den hat Marx und den hat Aristoteles nicht. Marx weiß also anders als der scharfsinnige antike Mensch, dass es in der Antike Wert gegeben, dass die antike Ware Wert getragen und dass Wert zu seiner Substanz das genannte etwas gehabt hätte. Und damit hat Marx, wie wir inzwischen wissen, gegen Aristoteles entschieden Unrecht.

Und nun zunächst: Marx weiß ja aber auch, dass in der Antike keine kapitalistische Gesellschaft bestand. Folglich sieht er den Wert und seinen Wertbegriff, den er in der Antike sieht, unmissverständlich auch außerhalb kapitalistischer Gesellschaften für gegeben an. Für Marx bestünde Wert historisch schon lange, bevor es zu Kapitalismus kommt, und zwar eine unbestimmt lange Zeit vorher: Marx denkt nicht daran, ein historisches Auftreten des Werts zu bestimmen oder zu untersuchen.

Wichtiger jedoch ist noch etwas anderes, das uns zugleich weiterführen wird. Marx hat Unrecht gegenüber dem antiken Denker, da er den Wert wie wir alle ahistorisch voraussetzt und daher blind auch in die Antike retrojiziert. Den Wertbegriff, den Marx hat, hat Aristoteles völlig zu Recht nicht. Das Zeugnis eines „Mangels“, den ihm der Herr Oberlehrer ankreidet, verdient er nicht, sondern stellt umgekehrt jenem ein klares „Mangelhaft“ aus. Aristoteles kennt seine Zeit, wie auch nicht, und er beschreibt sie mit einer Scharfsicht, die ganz offensichtlich den Horizont seines neuzeitlichen Kritikers übersteigt − ebenso wie leider denjenigen seiner neuzeitlichen Lobredner.

Zu dem Kritiker: Aristoteles bestimmt auch jenes „gemeinsame Dritte“ richtig, das Marx ihm vorhält nicht als „menschliche Arbeit“ erkannt zu haben. Aristoteles fragt sich, wie ein Tausch ungleicher Dinge möglich ist, wenn mit diesem Tausch Gerechtigkeit zwischen den Tauschenden erlangt werden soll, griechisch „Gleichheit“; denn die Menschen sind für die Antike nicht gleich. Was also, fragt Aristoteles, ist das „gleiche“ und gemeinsame Dritte aller Dinge, auch Waren, wenn man dafür von all ihren ungleichen Bestimmungen absehen muss? Marx übersetzt die Antwort des Aristoteles unbrauchbar als das „praktische Bedürfnis“ und als dieses wurde es dank Marx millionenfach falsch besprochen. Die Antwort des Aristoteles lautet im Original chreia: Sie ist die gemeinsame Eigenschaft der „Dinge“, griechisch der chrēmata. Ja, denn chrēmata heißen sie nach der Wurzel chre/chrē eines griechischen Verbs, das „gebrauchen“ und „brauchen“ heißt, und so benennt das Griechische die Dinge als das, was man gebrauchen und benötigen kann. Folglich ist chreia, von derselben Wurzel abgeleitet, nichts anderes als die Eigenschaft, gebraucht und benötigt zu werden. Wohlgemerkt: Sie ist nicht die Bestimmung von „Wert“, den es in der Antike und folglich auch für Aristoteles nicht gibt. Sie ist aber ohne Zweifel das eine Gleiche und Gemeinsame aller Dinge, solange eben wirklich nur Ding an Ding bemessen und nicht noch Wert in ihnen gesehen wird oder Wert als ihre Beziehung im Tausch „erscheinen“ soll.

