Zeitschriften » Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 2011 - 2020 » Jahrgang 2016 » Heft 66
Petra Ziegler

Was kommt an?

Über Kommunikationsprobleme – innerhalb wie außerhalb

Wie es ist, muss es nicht sein. – Wenn Wertkritik eines kann, dann genau das. Sie führt wie keine andere zeitgenössische kritische Theorie das skandalös Unnötige der gegenwärtigen Zustände vor Augen. Sie holt die Strukturen des kapitalistischen Selbstzweckgetriebes an die Oberfläche, macht deren blinde Dynamik deutlich. „Der stumme Zwang der Verhältnisse“ gründet in der verselbstständigten Verwertungslogik des Kapitals, in einer Rationalität, die wir mit unserem tagtäglichen Tun prolongieren. Was als abstrakt-theoretisches Getöne erscheinen mag, ist die Antriebskraft und die unumgehbare Voraussetzung einer bewussten Überwindung des warenproduzierenden Systems. Unter den Bedingungen des Werts ist das gute Leben für alle nicht möglich.

(Enttäuschte) Erwartungen

Vortragende kennen das. Einer fast schon enthusiastischen Zustimmung folgt ein „Ja, aber …“ und darauf ein dem eben Gehörten geradezu diametral entgegenstehender Erklärungsansatz. Gerne kommt dann irgendwas mit Zinskritik, Hinweise auf ein missratenes und dringend reparaturbedürftiges Geldsystem, aber auch die menschliche Psyche im Allgemeinen und die der politischen Kaste im Besonderen erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit. Geradezu verblüffend wirkt das nach längeren Vorträgen, die beim Publikum erst einmal wenig voraussetzen und versuchen Zusammenhänge nachvollziehbar darzustellen. Lassen wir mal diejenigen außen vor, die derlei Gelegenheiten ohnehin ausschließlich dazu nutzen, den eigenen Sermon loszuwerden, und unterstellen ehrliches Interesse. Was vom Gesagten so bei den Leuten „ankommt“, vermag durchaus zu irritieren. So manches Feedback stellt der eigenen Fähigkeit sich mitzuteilen ein miserables Zeugnis aus, auch Rückmeldungen von SympathisantInnen lassen Zweifel aufkommen, oft genug entgegen deren Absichten – was die Sache freilich kaum besser macht.

Einzelne Versatzstücke werden herausgeklaubt und nicht selten in geradezu sinnwidriger Weise dem je eigenen Weltverständnis, der individuellen Wirklichkeitskonstruktion einverleibt. Auch manche Postings unter Streifzüge-Beiträgen lassen staunen ob dem, was da in die Texte hinein- respektive aus ihnen herausgelesen werden kann. Oft scheint gerade das Wesentliche der wertkritischen Gesellschaftsanalyse unbemerkt zu bleiben. „In den jeweiligen Denkansätzen wird das zueinander Passende favorisiert, Unpassendes in der Aufmerksamkeit vernachlässigt, abgedrängt und marginalisiert.“ (M. Creydt, Der bürgerliche Materialismus und seine Gegenspieler, S. 125) In den wertkritischen Publikationen wird das zu wenig berücksichtigt. Denken „ist wie andere Prozesse in der Psyche auf die interne Integration, Passung und Harmonie orientiert und neigt dazu, alles dazu Dissonante zu vernachlässigen. Die Aufnahme neuer Erkenntnisse ist dann massiv beeinträchtigt, wenn sie zu den bestehenden Bewusstseinsinhalten nicht passen, an sie nicht ,anschlussfähig‘ sind, also isoliert verbleiben.“ (Ebd.) Selbstredend ist das eigene Reflexionsvermögen ebensowenig frei vom Wirken „psychoneuronaler Selbstordnungskräfte“ (Hansch zitiert nach Creydt).

Abseits fallweise krauser Rezeption sind es eine Reihe von Fragen, die zwar alle betreffen, die sich nicht abfinden wollen mit dem Bestehenden, die uns aber doch immer wieder in schräger Weise konfrontieren. Wie sie denn nun aussehen soll die Welt jenseits des Kapitalismus, wohin soll es gehen? Und: Wie kommen wir dahin? „Was habt ihr anzubieten?“, fragt die gelernte KonsumentIn und beklagt fehlende Rezepte. Analysiert sei ja nun schon genug. –

Ja und Nein, möchte ich sagen. Wie schnell lassen sich in den vermeintlichen Alternativen Spuren des Alten erkennen, fällt, was zur praktischen Umsetzung drängt, hinter die Kritik zurück. Dem Kern der Verhältnisse ist mit Umackern an der Oberfläche nicht beizukommen. Eben das macht die kategoriale Kritik von Wert und Arbeit klar. Was aus der Erkenntnis all dessen wie es eben nicht geht an Orientierung gewonnen werden kann, ist keine Kleinigkeit.

Im alltäglichen Getriebe kann das Wissen um die eigene Befangenheit auch entlasten. Nicht, dass sich alleine davon schon irgendwas zum Guten wendet, einen gewissen Schutz vor verbiesterter Verbissenheit bietet es doch. Und ein wenig milder vermag es zu stimmen, beim Blick auf die rundum.

Transformation ist fraglos nicht Sache einiger weniger. Anstoß dazu geben, dazu braucht es vielleicht gar nicht so viele. Denkanstöße jedenfalls, die sind bei uns zu „haben“.

Schmerzgrenzen

Die wertkritische Szene ist auch nach über zwanzig Jahren überschaubar zu nennen. Schon der Ausdruck „wertkritische Szene“ verbietet sich eigentlich. Wertkritik als eine Geschichte von Zerwürfnissen: dass da die einen auch nur im selben Text zitiert werden möchten wie die anderen, davon ist eher nicht auszugehen. Einen für mich positiven Effekt hat das immerhin. Bei eigenen Artikeln behelfe ich mir nach Möglichkeit mit Marx-Zitaten. Zwar kann das Zeit kosten, ermuntert aber regelmäßig zu dessen Lektüre.

Ich bin über die Jahre dünnhäutiger geworden. Die marktwirtschaftlichen Zumutungen sind mir Verdruss genug, gröbere Unfreundlichkeiten im Umgang innerhalb „meines“ theoretischen Zusammenhangs lassen mich schnell frösteln. Schlichtes Harmoniestreben ist das nicht. Das Aufzeigen inhaltlicher Differenzen sollte sich von selbst verstehen. Ob in direkter Kommunikation oder auch in verschriftlichter Debatte „öffentlich“ nachvollziehbar. Das kann wohl nur am jeweiligen Fall entschieden werden. Problematisch wird es dann, wenn die je diagnostizierte „Abweichung“ oder theoretische „Rückständigkeit“ turmhoch verzerrt erscheint und dergestalt den Blick auf jegliche Gemeinsamkeit verstellt. Alleine ihre Gegnerschaft scheint dann die doch eigentlich Nächststehenden noch zu verbinden. Solcherart „Zurechtweisungen“ (gar nicht zu reden von alles vernichtenden Rundumschlägen) eröffnen gewöhnlich weder Möglichkeiten noch Perspektive, es schreckt eher ab, raubt Energie, wenn nicht den Schlaf, es ist eine nervenaufreibende Vergeudung von Zeit. Dazu braucht eins noch nicht einmal unmittelbar beteiligt zu sein. Auf Dauer frustriert das. Ich laufe immer wieder Gefahr zu resignieren. Ich fürchte, damit wäre ich nicht die Erste.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
2016
Heft 66, Seite 19
Autor/inn/en:

Petra Ziegler:

Geboren 1969. Mitglied im Kritischen Kreis.

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