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Markus Wilhelm

Was heißt Fremdenverkehr

Vor sieben Jahren erschien eine gleichnamige Zeitschrift unter einem gleichnamigen Herausgeber mit einem ganzen Heft zum Thema Fremdenverkehr. Was dort steht, ist alles falsch.

Wenn die Intellektuellen vom Fremdenverkehr reden, steht dahinter das Interesse, sich als Intellektuelle zu beweisen. Hinter den Politikern stehen die Interessen derer, die die Politiker vertreten. Hinter den Unternehmern stehen die Interessen der Unternehmer. Die Künstler produzieren sich am Thema vorbei als Künstler. Der Fremdenverkehr ist nicht zu Ende beschrieben. Es ist nicht einmal angefangen.

Hier der Anfang:

Wir leben mitten im Kapitalismus. Der Fremdenverkehr ist die Abteilung für die Wiederherstellung der verbrauchten Arbeitskraft. Der Arbeiter verkauft dem Unternehmer seine Arbeitskraft und erhält von ihm Lohn, d.h. Geld in der Höhe der für die Aufrechterhaltung der Arbeitskraft nötigen Waren (Nahrung, Kleidung, Wohnung, Urlaub). Nur ein leistungsfähiger Arbeiter ist ein guter Arbeiter. Nur ein mit dem Lebensnotwendigen versorgter Arbeiter ist ein leistungsfähiger.

Den Urlaub hat sich erstens die organisierte Arbeiterschaft hart erkämpft. Der Urlaub hat sich zweitens auch von der Untemehmerseite her als Notwendigkeit erwiesen, um die gekaufte Arbeitskraft langfristig auspressen zu können. Der Urlaub ist drittens ein marktwirtschaftliches Erfordernis, müssen doch die erzeugten Waren konsumiert werden, damit sie den geschaffenen Wert auch erzielen.

Im Urlaub sammeln die Arbeiter Kraft für die Arbeit. Bei der Arbeit sammeln sie Kaufkraft für den Urlaub.

Der Urlaub ist somit ein Produkt des Kapitalismus und er ist ein Produkt im Kapitalismus. »Ich will«, hat Hitler gesagt, »daß dem Arbeiter ein ausreichender Urlaub gewährt wird und daß alles geschieht, um ihm diesen Urlaub sowie seine übrige Freizeit zu einer wahren Erholung werden zu lassen.« Die Tourismusexperten reden gern vom uralten Bedürfnis des Menschen nach Reisen, Abenteuer, Urlaub. In Wahrheit sind diese von Arbeit freien Tage eine unerläßliche Bedingung der kapitalistischen Produktion. Wie die Pflege der Maschinen.

Die Arbeit erfordert den Urlaub. Der Urlaub ermöglicht die Arbeit. Die Lohnarbeit liefert den Lohnarbeiter der Freizeit-Industrie aus.

Ist die Ausbeutung des Arbeiters durch den Fabrikanten so weit beendigt«, heißt es in einer kleinen, im Jahre 1848 in London herausgekommenen Schrift, »daß er seinen Arbeitslohn bar ausbezahlt erhält, so fallen die anderen Teile der Bourgeoisie über ihn her, der Hausbesitzer, der Krämer, der Pfandverleiher usw.

Der Tourist ist der reine Konsument, die ideale Erscheinung auf dem Warenmarkt. (Sogar ohne Heim ist er.) Die ständige Steigerung der Produktivität, d.h. des Leistungsdruckes, hat die Belastung erhöht, damit die Erholungsbedürftigkeit und die Möglichkeit ihrer kommerziellen Nutzung weiter vermehrt. Der Touristik-Unternehmer zieht seinen Gewinn aus den existentiellen Bedürfnissen Schlafen, Essen, Entspannung. Die Industrie spielt der Freizeitindustrie zweifach in die Hände: sie liefert die Ware und sie schickt den der Ware Bedürftigen hinterdrein. Hier kauft nun der Hersteller der Ware, wofür er nur einen Lohn entsprechend der verausgabten Arbeitskraft, aber kein Äquivalent des geschaffenen Wertes bekommen hat, die Ware zu ihrem wahren Wert, das heißt inkl. dem Profit des Kapitalisten, der ihn die Ware hat herstellen lassen. Der Arbeiter hat nicht nur dort über den empfangenen Lohn hinaus unbezahlte Arbeit geleistet, er muß sie hier auch noch vom Lohngeld bezahlen. Er hat durch seiner Hände Arbeit Mehrwert für den Unternehmer geschaffen und »realisiert« ihn jetzt, d.h. macht ihn zu Kapital. Auf dieser großartigen Einrichtung basiert der Kapitalismus.

Das Bedürfnis nach der Wiederherstellung der verschlissenen Arbeitskraft besteht nicht nur für den ›Arbeitgeber‹, für den der Arbeiter schafft, sondern natürlich auch bei ihm selber. Ein Bedürfnis ist in dieser Gesellschaft allemal Angelpunkt für ein Geschäft. Entgegen den politischen und kommerziellen Darstellungen ist die Freizeit Teil der Arbeitswelt; Anhängsel und Voraussetzung. Entgegen dieser Tatsache wird sie als das ganz andere, als das völlige Gegenteil dargetan. Der Mensch, der nur im Besitze seiner Arbeitskraft ist, die er einem Unternehmer, einer Kapitalgruppe, einem Konzern verkaufen muß, um leben zu können, sehnt sich natürlich nach etwas ganz anderem. Die Arbeit in der Fabrik, im Büro, im Geschäft verstärkt den elementaren Wunsch, wie ein Mensch zu leben. Die Freizeitindustrie, die ein Teil der kapitalistischen Industrie ist, kann und will das nicht bieten, nur anbieten. Wie sehr Arbeitswelt und Freizeitwelt verhabert sind, zeigt ein Beispiel aus der Zeit des brutalsten Kapitalismus, des Faschismus: Die NS-Freizeitorganisation ›Kraft durch Freude‹ — ursprünglich ins Auge gefaßter Name war ›Nach der Arbeit‹ — war eine Teilorganisation der ›Deutschen Arbeitsfront‹. Es sagte Robert Ley, ›KdF‹-Chef und Leiter der ›DAF‹:

Den Acht-Stunden-Arbeitstag können und wollen wir nicht mehr zurückschrauben. Im Gegenteil, wir werden, wie schon oft gesagt, vielleicht gezwungen sein, auf gewissem Gebiet, um überhaupt wieder exportfähig zu werden, das Arbeitstempo zu steigern. Deshalb wollen und müssen wir den schaffenden deutschen Menschen in seiner Freizeit eine völlige Ausspannung seines Körpers und seines Geistes geben. Es werden im Arbeitsprozeß Kraft und Nervensubstanz verbraucht ...

Der Urlaub ist Anklage der Arbeit. Die vom Urlauber aufgesuchte Landschaft kritisiert die Industrielandschaft. Der aufgesuchte Mensch (Gastgeber) kritisiert den ihn beherrschenden (Arbeitgeber). Die ausgeübte Beschäftigung kritisiert die berufliche.

An vorderster Stelle der Urlaubsmotive des Deutschen stehen: Abschalten, Ausspannen, Aus-dem-Alltag-herauskommen, Tapetenwechsel, Frische-Kraft-sammeln, Viel-schlafen, Ausruhen. Das sind freilich keine aufregend einträglichen Beschäftigungen. Dieses steinige Feld hat die der Konsumindustrie vorgeschaltete Bedürfnisindustrie zu beackern, auf daß es eine gute Ernte werde. Über den ausgepowerten Arbeiter fällt also die Werbung her. Er will sich — unbedacht auf den Profit der Profiteure — ausruhen, sammeln, erholen, regenerieren und bekommt eine Pauschalreise in irgendeine schwimmbare oder wanderbare Gegend aufgeschwatzt.

