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Was ist der Wert, was soll die Krise?

Was ist der Wert? Was soll die Krise?

Norbert Trenkle
Überarbeitung eines Referates an der Universität Wien, gehalten am 24. Juni 1998

Der Bogen, den ich schlagen möchte, ist sehr weit gespannt. Er führt von der allergrundsätzlichsten Ebene der Werttheorie oder vielmehr der Wertkritik — also von der Ebene der Grundkategorien der warenproduzierenden Gesellschaft: Arbeit, Wert, Ware, Geld — zur Ebene, auf der diese Grundkategorien als verdinglichte und fetischistische, als scheinbar „natürliche“ Tatsachen und „Sachzwänge“ erscheinen. Auf dieser Ebene — der Ebene von Preis, Profit, Lohn, Zirkulation etc. — treten zugleich die inneren Widersprüche der modernen Warengesellschaft offen zutage; dort erweist sich ihre letztliche historische Unhaltbarkeit: und zwar in Gestalt der Krise. Es ist klar, daß ich hier in der gebotenen Kürze nicht mehr als eine Skizze davon liefern kann, hoffe aber, daß es mir gelingt die wesentlichen Zusammenhänge einsichtig zu machen.

Um einen Ausgangspunkt zu gewinnen, möchte ich mit einer Kategorie beginnen, die gemeinhin als völlig selbstverständliche Bedingung menschlicher Existenz hingenommen wird: der „Arbeit“. Diese Kategorie bleibt auch im Marxschen Kapital weitgehend unproblematisiert und wird dort als anthropologisches Merkmal eingeführt, das für jede Gesellschaft überall und immer gilt. „Als Bildnerin von Gebrauchswerten“, schreibt Marx, „als nützliche Arbeit, ist die Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln“ (MEW 23, 57).

Ganz so unproblematisch, wie es in diesem Zitat erscheint, ist die Kategorie „Arbeit“ für Marx freilich nicht. An anderen Stellen, insbesondere in den sogenannten Frühschriften, schlägt er da weitaus kritischere Töne an. In einem erst in den 1970er Jahren veröffentlichten Manuskript zur Kritik am deutschen Nationalökonomen Friedrich List spricht er sogar ausdrücklich von der Aufhebung der Arbeit als Voraussetzung von Emanzipation. Er schreibt dort: „Die ‚Arbeit‘ ist ihrem Wesen nach die unfreie, unmenschliche, ungesellschaftliche, vom Privateigentum bedingte und das Privateigentum schaffende Tätigkeit. Die Aufhebung des Privateigentums wird also erst zu einer Wirklichkeit, wenn sie als Aufhebung der ‚Arbeit‘ gefaßt wird ...“ (Marx 1972, S.436). Auch im Kapital selbst finden sich Passagen, die noch an diese frühe Einsicht erinnern. Doch geht es mir hier nicht darum, die Ambivalenzen im Marxschen Denken in bezug auf die „Arbeit“ nachzuzeichnen (vgl. dazu etwa Kurz 1995), sondern ich möchte direkt zu der Frage kommen, was es mit dieser Kategorie auf sich hat. Ist die „Arbeit“ tatsächlich eine anthropologische Konstante? Können wir sie als solche zum unproblematischen Ausgangspunkt einer Analyse der Warengesellschaft machen? Meine Antwort ist ein eindeutiges Nein.

Marx unterscheidet zwischen abstrakter und konkreter Arbeit und nennt dies den spezifischen Doppelcharakter der Arbeit in der warenproduzierenden Gesellschaft. Damit legt er nahe (und spricht es auch explizit aus), daß erst auf der Ebene dieser Verdoppelung oder Aufspaltung ein Abstraktionsprozeß stattfindet. Abstrakt ist die abstrakte Arbeit, insofern sie von den konkreten stofflichen Eigenschaften und Besonderheiten der jeweils spezifischen Tätigkeiten: etwa Schneiderarbeit, Tischlerarbeit oder Metzgerarbeit, absieht und sie auf ein gemeinsames Drittes reduziert. Marx übersieht hier aber (und der Marxismus hat ohnehin kein Problembewußtsein auf dieser Ebene entwickelt), daß bereits die Arbeit als solche eine Abstraktion ist. Und zwar nicht einfach eine Denkabstraktion, wie Baum, Tier oder Pflanze, sondern eine historisch durchgesetzte, gesellschaftsmächtige Realabstraktion, die die Menschen unter ihre Gewalt zwingt.

Abstrahieren heißt im Wortsinne abziehen oder von etwas abziehen. In welchem Sinne ist nun die Arbeit eine Abstraktion, also ein Abzug von etwas? Das gesellschaftlich-historisch Spezifische an der Arbeit ist selbstverständlich nicht, daß überhaupt Dinge produziert und verschiedenste gesellschaftliche Tätigkeiten verrichtet werden. Das muß in der Tat jede Gesellschaft tun. Spezifisch ist die Form, in der dies in der kapitalistischen Gesellschaft geschieht. Wesentlich für diese Form ist zunächst einmal, daß die Arbeit eine gesonderte, vom übrigen gesellschaftlichen Zusammenhang abgetrennte Sphäre ist. Wer arbeitet, der arbeitet nur und tut sonst nichts anderes. Ausruhen, sich vergnügen, seinen Interessen nachgehen, lieben usw. das hat außerhalb der Arbeit zu geschehen oder darf sich zumindest nicht störend auf die durchrationalisierten Funktionsabläufe auswirken. Natürlich gelingt das nie ganz, weil der Mensch nun einmal trotz jahrhundertelanger Zurichtung nicht ganz zur Maschine gemacht werden konnte. Aber die Rede ist ja hier von einem Strukturprinzip, das in völliger Reinheit empirisch nie vorkommt — obwohl zumindest in Mitteleuropa der empirische Arbeitsprozeß schon sehr weitgehend diesem schrecklichen Idealtypus entspricht. Aus diesem Grund, also aufgrund des Ausschlusses aller Momente von Nicht-Arbeit aus der Sphäre der Arbeit, geht die historische Durchsetzung der Arbeit mit der Herausbildung weiterer separierter gesellschaftlicher Sphären einher, in die jene abgespaltenen Momente verbannt werden; Sphären, die selbst exklusiven Charakter gewinnen (ganz im Wortsinne von Exklusion, also Ausschluß): Freizeit, Privatheit, Kultur, Politik, Religion etc.

Wesentliche Strukturbedingung für diese Aufspaltung des gesellschaftlichen Zusammenhangs ist das moderne Geschlechterverhältnis mit seinen dichotomisch-hierarchischen Zuschreibungen von Männlichkeit und Weiblichkeit. Die Sphäre der Arbeit fällt dabei eindeutig in das Reich des „Männlichen“, worauf schon die subjektiven Anforderungen verweisen, die hier gestellt werden: abstrakte Zweckrationalität, Sachlichkeit, formales Denken, Konkurrenzorientierung etc.; Anforderungen, denen selbstverständlich auch Frauen gerecht werden müssen, die es im Beruf „zu etwas bringen“ wollen. Doch kann dieses Reich des Männlichen strukturell nur vor dem Hintergrund des abgespaltenen und inferior gesetzten Reiches des Weiblichen existieren, in dem sich der Arbeitsmann wieder regenerieren kann, weil sich dort idealiter die treusorgende Hausfrau um sein leibliches und emotionales Wohl kümmert. Dieser strukturelle Zusammenhang, den die bürgerliche Ideologie seit jeher idealisiert und romantisiert hat (in unzähligen schwülstigen Lobpreisungen der liebevollen und aufopferungswilligen Ehefrau und Mutter), ist von der feministischen Forschung in den letzten 30 Jahren ja mehr als hinreichend analysiert und belegt worden. Insofern läßt sich wohl ohne weiteres die These vertreten, daß die Arbeit und das moderne, hierarchische Geschlechtverhältnis untrennbar miteinander verknüpft sind. Beides sind grundlegende Strukturprinzipien der bürgerlich-warenförmigen Gesellschaftsordnung.

Ich kann hier diesen Zusammenhang als solchen nicht weiter verfolgen, denn das Thema meines Vortrags sind ja die spezifischen Vermittlungen und inneren Widersprüchen innerhalb des historisch-strukturell männlich besetzten Reichs von Arbeit, Ware und Wert. Ich will also dorthin zurückkehren. Oben hatte ich bemerkt, daß die Arbeit, als spezifische Form warengesellschaftlicher Tätigkeit, schon insofern per se abstrakt ist, weil sie eine separierte, vom übrigen gesellschaftlichen Zusammenhang abgezogene Sphäre konstituiert. Und als solche existiert sie überhaupt nur, wo die Warenproduktion bereits zur bestimmenden Form der Vergesellschaftung geworden ist; das heißt im Kapitalismus, wo die menschliche Tätitgkeit in der Form der Arbeit keinem anderen Zweck dient, als der Verwertung des Werts.