Und nun kann ich es Marx leider nicht ersparen: Sie wäre gleichwohl auch die logisch richtige Antwort, wenn er formuliert: „Sieht man nun vom Gebrauchswert der Warenkörper ab, so bleibt ihnen nur noch eine Eigenschaft, die von Arbeitsprodukten.“ Nein, wenn es nur darum geht, von ihrem „Gebrauchswert“, von sämtlichen qualitativen Eigenschaften der Waren abzusehen, dann bleibt genau nur diese Eigenschaft: gebraucht und benötigt zu werden. Das wäre die logisch richtige Antwort, eben diejenige, die Aristoteles zu Recht auf seine Frage findet. Diese Antwort aber trifft offensichtlich nicht auf den Wert zu, sie verfehlt ihn, chreia ist keinesfalls Wert. Das aber heißt: Als Marx nach der Substanz von Wert fragt, von der für seine Theorie so unendlich viel abhängt, stellt er bereits die Frage logisch falsch; er fragt nicht richtig nach dem Wert – deshalb wäre auf seine Frage eine falsche Antwort, eine Antwort, die den Wert verfehlt, die richtige.

Der Fehler, um ihn für jetzt nur ganz kurz zu benennen, besteht darin, dass sich Marx auf der Suche nach seiner Wertsubstanz einer Abstraktion bedient, die lediglich von einer Sache Eigenschaft für Eigenschaft abzieht, Abstraktion im Wortsinn und eine Abstraktion, die natürlich zum Beispiel auch der Antike geläufig ist. Wert jedoch erfordert und entsteht durch eine Abstraktion völlig anderer Art, durch eine neue Form von Abstraktion. Diese kennt nicht die Antike und nicht das Mittelalter – und leider ist sich auch Marx ihrer nicht bewusst. Wir werden noch zu ihr kommen.

Nun aber zu den Lobrednern des Aristoteles. Dem großen Denker wird heute nachgerühmt, sich als Erster gründliche Gedanken über das Geld gemacht und das Geld sogleich gründlich kritisiert zu haben. Aristoteles aber schreibt gar nicht über Geld – er schreibt darüber keine einzige Silbe. Er schreibt nicht über Geld, weil er Geld nicht kennt. Er schreibt unter anderem von Münzen. Und selbstverständlich, weil wir ja wissen, dass Münzen, weil „noch heute eine typische Geldform“, schon immer

Was aber vom Wert gilt, gilt auch vom Geld: Keine Zeit, bevor mit seinem Auftreten in Europa die Neuzeit anbricht, kennt es. Keine Zeit hat bis dahin einen Begriff von Geld, keine geht mit einer Sache um, die Geld wäre und sich wie Geld verhielte. Und warum geht dann alle Welt heute davon aus, es hätte damals Geld gegeben? Warum gibt es heute niemanden, für den es in der Antike oder gar bei den Hominiden nicht Geld gegeben hätte? Warum sind sich darin alle, alle fraglos einig? Antwort: Weil wir alle, alle fraglos voraussetzen – – – ich bitte mir den Sermon dieses weitere Mal ersparen zu dürfen. Wert entsteht erst in eins mit dem Geld und Geld in eins mit dem Wert. Und noch einen Schritt weiter. Die verständliche Idee, in Marx’ Herleitung des Geldes sei spezifisch von der kapitalistischen Ware die Rede, obwohl Marx sie dann nicht spezifisch so verortet, würde bedeuten, dass auch der Wertbegriff, den Marx an ihr entwickelt, spezifisch kapitalistisch ist: dass Wert ausschließlich in die kapitalistische Gesellschaft gehört. Es hieße, dass Wert ausschließlich in der kapitalistischen Gesellschaft auftritt, nicht vorher, nicht außerhalb, nicht jenseits von ihr. Sie und mit ihr das Kapital, das einem großen Werk den Namen gibt, entsteht in eins mit Geld und Wert.