Woher kommen die Österreich-Urlauber? Aus der Klasse der Arbeiter und Angestellten. »Die wichtigsten Touristen, die Deutschen,«, schreibt ›Die Presse‹, »rekrutieren sich hierzulande traditionell aus den ärmeren Schichten.« »Ein Großteil der Sommergäste sind deutsche Kleinverdiener«, heißt es in den ›Oberösterreichischen Nachrichten‹. Unsere schreibfertigen Tendenzintellektuellen lassen keine Gelegenheit aus, um über die Fremden ihren Spott auszuschütten. Aber wenn wir die Wirtschaftsfronturlauber hassen, dann hassen wir die falschen!

Die ausgeplünderte Arbeiterin und der ausgeplünderte Arbeiter, der sich selbst ausbeutende Kleinunternehmer und die Hausfrau, die sich jener und dieser in seinem Haushalt hält, sie also sind die Käufer auf unserem Tourismusmarkt.

Österreich steht bei den Pro-Kopf-Deviseneinnahmen aus dem Fremdenverkehr weltweit an erster Stelle. Österreichs Anteil an den touristischen Welteinnahmen Hegt zwischen sechs und sieben Prozent. Von den 1,3 MiUionen Betten stehen mehr als 400.000 allein in Tirol, das ist »eine Kapazität, die weit über jener von ganz Griechenland (!) liegt«, schreiben die ›Vorarlberger Nachrichten‹. 34,3 Prozent der in Österreich gezählten Nächtigungen entfallen auf Tirol (= ca. 40 Mill./Jahr). Tirol erzielt damit 42,7 Prozent der österr. Deviseneinnahmen aus dem Fremdenverkehr. Daß sie nicht Tirol erzielt und daß die Pro-Kopf-Deviseneinnahmen keine Pro-Kopf-Deviseneinnahmen sind, ist zu zeigen. Ist leicht zu zeigen.

Der Zweig Fremdenverkehrswirtschaft ist ein Zweig wie jeder andere Zweig der Wirtschaft. Wo ein Handel zu machen ist, wird ein Handel gemacht. Lange Zeit haben sich die Alpen der Industrialisierung ihrer Unüberwindbarkeit wegen entzogen. Durch ihre Unzugänglichkeit waren sie nicht im großen Maßstab nutzbar. Die das ganze Festland mit Produktionsstätten überziehende Industrie mußte hier passen. Durch dieses natürliche Hindernis blieb die Region ein Reservat, das heute umso besser nutzbar ist. Nunmehr ist die für dieses Terrain ideale Industrieform gefunden. Die Alpen stellen einerseits verbliebenen Erholungsraum dar, andrerseits Expansionsgebiet der Industrie (die hier als Freizeitindustrie auftritt). Das Kapital wird dort aktiv, wo es sich lohnt. Ein Berghang ist ein Schihang. Und eine Liftgesellschaft ist kein Wohltätigkeitsverein. Die von den Naturschutzgeistem hingeträumte Losung »Arbeitsplätze statt Gletschererschließung« mißachtet die allein entscheidende Frage: was bringt pro investiertem Schilling mehr Schillinge? Das Urassen des Fremdenverkehrs beruht auf der Existenz der freien Marktwirtschaft. Dem Besitzer von Geld steht es frei, dieses zum Zwecke der Vermehrung einzusetzen. Der Unternehmer, der ständig expandiert, ist kein Schwein, sondern ein Musterschüler. Er macht nur vom Angebot an das Kapital Gebrauch. Davon spricht keiner dieser Nörgler. Der Tourismus ist es, der von den sog. Kritikern getadelt wird, nicht der Kapitalismus. Von Auswüchsen des Tourismus ist da die Rede, als wäre nicht er selber einer. Wieder einmal ist es die Blüte, die nicht gefällt. Nie ist es der Boden. Auf dem sie stehn.

Wenn man mit einiger Geduld hinsieht und sich nicht gleich mit elitärem Ekel abwendet, sieht man, daß die Früchte nicht Früchte des Zweiges, sondern Früchte des Baumes sind. Wir leben einmal unter der Geldherrschaft, das kann keine Satire uns zudecken. Was mit Gewinn umzusetzen ist, wird umgesetzt. Ein Stück Grund und eine alte Kuhglocke und sog. Eigenart. Moralische Blähungen verdanken sich geistiger Verstopfung. Das Schuhplattlergehupf gibt es ja nicht, um die Volkskultur zu verarschen, sondern um Profite zu machen. Dankbar sollten wir sein für die himmelschreienden Extreme etwa auf dem kulturellen Sektor. Sie sind ja eine Offenbarung. Nicht zum Bekämpfen sind sie da, nicht zum Herumbessern; wir geben ihnen einen Sinn, wenn wir sie als Wegweiser ins Innere des Kapitalismus annehmen. In einem System, in dem Geld alles ist, ist alles Geld. Kultur im Kapitalismus ist eben kapitalistische Kultur. Ob‘s den verschmockten Tüpftlern, die mit den Diskussionen über die Degenerierung der Volkskultur, die ökonomischen Grundlagen verschleiern, paßt oder nicht.

Warum Massentourismus, fragt der Naive. Warum alle zur gleichen Zeit am gleichen Ort? Weil erst Touristenmassen industriell nutzbar sind. Darum. Weil sie erst den Einsatz von Dienstleistungsfabriken ermöglichen. Weil die Menge an eingesetzten Lohnarbeitern die Menge an Unternehmerprofiten macht. Weil das Kapital schnell umgeschlagen sein will. Darum. Die Arbeitskraft, die sich die Unternehmer um den Preis der Lebenshaltungskosten des Arbeiters erwerben, ist eine Ware. Die Landschaft ist eine Ware. Grund und Boden sind eine Ware. Die Kultur ist eine Ware. Das Wohnen ist eine Ware.

(Demonstration gegen den Fremdenverkehr in Altmünster.) Gmunden, 7.d. (Eig. Drahtber.) Die Fremdenverkehrssaison hat im Salzkammergut kaum mit dem Eintreffen der ersten Sommergäste eingesetzt und schon beginnen Demonstrationen. So gab es gestern in Altmünster eine Kundgebung, an der Arbeiter aus der gesamten Umgebung teilnahmen. Die Menge forderte vor dem Gemeindehause die Entfernung der Fremden innerhalb 14 Tagen. Es ist noch nicht bekannt, in welcher Weise die Gemeinde dazu Stellung nehmen wird, da die Gemeinde Altmünster zwischen zwei Parteien hin- und herschwankt; die Haus- und Villenbesitzer und die Vermieter fordern das Recht, zu vermieten, die Arbeiterschaft aber wehrt sich dagegen.