In diese Sphäre der Arbeit treten die Menschen aber nicht freiwillig ein. Sie tun es, weil sie in einem langen und blutigen historischen Prozeß von den elementarsten Produktions- und Existenzmitteln getrennt worden sind und nun nur überleben können, indem sie sich auf Zeit verkaufen oder genauer gesagt, indem sie ihre Lebensenergie für einen äußerlichen und gleichgültigen Zweck als Arbeitskraft verkaufen. Daher bedeutet Arbeit für sie prinzipiell einen elementaren Abzug an Lebensenergie und ist also auch in dieser Hinsicht eine höchst reale Abstraktion. Nur deshalb geht übrigens auch die Gleichung auf: Arbeit = Leiden, wie sie die ursprüngliche Wortbedeutung des Verbs laborare noch transportierte.

Schließlich aber herrscht die Abstraktion in der Sphäre der Arbeit auch in Gestalt eines ganz spezifischen, nämlich abstrakt-linearen und homogenen Zeitregiments. Was zählt, ist die objektiv meßbare, also vom subjektiven Empfinden, Fühlen und Erleben der arbeitenden Individuen abgetrennte Zeit. Das Kapital hat sie für einen genau definierten Zeitraum gemietet und in diesem Zeitraum müssen sie einen maximalen Output an Waren oder Dienstleistungen produzieren. Jede Minute, die sie nicht dafür aufwenden, ist vom Standpunkt des Käufers der Ware Arbeitskraft eine Verschwendung. Jede einzelne Minute ist wertvoll und zählt insofern gleich, als sie im buchstäblichen Sinne potentiell Wert darstellt.

Historisch stellt die Durchsetzung des abstrakt-linearen und homogenen Zeitregiments wohl einen der schärfsten Brüche mit allen vorkapitalistischen Gesellschaftsordnungen dar. Bekanntlich bedurfte es vieler Jahrhunderte manifesten Zwangs und offener Gewaltanwendung, bis die Masse der Menschen diese Form des Zeitbezugs verinnerlicht hatte und nichts mehr dabei fand, jeden Tag pünktlich zu einer ganz bestimmten Uhrzeit in der Fabrik oder im Büro anzutreten, ihr Leben an der Pforte abzugeben und sich für einen genau abgegrenzten Zeitabschnitt dem gleichmäßigen Rhythmus der vorgegebenen Produktions- und Funktionsabläufe zu unterwerfen. Schon allein dieses wohlbekannte Faktum zeigt, wie wenig selbstverständlich die unter dem Namen Arbeit durchgesetzte Form gesellschaftlicher Tätigkeit ist.

Wenn also Arbeit als solche keine anthropologische Konstante, sondern selbst schon eine Abstraktion ist (allerdings eine gesellschaftlich höchst wirkungsmächtige Abstraktion), was hat es dann mit dem Doppelcharakter der in den Waren dargestellten Arbeit auf sich, den Marx analysiert und der die Grundlage seiner Werttheorie bildet? Bekanntlich stellt Marx fest, daß die warenproduzierende Arbeit zwei Seiten hat: eine konkrete und eine abstrakte. Als konkrete Arbeit ist sie Bildnerin von Gebrauchswerten, produziert also bestimmte nützliche Dinge. Als abstrakte Arbeit dagegen ist sie die Verausgabung von Arbeit überhaupt, also von Arbeit jenseits jeglicher qualitativen Bestimmung. Als solche bildet sie den in den Waren dargestellten Wert. Was aber verbleibt jenseits jeglicher qualitativer Bestimmung? Das einzige, was alle verschiedenen Sorten von Arbeit gemeinsam haben, wenn man von ihrer stofflich-konkreten Seite abstrahiert, ist ganz eindeutig, unterschiedliche Sorten der Verausgabung von abstrakter Arbeitszeit zu sein. Die abstrakte Arbeit ist also die Reduktion aller warenproduzierenden Arbeiten auf diesen einen gemeinsamen Nenner. Sie macht sie vergleichbar und damit gegeneinander austauschbar, indem sie sie auf die reine abstrakte, verdinglichte Quantität verflossener Zeit reduziert. Als solche bildet sie die Sübstanz des Werts.

Fast alle marxistischen Theoretiker haben diese ganz und gar nicht selbstverständliche begriffliche Bestimmung als platte Definition einer anthropologischen und quasi-naturgesetzlichen Tatsache aufgefaßt und als solche unreflektiert wiedergekäut. Sie haben nie verstanden, wieso sich Marx solche Mühe mit dem ersten Kapitel des Kapital gemacht hat (das ja mehrfach umgeschrieben wurde) und warum er einen scheinbar so einleuchtenden Sachverhalt durch eine hegelsche Sprache angeblich unnötig verunklarte. So selbstverständlich dem Marxismus die Arbeit war, so selbstverständlich erschien es ihm auch, daß diese Wert im ganz buchstäblichen Sinne produziert, so wie der Bäcker Brötchen bäckt, und daß im Wert die vergangene Arbeitszeit als tote aufbewahrt wird. Auch bei Marx selbst bleibt allerdings unklar, daß die abstrakte Arbeit selbst schon die Arbeit als spezifische Form gesellschaftlicher Tätigkeit logisch und historisch voraussetzt; daß sie also die Abstraktion einer Abstraktion ist; oder anders gesagt, daß die Reduktion einer Tätigkeit auf homogene Zeiteinheiten die Existenz eines abstrakten Zeitmaßes voraussetzt, welches die Sphäre der Arbeit als solche beherrscht. Ein mittelalterlicher Bauer zum Beispiel wäre nie auf die Idee gekommen, etwa das Abernten seines Feldes in Stunden und Minuten zu messen, nicht weil er keine Uhr besaß, sondern weil diese Tätigkeit in seinem Lebenszusammenhang aufging und ihre zeitliche Abstraktifizierung keinen Sinn gemacht hätte.

Obwohl aber Marx das Verhältnis von Arbeit als solcher und abstrakter Arbeit nicht hinreichend klärt, läßt er doch keinen Zweifel über die vollkommene Verrücktheit einer Gesellschaft, in der die menschliche Tätigkeit, also ein lebendiger Prozeß, zur dinglichen Form gerinnt und sich als solche zur beherrschenden sozialen Macht aufschwingt. Die landläufige Vorstellung, dies sei ein natürliches Faktum, ironisiert Marx, wenn er etwa gegenüber der positivistischen Werttheorie der klassischen Politischen Ökonomie bemerkt: „Bisher hat noch kein Chemiker Tauschwert in Perle oder Diamant entdeckt“ (MEW 23, S. 98). Wenn Marx also zeigt, daß die abstrakte Arbeit die Substanz des Werts ausmacht und daher auch die Wertgröße durch die durchschnittlich verausgabte Arbeitszeit bestimmt wird, dann verfällt er damit keinesfalls der physiologistischen oder naturalistischen Sichtweise der ökonomischen Klassik, wie mein Co-Referent Michael Heinrich in seinem Buch „Die Wissenschaft vom Wert“ behauptet. Wie der bessere Teil des bürgerlichen Denkens seit der Aufklärung überhaupt begreift die ökonomische Klassik zwar die bürgerlichen Verhältnisse bis zu einem gewissen Grad, aber nur um sie kurzerhand zur „natürlichen Ordnung“ zu erklären. Marx kritisiert diese Ideologisierung der herrschenden Verhältnisse, indem er sie als fetischistischen Reflex einer fetischistischen Wirklichkeit entziffert. Er zeigt, daß der Wert und die abstrakte Arbeit keine bloße Einbildungen sind, die sich die Menschen nur aus dem Kopf zu schlagen brauchten. Vielmehr treten ihnen unter den Bedingungen des immer schon vorausgesetzten und ihr Denken und Handeln konstituierenden Systems von Arbeit und moderner Warenproduktion ihre Produkte tatsächlich als Ausdrücke verdinglichter abstrakter Arbeitszeit entgegen, als ob sie eine Naturgewalt wären. Ihre eigenen gesellschaftlichen Verhältnisse sind den bürgerlichen Menschen zur „zweiten Natur“ geworden, wie Marx es treffend formuliert. Das macht den Fetischcharakter von Wert, Ware und Arbeit aus.

