Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2006 » Heft 1-2/2006
Nikola Staritz

„WE ALL SPEAK football“. But WOMEN don’t.

Anmerkungen zur Kreation eines scheinbar geschlechtsneutralen "Wir” im Diskurs um und über Fußball, das durch die Exklusion von Frauen das Männliche als Norm (re)produziert und Frauen als Sonderfall konstituiert.

Ab heute noch 45 Tage bis zur Fußball WM, genauer gesagt zur Fußball WM der Männer. Doch scheint die Beifügung „der Männer“ nicht von Nöten zu sein, offensichtlich ist auch ohne sie klar, dass von der WM der Männer gesprochen wird und sicher nicht von einer Frauen-WM. Das Wort Fußball allein scheint dies schon mitzumeinen, das Männliche ist dem Phänomen Fußball eingeschrieben und bedarf keiner weiteren Ausführung. Dabei könnte eigentlich angenommen werden, dass die Zeiten, in denen, wenn von Menschen gesprochen wurde, nur die Männer unter diesen Menschen gemeint waren (also Mensch mit Mann gleichgesetzt wurde), vorbei sind. Bei Betrachtung des Phänomens Fußball werden wir allerdings eines anderen belehrt, denn selbst wenn die hegemonial eingeschriebene Männlichkeit (scheinbar) reflektiert und von einer geschlechterkritischen Perspektive zu betrachten versucht wird, wird meist eben diese Hegemonie reproduziert. Gerade in Kurz-vor-der-Männerfußball-WM-Zeiten wie diesen ist die Exklusion von Frauen aus einem konstruierten scheinbar neutralen „Fußball- Wir“ eklatant festzustellen.

Fußball und Gesellschaft: Die Konstruktion von Neutralität

Betrachten wir Fußball als gesellschaftliches Feld, in dem Macht genauso verhandelt wird wie in anderen gesellschaftlichen Sphären, so stellt sich die Frage, was dazu führt, dass das Männliche über mittlerweile mehr als hundert Jahre dem Fußball so immanent zu sein scheint, wie es in dieser konstanten Form in kaum einem anderen Bereich anzutreffen ist.

Obwohl evident ist, wie sehr sportliche Praxen von politischen Vorgaben und wirtschaftlichen Interessen bestimmt sind, wird der Sport doch stets als ‚neutral’ definiert und muss sich von seiner Grundkonzeption her gegen eine politische Zuschreibung und eine unidimensionale kapitalistische Prägung verwehren.

Trotz steter Widerlegungen (z.B. die Diskussionen über die öffentliche Finanzierung von Vereinen) wird immer wieder betont, dass der Sport ein neutrales und in sich geschlossenes Terrain ist. Vor allem beim Fußball war die Durchsetzung der Illusion eines neutralen und unpolitischen Raumes äußerst erfolgreich. Doch die permanente Konstruktion eines neutralen Raumes machte die lückenlose Etablierung vor allem geschlechtsspezifischer Normen und Ausschlüsse erst möglich. Sie „kreierte einen scheinbaren Freiraum des Sportes, in dem sich nationale, ökonomische, klassen- und vor allem geschlechtsspezifische Werte und Normen etablieren, erhalten und fortführen ließen“, ohne die Normen jemals artikulieren zu müssen, da dem Fußball eine gesellschaftliche Funktion, und damit die Fähigkeit, sozial relevante Normen und Werte überhaupt produzieren zu können, abgesprochen wird. Dadurch wirkt die geschlechtliche Einschreibung noch stärker, da sie nie formuliert werden musste, sondern scheinbar ursprünglich und natürlich dem neutralen Phänomen Fußball quasi wesenhaft anhaftet, Fußball aber trotz der ihm eingeschriebenen hegemonialen Männlichkeit aufgrund des Nicht-Artikulieren-Müssens von Exklusion als scheinbar geschlechtsneutral daher kommt.

Die normativen Vorstellungen superiorer Maskulinität(en) verbunden mit der Möglichkeit, diese auszuleben, sowie die völlige Exklusion von Frauen, die durch die Nicht-Artikulation dieses Verbotes noch stärker wirkt, haben vielerorts als Resultat langer Kämpfe aus der Öffentlichkeit weichen müssen oder wurden zumindest als Problemfeld markiert und waren damit gezwungen, sich einem Wandel zu unterziehen. Im Fußball ist das aufgrund seiner Konstituierung als „neutraler“ Raum, als machtfreie und a-politische Parallelwelt zum gesellschaftlichen Alltag, nie passiert.