›Tagespost‹ (Linz), 7. Juni 1920

Wohnen ist eine Ware. Deshalb gehen Bettenboom und Wohnungsnot in den Städten Hand in Hand. In Wien, wo fast monatlich ein Nobelhotel eröffnet wird und der Wohnungswucher herrscht, und in Innsbruck, wo 1500 Wohnungssuchende amtlich sind. Dort hat die Raiffeisen Bau Tirol-Gesellschaft ein Kloster umgebaut zu einer Geschäftspassage samt Mietwohnungen, die sie dann wegen zu hohen Mietzinses nicht anbringen hat können. So wurde aus diesem Komplex ein Hotel. Pächter war die Salzburger Alpotel Gruppe. War deswegen, weil über diese Firma kürzlich der Konkurs eröffnet worden ist. Wohnen steht nur im Grundgesetz als Menschenrecht. Wohnen ist eine wahre Goldgrube. Wohnungen für alle statt Fremdenbeherbergung durch die Hausbesitzer wäre in vielen Städten dieses Staates eine gescheite Losung. Der Bürgermeister von Hom hat am 15. April 1920 ein »Aufenthaltsverbot für Sommergäste« erlassen müssen: »Der Gemeinderat der Stadt Horn hat beschlossen, mit Rücksicht auf die große Wohnungsnot und den schwierigen Emährungs-Verhältnissen heuer keine Sommergäste aufzunehmen.« Das ist eine weit her geholte Geschichte aus einer Zeit, da der Kapitalismus (kriegsbedingt wieder einmal) in den Kinderschuhen steckte. Inzwischen hat er festes Schuhwerk und geht seinen Gang. (Die Wohnungsmisere ist sich gleich geblieben, die Bürgermeister haben sich geändert.)

Die Arbeiter im österreichischen Gastgewerbe erarbeiten riesige Profite — hauptsächlich für in- und ausländisches Großkapital. Volkswirtschaftlich stellen diese Einnahmen, soweit sie aus dem Ausländertourismus stammen, Devisen dar. Österreich braucht sie, heißt es, als Ausgleich für die Importe in der Zahlungsbilanz. Österreich braucht sie wirklich. Weil Österreich industriestad wird, da anstelle von Beschäftigten da (Brücker Zuckerfabrik) wie dort (Saniped in Großpetersdorf) die Produktionen eingestellt werden. Allein die im Tiroler Fremdenverkehr Tätigen erarbeiten Devisen in der Höhe von 44,5 Milliarden Schilling. Das träfe statistisch für jeden Tiroler, auch jene, die nicht und jene, die nicht im Fremdenverkehr arbeiten miteingerechnet, 76.000 Schilling. Es kommt also viel herein durch den Fremdenverkehr zur Entlastung unserer Zahlungsbilanz. Aber es geht auch sehr viel hinaus durch den Fremdenverkehr und belastet die Zahlungsbilanz. Ersteres steht in jedem Schulbuch. Letzteres hier: Wenn man bedenkt, wie energieaufwendig der Fremdenverkehr ist, und weiß, woher wir unser Rohöl beziehen, ahnt man, welche Summen da abfließen. 58 Prozent des Handels in Österreich sind im Besitz ausländischen Kapitals, d.h., daß große Summen von den erwirtschafteten Devisen in Abzug zu bringen sind, umso mehr als der Fremdenverkehr ja in nicht geringem Maße Gewinne aus dem Umschlag dieser Waren zieht. 72 Prozent der in Österreich agierenden Versicherungen haben die Kassa im Ausland. Vieles, sehr vieles, wird der Touristen wegen importiert: Fleisch und Fisch zum Beispiel, pflanzliche Öle, Holz und Stoff, Kaffee, Gemüse und Früchte, Erzeugnisse der chemischen Industrie, Glas und Fliesen, Möbel, fotografische Ausrüstung und Druckerzeugnisse, um nur einiges zu nennen, Fahrzeuge (vom Taxi über den Omnibus bis zum Pistenfahrzeug), um den größten Posten nicht zu vergessen. Vieles, wozu unser Land die besten Voraussetzungen hätte, wird nicht mehr hergestellt. Österreich muß aufgrund des Niedergangs der Agrarwirtschaft und der Unterindustrialisierung viele Waren einführen. Auf der anderen Seite ist Österreich seit der amerikanischen Marshall-Plan-›Hilfe‹ durch das sogenannte »Ölsaaten-Verbot« gezwungen, den gesamten Bedarf an pflanzlichen Fetten und Ölen zu importieren. Allein dafür gingen im Jahr 1984 1,6 Mia. S an Devisen ab. Ein anderes kleines Beispiel: »Im Vorjahr wurden ausländische Mehlprodukte im Wert von rund einer Milliarde importiert«, klagte unlängst die den österreichischen Agrarmarkt beherrschende Raiffeisen-Genossenschaft in ihrer Tageszeitung. »Die Bäckerei-Großbetriebe aus dem Ausland — an erster Stelle aus der Bundesrepublik Deutschland — überschwemmen unsere Geschäfte und Orte mit ausländischen Brotsorten. Die wiederum der Gast in Tirol kauft, damit er auch im Urlaub seine gewohnte ›Schnitte‹ und ›Stulle‹ hat«, heißt es im Tiroler Wochenblatt ›Blickpunkt‹. Dieser Handel ist eine Einbahnstraße. Den Tiroler Bäckereibetrieben ist es nicht gestattet, Kunden im benachbarten Ausland zu beliefern. ›Blickpunkt‹: »Es gibt tatsächlich ein Exportverbot für österreichische Backwaren!«.

Diktate vom ausländischen Kapital wie diese sind die Früchte der von sämtlichen Nachkriegsregierungen gepflogenen Politik der Unterwürfigkeit. Jüngstes — nicht letztes — Beispiel: das aufgezwungene und akzeptierte Verbot des Technologietransfers in unsere östlichen Nachbarländer. Ein eklatantes Mißverhältnis an Importen und Exporten besteht für Österreich mit der Bundesrepublik Deutschland. Um 63,4 Mia. S wird mehr eingeführt als ausgeführt (1984). Die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr werden uns aufgerechnet. Österreich muß deswegen der BRD so- viele Waren abkaufen, weil soviele deutsche Staatsbürger in Österreich Urlaub machen. So sieht die freie Marktwirtschaft bei näherem Hinsehen aus. Mit den fünf wichtigsten Herkunftsländern unserer Touristen haben wir ein Handelsbilanz-Minus. So sieht unser schönes Devisen-Geschäft bei näherem Hinsehen aus.

Tirol, früher ein großes Flachsanbau-Land, erzeugt heute keine einzige Faser mehr. In vielen Gemeinden müssen jetzt selbst für die Versorgung der einheimischen Bevölkerung Milch, Butter, Eier, Kartoffeln zugekauft werden. Souvenirs kommen aus Taiwan oder Korea, Gedrechseltes oder Geschnitztes kommt aus Jugoslawien, Kuhhörner werden aus Argentinien eingeführt. Für Waren dieser Art ist Österreich nichts mehr als Umschlagplatz. Von den dabei eingenommenen Summen bleibt nur die Handelsspanne im Land. Elementare Grundlagen des Gastgewerbes, wie Anlagen für Hotelküchen und -keller, Bausätze für Bäder und Solarien, müssen vielfach aus dem Ausland eingeführt werden. Eine für den Reiseverkehr so wichtige Grundlage wie der Omnibus muß fast zur Gänze aus der Bundesrepublik importiert werden. 60 Prozent der hier eingesetzten Reisebusse kommen allein von der deutschen Firma Kässbohrer, die auch die Präparierungsgeräte für unsere Pisten erzeugt. Auf anderen Gebieten stehen zwar die Werkbänke in Österreich, die Gewinne fließen jedoch an die Konzernzentrale im Ausland. Selbst hinter manch traditionsreicher Sportartikelfirma verbergen sich (inzwischen) ausländische Eigentümer. Die Schibindungs-Firma ›Tyrolia‹ gehört zur us-amerikanischen ›AMF‹-Gruppe (›Head‹ etc.). Die ›Kastinger‹-Schuhfabrik hat seit Ende November einen deutschen Besitzer. Die ›Kneissl Tirol AG‹ ist heute eine hundertprozentige Tochter der ›Trak‹-GesmbH (München). Dies sind nur Beispiele.