Alfred Sohn-Rethel hat für diese verrückte Form der Abstraktion den Begriff der Realabstraktion geprägt. Damit meinte er einen Abstraktionsvorgang, der nicht im Bewußtsein der Menschen als Denkakt vollzogen wird, sondern der als apriorische Struktur gesellschaftlicher Synthesis ihrem Denken und Handeln vorausgesetzt ist und dieses bestimmt. Für Sohn-Rethel war die Realabstraktion allerdings identisch mit dem Tauschakt; sie herrscht also dort, wo sich die Waren im Funktionszusammenhang des Marktes gegenübertreten. Erst hier, so seine Argumentation, wird Ungleiches gleich gemacht, werden qualitativ verschiedene Dinge auf ein gemeinsames Drittes reduziert: auf den Wert bzw. den Tauschwert. Worin besteht jedoch dieses gemeinsame Dritte? Wenn die verschiedenen Waren im Wert bzw. Tauschwert als unterschiedlich große Ausdrücke abstrakter Quantität auf einen Nenner gebracht werden, muß man auch angeben können, welches der Inhalt dieses ominösen Werts und welches sein Maßstab ist. Die Antworten hierauf bleibt Sohn-Rethel schuldig. Und das liegt nicht zuletzt an seinem verkürzten, man muß fast sagen: mechanischen, Begriff des warengesellschaftlichen Zusammenhangs.

Danach erscheint nämlich die Sphäre der Arbeit als vorgesellschaftlicher Raum, in dem private Produzenten ihre Produkte noch völlig unberührt von jeder bestimmten gesellschaftlichen Form herstellen. Erst im nachhinein werfen sie diese als Waren in die Sphäre der Zirkulation, wo dann im Tausch von ihren stofflichen Besonderheiten (und damit indirekt von der auf sie verausgabten konkreten Arbeit) abstrahiert wird und sie sich somit in Träger von Wert verwandeln. Diese Sichtweise, die Produktions- und Zirkulationssphäre auseinander reißt und äußerlich gegenüberstellt, verfehlt jedoch völlig den inneren Zusammenhang des warenproduzierenden Systems der Moderne. Sohn-Rethel verwechselt hier systematisch zwei Ebenen der Betrachtung: Erstens das notwendige zeitliche Nacheinander von Produktion und Verkauf einer einzelnen Ware. Und zweitens die diesem einzelnen Vorgang immer schon vorausgesetzte logische und realgesellschaftliche Einheit von Verwertungs- und Austauschprozeß.

Ich möchte hier etwas ausführlicher darauf eingehen, weil diese Sichtweise keinesfalls eine Spezialität von Sohn-Rethel, sondern im Gegenteil in verschiedenen Varianten weitverbreitet ist. Auch im erwähnten Buch von Michael Heinrich (1991) findet sie sich auf Schritt und Tritt. Heinrich behauptet dort (um nur ein Zitat unter vielen herauszugreifen), die Warenkörper erhielten „ihre Wertgegenständlichkeit nur innerhalb des Austausches“ und fährt dann folgendermaßen fort: „Isoliert, für sich betrachtet ist der Warenkörper nicht Ware, sondern bloßes Produkt“ (Heinrich 1991, S. 173). Zwar zieht Heinrich aus dieser und vielen anderen gleichgelagerten Aussagen nicht die selben theoretischen Schlußfolgerungen wie Sohn-Rethel, doch liegen sie in der Logik seiner eigenen Argumentation. Nur durch wenig überzeugende theoretische Hilfskonstruktionen (im Kern durch das Auseinanderreißen von Wertform und Wertsubstanz) kann er ihnen ausweichen (vgl. Heinrich 1991, S. 187 sowie die Kritik von Backhaus/Reichelt 1995).

Selbstverständlich werden im kapitalistischen Produktionsprozeß die Produkte nicht als unschuldige nützliche Dinge hergestellt, die erst a posteriori auf den Markt gelangen, sondern jeder Produktionsvorgang ist von vorneherein auf die Verwertung von Kapital ausgerichtet und entsprechend organisiert. Das heißt, die Produkte werden bereits in der fetischistischen Form des Wertdings hergestellt; sie sollen nur einen einzigen Zweck erfüllen: die für ihre Produktion aufgewandte abstrakte Arbeitszeit in der Form von Wert darzustellen. Die Sphäre der Zirkulation, der Markt, dient daher daher auch nicht einfach dem Warentausch; vielmehr ist sie der Ort, an dem der an den Produkten dargestellte Wert realisiert wird oder jedenfalls realisiert werden soll. Damit dies überhaupt gelingen kann (notwendige aber nicht hinreichende Bedingung) müssen die Waren bekanntlich auch Gebrauchsdinge sein; doch Gebrauchsdinge nur für den potentiellen Käufer. Die stofflich-konkrete Seite der Ware, also der Gebrauchswert ist nicht Sinn und Zweck der Produktion, sondern nur ein gewissermaßen unvermeidlicher Nebeneffekt. Vom Standpunkt der Verwertung könnte gut und gern darauf verzichtet werden (und gewisser Hinsicht geschieht dies auch, indem massenhaft völlig unsinnige Dinge hergestellt werden oder solche, die in kürzester Zeit verschleißen), doch kommt der Wert nicht ohne einen stofflichen Träger aus. Denn niemand kauft „tote Arbeitszeit“ als solche, sondern nur dann, wenn sich diese an einem Gegenstand darstellt, dem der Käufer einen irgendwie gearteten Nutzen zuschreibt.

Daher bleibt auch die konkrete Seite der Arbeit von der vorausgesetzten Form der Vergesellschaftung keinesfalls unberührt. Ist die abstrakte Arbeit die Abstraktion einer Abstraktion, so stellt die konkrete Arbeit nur das Paradoxon der konkreten Seite einer Abstraktion (nämlich der Form-Abstraktion „Arbeit“) dar. „Konkret“ ist sie nur in dem ganz engen und bornierten Sinne, daß die unterschiedlichen Waren nun einmal stofflich unterschiedliche Produktionsvorgänge erfordern: ein Auto wird anders hergestellt als eine Aspirintablette oder ein Bleistiftspitzer. Doch auch diese Produktionsvorgänge verhalten sich technisch und organisatorisch dem vorausgesetzten Zweck der Verwertung gegenüber alles andere als neutral. Ich brauche wohl nicht groß zu erläutern, wie es um den kapitalistischen Produktionsprozeß in dieser Hinsicht bestellt ist: er ist einzig und allein nach der Maxime organisiert, möglichst viele Produkte in möglichst kurzer Zeit herzustellen. Das nennt sich dann betriebswirtschaftliche Effizienz. Die konkret-stoffliche Seite der Arbeit ist also nichts anderes als die handfeste Gestalt, in der das Zeitdiktat der abstrakten Arbeit den Arbeitenden gegenübertritt und sie unter ihren Rhythmus zwingt.

Insofern ist es auch durchaus richtig, zu behaupten, daß die im System der abstrakten Arbeit produzierten Waren auch dann schon Wert darstellen, wenn sie noch nicht in die Zirkulationssphäre eingetreten sind. Daß die Realisation des Werts mißlingen kann, Waren also unverkäuflich sein oder nur weit unter ihrem Wert abgesetzt werden können, liegt in der Logik der Sache, betrifft aber eine ganz andere Ebene des Problems. Denn um überhaupt in den Zirkulationsprozeß einzutreten, muß ein Produkt sich bereits in der fetischistischen Form des Wertdings befinden; und da es als solches nichts als die Darstellung von vergangener abstrakter Arbeit ist (und das heißt immer auch von vergangener abstrakter Arbeitszeit), besitzt es notwendig immer auch schon eine bestimmte Wertgröße. Denn als reine Form ohne Substanz (das heißt ohne die abstrakte Arbeit) kann der Wert nicht existieren, ohne in die Krise zu geraten und letztlich daran zu zerbrechen.

Nun wird die Wertgröße einer Ware bekanntlich nicht durch die unmittelbar für ihre individuelle Herstellung aufgewandte Arbeitszeit, sondern durch die im gesellschaftlichen Durchschnitt notwendige Arbeitszeit bestimmt. Dieser Durchschnitt wiederum ist keine fixe Größe, sondern verändert sich zusammen mit dem jeweils gültigen Niveau der Produktivkraft (das heißt, im säkularen Trend sinkt die notwendige Arbeitszeit pro Ware und damit auch die an ihr dargestellte Wertmenge). Als Maßstab des Werts ist er aber jedem einzelnen Produktionsvorgang immer schon vorausgesetzt und regiert als unerbittlicher Herrscher in ihn hinein. Ein Produkt stellt also eine bestimmte Quantität abstrakter Arbeitszeit nur insoweit dar, als es vor dem Richtstuhl des gesellschaftlichen Produktivitätsmaßes bestehen kann. Wird in einem Betrieb unterproduktiv gearbeitet, repräsentieren seine Produkte natürlich nicht mehr Wert als solche, die unter den gesellschaftlichen Durchschnittsbedingungen gefertigt wurden. Der betreffende Betrieb muß deshalb auf die Dauer seine Produktivität anheben oder vom Markt verschwinden.

