Zeitschriften » Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 1996 - 2000 » Jahrgang 1999 » Heft 1/1999
Gerhard Scheit

Wer dankt Martin Walser?

Es war einfach zuviel. Seit so vielen Jahren immer wieder die KZ- und Kristallnachtgreuel und das große „Wie-konnte-das-nur-geschehen?“-Gezeter. Und da muß ich einfach einem Intellektuellen wie Martin Walser, Jahrgang 1927, danken, der ähnliche Empfindungen zu haben scheint wie ich, der ich das für ein Generationenproblem gehalten hatte.

(Bernhard Redl) [1]

Das Spektrum derer, die scheinbar nicht anders können, als Martin Walser für seine Friedenspreis-Rede ihren Dank auszusprechen, reicht von der Rechten bis zur Linken, von großen angesehenen Zeitungen bis zu kleinen Blättern, von der FAZ bis zur taz, von der Jungen Freiheit bis zur akin. Und das ist kein Zufall. Bei den Rechten weiß man immerhin, woran man ist — hier wird offen argumentiert: Walser habe die Nation befreit. Die Linken aber winden sich förmlich um ihre alten Begriffe herum — und manche suggerieren sogar: Walser habe im Gegenteil geholfen, die Nation — d.h. den Mythos der Nation — zu überwinden. Denn die Nachfolgegeneration des Dritten Reichs sei gerade durch das Schuldeingeständnis in ihrem nationalen Selbstverständnis geprägt, ja das Nationale sei hier geradezu identisch geworden mit diesem Eingeständnis. So schreibt etwa Bernhard Redl: „Durch das Schuldeingeständnis der Nation wird diese in ihrem Selbstverständnis gestärkt. [...] Denn die hier postulierte Gemeinsamkeit aller Österreicher oder Deutschen ist tatsächlich ekelhaft. ‚Wir‘ sind verantwortlich für die Naziverbrechen von Österreichern — dieses ‚wir‘ ist eine scharf abgegrenzte In-Group, es ist ‚unsere‘ Angelegenheit: Die nationale Identität wird mit der unheimlich sympathischen Methode des Schuldeingeständnisses betrieben. Was nicht nur die alten Nazis betrifft [...].“ Wer folglich wie Walser Schluß mit dem Schuldeingeständnis macht, schafft damit auch die Nation ab — oder schwächt zumindest den Nationalismus und fördert den Fortschritt. [2]

Welcher Radikalismus ist es demnach, der einen Linken zur Danksagung an Walser inspiriert? Es handelt sich um einen, der im Grunde so tut, als gäbe es die Nation überhaupt nicht. Nationales Bewußtsein wäre also nicht notwendig falsches Bewußtsein, sondern eben nur falsches Bewußtsein. Solcher Radikalismus, oder besser: Ratzekahlismus, fühlt sich immer wie das Kind in Andersens Märchen, das sagt „Der König ist nackt“ — es gibt gar keine Nation, der Staat ist unbekleidet — und gleicht in Wahrheit stets dem Kind, das die Augen schließt und nun glaubt, die Welt existiere nicht.

Die Nation zu überwinden, ist für jemanden wie Bernhard Redl offenbar ein Leichtes — und ohnehin nicht wichtig: „Von einem Antifaschisten sollte man annehmen können, daß er den Nationalmythos überwunden hat. Genuin notwendig ist das aber nicht.“ Denn die Nation ist nur eine „bürgerliche Vorstellung“, deren der Faschismus sich bedient, um sie ins „Megalomanische“ zu überhöhen. „Antifaschismus sollte aber nicht an der Kritik an der Nation ansetzen, sondern früher, bei der Konstruktionsmethode von Identitäten und ihrer Funktion zur Herrschaftserlangung bzw. -erhaltung. Es ist daher nicht nur nicht notwendig, sondern vielleicht sogar wenig dienlich, sich bei antifaschistischer Agitation auf die Nationsfrage zu konzentrieren.“ Wer aber wirklich „früher“ ansetzt, und dabei statt im postmodernen Jargon von „Konstruktionsmethoden von Identitäten“ um den heißen Brei herumredet, der wird sogleich wieder bei der Nation anlangen: sie ist der heiße Brei.

