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Tomasz Konicz

Wendepunkt in der Ukraine?

Ein militärisches Desaster droht Russlands Armee in der Nordostukraine. Während die westliche Öffentlichkeit, sofern sie dem zur Normalität geronnenen Krieg in der Ukraine überhaupt noch folgt, vor allem die Offensive um die südukrainische Stadt Cherson wahrnahm, wurden im Nordosten bei einem raschen Angriff große Geländegewinne von kombinierten ukrainischen Verbänden verzeichnet.

Ukrainische Einheiten konnten binnen weniger Tage, zwischen dem 4. und dem 9. September, die russischen Linien südöstlich von Charkow auf breiter Front durchbrechen und Dutzende von Kilometern an Boden gutmachen. Dies gestehen selbst prorussische Propagandaquellen offen ein (http://www.moonofalabama.org/2022/09/the-izium-counteroffensive-success-disaster.html#more) Inzwischen sollen ukrainische Truppen vor Kupyansk stehen , der wichtigsten von Russland besetzten Stadt im Oblast Charkow (http://twitter.com/IAPonomarenko/status/1568185503962259459). Durch Kupyansk führt zudem die wichtigste Versorgungsroute der russischen Armeeverbände im westlichen Donbass rund um Izium. Das Kappen dieses Nachschubweges wäre folglich für die Operationen des Kreml in der Ostukraine verheerend. Die Angriffe ukrainischer Truppen im Süden scheinen somit vor allem zur Schwächung der russischen Front im Norden beigetragen zu haben – und eben diese Schwachstellen konnte Kiews Armeeführung – wahrscheinlich unter Auswertung westlicher Information – korrekt identifizieren und ausnutzen.

Die durch Truppenverlegungen gen Cherson ausgedünnte russische Verteidigung, die mitunter aus einberufenen Reservisten aus Lugansk und Einheiten kasernierter Polizei bestand, soll regelrecht kollabiert sein. Die ukrainische Armee hat hierbei ironischerweise dieselbe Taktik erfolgreich angewendet, an deren Umsetzung die russische Armeeführung zu Kriegsbeginn scheiterte. Kleine mobile Einheiten kombinierter Streitkräfte sind nach dem Durchbruch an der Front weit ins gegnerische Gebiet vorgestoßen, ohne die Städte und Siedlungen einzunehmen, in denen sich signifikante russische Besatzungstruppen verschanzt haben. Der Unterschied besteht bislang zumindest darin, dass die demoralisierten und eingekesselten russischen Truppen keine Angriffe auf die ukrainischen Nachschubwege und Versorgungslinien führen, wie es ukrainische Soldaten beim russischen Vormarsch bei Kriegsausbruch taten.

Derzeit sollen sich Tausende russische Soldaten in diesen Kesseln westlich des Flusses Oskol befinden. Es zeichnet sich ein Desaster für Russlands Armee ab, wie es vor Kriegsausbruch auch von westlichen Militärexperten kaum für möglich gehalten worden ist (http://www.youtube.com/watch?v=U2QOiMeaYYk). In den kommenden Tagen wird es sich entscheiden, ob die ukrainischen Streitkräfte diese Geländegewinne halten können, oder ob Kiew seine Kräfte überschätzte, die Nachschubwege überdehnte – und der Ukraine bei russischen Gegenoffensiven ähnliche Rückschläge drohen, wie den russischen Invasionstruppen zu Kriegsbeginn.

Die russische Armee soll in Reaktion auf dieses Desaster, bei dem binnen weniger Tage Gelände verloren ging, das über Monate mühsam erobert werden musste, starke Verbände in der Region zusammenziehen, um die Geländegewinne der Ukraine, solange sie nicht durch Verteidigungsanlagen abgesichert wurden, schnell zu revidieren und die eingekesselten russischen Truppen zu entsetzen. Doch damit werden andere Frontabschnitte geschwächt, da Russland mit einer zahlenmäßig weit unterlegenen Armee die Ukraine angriff und die anfängliche militärtechnische und ausrüstungsmäßige Überlegenheit der russischen Streitkräfte aufgrund westlicher Waffenlieferungen und kriegsbedingtem Verschleiß zunehmend schwindet.