Ein wenig verwirrend in diesem Zusammenhang ist, daß die Wertgegenständlichkeit und die Wertgröße nicht am einzelnen Produkt erscheinen, sondern erst im Warentausch; also erst, wenn sie in direkte Relation zu anderen Produkten abstrakter Arbeit treten. Der Wert einer Ware erscheint dann in der anderen Ware. Also beispielsweise mag sich der Wert von 10 Eiern in 2 Kilo Mehl ausdrücken. Bei entwickelter Warenproduktion (und von der ist ja hier immer die Rede) wird der Platz dieser anderen Ware von einem allgemeinen Äquivalenten eingenommen: dem Geld, in dem sich der Wert aller Waren ausdrückt und der als gesellschaftlicher Wertmaßstab fungiert. Davon zu sprechen, daß der Wert in der Form des Tauschwerts erst auf der Ebene der Zirkulation erscheint, setzt bereits die Einsicht voraus, daß er nicht hier entsteht, wie Sohn-Rethel und andere Tauschtheoretiker sowie alle Vertreter der subjektiven Wertlehre meinen; die Einsicht also, daß es einen Unterschied zwischen dem Wesen des Werts und seinen Erscheinungsformen gibt.

Die subjektive Wertlehre, die in ihrem platten Empirismus dem Schein der Zirkulation aufsitzt, hat die Arbeitswerttheorie immer als Metaphysik verhöhnt, ein Vorwurf, der im postmodernistischen Gewand wieder Hochkonjunktur hat. Ungewollt plaudert sie damit einiges über den fetischistischen Charakter der warenproduzierenden Gesellschaft aus. Wenn die verdinglichten gesellschaftlichen Beziehungen sich zur blinden Macht über die Menschen aufwerfen: was ist das anderes als inkarnierte Metaphysik? Worauf sich die subjektive Wertlehre aber auch der marxistische Positivismus stützt, ist die Tatsache, daß der Wert partout nicht empirisch dingfest gemacht werden kann. Denn in der Tat kann weder die Arbeitssubstanz aus den Waren herausgefiltert werden, noch läßt sich überhaupt von der Ebene der empirischen Erscheinung (also von der Ebene der Preise) in konsistenter Form auf die Warenwerte zurückrechnen. Wo ist also der ominöse Wert?, fragen unsere Positivisten, nur um dann sogleich die ganze Fragestellung zu verwerfen. Denn was nicht empirisch greifbar und meßbar ist, existiert in ihrem Weltbild nach nicht.

Diese Kritik trifft aber nur eine krude und selbst positivistische Variante der Arbeitswerttheorie, wie sie allerdings für den größten Teil des Marxismus typisch ist. Denn der bezog sich immer im doppelten Sinne positiv auf die Kategorie des Werts: Erstens wurde, wie bereits erwähnt, der Wert tatsächlich als eine natürliche oder anthropologische Tatsache betrachtet. Es erschien also als vollkommen selbstverständlich, daß vergangene Arbeit bzw. Arbeitszeit buchstäblich als Ding in den Produkten aufbewahrt werden kann. Zumindest aber mußte der rechnerische Beweis erbracht werden können, wie sich aus dem Wert einer Ware ihr davon abweichender Preis ergibt. Und zweitens war es dann nur konsequent, zu versuchen, die gesellschaftliche Produktion mit Hilfe dieser positiv aufgefaßten Kategorie zu steuern. Ein Hauptvorwurf an den Kapitalismus lautete daher auch, auf dem Markt würden die „wirklichen Werte“ der Produkte verschleiert und nicht zur Geltung kommen. Im Sozialismus dagegen sei es, nach einer berühmten Sentenz von Engels, ein Leichtes, genau nachzurechnen, wieviel Arbeitsstunden in einer Tonne Weizen oder Eisen „steckten“.

Das war das zum Scheitern verurteilte Kernprogramm des gesamten Realsozialismus und in verdünnter Form auch der Sozialdemokratie, das von ganzen Legionen sogenannter Polit-Ökonomen vorgedacht und mehr oder weniger kritisch-konstruktiv begleitet wurde. Zum Scheitern verurteilt war es, weil der Wert eine nichtempirische Kategorie ist, die ihrem Wesen nach nicht dingfest gemacht werden kann, sondern sich als fetischistische hinter dem Rücken handelnder Menschen durchsetzt und ihnen ihre blinden Gesetze aufherrscht. Es ist aber ein Widerspruch in sich, ein bewußtloses Verhältnis bewußt steuern zu wollen. Die historische Strafe für den Versuch konnte deshalb nicht ausbleiben.

Wenn ich nun aber gesagt habe, der Wert sei eine nicht-empirische Kategorie, heißt das dann auch, daß er keinerlei Relevanz für reale ökonomische Entwicklung besitzt? Natürlich nicht. Es bedeutet nur, daß der Wert nicht als solcher dingfest gemacht werden kann, sondern durch verschiedene Vermittlungsebenen hindurch muß, ehe er in verwandelter Gestalt an der ökonomischen Oberfläche erscheint. Was Marx im Kapital leistet, ist, den logischen und strukturellen Zusammenhang dieser Vermittlungsebenen nachzuweisen. Er zeigt, wie sich ökonomische Oberflächen-Kategorien wie Preis, Profit, Lohn, Zins etc. aus der Kategorie des Werts und ihrer inneren Bewegungsdynamik ableiten und daher auch analytisch verfolgen lassen. Keinesfalls saß er aber der Illusion auf, diese Vermittlungen ließen sich empirisch im einzelnen nachrechnen, so wie es die Volkswirtschaftslehre und der positivistisch abgerüstete Marxismus verlangen (ohne diesen Anspruch jedoch selbst jemals einlösen zu können). Doch das ist kein Manko der Werttheorie, sondern verweist nur auf die Bewußtlosigkeit dieser Vermittlungen. Marx hatte jedoch nie den Anspruch, eine positive Theorie zu formulieren, die gar als wirtschaftspolitisches Instrument geeignet wäre. Sein Anliegen war es, die Verrücktheit, innere Widersprüchlichkeit und damit letztliche Unhaltbarkeit der auf dem Wert basierenden Gesellschaft nachzuweisen. Insofern ist seine Werttheorie im Kern eine Wertkritik (nicht zufällig trägt sein Hauptwerk ja den Untertitel „Kritik der Politischen Ökonomie“) und zugleich wesentlich Krisentheorie.

Die empirische Fundierung der Wertkritik im allgemeinen und der Krisentheorie im besonderen kann also der inneren Logik der Sache nach überhaupt nicht quasi-naturwissenschaftlich in Gestalt einer exakten Mathematisierung erfolgen. Wo dieser methodische Maßstab apriori angelegt wird, wie etwa in der berühmt-berüchtigten Wert-Preis-Transformationsdebatte des akademischen Marxismus, ist der Begriff des Werts und des von ihm konstituierten Gesamtzusammenhangs bereits grundlegend verfehlt. Freilich lassen sich Wertkritik und Krisentheorie durchaus empirisch untermauern, nur muß die Methode die inneren Vermittlungen und Widersprüche ihres Gegenstandes nachvollziehen. Was dies konkret bedeutet, kann ich hier nur andeuten. Nehmen wir zum Beispiel den grundlegenden krisentheoretischen Befund, daß das Kapital seit den siebziger Jahren durch die weltweite, absolute Verdrängung von lebendiger Arbeitskraft aus dem Verwertungsprozeß die historischen Grenzen seiner eigenen Expansionskraft und damit auch seiner Existenzfähigkeit erreicht hat. Anders ausgedrückt: daß die modene Warenproduktion in einen fundamentalen Krisenprozeß eingetreten ist, der nur in ihrem Untergang münden kann.

Dieser Befund beruht selbstverständlich nicht auf einer rein logisch-begrifflichen Ableitung, sondern ergibt sich aus dem theoretischen und empirischen Nachvollzug der strukturellen Umbrüche im warenproduzierenden Weltsystem seit dem Ende des Fordismus. Dazu gehört etwa, als grundlegendes Faktum, die Abschmelzung der Arbeitssubstanz (also der verausgabten abstrakten Arbeitszeit auf der Höhe des herrschenden Produktivkraftniveaus) in den produktiven Kernsektoren der Weltmarktproduktion: weiterhin etwa der fortschreitende Rückzug des Kapitals aus riesigen Weltregionen, die weitgehend von den Waren- und Investitionsströmen abgekoppelt und sich selbst überlassen werden. Schließlich ordnet sich aber auch die gewaltige Aufblähung und Entfesselung der Kredit- und Spekulationsmärkte in diesen Zusammenhang ein; daß dort in einem historisch nie dagewesenen Ausmaß fiktives Kapital aufgehäuft wurde, erklärt zum einen, wieso der Kriseneinbruch in den Kernregionen des Weltmarkts bisher vergleichsweise milde ausgefallen ist, läßt zum anderen aber auch auf die durchschlagende Gewalt des jetzt kurz bevorstehenden Entwertungsschubs schließen.

