Zeitschriften » MOZ » Jahrgang 1990 » Nummer 58
Andrea Komlosy
Inflationswinter 1920

Wegen Streik geschlossen

45 Teile Weizen, 20 Teile Roggen, 35 Teile Mais für die Tage Sonntag, Montag, Dienstag, geben die österreichischen Tageszeitungen am Samstag, dem 4.12.1920 die amtlich festgelegte Brotmischung für die kommende Woche bekannt. Um Abwechslung in den Speiseplan zu bringen, wird das Brot von Mittwoch bis Samstag aus 35% Weizen, 25% Roggen, 35% Mais und 5% Gerste gebacken. Während die alliierte Reparationskommission auf höhere Maisbeimischung drängt, hält der Wiener Bürgermeister mehr als 30% Maisanteil für nicht zumutbar.

In den letzten 12 Monaten hat sich der Preis für den oft schwer verdaulichen 900g-Laib von 1,5 auf 6 Kronen erhöht. Das kleine Österreich, von den Kornkammern der großen Monarchie abgeschnitten, mußte mehr als die Hälfte seines Bedarfs an Getreide und Erdäpfeln importieren, noch schlechter stand es um die Versorgung mit Rohstoffen und Energie. Ohne staatliche Zuschüsse wären Brot und Getreide unerschwinglich gewesen. Die Hälfte des Staatshaushalts floß im Budgetjahr 1920/21 in die Stützung der Lebensmittelpreise, 50 Millionen Kronen täglich allein für Brot und Mehl.

Trügerische Inflation

Um diese und andere Ausgaben zu finanzieren, setzte die Regierung die Notenpresse in Gang. 1922, am Höhepunkt der Nachkriegsinflation, war 3.000mal mehr Geld im Umlauf als im Jahr 1914. Die Inflation wiederum führte zu einem Kursverfall der Krone auf dem internationalen Finanzmarkt. Die Preise für Importe, die in harter Währung bezahlt werden mußten, stiegen daher ins Unermeßliche.

„Die Inflation war die furchtbarste Aufsaugung und Entgüterung der besitzenden und verdienenden Schichten zugunsten der Besitzlosen und der öffentlichen Bedürfnisse“, resümiert die „Neue Freie Presse“ die traumatischen Erfahrungen jener, die durch die Geldentwertung um ihr Vermögen gebracht wurden. Was das renommierte Bürgerblatt nicht erwähnt, ist die dämpfende Wirkung, die die Inflation auf die erregte Stimmung der vom Krieg erschöpften und von der russischen Revolution aufgestachelten Massen hatte. Die bereitwillige Betätigung der Notenpresse erlaubte die Finanzierung von Lebensmittelsubventionen, Arbeitslosenunterstützung, Beamtenbesoldung und entschärfte derart die revolutionäre Situation. An der Inflation profitieren konnten nur jene, die österreichische Waren ins Ausland verkauften. Den Devisenerlös in Kronen umgetauscht, war der Exporteur im Inland ein Krösus. Auch ausländisches Kapital nützte das niedrige Lohnniveau, um in Österreich Waren für den Export herstellen zu lassen. Folge war eine Exportkonjunktur, die die Arbeitslosigkeit rasch zum Verschwinden brachte. Doch der Erfolg war trügerisch: Österreichische Produkte wurden zu Billigstpreisen ins Ausland verschleudert, binnenmarktorientierte Investitionen blieben aus, die breite Masse hungerte.

Berittene Polizei schützt Inflationsspekulanten vor Demonstranten
„Der Abend“, 9.12.1920

Ka Brot, ka Musi’

„Das Leben der Stadt Wien zeigt ein Bild grellster Kontraste. Neben der bittersten Armut zeigt sich ein schwelgerischer üppiger Reichtum, der keine Teuerung, nicht den geringsten Mangel kennt. In den äußeren Bezirken Wiens jedoch lebt eine Bevölkerung, die seit Jahren hungert“, schrieb Sozialminister Resch in einem vorweihnachtlichen Spendenaufruf „an die Wohlhabenden“. Diejenigen, die weniger hatten, griffen unterdessen zur Selbsthilfe.