Zur Nation als Grille und Vorstellung paßt dann auch der volkserzieherische Eifer, den Redl entwickelt („eine heuchlerische Gesellschaft, die sich einen Scheißdreck um so etwas wie Volksbildung schert“; auch der „kleine Mann von der Straße“ fehlt nicht), der ihn darüber klagen läßt, daß der „mahnende Zeigefinger“, oder wie Walser sagt: „Auschwitz als Moralkeule“‚ die „jungen Menschen“, wenn sie „nicht mit diesem politischen System zufrieden“ sind, auf die rechtsextrem-nationalistischen Organisationen geradezu verweise — statt sie offenkundig zu instruieren, daß die Nation nur eine „bürgerliche Vorstellung“ sei.

Bernhard Redl erinnert sich an ein „unsäglich dummes Transparent mit der Aufschrift: ‚Wir schämen uns für Sie, Herr Haider!‘. Ich nehme nicht an, daß die Produzenten dieses Transparentes Haider gewählt haben. Also warum schämen sie sich? Statt seiner, weil er sich nicht schämt? Oder weil sie sich ‚als Österreicher‘ schämen, daß jemand ‚bei uns‘ so ist, wie Haider nunmal ist. Oder weil es ‚bei uns‘ Leute gibt, die so jemanden wählen? Diese Antinationalisten sind gute Patrioten, ohne daß sie es merken.“ Natürlich ist es unsäglich, mit einem solchen Transparent gegen Haider zu demonstrieren, aber dabei handelt es sich keineswegs um Antinationalisten, sondern um Anhänger der ‚besseren Nation‘, über die Gerold Wallner in seiner Replik bereits das Notwendige gesagt hat. Das Problem aber, das Redl einfach ironisch ausblenden möchte, indem er es unter Anführungszeichen setzt, lautet: Worin besteht dieses ‚Bei uns‘, dieses ‚Wir als Österreicher‘?

„Denk’ einmal an Dein Verhältnis zu Papa und Mama“ möchte man etwas vorschnell raten. Die Nation ist allerdings die Verallgemeinerung des Familienzusammenhangs unter den Bedingungen jenes real Abstrakten, das uns zu Staatsbürgern und Warenvehikeln macht — also entlang der Koordinaten von Staat und Kapital. Die Vaterbeziehung, die sich als Über-Ich im Bewußtsein festsetzt, wird — von Schule, Medien und anderen Zurichtungsapparaten für Arbeit und Freizeit — aufgegriffen, bearbeitet und zum nationalen Bewußtsein entfaltet. Denn mit diesem Bewußtsein wird das gesellschaftliche Unbewußte der fetischisierten Tauschbeziehungen reguliert; in ihm vereinen sich Familie, Staat und Kapital zur Dreifaltigkeit der Identität — grenzt sich das Subjekt rassistisch nach unten, gegenüber den weniger ‚Produktiven‘, und antisemitisch nach ‚oben‘, gegenüber den aus dem Unbewußten geschöpften Personifikationen des Tauschwerts, ab. Der ideologische Kern der Familie — die ‚Blutsverwandtschaft‘ — ist darum auch der Kern der Nation (nur am Rande und in geringer Zahl gibt es bekanntlich die Adoption bzw. Einbürgerung). Die Nation ist sozusagen das Territorium des Staats, das zwischen den Generationen liegt: es verbindet sie.