Sicher kann eine wertkritisch fundierte Krisentheorie in einzelnen Diagnosen falsch liegen und sie kann auch nicht jede Verlaufs form des Krisenprozesses antizipieren, obwohl sie sich durchaus auch in Detailanalysen bewährt. Jedenfalls aber kann sie theoretisch und empirisch nachweisen, daß es keinen neuen säkularen Akkumulationsschub mehr geben wird, sondern daß der Kapitalismus unwiderruflich in eine barbarische Niedergangs- und Zerfallsepoche eingetreten ist. Dieser Nachweis fällt notwendig mit der unerbittlichen Kritik an Arbeit, Ware, Wert und Geld zusammen und verfolgt kein anderes Ziel, als die Aufhebung dieser fetischistischen Realabstraktionen; und damit übrigens auch, da ja der eigene Gültigkeitsbereich aufgehoben werden soll, die Selbstaufhebung der Werttheorie.

Untergang des Kapitalismus? Die ‚Krisis‘ und die Krise

Michael Heinrich

Überarbeitetes Referat, gehalten an der Universität Wien am 24. Juni 1998 bei der Veranstaltung „Was ist der Wert, was soll die Krise?“.

In der Vergangenheit hat der Kreis um die Zeitschrift Krisis, dem auch mein Co-Referent Norbert Trenkle angehört, die über den Wert vermittelte Form der Vergesellschaftung als den eigentlichen Ansatzpunkt ihrer Kritik hervorgehoben. Damit unterscheidet sich dieser Kreis positiv von vielen anderen, sich als links verstehenden Gruppen. Wie es sich für eine ordentliche Kontroverse gehört, werde ich mich im Folgenden äußerst kritisch mit Trenkle und der Krisis-Gruppe auseinandersetzen, doch sollte man berücksichtigen, daß dies vor dem Hintergrund solcher Gemeinsamkeiten erfolgt. Das Referat von Norbert Trenkle, auf das ich mich im folgenden beziehe, erschien in Streifzüge 3/1998.

Wert und Tausch

In seinem Text hebt Trenkle hervor, daß „Arbeit“ keine ahistorische Bedingung menschlichen Lebens, sondern eine besondere historische Form menschlicher Lebenstätigkeit ist, die sich erst mit der Verallgemeinerung der Warenproduktion durchsetzt. „Arbeit“ sei hier eine von allen anderen Lebensbereichen abgetrennte und einem abstrakten Zeitregime unterworfene Tätigkeit und somit selbst schon eine Abstraktion (also noch vor der Unterscheidung in abstrakte und konkrete Arbeit). Dem ist ohne weiteres zuzustimmen und richtig ist auch, daß dieser Sachverhalt im „Kapital“ nicht besonders klar herauskommt, sondern durch Marx’ Rede von der (nützlichen) Arbeit als „ewiger Naturnotwendigkeit“ (MEW 23, S. 57) eher verschleiert wird, [1] Und genauso berechtigt ist auch die Kritik an der im Marxismus weit verbreiteten Auffassung, daß „die Arbeit“ genauso Wert produzieren würde wie etwa der Bäcker die Brötchen (Trenkle S. 8).

Um so erstaunlicher ist daher die dann folgende Argumentation von Trenkle, die sich kritisch auf mein Buch „Die Wissenschaft vom Wert“ bezieht. Dort hatte ich unter anderem zu zeigen versucht, daß die werttheoretischen Grundbegriffe von Marx gewisse Ambivalenzen aufweisen, so auch sein Begriff der wertbildenden abstrakten Arbeit. Einerseits findet sich ein „naturalistisches Konzept“, das abstrakte Arbeit als Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im „physiologischen“ Sinne auffaßt (vgl. MEW 23, S. 61), die (ganz wie der Bäcker die Brötchen) unabhängig von allen Tauschvorgängen Wert „produziert“, der somit bereits dem einzelnen Produkt zukommt. Andererseits gibt es bei Marx aber auch ein „gesellschaftliches“ Konzept abstrakter Arbeit. Hier beruht abstrakte Arbeit nicht auf „natürlichen“ Attributen „der“ Arbeit — und nichts anderes ist die von Marx angeführte Verausgabung von Hirn, Muskel, Nerv etc., (MEW 23, S. 58) — sondern auf einem bestimmten gesellschaftlichen Geltungsverhältnis: Im Tausch gelten die verschiedenen Arbeiten als gleiche, was aber nur möglich ist, wenn von ihrer realen Verschiedenheit abstrahiert wird. Abstrakte Arbeit verdankt sich dann nicht „natürlichen“ Eigenschaften „der Arbeit“, sondern einer unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen stattfindenden Zuschreibung, die aber nur möglich ist, wenn „Ware“ im Plural auftritt (vgl. dazu MEW 23, S. 87f; MEGA II.6, S. 41 sowie Heinrich 1991, S. 167ff).

Die von mir kritisierte naturalistische Tendenz bei Marx wird nun aber von Trenkle (S. 8) insofern verteidigt, als er es als ganz wesentlich ansieht, daß die Produkte noch vor dem Tausch Wertcharakter besitzen (Trenkle S. 9). Wenn ich Trenkle richtig verstehe, führt er dafür im wesentlichen zwei Gründe an. Erstens: Die kapitalistische Produktion geschieht nicht ins Blaue hinein, sondern ist immer schon auf den Markt ausgerichtet. Dies wird von niemandem bestritten, nur stellt sich die Frage, ob die Verwertungsabsicht des Kapitalisten und die entsprechende Organisation der Produktion bereits ausreicht, dem Produkt Wertgegegenständlichkeit zu verleihen, oder ob es diese erst im gesellschaftlichen Zusammenhang erhält. [2] „Davon zu sprechen, daß der Wert in der Form des Tauschwerts erst auf der Ebene der Zirkulation erscheint, setzt bereits die Einsicht voraus, daß er nicht hier entsteht, wie Sohn-Rethel und andere Tauschtheoretiker sowie alle Vertreter der subjektiven Wertlehre meinen; die Einsicht also, daß es einen Unterschied zwischen dem Wesen des Werts und seinen Erscheinungsformen gibt.“ (Trenkle S. 9) Hier scheint mir zum einen ein gewisser Kategorienfehler vorzuliegen, wenn aus dem „Ort“ einer „Erscheinungsform“ (Wert erscheint in der Zirkulationssphäre) geschlossen wird, daß das Wesen, das da erscheint, dann aber an einem anderen Ort „entstanden“ sein müsse (in der Produktionssphäre): Differenzen zwischen logischen Kategorien werden umstandslos mit Differenzen innerhalb einer räumlichen Metapher ineins gesetzt.

Wichtiger ist jedoch, daß Trenkle überhaupt die Frage stellt, „wo entsteht der Wert?“. Explizit oder implizit wurde diese Frage sowohl von der klassischen politischen Ökonomie als auch von der subjektiven Wertlehre gestellt und von der ersten mit „in der Produktionssphäre“ von der zweiten mit „in der Zirkulationssphäre“ beantwortet. Bei Marx (sofern er nicht gerade „naturalistisch“ argumentiert) wird dagegen deutlich, daß sich bereits diese Frage einer dem Fetischismus der Warenproduktion aufsitzenden Problemstellung verdankt. Für die Wertgegenständlichkeit gilt nämlich das Gleiche, was Marx für die Äquivalentform ausführte: es handelt sich um eine Eigenschaft, die einem Ding in einem bestimmten Verhältnis zu einem anderen Ding zukommt und da die Eigenschaften der Dinge normalerweise nicht aus ihren Verhältnissen zu anderen Dingen entspringen, sondern schon vorher da sind, scheinen sie ihre Eigenschaften unabhängig von diesem Verhältnis zu besitzen (vgl. MEW 23, S. 72). Daß den Waren ihre Wertgegenständlichkeit auch einzeln, unabhängig von dem gesellschaftlichen Zusammenhang zukommt, ist gerade der Schein, durch den eine gesellschaftliche Eigenschaft in eine natürliche verwandelt wird. Zweitens: Der Wert „entsteht“ daher nicht irgendwo und ist dann „da“, der Wert ist vielmehr die gegenständliche Reflexion eines bestimmten gesellschaftlichen Verhältnisses. Beim Brötchen macht es durchaus Sinn zu fragen, wo es „entstanden“ ist, ob in der Backstube oder auf der Ladentheke; glaubt man aber dem Wert mit derselben Frage beikommen zu können, dann deutet dies daraufhin, daß man doch noch die Vorstellung hat, daß die Arbeit in einer ähnlichen Weise den Wert produziert wie der Bäcker das Brötchen.