Der Sonderfall Frau und die Norm des Männlichen

Indem Fußball mit aktiv spielenden Männern, also Männerfußball, gleichgesetzt wird, sowie sowohl aktiv wie auch passiv die ausschließliche Teilhabe von Männern unterstellt wird, ohne dies jemals explizit anzuführen (es wird beispielsweise niemals von der Männerbundesliga gesprochen, sondern immer nur von DER Bundesliga), fungiert das Männliche als Norm, die keiner weiteren Ausführung bedarf. Wenn von Frauen gesprochen wird (als Spielerinnen oder als Zuschauerinnen), so muss dies gesondert herausgehoben werden und wird somit als Abweichung zur Norm konstituiert („der Sonderfall Frau“). Die Konstituierung einer Abnormalität, wenn von Frauen und Fußball bzw. Frauenfußball gesprochen wird, ist vor allem bei der Betrachtung von Diskussionen um Frauenfußball offensichtlich. Die ohnehin sehr junge Geschichte des „erlaubten“, weil strukturell integrierten und anerkannten Frauenfußballs ist eine einzige Aneinanderreihung von „Antinormalitätsdiskursen“, die das jeweils „andere“ – weil nicht der (männlichen) Norm entsprechende – im Gegensatz zur (männlichen) Norm konstituieren. Beispiele hiefür gibt es viele, angefangen bei Diskussionen über Körper (In den 70-ern (sic!) wurde beispielsweise über eine spezifisch weibliche Modifikation der Abseitsregel diskutiert, als Grund hiefür wurden die unterschiedlichen Oberweiten von Frauen angeführt – für LinienrichterInnen könnte es deswegen zu Unklarheiten bei der Auslegung des Begriffes „Gleicher Höhe“ kommen) bis zu Studien zum spezifisch weiblichen Fanverhalten, dessen Abnormalität sich männlichen Funktionären nach auch in der Raumaufteilung eines Stadions äußern müsse, weswegen die Einführung von „Frauensektoren“ in der nächsten Nähe von WC Anlagen („Frauen müssen immer pinkeln“) und recht weit hinten im Stadion („Frauen verstehen das Spiel eh` nicht so“) von ihnen als wünschenswert und „dem Fußball zuträglich“ erachtet wurde. Hier wird wieder suggeriert, dass das Stadion (als Wort „an sich“ geschlechtsneutral) männlich ist und nur, wenn es ausschließlich von Männern besucht wird, der Norm entspricht, während auf Normabweichungen wie teilhabende Frauen durch spezifische Maßnahmen eingegangen werden muss. Das Männliche wird zum Neutralen, das Weibliche zum Anderen gemacht.

Tor zur Welt?

Wenn Klaus Theweleit in seinem Buch „Tor zur Welt“ erzählt, wie Fußball als Realitätsmodell fungiert bzw. fungieren kann, so hat er einerseits recht, da die hegemoniale Betrachtung von Geschichte und Politikgeschehen ähnlich wenig Platz für Frauen abseits der Inszenierung als Sonderfall lässt. Andererseits wird aber genau durch solche scheinbar kritischen Betrachtungen eben diese Hegemonie verstärkt und wirksam, die die männliche Einschreibung in das Phänomen Fußball unausgesprochen als Grundannahme unhinterfragt lassen und damit als dem Fußball „ursprünglich“ und wesenhaft inhärent vermittelt werden. Diskurse, die die Rolle von Frauen und die damit verbundenen Stereotype innerhalb des Massenphänomens Fußball reflektieren, aber weiterhin mit Fußball ausschließlich Männerfußball meinen, verstärken indirekt das Männliche als Norm und das Weibliche als betrachtenswerten Sonderfall, anstatt sie zu dekonstruieren.