Auf dem Lebensmittel-Markt ist ausländisches Kapital besonders stark vertreten, ob man nun an den so heimisch klingenden Namen ›Felix Austria‹ (gehört zum schwedischen ›Volvo‹-Konzern) denkt, an ›Eskimo‹ oder ›Iglo‹ (›Unilever‹ holländisch/britisch), an die die Supermarktketten ›Hofer‹, ›Löwa‹, ›Zielpunkt‹, die ihren Firmensitz in der BRD, oder an ›Billa‹ und ›Merkur‹, deren österreichischer Besitzer seinen Steuersitz in Liechtenstein hat. Österreich ist der Markt, auf den die Waren geworfen werden. Die touristische Konsumentenkonzentration ermöglicht durch den Einsatz von Lohnarbeit die schnelle Umsetzung der Waren in Kapital, von dem ein Großteil über die Grenze rinnt. Andere Großkaufhäuser nichtösterreichischer Eigentümer, die hier ihre Ware losschlagen, sind z.B. ›dm‹ und ›vita‹ (deutsch) auf dem Drogeriesektor, auf dem Gebiet der Versandhäuser ›Quelle‹ und ›Universalversand‹ (deutsch bzw. britisch) und bei den Großverbrauchermärkten die ›Metro‹-Läden, in denen sich Gastronomen und Privatvermieter mit allem — vom Frischfleisch bis zum Bettvorleger — eindecken können. Auch dieser Handelsriese ist im Dienste deutschen Kapitals hier tätig.

Der Konsum ausländischer Markenware durch Ausländer ist natürlich auch nicht ohne Beispielwirkung auf das Verbraucherverhalten der Einheimischen. Plötzlich muß in ein Bierland wie Österreich deutsches Bier importiert werden. Die Gäste sind so etwas wie Handelsbotschafter im Ausland, indem sie Produkte aus ihren Herkunftsländern auf unserem Markt einführen. Die für die Gäste importierten Druckerzeugnisse (1983 für 3,5 Mia. S) werden gerade in Fremdenverkehrsgegenden auch von vielen Einheimischen gekauft.

Weitere Devisenabgänge erfährt der »Devisenbringer Fremdenverkehr« durch die Werbung für den Fremdenverkehr in den Medien der Herkunftsländer der Gäste (ca. 600 Mio. S / Jahr). Bei Pauschalarrangements ausländischer Reiseveranstalter bleibt ein beträchtlicher Teil des vom Touristen bezahlten Geldes gleich im Lande des Veranstalters, bei den von diesem vermittelten Aufenthalten sind Provisionen zwischen 4,25 und 8,5 Prozent an sie abzuliefem. Wer es sich leisten kann, macht es den Fremden nach und urlaubt im Ausland. Besonders unter Neureichen ist Erholung an irgendeinem exotischen Strand schick. Das ›Tiroler Landesreisebüro‹ (im Besitz des Landes und der Landes-Hypo) macht seinen Gewinn mit dem Outgoing-Tourismus. Es sollte Gäste bringen — und bringt die Tiroler ins Ausland. Devisen? Tirols Gastwirtejugend war übrigens im November für 14 Tage in Bangkok. Die Gastarbeiter schließlich, ohne die der österreichische Fremdenverkehr nicht denkbar ist, nehmen auch, was ihnen an Lohn für ihre 10- und 12-Stundentage bleibt, mit in ihr Heimatland. Es ist nicht viel, aber es sind viele.

Das Wort vom »Devisenbringer Fremdenverkehr« verschleiert schön, wer das Geld, das von denen, die im Fremdenverkehr die Arbeit tun, erwirtschaftet wird, einsteckt. Es packt uns bei unserer staatsbürgerlichen Pflicht: es ist ja für unsere Bilanz! — Es ist zuletzt für unsere Bilanz!

Was auch nicht im ›Baedeker‹ steht, ist, wer nun die Grossen, die großen Profiteure in Österreichs Fremdenverkehrswirtschaft sind. Unser Fremdenverkehr ist kleinbetrieblich strukturiert, heißt es. Und es stimmt. Wenn aber die Wirtschaft oder ihre Gefolgsleute in der Politik das sagen, operieren sie mit den Nöten der Kleinen, um die Geschäfte der Großen nicht nur zu verbergen, sondern zu verbessern. Die Frage, wie geht es den Einheimischen im Fremdenverkehr, deckt schon alles zu. Zu fragen ist: Wie geht es welchen Einheimischen? Wie die Agrarindustriellen Politik mit den in der Tat gedrückten Verhältnissen der Kleinbauern machen, so auch die in Landes- und Bundesparlamenten als Bereichssprecher auftretenden Hoteliers mit der Lage der kleinen Vermieter. Für diese ist Tourismus ein Weg, um zu überleben, für jene ist er — dank der Arbeit dieser Selbstausbeuter und natürlich der der eingestellten Lohnarbeiter — eine wahre Geldfabrik.

Wenn man jetzt von den weiter oben genannten heimlichen Fremdenverkehrsgewinnlern absieht, ganze Branchen wie Sportartikelfabrikation übergeht, so sind als größte Nutznießer aus dem Geschäft mit dem Urlaub zuallererst die Kreditinstitute zu nennen. Sie verdienen, wenn der Fremdenheimbauer Geld aufleiht, sie verdienen, wenn der Vermieter Erspartes einlegt, sie verdienen an der Finanzierung von Infrastruktur, sie verdienen am Devisenumtausch, sie besitzen und betreiben Reisebüros, sie besitzen und betreiben Hotels, sie treten als Bauträgergesellschaften für Hotels auf, sie beteiligen sich über Kapitalbeteiligungsgesellschaften an FV-Betrieben, sie ziehen Gewinne aus der immensen Verschuldung der Fremdenverkehrsbranche. Der derzeitige Schuldenstand dieses Zweiges beläuft sich auf ca. 55 Mia. S, das heißt, daß jedes Fremdenbett in Österreich mit 42.000 Schilling verschuldet ist, und das heißt, daß jede Nächtigung in Österreich mit einem Zinsendienst von 45 S belastet ist. Des einen Schulden, des anderen Erträge. »Bei Kreditinstituten relativ so tief in der Kreide wie der Fremdenverkehr ist aber kein anderer Wirtschaftszweig.« (Horst Knapp) Schon vor 10 Jahren, als die Verbindlichkeiten noch lange nicht so groß waren, verschlangen die Fremdkapitalzinsen schon 10,9 Prozent des Nettoerlöses. Der Fremdkapitalanteil betrug schon 1979 — je nach Kategorie der Betriebe — zwischen 41,5 und 87,3 Prozent. 1983 machten die Ausleihungen allein der Tiroler Fremdenverkehrsbetriebe bei den Banken 13,4 Mia. S aus. Die Zahl der Insolvenzen ist in keiner anderen Branche so hoch. In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres wurden in Tirol 25 Betriebe im Gastgewerbe als zahlungsunfähig gemeldet. Im Jahre 1984 gab es in der Tiroler Hotellerie zehn Großinsolvenzen mit Passiva zwischen fünf und einundzwanzig Millionen Schilling. Auf diese Art und Weise kommen Banken zu Betrieben im Fremdenverkehr. Wenn ein Unternehmen in Konkurs geht, fällt dem Gläubiger auch die Aufbau-Arbeit des bisherigen Betreibers (und natürlich die gesamte dem Betrieb gleichsam einverleibte Arbeit) zu. Infrastruktureinrichtungen im Fremdenverkehr sind meist ein Verlustgeschäft. Des einen Verlust, des anderen Geschäft. Zwei Drittel der Investitionen auf diesem Sektor geschehen mit Fremdmitteln, 50 Prozent davon wiederum kommen vom Kreditgewerbe. Die gigantische Verschuldung der Gemeinden kann also von den Geldhäusern so eng nicht gesehen werden.