Aber warum ist diese Frage überhaupt so wichtig, daß man damit das Publikum quält? Tatsächlich geht es um das Verständnis der spezifischen Art von Gesellschaftlichkeit, die in der bürgerlichen Gesellschaft existiert. Zwischen den Produzenten (unter kapitalistischen Bedingungen: den kapitalistischen Unternehmen) existiert eine allseitige Abhängigkeit, zugleich sind diese Produzenten aber unabhängig voneinander, die Produktion ist „privat“. Inwieweit diese „Privatproduktion“ zum Bestandteil gesellschaftlicher Produktion wird, stellt sich erst im nachhinein heraus und zwar in einem über Geld (und weiterentwickelt: Kredit) vermittelten Prozeß. Verlegt man nun die Wertgegenständlichkeit bereits in das privat produzierte Produkt, dann gilt dieses bereits als an sich schon Gesellschaftliches; die Vermittlung, in der die private Produktion überhaupt erst als Gesellschaftliche anerkannt wird, wird dann zu einem bloßen Randphänomen. Aber gerade die Formen dieser Vermittlung werfen entscheidende theoretische Probleme auf: die zahlreichen Ansätze zur Wertformanalyse und der unvollendete (und auf der gegebenen Grundlage wahrscheinlich auch nicht vollendbare) Kreditabschnitt des dritten Bandes des „Kapital“ machen dies deutlich. Dementsprechend wurden im „klassischen“ Marxismus der Arbeiterbewegung, der ebenso wie Trenkle die Wertgegenständlichkeit der Produkte bereits mit der kapitalistischen Produktion als gegeben ansieht, gerade diese schwierigen Teile der Marxschen Ökonomiekritik weitgehend ignoriert. [3]

Profitrate, produktive Arbeit und Krise

In den recht knappen Ausführungen zur Krise referiert Trenkle (S. 10) die bekannte Zusammenbruchsthese der Krisis-Gruppe, „daß die moderne Warenproduktion in einen fundamentalen Krisenprozeß eingetreten ist, der nur in ihrem Untergang münden kann“, Begründungen werden allenfalls angedeutet.

Nun sind Zusammenbruchstheorien keineswegs neu. Sie gehörten vor 1914 zum ideologischen Kernbestand sowohl des „marxistischen Zentrums“ in der SPD um Bebel und Kautsky als auch des linken Flügels um Rosa Luxemburg (wenngleich diese Theorien unterschiedliche politische Funktionen hatten: beim Zentrum dienten sie der Rechtfertigung eines „revolutionären Attentismus“, man wartete auf den „großen Kladderadatsch“ (Bebel) und verwarf jede frühere revolutionäre Aktion als „voluntaristisch“; bei Luxemburg hatte die Zusammenbruchstheorie dagegen eine mobilisierende Funktion, die Linke hatte nicht nur den Gang der Geschichte auf ihrer Seite, es sollte auch die mit dem Zusammenbruch einhergehende Barbarei durch eine vorher stattfindende Revolution verhindert werden). Auch die kommunistischen Parteien der 20er und 30er Jahre hielten an der Zusammenbruchstheorie fest: Lenin hatte den Imperialismus bereits als verfaulenden, im Niedergang befindlichen Kapitalismus charakterisiert und als sich dieser Kapitalismus in den 20er Jahren unübersehbar erholte und sogar zu einer beschleunigten Entwicklung der Produktivkräfte führte, wo doch Stagnation vorhergesagt war, mußten Autoren wie Eugen Virga mit der These von der „allgemeinen Krise des Kapitalismus“ einspringen, wo jeder Aufschwung als letztes Aufbäumen vor dem endgültigen (und durch den Aufschwung noch beschleunigten!) Niedergang interpretiert wurde. Als dann der Marxismus im Gefolge der Studentenbewegung in den späten 60er und den 70er Jahren in Westeuropa wieder Konjunktur hatte, gab es auch wieder zusammenbruchstheoretische Ansätze (etwa bei Ernest Mandel), wenngleich sie nicht dieselbe Bedeutung erlangten wie früher. In den 80er Jahren waren sie weitgehend verschwunden, bis sie schließlich von Robert Kurz und der Zeitschrift Krisis wieder aus der Versenkung hervorgeholt wurden. Gerade angesichts der vielfach zutreffenden Kritik an den Bornierungen des klassischen Marxismus der Arbeiterbewegung ist es verwunderlich, daß sich die Krisis-Gruppe nun ausgerechnet mit dieser Perle des Arbeiterbewegungsmarxismus schmückt.

Problematisch sowohl bei den alten Zusammenbruchstheorien als auch bei ihrem neuerlichen Revival ist bereits der „Zusammenbruch“ selbst: was für einen gesellschaftlichen Zustand soll man sich darunter vorstellen? Elend und Massenarbeitslosigkeit überall? Aber was ist dann der Unterschied zu einer „normalen“ Krise? Oder wirklich das Ende der Warenproduktion? Aus Trenkles Text kann ich keine eindeutige Antwort entnehmen. Einerseits ist wie oben zitiert vom „Untergang der Warenproduktion“, also vom tatsächlichen Verschwinden der Produktionsweise die Rede. Andererseits soll „theoretisch und empirisch“ gezeigt worden sein, „daß es keinen neuen, säkularen Akkumulationsschub mehr geben wird, sondern daß der Kapitalismus unwiderruflich in eine barbarische Niedergangs- und Zerfallsepoche eingetreten ist“ (Trenkle S. 10). In diesem Fall gäbe es weiterhin Warenproduktion und Kapitalismus, aber stagnierend und mit fürchterlichen sozialen Auswirkungen.

Drei Argumente werden bei Trenkle angedeutet (und zum Teil in anderen Texten der Krisis-Gruppe ausgeführt), die zwar keinen endgültigen „Untergang“ der Warenproduktion, aber vielleicht den „unwiderruflichen“ Niedergang des Kapitalismus plausibel machen können: Erstens: die „Abschmelzung der Arbeitssubstanz ... in den produktiven Kernsektoren der Weltmarktproduktion“, zweitens der „fortschreitende Rückzug des Kapitals aus riesigen Weltregionen“, drittens die „gewaltige Aufblähung und Entfesselung der Kredit- und Spekulationsmärkte“.

Sehen wir uns diese Argumente im Einzelnen an. Am schwächsten scheint mir Argument Nr. 2 zu sein. Abgesehen davon, daß man diskutieren könnte, ob der hier genannte empirische Befund tatsächlich so zutrifft (d.h. gibt es tatsächlich „riesige Weltregionen“, die schon einmal kapitalisiert waren und erst jetzt entkapitalisiert werden?), läßt sich die behauptete globale Niedergangstendenz mit ihm nicht begründen. Betrachtet man die Entwicklung des Industriekapitalismus in den letzten 200 Jahren, so gab es ein ständiges Auf und Ab einzelner Regionen: Die frühen Industriereviere in Mittelengland, die Automobilindustrie in Detroit, das Ruhrgebiet — sie alle waren einmal zentrale Standorte des Kapitals, erfuhren einen Niedergang, neue Standorte (im amerikanischen Sunbelt, in Südengland, in Süddeutschland) entstanden, zum Teil konnten sich die alten Standorte erholen, zum Teil nicht. Dies gilt aber nicht nur für die Bedeutung von Regionen innerhalb eines Nationalstaats, sondern auch für die Bedeutung ganzer Staaten und Weltregionen. Daß es sich im Moment aber nicht nur um dieses Auf und Ab verschiedener Regionen handelt, daß sich der Kapitalismus von einer weltumspannenden Macht auf wenige (und immer weniger werdende) Inseln in einem Meer nicht-kapitalistischer Produktionsweise zurückzieht, darauf scheint mir gegenwärtig nichts hinzudeuten.

Der in Argument Nr. 3 angesprochene Sachverhalt wurde von Robert Kurz (1995b) ausführlicher behandelt. Bei der Lektüre dieses Aufsatzes drängt sich aber der Eindruck auf, daß bereits die bloße Ausdehnung von Kreditbeziehungen in der kapitalistischen Produktion schon als Unterminierung der ganzen Produktionsweise angesehen wird, da die Zinsforderungen, die aus den Krediten folgen, das „reale“ Kapital „einschnüren“ und zu „ersticken“ drohen. Nun hat bereits Marx in seiner (sicher unzureichenden) Analyse des Kredits recht plausibel herausgearbeitet, daß die Kreditvermittlung der Produktion und damit auch die Aufspaltung des Profits in Zins und Unternehmergewinn gerade der Normalfall in einem entwickelten Kapitalismus ist. Und in der Tat steigert der Kredit erheblich die Dynamik und Flexibilität des Kapitalismus: zum einen ist die Akkumulation des Einzelkapitals nicht mehr durch den von ihm selbst produzierten Profit begrenzt, die gesellschaftlichen Ressourcen können erheblich schneller in neue Kanäle geleitet werden, zum anderen hat gerade die „Einschnürung“ des Kapitals durch die Zinszahlungen zur Folge, daß das Einzelkapital auch unabhängig von den Konkurrenzverhältnissen zur Steigerung der Produktivkraft und zur Ökonomisierung des konstanten Kapitals gezwungen wird. Kann ein Unternehmen bei diesem beständigen Wettlauf nicht mehr mithalten, dann verschwindet es bei Kreditfinanzierung schneller als wenn es nur mit Eigenkapital arbeiten würde und noch eine Zeitlang „von der Substanz“ zehren könnte, was zwar für den einzelnen Kapitalisten und die von ihm beschäftigten Arbeitskräfte sehr unangenehm sein mag, die „Effizienz“ des kapitalistischen Systems als Ganzem aber erhöht. Kredit und Spekulation steigern nicht nur Dynamik und Flexibilität des Kapitalismus, sie können auch Krisen auslösen oder vorhandene Krisentendenzen verstärken, aber auch diese Krisen sind für den Kapitalismus als Ganzen durchaus funktional. Wird der „Zinsdruck“ nicht nur für einzelne Kapitale, sondern für die meisten Kapitale zu stark, dann gerät nicht nur das „reale“ Kapital unter Druck, sondern auch das Bankensystem: dessen Kredite werden „faul“. Der zu hohe „Zinsdruck“ wird dann durch eine Krise „bereinigt“, der sowohl ein Teil des industriellen wie des Bankkapitals zum Opfer fallen mag, aber noch lange nicht das kapitalistische System ais Ganzes.