Von den 12. Männern, Kakteen, Luftballonen und der Frau

Ein recht einleuchtendes Beispiel aus dem Kontext des Prä-Männer-WM-Wahnsinns zur Untermalung des oben Gesagten ist die gerade auf diversen TV-Kanälen laufende Coca-Cola Werbung. Dieser Werbespot des Hauptsponsors und einzigen Ausschankberechtigten vermittelt recht klar, wer unter einem fußballerischen „Wir“ verstanden wird und wer nicht. Der Werbeslogan trägt den schönen Titel „We all speak football“. Wer mit „WE ALL“ gemeint ist und wer eben nicht, ist eindeutig: „We all“ meint zwar Kakteen und Luftballone, gehörnte Ehemänner und Liebhaber, Wohlhabende wie sozial Schwache, Mehrheitsbürger und Angehörige von Minderheiten, aber „we all“ meint keine Frau(en). Im Spot schauen alle Fußball, alle jubeln, alle sind begeistert, alle „sprechen Fußball“. Alle? Nein, die Frau(en) nicht: die einzige Frau, die im Spot vorkommt, ist auch das einzige Wesen, das an Fußball nicht interessiert ist. Sie sitzt fadisiert im Bett und schaut ihrem Partner und ihrem Liebhaber genervt dabei zu, wie sie gemeinsam über ein Spiel jubeln. „Wir“ impliziert nur Männer, Frauen sind aus dem Kollektiv ausgeschlossen, es gibt „alle“ und dann gibt es noch die Frau(en). Das konstruierte „Wir“ in „WE ALL speak football“ ist ein ausschließlich männliches „Wir“, obwohl der Begriff „we all“ den Eindruck erweckt, als seien mit ihm tatsächlich alle gemeint. Der Spot zeigt auch, dass im Kontext von Fußball das Überwinden von nationalen sowie sozialen Grenzziehungen erwünscht oder zumindest erlaubt ist (was das dann real impliziert, ist etwas anderes), an geschlechtlichen Grenzen allerdings verstärkt festgehalten wird.

So bleibt des Weitern nur „freudig“ abzuwarten, was uns bis zum Ende der Männer WM am 9. Juli an kollektiven Männlichkeitsinszenierungen noch so alles zugemutet wird, wobei „wir“ in Österreich nach Jubeljahr und mitten im Mozartjahr steckend mittlerweile schon auf alles vorbereitet sind – grölende Männer, als leidend inszenierte Frauen, Kicker-Würschtel und Fußballnudelsuppe können da kaum mehr schockieren.

Literatur

(da oben beschriebene Phänomene reale Auswirkungen haben, hier leider nur von Männern verfasste Werke)

  • Matthias Marschik: Frauenfußball und Maskulinität. Münster 2003
  • Matthias Marschik: Massen Mentalitäten Männlichkeit. Weitra 2002
  • Klaus Theweleit: Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell. Köln 2004
  • Stuart Hall: Ideologie, Kultur, Rassismus — Ausgewählte Schriften 1, Hamburg 1989
  • www.frauenfussball.at

Anmerkung zur Verwendung der Begriffe Frau und Mann sowie Männlich(keit) und Weiblich(keit)

In meinem Text geht es um die Konstruktion eines kollektiven Wirs entlang geschlechtlich gesetzter Grenzen. Ich gehe allerdings davon aus, dass auch diese Grenze (die Dichotomie Mann-Frau) konstruiert ist und keine natürliche Gegebenheit ist.

Begrifflichkeiten wie Mann oder Frau transportieren die Idee einer angenommenen und ursprünglichen Homogenität einer Gruppe. Diese Idee der kollektiven (resp. männlichen bzw. weiblichen — etwas anderes ist in diesem Denken undenkbar) Identität bildet die Grundlage für die Ziehung von Grenzen, diverse Diskriminierungen, den Ein- und Ausschluss von Menschen — kurz gesagt: sie bildet die Grundlage unserer Gesellschaft. Identität (sei es nationale, geschlechtliche oder sonst eine) ist also nichts schon immer da Gewesenes oder „natürlich“ entstandenes, sondern eine Konstruktion — jedoch trotz ihrer Konstruiertheit auch soziale Realität, da sie in individuellen und staatlichen Praxen zum Ausdruck kommt und ständig neu produziert und reproduziert wird.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2006
Heft 1-2/2006, Seite 10
Autor/inn/en:

Nikola Staritz:

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