Die große Streikwelle vom Dezember 1920, die allein in Wien 200.000 Personen erfaßte, entzündete sich am Preisanstieg. Alles wurde damals teurer: der Eintritt ins Tröpferibad, Porto, Zeitungen, tägliche Bedarfsgüter, für die — wenn sie knapp waren — noch dazu überhöhte Schwarzmarktpreise gezahlt werden mußten. Kein Wunder also, daß die Lohn- und Streikbewegung alle Berufsgruppen erfaßte: die Handelsangestellten und die Apotheker, die Leder- und Metallarbeiter, Eisen- und Straßenbahner, Damenschneider, Bäckergehilfen, den Musikalienhandel. Das öffentliche Leben kam zum Erliegen. Selbst die stets loyalen Staatsbeamten traten in den Ausstand. 55.000 legten während des großen Beamtenstreiks Zollabfertigung und Steuerämter, Staatslotterie und Tabakfabriken lahm.

Eine kleine, aber resolute Gruppe stellten die Salonkapellmusiker dar, die in Kaffeehäusern und Tanzlokalen aufspielten. Ihre Streikpatrouillen überwachten die abendliche Musikruhe. Einen Pianisten und einen Geiger, meldete das „Interessante Wiener Extrablatt“ am 7.12., die in einem Café in der Siebensterngasse beim Musizieren ertappt wurden, veranlaßte der Aufmarsch von 300 streikenden Kollegen zum Abbruch des Spiels.

Kaffeehausgehilfen im Ausstand

Um Lohnverhandlungen zu beschleunigen, zogen die Metallarbeiter am 6.12. vors Haus der Industrie am Schwarzenbergplatz. Ihre Wut über die Teuerung entlud sich gegen die Ringcafes: „Stürmen wir die Schiebercafés“, lautete die Parole, die Steine und tätliche Angriffe begleitete. Ein Stein soll Gerüchten zufolge auch auf dem Schreibtisch des Präsidenten des Industriellenverbandes gelandet sein. Nachdem der Schwarzenbergplatz von der Sicherheitswache geräumt worden war, drangen die Demonstranten, von berittener Polizei im Zaum gehalten, gruppenweise in die Innenstadt vor. Erklärtes Angriffsziel war das als Spekulantentreffpunkt verschriene Café Habsburg in der Rotenturmstraße.

10 Tage später war das Café Habsburg, wie alle Kaffeehäuser der Wiener Innenbezirke, wegen Streik geschlossen. Die Kaffee- und Gasthausgehilfen verlangten eine zentrale, kostenlose Arbeitsvermittlung sowie Beschränkungen in der Beschäftigung von Lehrlingen und weiblichem Personal. Nur Frauen, die schon 1914 als Kellnerinnen tätig waren, sollten weiterhin beschäftigt, alle anderen jedoch durch arbeitslose Kriegsheimkehrer ersetzt werden.

Eine Ausweitung des Streiks auf ganz Wien konnte 4 Tage später durch eine Einigung mit Schankwirten und Kaffeesiedern verhindert werden. Wie überhaupt Lohnforderungen damals leicht auf Gehör stießen, um jedoch — im selben Atemzug — von der Teuerung hinweggespült zu werden. Kaffeehauspreise beispielsweise waren zwischen Anfang November und dem Streik im Dezember aufs Doppelte angestiegen. Ein „Türkischer“ kostete nun 14 Kronen, ein „Tee ohne“ 10, Likör 18, Domino 5 und Kartenspiel 9 Kronen pro Person. Kurz vor Weihnachten kündigte die Regierung neuerlich eine Brotpreiserhöhung an.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1990
Nummer 58, Seite 74
Autor/inn/en:

Andrea Komlosy:

Geboren 1957 in Wien, Wirtschafts- und Sozialhistorikerin ebenda.

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