Ist dem so? Ich sage: ja! Also müssen wir uns fragen: wie und wann. In den überaus langen Zeitläuften, die vor dem Aufkommen von Geld und Wert liegen, leben die Menschen nicht vom Tausch. Was sie zum Leben benötigen, erhalten sie nicht hauptsächlich, indem sie es von anderen kaufen müssen. Die meisten versorgen sich autark oder vielmehr als die Glieder eines Gemeinwesens, das die Seinen über ein dichtes Geflecht persönlicher Verpflichtungen und Abhängigkeiten redistributiv an der allgemeinen Versorgung teilhaben lässt. Was man dort außerdem über Kauf und Verkauf bezieht, spielt grundsätzlich nur eine Nebenrolle, betrifft lediglich einen kleinen Teil der Güter oder spielt sich am Rande der Gemeinschaft ab. Und so bleiben auch die Dinge, die gekauft und verkauft werden, eben dies, nur Dinge. Sowenig die Leute auf Kauf und Verkauf angewiesen sind, so wenig sind unter diesen Bedingungen die Dinge darauf angewiesen, jeweils weiter zu Kauf und Verkauf zu dienen. Und das gilt auch für Münzen, die sehr wohl in dem einen Moment zum Tausch und schon im nächsten wieder als das Metall genutzt werden können, das sie sind. Das eine Mal sind sie Tauschmittel, das andere Mal eben nicht.

Diese Bedingungen, wie vielgestaltig sie sich in den verschiedenen Gemeinwesen auch ausprägen mögen, sind außerordentlich stabil und konstant. Nichts an ihnen drängt dazu, dass sie sich „entwickeln“, weg von dem, was sie ausmacht. Es braucht historisch schon eine gewaltige, großflächige Störung, dass diese Art der Versorgung für eine ausreichend bedeutende Menge von Menschen bricht. Aber zu einer solchen Störung kommt es einmal, und zwar im Europa des Mittelalters. Ich werde hier die Einzelheiten nicht einmal andeuten, sie sind in meinem Buch aufgeführt. Das Ergebnis ist jedenfalls, dass große Gruppen aus dem feudalistischen Zusammenhang herausfallen, was unter anderem bedeutet, dass sie nicht mehr über ihre Abhängigkeit von einem Feudalherrn mitversorgt werden. Diese Menschen sammeln sich insbesondere in einer Vielzahl neuer Städte, die dafür eigens gegründet werden, beziehungsweise sind es die Herrschenden, die sie mit großem Nachdruck auch in diese Städte drängen. Und dort, abgeschnitten also von der sonst über persönliche Verpflichtungen und Abhängigkeiten vermittelten Versorgung innerhalb eines Gemeinwesens, sind sie als gesamtes eigenes Gemeinwesen angewiesen auf eine unpersönlich vermittelte: auf die Versorgung über Kauf und Verkauf. Sie bilden die ersten Gesellschaften, die von Kauf und Verkauf leben – weil sie davon leben müssen: weil sie der sonst so stabil und konstant vorwaltenden Versorgung beraubt sind.

Die Menschen, die zu dieser Art von Gesellschaft zusammengeschlossen werden, sind zu einem historisch ersten Mal alle darauf angewiesen, sich mittels Kauf und Verkauf am Leben zu erhalten. Für sie besteht die Lebensnotwendigkeit, einerseits etwas zu kaufen, um an benötigte Waren zu kommen, und andererseits, etwas zu verkaufen, um an das dafür benötigte Tauschmittel zu kommen. Und diese Notwendigkeit besteht in einer solchen Gesellschaft eben allgemein, nicht nur für den einen oder anderen, sondern für alle. Das bedeutet: Jeder trifft mit der Notwendigkeit, die für ihn besteht, zu Ware und Tauschmittel zu kommen, auf dieselbe Notwendigkeit, die für alle anderen besteht, entsprechend zu Tauschmittel und Ware zu kommen. Die allgemeine Notwendigkeit, mit Tauschmittel Ware kaufen zu können, trifft auf dieselbe allgemeine Notwendigkeit, für Tauschmittel etwas als Ware verkaufen zu können. Das heißt, das Tauschmittel selbst besteht mit allgemeiner, nämlich gesellschaftlich universaler Notwendigkeit. Und so besteht es hier zum historisch ersten Mal.