Dieses Territorium, das hierzulande die Generationen mit dem Nationalsozialismus verbindet, ist keine „Konstruktion“, die sich spielerisch ‚dekonstruieren‘ ließe, sondern ein von Staat und Kapital hergestellter Zwangszusammenhang, dem jedes Individuum unterworfen ist („Subjekt“). Als kategorischer Imperativ kann dennoch gelten, daß jedes die Freiheit hat, dagegen Widerstand zu leisten. Doch ‚überwinden‘ läßt sich der Mythos der Nation nicht, solange Staat und Kapital existieren. Er ist eben notwendig falsches Bewußtsein — wenngleich seine Notwendigkeit anderer Art ist als die des Warenfetisches, der weniger ein notwendig falsches Bewußtsein als ein notwendig Unbewußtes der Gesellschaft darstellt. Als eine auf den Staat (und zwar immer auf einen bestimmten!) bezogene Ideologie setzt der Mythos der Nation eine Bewußtheit voraus, die dem Fetisch von Ware, Geld und Kapital wesentlich abgeht. „Sie wissen das nicht, aber sie tun es“, sagt Marx von den Waren-Subjekten, die sich am Markt betätigen; [3] von den Subjekten, soweit sie politisch handeln, gilt hingegen, daß sie jenes Nicht-Gewußte und dennoch Vollzogene nicht nur rationalisieren, d.h. mit Motiven ausstatten, die der Form des Staats gemäß sind, z.B. Menschenrechte, Rassenkunde etc., sondern sich eben darum auch in dem, was sie tun, unterscheiden. Und hier liegt tatsächlich so etwas wie ein ethisches Moment, kommt es doch im einzelnen immer wieder darauf an, welche Beweggründe bevorzugt werden — ob es etwa die Gleichheit aller Menschen ist oder die Ungleichheit der ‚Rassen‘. Darüber nun mit dem Begriff des ‚Gutmenschen‘ hinwegzuwitzeln, entspricht durchaus einer üblen Sorte von Vulgärmaterialismus. Kaum minder übel ist andererseits die hochtönend idealistische Moral, die Gesellschaft und Politik in diesem ethischen Moment aufgehen läßt, um von Staat und Kapital demokratisch und antifaschistisch zu schweigen, wofür die Bezeichnung ‚Gutmensch‘ wiederum nicht unpassend erscheint. [4]

Wer also für sich privat oder als Partei, Zeitschrift oder was immer in Anspruch nimmt, die Nation überwunden zu haben, hat stets mehr als sein Verhältnis zu Papa und Mama verdrängt. Der Umfang dieser Verdrängung reicht vom Vater oder Großvater, der bei Wehrmacht oder SS gewesen ist, bis zum Reichtum des Wirtschaftswunders in Deutschland und Österreich, der auf dem Vernichtungskrieg des Dritten Reichs gegründet ist. Und in diesem ganzen Umfang Verdrängung als Fortschritt (und damit durchaus im Sinne des Staates) zu rationalisieren, dafür bedankt sich artig der linksratzekahle Nachwuchs bei Martin Walser.

[1Im folgenden wird aus zwei Artikeln von Bernhard Redi zitiert: „Dank an Martin Walser“, akin 28/1998 und „Wechselseitiges Unverständnis“, akin 2/1999. Bei dem neueren Artikel handelt es sich um eine Replik auf Gerold Wallners Kritik an Redls „Dank an Martin Walser“ in den Streifzügen 4/1998

[2Peter Sichrovsky markiert übrigens abermals den Punkt, wo sich Rechte und Linke zum Extremismus der Mitte zusammenfinden: in seinem neuen Buch (Der Antifa-Komplex. Das korrekte Weltbild), in dem er die Zionisten heftig attackiert, wird der „Schuldkomplex der Nachkriegsgeneration“ als „entscheidendes Hindernis in unserer demokratischen Entwicklung“ herausgestellt. Wäre Sichrovsky mittlerweile nicht bei der FPÖ, er könnte eben jetzt die Würden eines österreichischen Walser und den Dank mancher Linker empfangen.

[3Karl Marx: Das Kapital. Bd. 1. MEW 23. S. 88

[4Die Bezeichnung „Gutmensch“, die kaum jemals auf diesen Begriff gebracht wurde, seit längerem aber im Umkreis der (ehemaligen) Linken herumspukt und die Redl zu Unrecht als Erfindung von Konrad Paul Liessmann ausgibt (bei dem sich ja auch sonst viele Begriffe aus jenem Umkreis als eine Art Bodensatz des linken Schwachsinns abgesetzt haben), dürfte jedoch von Karl Heinz Bohrer stammen, und sie wird jetzt mit besonderer Vorliebe von extremen Nationalisten verwendet, die sich den Anschein von Intellektualität geben möchten, also etwa in Blättern wie der Jungen Freiheit oder Zur Zeit.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1999
Heft 1/1999, Seite 13
Autor/inn/en:

Gerhard Scheit:

Geboren 1959, Musikstudium, Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik, dissertierte über „Theater zwischen Moderne und Faschismus (Bronnen, Brecht)“, arbeitet als freier Autor und Lehrbeauftragter in Wien.

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