Wem gehört Ischgl, könnte man fragen. Der Vermieter ist oft nur mehr der formelle Eigentümer des gebauten Hauses und die Bank der tatsächliche, an den der Erbauer in Form des Zinses gleichsam Pacht zahlt. Die Folgen sind übermäßige Arbeit und ungenügende Lebenshaltung: Selbstausbeutung.

Die Bedeutung des Bankenkapitals im Fremdenverkehr kann nicht überschätzt werden. Jedes Kreditinstitut hat sein eigenes Reisebüro: Raiffeisen hat das ›Raiffeisen-Reisebüro‹, die Volksbanken haben die ›Volksbanken-Reisen‹, die BAWAG hat ihr ›Ruefa‹-Reisebüro, die Erste das ›Nova‹. Sie verkaufen und finanzieren Urlaubsreisen. Alles aus einer Hand. Z.T. sind sie dann auch noch im Besitze der Fremdenverkehrseinrichtungen. So gehört der Creditanstalt die bereinigte österreichische ›Hotel AG‹ mit den Häusern ›Bristol‹ und ›Imperial‹ in Wien, dem ›Habsburger Hof‹ in Bad Gastein, dem ›Goldenen Hirsch‹ in Salzburg und dem Hotel ›Europa / Tyrol‹ in Innsbruck. Die Giro-Zentrale (d.i. die Zentralbank der österreichischen Sparkassen) führt über die 100%-Tochter ›Fremdenverkehrsbetriebs- und Managementgesellschaft m.b.H.‹ (FBM) die ›Austro-Top- Hotel‹-Gruppe mit derzeit 14 Häusern, die »zumindest teilweise in ihrem Besitze sind« (›Die Presse‹). Wo Profit geschaffen wird, sind die Bankiers direkt und indirekt dabei. Das versteht sich ja von alleine. Das zusammengeraffte Geld will produktiv eingesetzt sein, auf daß es sich vermehre. Es muß »lebendige Junge werfen«.

Beispiel Raiffeisen-Konzern: Der Anteil der Raiffeisenbanken an der gesamten Fremdenverkehrsfinanzierung betrug 1983 österreichweit 30,6 Prozent. Die Fachzeitung ›tourist austria‹ schrieb damals: »Raiffeisen ist aber nicht nur Hauptfinancier der Fremdenverkehrsbetriebe, sondern einer der bedeutendsten Financiers der kommunalen Fremdenverkehrsinfrastruktur hinsichtlich der Errichtung von Sport- und Freizeitanlagen.« Mehr als 40 Prozent des Devisen- und Valutenumtauschgeschäfts in Österreich wird über Raiffeisenkassen abgewickelt. Zum Konzern gehören auch acht Raiffeisen-Reisebüros, ein weltweites Reisebüro in Hongkong ist (in Zusammenarbeit mit der dort ansässigen ›World Wide Shipping Co.‹) in Aufbau. Welches Interesse der »grüne Riese« am österreichischen Fremdenverkehr hat, zeigt das Beispiel der Salzburger Geschäftsstelle, die im Vorjahr dem Landesreisebüro einen »mustergültigen Verkaufskatalog« (154 Hotels und Pensionen in 45 Gemeinden) von 48 Seiten in einer Auflage von 20.000 Stück zur Verfügung gestellt hat. Raiffeisen-Bausparkasse, Raiffeisen-Bau, Raiffeisen-Immobilien, Raiffeisen-Leasing decken jeden möglichen Bereich bis zur Eröffnung ab. Die Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs bewerkstelligt — vor allem im Osten Österreichs — das Raiffeisen Lagerhaus. Wir sprachen von den Handelsdiktaten gegenüber Österreich, wir sprachen von den ›Metro‹-Großmärkten, wir sprechen von Raiffeisen: »Aufgrund eines Vertrages zwischen Österreich und den USA werden jährlich 600 Tonnen amerikanischen Rindfleisches bester Qualität nach Österreich eingeführt.« (›a3 gast‹, Aug./Sept. 1985) Einführungs-Wochen für die »Original US-Steaks« in allen ›Metro‹-Märkten Österreichs waren bei der Gastronomie sehr erfolgreich, und so »wurden die amerikanischen Riesensteaks fix ins Metro-Sortiment aufgenommen. (...) Bemerkenswertes Detail am Rande: Die Rindfleisch-Importe werden von der Biomerx Ges.m.b.H. getätigt, die zum Einflußbereich des ›grünen Riesen‹ Raiffeisen gehört. Statt die heimische Rinderproduktion (...).« (›a3 gast‹, a.a.O.) Raiffeisen ist auch im ›Volksmusik‹-Geschäft. Ein Blick in seine Folklore-Illustrierte ›Musikantenexpress‹ läßt ahnen, welche Bedeutung ihr auch auf diesem (fremdenverkehrswichtigen) Markt zukommt.

Wenn man überlegt, wievieles im Fremdenverkehr zu versichern ist (vom Hotelinventar bis zum Gipshaxen, von der Urlaubsreise bis zum Skidiebstahl, vom Auto bis zum Lift und vieles mehr), wird man verstehen, daß jede Bank auch mit einem Versicherungs-Arm ins Volle hineinlangt. Auch Raiffeisen. Um die Meldemoral der Vermieter zu verbessern, hat das Land Tirol eine mit der Anmeldung der beherbergten Gäste gekoppelte Gästeversicherung erfunden. Damit soll vor allem dem kleinen Schwarzvermieter der Garaus gemacht und den Versicherungskonzernen noch ein Geschäft zugeschanzt werden.

Drei Beispiele für das Mitmischen von Versicherungen im Tourismus: Die ›Bundesländerversicherung‹ (Aktionär ist u.a. wieder Raiffeisen) ist im »Besitz von Immobilienfirmen, Hotels«, außerdem bestehen »Verflechtungen mit der gewinnträchtigen Spielbanken AG« (›MOZ‹). Der ›Wiener Städtischen‹ gehören in Wien und Salzburg die ›Europa‹-Hotels, sie ist beim Hotel ›Schillerpark‹ in Linz zu 75 Prozent beteiligt und macht sich eben jetzt an die Errichtung eines ›Hilton‹-Hotels am Schottenring in Wien. Der ›Austria-Versicherung‹ gehört nicht nur das Reisebüro ›Austria-Reiseservice‹, sondern auch die › Austria Österreichische Hotelbetriebs AG‹, die aus einem halben Dutzend Hotels besteht. Geschäftsführer dieser AG ist der selbst zwei Hotels besitzende langjährige Obmann der Sektion Fremdenverkehr in der Bundeswirtschaftskammer. Damit ist die Vertretung des »kleinbetrieblich organisierten« österreichischen Fremdenverkehrs gewährleistet.