Weitere Angriffe ukrainischer Kräfte scheinen so wahrscheinlich. Doch dies würde letztendlich bedeuten, dass die strategische Initiative in diesem Krieg nach dem wochenlangen faktischen Stillstand an die Ukraine übergeht. Russlands Invasionsarmee würde somit in die Defensive gedrängt, während ukrainische Verbände Schwachstellen ausnutzen, um die ausgedünnten russischen Fronten zu durchbrechen und immer wieder Geländegewinne zu verzeichnen. Die kommenden Tage werden zeigen, ob diese jüngste Offensive Kiews südwestlich von Charkow tatsächlich einen strategischen Wendepunkt im Krieg markierte. Entscheidend wird sein, inwieweit Kiews Truppen diese Geländegewinne auch angesichts russischer Gegenangriffe werden halten können.

Am 10. September tauchten erste Fotos ukrainischer Soldaten aus der strategisch wichtigen Stadt Kupyansk im Netz auf – hier verläuft, wie erwähnt, die wichtigste russische Versorgungslinie zum westlichen Donbass. Offenbar wurden Teile der Stadt von Russland kampflos aufgegeben. Russland braucht Monate, um ukrainische Städte zu erobern. Die Ukraine scheint diese im Handstreich zu nehmen. Die russischen Truppen südlich von Kupyansk, vor allem bei Izium, befinden sich nun in einer sehr schwierigen Lage. Es scheint tatsächlich so, als ob Russland alle eroberten Territorien westlich des Flusses Oskil verlieren würde. Izium ist von der ukrainischen Armee nahezu eingekesselt, Tausenden russischer Truppen droht Gefangennahme oder Tod.

Das entscheidende Moment an der ukrainische Offensive ist aber ihr totaler Überraschungseffekt. Russische Aufklärung und Nachrichtendienste (Satelliten, Luftaufklärung, Informanten) scheinen blind gewesen zu sein. Es ist 2022, jede größere russische Truppenbewegung ist dem Westen bekannt, ja mitunter werden die Truppenverlegungen – wie zuletzt Richtung Cherson – sogar im Netz diskutiert. Die russische Armee aber scheint „blind“ gewesen zu sein und den signifikanten Aufmarsch und die Vorbereitungen zur ukrainischen Offensive nicht wahrgenommen zu haben – dies in der Ära satellitengestützter Aufklärung.

Der desolate Zustand der russischen Armee, die nicht nur unter Korruption und Misswirtschaft, sondern auch unter einer archaischen Kommandostruktur, enormen Verlusten und raschem Materialverschleiß leidet (Putin wurde in Nordkorea vorstellig, um Munition zu beschaffen), scheint den Kreml in eine ähnliche Lage wie zu Kriegsbeginn zu versetzen: Als der russische Blitzvormarsch auf Kiew und Charkow scheiterte, musste Moskau sich zwischen Rückzug und Eskalation entscheiden. Putin entschied sich für die Ausweitung des Krieges

Vor einer ähnlichen Entscheidung wird der Kreml sehr bald stehen, sollte die aktuelle ukrainische Offensive erfolgreich verlaufen: entweder Eingeständnis der Niederlage, was Putin mittelfristig sicherlich den Kopf kosten dürfte, oder weitere Eskalation. Russland verfügt durchaus über die Mittel, um der militärischen Eskalationslogik weiter folgen zu können – was aber zugleich die Gefahr eines verheerenden Großkrieges erhöht.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
2022
Autor/inn/en:

Tomasz Konicz:

Geboren 1973. Studierte u.a. Geschichte, Soziologie, Philosophie. Freier Journalist mit Schwerpunkt Osteuropa. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt: Aufstieg und Zerfall des Deutschen Europa (2015).

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