Bleibt noch das erste von Trenkle erwähnte Argument, das auch in vielen Texten der Krisis-Gruppe eine wichtige Rolle spielt, das „Abschmelzen produktiver Arbeit“. Wenn ich es richtig sehe, dann überkreuzen sich hier zwei verschiedene Argumentationslinien. Zum einen werden Überlegungen aufgenommen, die Marx im Rahmen seiner Begründung des „Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate“ anstellt, zum anderen wird mit einem neuen Begriff von produktiver Arbeit operiert.

Den langfristigen Fall der gesellschaftlichen Durchschnittsprofitrate begründete Marx kurz gesagt damit, daß der Anteil des „variablen Kapitals“ (mit dem die Arbeitskraft gekauft wird) am vorgeschossenen Gesamtkapital immer mehr abnehme, da die Steigerung der Produktivkraft eine immer teurere Maschinerie erfordern würde. Mehrwert (und damit auch seine verwandelte Form Profit) entstehe aber nur durch die Verausgabung lebendiger Arbeitskraft, so daß das Kapital im Laufe seiner Entwicklung die Quelle seiner Verwertung untergrabe und daher die Profitrate langfristig sinke. Das Problem bei dieser Argumentation besteht darin, daß der skizzierte Prozeß nicht nur den von Marx hervorgehobenen Aspekt (Vermehrung des konstanten Kapitals gegenüber dem variablen) hat, der allein betrachtet eine Senkung der Profitrate bewirkt, sondern auch noch andere, die Profitrate steigernde Eigenschaften aufweist: Die Produktivkraftsteigerung wirkt verbilligend auf das eingesetzte konstante Kapital und außerdem steigert sie die Mehrwertrate (d.h. die gleiche Menge Arbeitskraft liefert in derselben Zeit einen größerer Mehrwert). Die Bewegung der Profitrate ist erst das Resultat aller drei Effekte. Zwar wurden die beiden zuletzt erwähnten Punkte auch von Marx gesehen, doch hielt er sie für untergeordnet, ohne dies jedoch ausreichend belegen zu können. Wer einen Fall der Profitrate behauptet (oder darauf gestützt eine Abnahme der produktiven Arbeit), also eine quantitative Aussage macht, muß dafür auch eine quantitative Begründung vorlegen (in unserem Fall: Es müßte gezeigt werden, daß der erste, die Senkung der Profitrate bewirkende Effekt quantitativ tatsächlich größer ist als die beiden anderen Effekte zusammengenommen). Der an dieser Stelle oft gehörte Einwand, daß es aber doch nicht um quantitative Größen, sondern um gesellschaftliche Verhältnisse gehe, ist wenig überzeugend, wenn derjenige, der diesen Einwand vorbringt, vorher selbst mit der quantitativen Veränderung bestimmter Größen argumentiert hat. [4]

Es finden sich bei der Krisis-Gruppe aber noch Überlegungen ganz anderer Art, die das „Abschmelzen der produktiven Arbeit“ begründen sollen. Dabei wird der Begriff der produktiven Arbeit in einer etwas ungewöhnlichen Weise umdefiniert. Marx hatte in den „Theorien über den Mehrwert“ herausgestellt, daß die Begriffe produktive/unproduktive Arbeit, wenn sie für eine sinnvolle Analyse taugen sollen, vom Charakter der Produktionsweise und nicht von irgendwelchen konkreten Eigenschaften des Arbeitsprozesses abhängig gemacht werden müssen. Unter kapitalistischen Verhältnissen sei daher nicht schon jede Lohnarbeit „produktiv“, sondern nur diejenige, die auch Mehrwert produziert. Die Arbeit eines Gärtners, der den Garten eines Kapitalisten pflegt, ist solange unproduktiv, wie dieser Garten einzig dem Genuß dieses Kapitalisten dient. Erst wenn die Gartenprodukte auf dem Markt mit Gewinn verkauft werden, wird die Arbeit des Gärtners (ohne daß sich konkret etwas an ihr geändert hätte) „produktive Arbeit“. Als unproduktiv betrachtet Marx auch solche Arbeiten, die, obwohl sie im Rahmen einer kapitalistischen Produktion stattfinden, lediglich den Formwechsel von Ware und Geld zum Gegenstand haben, also nicht durch die Produktion selbst, sondern durch ihre kapitalistische Form bedingt sind. Unproduktive Arbeit trägt nicht zur Mehrwertproduktion bei, sondern muß aus dem Mehrwert bezahlt werden und schmälert somit die Möglichkeiten der Akkumulation.

In dem schon erwähnten Aufsatz von Kurz (1995b) werden die Marxschen Überlegungen zwar zunächst zutreffend referiert, es findet sich dann aber die Tendenz, die unproduktiven Arbeiten doch wieder an gewissen stofflichen Eigenschaften (nämlich als Dienstleistungen im Unterschied zur „substantiellen“ Warenproduktion) festzumachen. [5] Wichtiger als solche Unschärfen ist jedoch, daß Kurz eine grundsätzliche Erweiterung des begrifflichen Umfangs produktiver Arbeit vornimmt. „Produktiv“ sollen nur diejenigen Arbeiten sein, die nicht nur einzelbetrieblich, sondern auch auf der Ebene der gesamten Gesellschaft für die Reproduktion des Kapitals erforderlich sind. Seine Überlegungen laufen darauf hinaus, daß beispielsweise die Arbeit der Arbeitskräfte in einer Brotfabrik produktiv ist, sofern ihr Produkt (die Brote) von Arbeitskräften verzehrt wird, die selbst ebenfalls wieder produktive Arbeit verrichten, nicht aber, wenn diese Brote von nicht-produktiven Arbeitern (wie etwa dem Hausdiener eines Unternehmers) verzehrt werden. Damit eine Arbeitskraft „produktiv“ verausgabt wird, ist dann nicht nur notwendig, daß sie ein Produkt produziert, das verkauft wird und bei dessen Verkauf Gewinn erzielt wird, es kommt auch auf die weitere Verwendung dieses Produkts an: Produktiv im Sinne von Kurz ist eine Arbeit nur, wenn ihr Produkt von produktiven Arbeitern (als Konsumtions- oder als Produktionsmittel) verzehrt wird.

Stören wir uns nicht an der offensichtlichen Zirkularität dieser Definition (produktive Arbeit wird durch produktive Arbeit definiert) [6] sondern unterstellen ruhig einmal (und darauf will Kurz letzten Endes hinaus), daß der Anteil unproduktiver Arbeit an der Gesamtarbeit tatsächlich zunimmt oder andersherum, daß wir die „Abschmelzung“ (Trenkle) produktiver Arbeit beobachten können. Ob damit schon der Untergang des Kapitalismus eingeläutet wird, müßte aber erst noch gezeigt werden. Zwar ist bei Kurz mehrfach von einer „Schmerzgrenze“ der Kapitalreproduktion die Rede, die durch die Zunahme unproduktiver Arbeit sogar schon überschritten sei; auf eine inhaltliche Bestimmung der Größe einer solchen „Schmerzgrenze“ wartet man jedoch vergeblich. Hat man aber nicht einmal eine vage Vorstellung von der Bestimmung dieser Schmerzgrenze, woher weiß man dann, daß sie bereits überschritten ist?