Wenn von branchenfremdem Kapital die Rede ist, dürfen die ›Baulöwen‹ nicht vergessen werden. Wieder nur drei Beispiele: Der Bauunternehmer Hans Zyla hat sein Geld bereits in 5 Hotels (der ›Norica‹-Gruppe) in Salzburg angelegt, auf daß es vermehrt werde. Der Kärntner Robert Rogner hat vier Feriendörfer mit zusammen 1.880 Betten am Faakersee errichtet. Weitere fünf Häuser mit 2.000 Betten stehen auf der Sonnalpe-Naßfeld. Derzeit entsteht auf der Rechten Wienzeile in Wien (am Ort des ›Vorwärts‹-Verlagshauses) sein Hotel ›Ananas‹ mit 1.000 Betten. In der Nähe der UNO-City plant er ein »Supertourismus-Zentrum« (›AZ‹) und in der Gegend von Villach ein »Historyland«. Da paßt auch der deutsche Bauunternehmer und Baumaschinenfabrikant Hans Liebherr dazu, der vor einem Jahr in Buchen bei Telfs ein 600-Betten-Hotel (»so lang wie die Innsbrucker Hofburg und doppelt so hoch«) eröffnet hat. Ihm gehört auch das Hotel ›Löwen‹ in Schruns.

Diese knappen Beispiele brauchen nur zu zeigen, daß Kapital immer dort eingesetzt wird, wo es sich am schnellsten umschlägt. Ist morgen der Ertrag der Firstclasshotels nicht mehr überdurchschnittlich — was nicht anzunehmen ist — wird anderswo investiert.

Geld wird dort aktiv, wo es sich lohnt. Im Inland und im Ausland auch. In der zweiten Jahreshälfte 1984 wurden ins Handelsregister folgende Gesellschaften, die sich in ausländischem Besitz befinden, neu eingetragen: ›Autel Hotelbetriebs-Ges.m.b.H.‹, Salzburg (BRD); ›Confettis Gastbetriebs-Ges.m.b.H.‹, Pörtschach (BRD); ›Spertentaler Fremdenheim und Gastbetriebs- Ges.m.b.H.‹, Kirchberg (BRD); ›Grandhotel Gasteinerhof‹, Badgastein (BRD); ›J. u. W. Reiners, Hotel- und Restaurantbetriebs-Ges.m.b.H., Laterns, Vbg. (BRD) (aus: ›Informationen über multinationale Konzeme‹ 4/84). An einige spektakuläre Übernahmen in jüngster Zeit sei erinnert: Das Hotel ›Alpenland‹ in St. Johann im Pongau wurde nach Konkurs von zwei Amerikanern (›American Alpenland Resort Limited‹) um 66 Mio. S ersteigert. Das Seefelder ›Schloßhotel‹ wurde vom saudiarabischen Scheich Prinz Abdul Aziz gekauft. Das Badner Erstklasshotel ›Sauerhof‹ übernahm nach einer Pleite die indische ›Omnium d‘Investment‹-Gruppe. In Salzburg ist das Luxushotel am Kurpark in den Besitz des ›Sheraton‹-Hotel-Konzems übergegangen, und — um noch Anleger zweier anderer Nationalitäten zu erwähnen — die holländisch-japanische ›Middleland Hotel BV‹ kaufte das ›Hotel Berghof‹ in Mutters. »Während sich das Interesse der (ausländischen) Investoren vor einigen Jahrzehnten auf die damaligen Wachstumsbranchen Erdöl, Chemie und Elektrotechnik und später auf arbeitsintensive Fertigungen wie den Textilbereich konzentrierte«, schreibt ›Die Presse‹ am 31. Juli 1985, »engagieren sich deutsche, schweizerische oder amerikanische Unternehmen zunehmend im Handel und im Dienstleistungsbereich.« Ein Beispiel für amerikanisches »Engagement«, wie die Zeitung der Wirtschaft das Keilen auf fremden Märkten nennt, sind die Hotels, die die ›Exxon Corporation‹ (Esso) in Wien und Linz betreibt. Eine schweizerische Gesellschaft hat mit der Dienstleistungsfabrik ›Bellevue‹ eines der fünf größten Hotels von Wien in ihrem Besitz. Für sie wird übrigens auch im ›Passauerhof‹ in Grinzing gearbeitet. Beispiele für gastronomische Betriebe in den Händen deutschen Kapitals aufzuzählen, ist nicht nötig. Jeder kennt welche.

In Tirol sind vermutlich 15.000 Appartmentbetten im Besitze Bundesdeutscher, wie vor kurzem sogar das ›Österreich-Bild‹ berichtete. Geld aus der BRD steckt aber auch in Liftanlagen wie auf dem Stubaier Gletscher. Die Scheffauer Bergbahnen wurden ebenso von deutschem Kapital aufgefangen wie die Schatzberglifte in Auffach. Wie gewinnbringend diese Anlagen sind, sieht man daran, daß in Auffach seit 1970 jedes Jahr ein neuer Lift dazugebaut werden konnte. Der Anteil des deutschen Kapitals an der gesamten Tiroler Wirtschaft beträgt nach offiziellen Angaben zwölf Prozent. Vierzehn Prozent der Tiroler Arbeiter arbeiten für deutsche Profite. Als der Tiroler Landeshauptmann im Fernsehen gefragt wurde, ob der Anteil des Auslandskapitals in Tirol nicht etwas hoch sei, sagte er, daß es ihm schon recht sei, wenn deutsche Betriebe, mittlere und auch etwas greßere hier ansiedelten. Außerdem sei das durchaus gegenseitig. Es arbeiteten ja auch viele Tiroler bei Mercedes in Sindelfingen zum Beispiel. (›Ö-Bild am Sonntag‹, 27.10.1985) Der langjährige ÖVP-Schatten- Finanzminister und Univ. Prof, in Innsbruck, C. A. Andreae sagt dazu: »Ausländische Investitionen bei uns sind ein Vertrauensbeweis für unser Land.« (›Die ganze Woche‹, 19.9.1985) Von den 147 Alpenvereinshütten in Tirol gehören deren 120 dem Deutschen Alpenverein. Der Einflußbereich der Mark ist weitverzweigt. »Übrigens«, sagt ein Innsbrucker Taxiuntemehmer, »übrigens sind auch Taxikonzessionen in fremdem Besitz.« (›Kurier‹, 10.11.1985)

Die Zustände sind das Ergebnis der Politik, die sich dem Kapital, woher immer es auch kommt, unterwirft. Der Landtagsabgeordnete Dr. Leo Gomig, Bezirksstellenleiter der Handelskammer Lienz: »Wir sind offen für Geld, selektieren aber (...). So haben wir Liebherr schon Grundstücke angeboten, lange bevor das Projekt Buchen ins Gespräch gekommen war.« (›Kurier‹, 12.10.1985) Geld, das über die Grenzen hereinströmt, um hier mit höherer Rendite aktiv zu werden, »auswärtiges Kapital«, wie es der Tourismusberater Manfred Kohl nennt, »ist« — wie er meint — »im Sinne einer Partnerschaft mit dem Ort zu behandeln.« Wohl dem Kapitalanleger, der eine solche Vorhut hat, die ihm — im wirklichen Sinne — den Boden bereitet.