Die gesellschaftlich universale Notwendigkeit von Kauf und Verkauf – und erst sie – wird so zu dem gesellschaftlich universal benötigten Tauschmittel. Jetzt darf es nicht mehr nur im einen Moment als Tauschmittel dienen und im nächsten damit aufhören; es wird ständig, kontinuierlich, eben universal benötigt. Das Tauschmittel darf und muss nur noch Tauschmittel sein: nicht mehr etwas, das auch als Tauschmittel dienen kann, kein Ding mehr, das sich nur außerdem noch tauschen lässt. Es ist, in der Form dieser gesellschaftlichen Notwendigkeit, also nichts mehr sonst als Tauschmittel, es ist ausschließlich Tauschmittel, reines Tauschmittel. Und dieses reine Tauschmittel ist, als ein gesellschaftliches Verhältnis, Geld.

Der historische Umschlag in dieses neue Verhältnis vollzieht sich gut belegbar im Verlauf des sogenannten ‚langen‘ 16. Jahrhunderts. Jetzt erst, in Europa, wo sich der Umschlag vollzieht, werden Münzen zu Geld – und müssen sie sich daraufhin noch gründlich wandeln, um der Geldform schließlich zu entsprechen. Denn nun macht ihr dingliches Dasein in seinem Widerspruch zu dieser Form sogleich erhebliche Schwierigkeiten. Zum größten Teil jedoch tritt Geld ohnehin von Anfang an in der ihm entsprechenden Form auf, als Kredit: zunächst in einer Unzahl inoffizieller Kredite, bevor es mit ihnen rasch auch staatlich kontrolliert zugeht.

Die Geldform aber ist die von Wert. Mit Geld, als dem gesellschaftlich universalen Verhältnis, entsteht ja erst das eine Gemeinsame, gegen das alle Waren getauscht werden. Jetzt erst gibt es dieses eine gemeinsame „Dritte“, jetzt dürfen wir, nein, müssen wir es voraussetzen. Nur Geld, das eine, nämlich reine und also nicht dingliche, nicht qualitativ bestimmte Tauschmittel lässt sich bei seinem Tausch in Ware folglich auch nicht mehr qualitativ Ding an Ding schätzen. Sondern, rein quantitativ bestimmt, lässt es sich den Waren auch nur gleichsetzen: als reines Quantum, in Wertform. Es besteht als Wert, es besteht in der Wertform: Mit Geld ersteht sie, in eins mit dem Geld entsteht der Wert.

Indem wir aber Waren mit Geld gleichsetzen, setzen wir, sie wären dem Geld insofern gleich: Die Waren wären auch selbst Wert, sie hätten Wert. Wir müssen diese Setzung leisten, wenn wir mit Geld umgehen. Unser Denken muss sie leisten. Denn das übernehmen nicht etwa die Dinge oder Waren als solche für uns oder „nur“ ein „Verhältnis zwischen den Dingen“ selbst. Unfug. Wir setzen Wert in den Waren, wir sind es, die Wert in die Waren hineinsehen und hineinsehen müssen – unwillkürlich, wie unter Zwang. Oder nein, nicht bloß wie, sondern wirklich unter Zwang, unter dem wirklich bestehenden, einem unerbittlichen Zwang müssen wir „Wert“ Tag für Tag, Stunde für Stunde, Sekunde um Sekunde in diesem Sinne leisten – unter dem Zwang, der in einem gesellschaftlichen Verhältnis besteht und der da heißt: Geld.

Aber damit fängt ja alles erst an.

[*Da es mir hier nicht darum geht, irgendjemanden vorzuführen, verzichte ich in diesem und weiteren Fällen auf einen Nachweis der Zitate. Sie sollen nichts belegen, sondern liefern bloß Beispiele für allgemein verbreitete Ansichten. Und wenn ich bei Marx-Zitaten keine Stelle angebe, dann aus dem einfachen Grund, dass ich sie für sattsam bekannt halte.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
2022
Heft 84, Seite 31
Autor/inn/en:

Eske Bockelmann:

Geboren 1957, lebt in Chemnitz, hat klassische Philologie und Germanistik studiert. Ihm ist die Entdeckung geglückt, die sich nachlesen lässt in einem Buch mit dem Titel: Im Takt des Geldes.

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