Hinter der Rede von einer „Schmerzgrenze“ steckt anscheinend die Vorstellung, daß der „produktive“ mehrwertschaffende Bereich den wachsenden unproduktiven alimentieren muß und daß dann nicht genügend Mehrwert für die Akkumulation in der „substantiellen Warenproduktion“ übrig bleibt. Allerdings haben wir es hier mit einem ähnlichen Problem wie beim Fall der Profitrate zu tun: die wachsende Produktivkraft sorgt dafür, daß die von einer „produktiven“ Arbeitskraft produzierte Mehrwertmasse beständig steigt, daß also eine „produktive“ Arbeitskraft eine ständig wachsende Masse unproduktiver Arbeit unterhalten kann. Wird behauptet, die unproduktive Arbeit werde zur untragbaren Last, dann müßte mindestens gezeigt werden, daß sie schneller wächst als die Produktivkraft (wobei noch zu berücksichtigen wäre, daß die „Rationalisierung“ vor den „unproduktiven“ Sektoren keineswegs halt macht, also auch die „unproduktiven“ Leistungen mit immer geringerer Arbeitsverausgabung erbracht werden). Denn erst wenn dies der Fall ist, kann sich die Zunahme der unproduktiven Arbeit einer (wie auch immer bestimmten) „Schmerzgrenze“ überhaupt nähern.

Zusammenbruch oder reinigendes Gewitter?

Wenn die gerade skizzierten Überlegungen zutreffen, dann ist bis jetzt nicht wirklich plausibel gemacht worden, daß der Kapitalismus gerade seine „Zusammenbruchskrise“ erlebt. Andererseits ist die Existenz von Krisen (und wohl auch schärfer werdenden Krisen) nicht zu bestreiten. Welche Bedeutung haben nun diese Krisen, wenn sie nicht auf den Zusammenbruch des Kapitalismus hinauslaufen?

Bereits zu Anfang meines Textes wurde die spezifische Gesellschaftlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft angedeutet: die Produktion ist trotz allseitiger Abhängigkeit „privat“ organisiert, erst im Nachhinein, auf dem Markt zeigt sich inwieweit die Privatprodukte als Produkte gesellschaftlicher Arbeit anerkannt werden. Indem das innerlich Zusammengehörige durch die Form von Kauf und Verkauf auseinandergerissen wird, ist bereits die Möglichkeit der Krise gegeben, wie Marx im ersten Abschnitt des ersten „Kapital“-Bandes festhält. Um zu sehen, wie aus dieser bloßen Möglichkeit eine wirkliche Krise wird, muß der Gesamtprozeß kapitalistischer Produktion und Reproduktion untersucht werden, was Marx im dritten Band des „Kapital“ unternimmt. Hier finden sich dann vor allem im 15. Kapitel verschiedene Ansätze zur Krisentheorie. Obwohl diese Ansätze unvollständig und auch systematisch unzureichend sind (vor allem weil das Kreditsystem ausgeblendet bleibt), kann Marx deutlich machen, daß Krisen keine „zufälligen“ Ereignisse sind, die durch eine geschickte staatliche Wirtschaftspolitik abgewendet werden könnten. Gerade der „bewußtlose“ Charakter der Vergesellschaftung einerseits und der Imperativ maximaler Kapitalverwertung andrerseits bauen immer wieder Ungleichgewichte, Widersprüche und Blockaden auf, die nur gewaltsam — vermittels einer Krise — beseitigt werden können. Insofern haben Krisen eben nicht nur eine zerstörerische Wirkung; für das Kapital als Ganzes haben sie eine außerordentlich positive Funktion. Genauer: gerade aufgrund ihrer zerstörerischen Wirkungen haben die Krisen diese positive Funktion. Indem nicht mehr profitable Einzelkapitale entwertet, dysfunktional gewordene gesellschaftliche Strukturen beseitigt, Arbeiter und Arbeiterinnen massenhaft arbeitslos werden und ihr Reproduktionsniveau gesenkt wird, werden für die verbleibenden Kapitale die Verwertungsbedingungen enorm verbessert und es kann ein neuer Akkumulationsschub einsetzen, der schließlich zu neuen Widersprüchen und Blockaden führen wird, die durch die nächste Krise beseitigt werden müssen. Der Kapitalismus verhält sich hier ähnlich wie ein Krebsgeschwür: auch wenn 90% eines Tumors vernichtet werden, hindert dies die restlichen 10% keineswegs am weiteren Wachstum, dies erfolge eventuell sogar noch schneller.

Was nun die gegenwärtigen Krisenprozesse angeht, so scheinen sie mir alles andere als das Ende des Kapitalismus anzuzeigen. So ist die sogenannte „Asienkrise“ nicht der Anfang vom Ende des Kapitalismus in Ostasien, sondern eher dessen Beginn: der in den Zeiten des Kalten Krieges politisch (sowohl von den einzelnen Nationalstaaten als auch von der Hegemonialmacht USA) stabilisierte Kapitalismus Ostasiens hatte, wie üblich in solchen Situationen, riesige spekulative Blasen hervorgebracht. In den letzten anderthalb Jahren sind nicht nur einige dieser Blasen geplatzt, der Kapitalismus der (vorgeblichen) „Tigerstaaten“ muß auch damit zurechtkommen, daß er eben nicht mehr das Hätschelkind der USA ist. Insofern bewirkt die Asienkrise, daß der Kapitalismus in Ostasien auf ein „realistisches“ Entwicklungsniveau zurückgestutzt wird, was für die Masse der Bevölkerung mit einer enormen Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen verbunden ist. Auf dieser reduzierten Basis wird sich der ostasiatische Kapitalismus dann aber aus eigener Kraft weiterentwickeln können und wahrscheinlich schon bald ein viel schärferer Konkurrent für das US-amerikanische und westeuropäische Kapital werden, als er dies jemals zuvor war. Und auch Afrika (das Trenkle wahrscheinlich im Sinn hatte, als er davon sprach, daß sich das Kapital aus ganzen Weltregionen zurückziehen würde) scheint eher am Anfang als am Ende einer kapitalistischen Entwicklung zu stehen. Mit der Abschaffung der Apartheid in Südafrika ist die politische Blockade für die weitere Expansion der mit Abstand stärksten wirtschaftlichen Macht Afrikas gefallen. Inzwischen dominiert Südafrika nicht nur die südafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft, südafrikanische Konzerne sind auch schon neben US-amerikanischen in Zentralafrika in Stellung gegangen, um die Ausbeutung dieser rohstoffreichen Region nicht mehr nur französischen Unternehmen zu überlassen, so daß die Zeichen eher auf eine Verstärkung als auf eine Abschwächung kapitalistischer Entwicklung hindeuten, wenngleich diese auf niedrigem Niveau stattfinden und sich eher in Jahrzehnten als in Jahren bemessen wird.

Der Zusammenbruch des Realsozialismus ist wohl nicht der Anfang vom Ende der Warenproduktion, sondern eher der Anfang eines historisch zum ersten Mal auftretenden: „globalen“ Konkurrenzkapitalismus. Wenn die „Konkurrenz auf dem Weltmarkt“ wirklich die „Basis und die Lebensatmosphäre der kapitalistischen Produktionsweise bildet“, wie Marx im dritten Band des „Kapital“ formulierte (MEW 25, S. 120), dann ist dieser „Weltmarkt“ heute zum ersten Mal soweit entwickelt, daß er tatsächlich die gesamte Welt umfaßt. Insofern wird die reale Existenz der kapitalistischen Produktionsweise jetzt zum ersten Mal „ihrem Begriff adäquat“. Dieser nun endlich realisierte Kapitalismus scheint mir zwar sehr weit entfernt von allem „Niedergang“ oder „Untergang“ zu sein, er wird aller Voraussicht nach aber auch nicht viel mit den (aus heutiger Perspektive) nachgerade komfortablen Zuständen des „Wirtschaftswunders“ der Nachkriegszeit gemein haben. Zumindest in Westeuropa und den USA herrschte über etwa 20 Jahre hinweg (von Mitte der 50er bis Anfang der 70er Jahre) nahezu Vollbeschäftigung, die Reallöhne stiegen, sozialstaatliche Leistungen wurden ausgebaut und die kapitalistische Entwicklung verlief zwar zyklisch aber ohne größere Kriseneinbrüche. Solche fast schon idyllischen Zustände (die aber auch damals nur in den kapitalistischen Metropolen und nicht in den Ländern der sog. 3. Welt existierten) sind, zumindest für absehbare Zeit, nicht mehr zu erwarten. Das Ende eines bestimmten kapitalistischen Eiitwicklungsmodells (das üblicherweise mit den Begriffen „Fordismus“ und „keynesianischer Wohlfahrtsstaat“ etikettiert wird), dessen Existenz auf einer Reihe von ökonomischen und politischen Sonderfaktoren beruhte, ist nicht zu verwechseln mit dem Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise als solcher. Mir scheint, daß viele Erscheinungen, die Trenkle wahrscheinlich der „barbarischen Niedergangsepoche“ des Kapitalismus zuschreibt, viel eher zu dessen ganz normaler Funktionsweise gehören, von der wir nur eine Zeitlang mehr oder weniger verschont geblieben sind. Und diese „barbarische“ Normalität des Kapitalismus ist nach wie vor ein guter Grund, sich Gedanken über dessen Abschaffung zu machen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1998
Heft 2/1998, Seite 20
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