Als ein absolutes Billiglohnland mit einer großen Masse freier Arbeiter (frei von allen Behinderungen oder Einschränkungen beim Verkauf der Arbeitskraft und frei von Grund und Boden) bietet Österreich ideale Bedingungen für den produktiven Einsatz angesammelten Geldes. Die natürlichen Voraussetzungen dieser Landschaft gewährleisten die Absetzbarkeit der Ware Urlaub. Was Wunder, daß auch internationale Konzerne hier ihre Bettenstationen errichten. In der Bundeshauptstadt, die nunmehr hinter London, Paris und Rom in der Statistik an vierter Stelle unter den europäischen FV-Gemeinden liegt, wird die Gewinnträchtigkeit solcher Betriebe fast Monat für Monat durch eine Neueröffnung unter Beweis gestellt. Am 1. Juni hat das ›Austropa‹ (106 Betten) aufgesperrt und am 1. Juli das ›Marriott‹ (442 Betten). Das ›SAS Palais Hotel‹ (312 Betten) ist am 1. September in Betrieb genommen worden und das Hotel ›ibis‹ (700 Betten) am 15. September. Weitere Großhotels sind in Bau bzw. in Planung (›Scandic‹, ›Sheraton‹, ›Hilton‹ und andere). Die Rendite steigt natürlich mit der Anzahl der Einheiten und der Auslastung. Während Vermieter selbst in Zweisaisonenorten auf hundert oder hundertzwanzig Vollbelegungstage kommen, kommen diese Häuser auf bis zu 275. Das Wiener ›Hilton‹ hat seit seiner Eröffnung vor 10 Jahren mehr als 1,5 Millionen Nächtigungen gehabt, dies entspricht der Zahl der Übernachtungen, die die allergrößten Fremdenverkehrsorte in Tirol in einem ganzen Jahr erzielen; jetzt einmal ganz abgesehen davon, was pro Nächtigung da eingeht und was dort pro Nächtigung hereinkommt.

Die freie Konkurrenz im Kapitalismus erzeugt die Konzentration der Produktion. Die Konzentration führt zum Monopol. Dies ist in unserem Wirtschaftssystem eine zwangsläufige Entwicklung auf allen Gebieten. So wie im österreichischem Lebensmittelhandel 98,4 Prozent des Umsatzes von den zehn größten Unternehmen gemacht werden, so werden etwa auf dem deutschen Markt für Pauschalreisen mehr als achtzig Prozent aller Abschlüsse bei den zehn größten Veranstaltern getätigt. Die oben erwähnten Hotel-Ketten sind längst weltweit präsente Konzerne mit bis zu hundert Standplätzen. Zusätzlich zu dieser horizontalen Konzentration gibt es auch eine vertikale, wobei das Geschäft mit dem Verkauf der Reise, das mit dem Transport und auch das mit der Beherbergung von ein und demselben Unternehmen gemacht wird. Die skandinavische Fluglinie SAS hat mit dem ›SAS Palace Hotel‹ in Wien ihr dreizehntes Hotel in Betrieb genommen. Die ›Swissair‹ hat die Aktienmehrheit am ›Kuoni‹-Reisebüro und ist darüberhinaus über eine (mit Nestle gemeinsame) Hotel AG im Besitze mehrerer Hotels. Die ›AUA‹ ist Hälfteeigentümer des Reisebüros ›Touropa‹. Zum ›Österreichischen Verkehrsbüro‹, das im Eigentum der Republik ist, gehören zwei Dutzend eigene und gepachtete Hotels. Jüngste Expansion: »Nachdem erst vor wenigen Wochen das Reisebüro Intropa gekauft wurde, sollen nun auch drei neue Hotels in Wien das Incoming-Geschäft kräftig ankurbeln.« (›Kurier‹, 19.11.1985) Die ›Dr. Richard Verkehrsbetriebe KG‹ (Familienkonzern, ca. 1 Mia. S Umsatz / Jahr) mit einem Autobus-Park von 450 Fahrzeugen verfügt auch über Reisebüros (›Airtours‹, ›Bustours‹, ›Union‹ z.B.) und ist im Besitze von vier Kategorie-A-Häusern in Wien, Kitzbühel und St. Anton am Arlberg.

Die Großen schließen natürlich wieder untereinander Abkommen. Von Kooperationen auf gemeinsamen Märkten über Beteiligungen, gemeinsame Tochtergesellschaften bis zu wechselseitigen Verflechtungen reichen die Bündnisse. Der Sinn des Zusammenschließens ist natürlich die Ausschaltung der gegenseitigen Konkurrenz und die Verdrängung der Kleinen. »Nur die Guten werden übrigbleiben. Es gibt halt eine freie Marktwirtschaft.« (Finanzstadtrat von Wien, Haris Mayr, in ›trend‹ 10/84) Die Freiheit der Kleinen in der freien Marktwirtschaft die Freiheit des Gefressenwerdens.

Reaktionen auf die Konzentrationen oben sind Zusammenschlüsse auf den unteren Ebenen. Regionen schließen sich gegen andere Regionen zu Regions-Verbänden, Talgemeinden zu Talgemeinschaften, Hotelbetriebe gegen andere Hotelbetriebe zu Gruppen zusammen, um gemeinsames Marketing zu betreiben. Es geht immer um das Ausstechen der anderen und um die Vermeidung der gegenseitigen Konkurrenzierung. »Ein Kampf der einzelnen Nachtlokale, den sich derzeit Ischgl leistet, ist auf Dauer nicht haltbar«, meint der Hotelier und Nationalrat Hugo Westreicher und rät: »Mehrere Unternehmer sollten sich zusammenschließen und gemeinsam ein Unterhaltungslokal führen.« (›Blickpunkt‹, 19.9.1985). Die Monopolisierung, die wie in allen anderen Wirtschaftsbereichen so auch im Tourismus voranschreitet, ist auch — und zwar besonders gut — auf der kommunalen Ebene zu beobachten. Lifte, die aufschnackeln, werden von Liftbesitzern übernommen, Häuser, deren Besitzer in den Konkurs gehen mußten, werden von Mitgliedern jener Familien ersteigert, die schon einen Gutteil der Hotels in den Händen haben.

Das Wort Kapital stammt vom lateinischen ›caput‹ ab, das soviel wie ›Kopf, Spitze, Hauptsache‹ bedeutet. Das Wort Kapital also sagt uns, daß es die Hauptsache ist. Was wirklich alles vermag in dieser Gesellschaft, ist das Geld, das wir richtigerweise ja auch Vermögen nennen. Wer sagt, dem österreichischen Fremdenverkehr geht es gut, oder dem Fremdenverkehr dieses oder jenes Bundeslandes, dieser oder jener Region geht es gut, hat ebenso ein politisches Interesse wie jener, der sagt, dem Fremdenverkehr gehe, es schlecht, oder dem Fremdenverkehr in dem einen oder anderen Orte, in dem einen oder anderen Bezirke gehe, es schlecht. Die Gesetzmäßigkeiten im Kapitalismus haben nichts mit der Geographie zu tun. Wenn man sagt, dem Tiroler Fremdenverkehr geht es gut, dann muß man sagen, daß auf 82 Prozent der Tiroler Gemeinden zusammen nur 28 Prozent der Winternächtigungen im Lande entfallen. Wenn man sagt, dem Tiroler Fremdenverkehr geht es schlecht, muß man sagen, daß auf nur 10 Prozent der 227 Tiroler Gemeinden (ohne Innsbruck) mit rund 16 Prozent der Tiroler Bevölkerung rund 56 Prozent der gesamten Winternächtigungen entfallen. Wenn man sagt, den großen Fremdenverkehrsorten geht es gut, so muß man sagen, daß die Privatquartiere, die 39,2 Prozent der Betten stellen, nur 28 Prozent der Nächtigungen erzielen. Wenn man nun aber sagt, dem Fremdenverkehr in solchen Orten geht es schlecht, so ist zu sagen, daß die A1/A-Betriebe mit einem Bettenanteil von 9,6 Prozent auf 16,1 Prozent der Nächtigungen kommen. Die Auslastung dieser Betriebe liegt bei 41,5 Prozent, die der Privatquartiere bei 17,7 Prozent. Die vergangene Sommersaison war auch gut und schlecht. Gut für das Burgenland (7,8 Prozent mehr), aber natürlich nur für ganz wenige Burgenländer. Schlecht für Tirol (minus 4,2 Prozent), aber natürlich nicht für alle Tiroler. Während die 1- und 2-Stern-Betriebe einen Rückgang von sechs Prozent und die Privatvermieter einen noch weit höheren Rückgang erlebten, gab es für die 4- und 5-Stern-Betriebe sogar Zunahmen.

Die Gesamtnächtigungen gehen zurück. Es trifft die schlechten Regionen. Es trifft in den schlechten und in den guten Regionen die kleinen Vermieter. Die Einkünfte aber steigen (»dank zahlungskräftigerer Urlauber mehr Deviseneinnahmen aus dem Fremdenverkehr als je zuvor«, ›Kurier‹, 5.10.1985). Das trifft die großen Betriebe.

Es gibt in Tirol 19.000 Privatzimmervermieter. 19.000! Sie machen nicht den großen Schnitt. Sie, die den Fremdenverkehr aufgebaut haben nach dem Krieg, als das Kapital damiederlag, mit höchstem Einsatz und um einen hohen Preis, sie haben jetzt ausgedient. Heute entfällt schon kem Viertel der Nächtigungen mehr auf diesen Bereich. Sind Nächtigungen hier und Nächtigungen dort noch miteinander vergleichbar, so sind es die jeweiligen Einnahmen nicht mehr. Von den durchschnittlichen Tagesausgaben des durchschnittlichen Gastes von 1.124 Schillingen bleiben in der kleinen Fremdenpension für das Zimmer mit Frühstück 100 oder 150 Schilling. Im Hotel bleiben allein für die Übernachtung schon rein statistisch 298 Schilling. Da es sich hier um den Mittelwert aller Nächtigungen aller Gäste handelt, ist der tatsächliche Anteil weit höher anzusetzen. Der Hotelgast läßt darüberhinaus weitere (wieder durchschnittliche) 298 Schilling im Restaurant des Hotels. In Wahrheit, da seine Pro-Tag-Ausgaben ja die statistisch ermittelten von 1.124 S aller Urlauber weit überschreiten, viel, viel mehr. Je 25 Prozent der gesamten pro Tag ausgegebenen Summe entfallen auf Zimmer und auf Küche. Während die Privatvermieterin natürlich auch samt Frühstück kein Viertel des Kuchens bekommt, bekommt das Hotel (Nächtigungen und Essen) viel mehr als die Hälfte vom Stück. Ins Restaurant kommen zudem noch die Gäste aus den Privatquartieren essen. Geld hat nicht nur nichts mit der Geographie zu tun, sondern auch nichts mit der Schwerkraft. Es rollt immer aufwärts. Wo Geld ist, wächst Geld zu — ein ehernes ökonomisches Gesetz.

Die Kleinhäuslerin, die sechs oder acht Leute in ihr Haus bringt, die sie durch den persönlichen Einsatz angeworben hat, bringt diese Leute ja vor allem dem Lebensmittelhändler, dem Restaurantbesitzer, dem Liftbesitzer. Für sie ist der Fremdenverkehr ein mehr oder weniger notwendiges Zubrot. Sie ist nicht in der Lage, am Gast, den sie sozusagen an Land gezogen hat, zu verdienen. Dies ist natürlich eine hervorragende Voraussetzung für die Großbetriebe, die genau dafür ausgerüstet sind. Dem Gast, dem sie unter sehr großem Arbeitsaufwand (Frühstückkochen, Frühstückservieren, Abräumen, Abspülen, Bettenmachen, Zimmerputzen, Kloputzen etc.) vielleicht 150 Schillinge abnehmen kann, knöpft die Lift-Gesellschaft im Handumdrehn 300 Schillinge für den 1-Tages-Skipaß ab. Den kleinen Vermieter trifft nicht nur die allgemeine Tendenz der Abnahme der Nächtigungen in dieser Kategorie Jahr für Jahr härter. »Bei Schlechtwetter reist der Gast aus dem Privatquartier eher früher ab, u. a. auch wegen fehlender Schlechtwettereinrichtungen.« (Vorlagebericht ›Wirtschaft‹ zum ›österreichischen Fremdenverkehrstag ’80‹). Alles was abläuft, läuft nicht wie auf einer schiefen Ebene ab, sondern läuft auf einer schiefen Ebene ab. »Gäste in den Privatquartieren gehören eher der unteren Einkommensschicht an; diese verzichten bei ungünstiger Wirtschaftslage eher auf ihre Urlaubsreise.« (ebenda) Daß die A1/A-Betriebe (immer mehr und doch) immer voller und die C- und D-Betriebe, um jetzt von den Privatpensionen ganz abzusehen, immer leerer werden, hängt mit der Polarisierung der deutschen Bevölkerung zusammen. Die betriebene Politik macht dort die Reichen ständig reicher und die Armen ärmer. Ihre Zahl wächst. Für die Verluste der kleinen gewerblichen Betriebe und der privaten Fremdenheime ist die schlechte Lage der Arbeiter in der BRD ein Grund.

Die Ankünfte der Gäste nehmen zu. Die Deviseneinnahmen steigen. Politik gemacht aber wird mit den sinkenden Nächtigungszahlen. So wie der Großbauer auf die Kleinbauern zeigt und sagt, den Bauern gehts schlecht, so ist auch das gesamthaft gesehen nichts bedeutende Faktum des Nächtigungsrückganges ein willkommener Anlaß, nach mehr Förderung und weniger Steuern, mehr Leistung und weniger Lohn, mehr Flexibilität und weniger Freizeit zu rufen.

Was aber heißt: die Ankünfte nehmen zu? Es heißt, daß die Aufenthaltsdauer abnimmt, mehr Gäste kürzer bleiben. Was aber heißt das? Wer profitiert? Wer verliert? Die Steigerung der Deviseneinnahmen ergibt sich daraus, daß die Gäste trotz kürzeren Aufenthalts mehr Geld ausgeben. Wenn sie weniger oft hier nächtigen, geben sie es mit Sicherheit bei den Nächtigungen nicht aus. Die Gewinner sind u.a. Handel und Gastgewerbe, Verkehrsbetriebe und Liftanlagen. Für den reinen Beherbergungsbetrieb wird indes nur die Belastung größer. Zimmerputz (Ausbetten, Einbetten, Waschen, Putzen, Staubsaugen etc.) ist jetzt schon alle 6 Tage statt früher alle 7 Tage zu machen, die psychische Anspannung durch den häufigeren Wechsel nimmt noch zu. Der Trend zum Zweitage-Skiurlaub mit einmal Nächtigen nimmt zu. Er treibt den Aufwand auf Seiten des Bettenvermieters auf die Spitze. Der Beherbergungsbetrieb sorgt für das Nötigste, den Profit machen andere. Gänzlich an ihm vorbei läuft der vielfach unterschätzte Tagesausflugsverkehr. Eine schiefe Ebene, wir sagten es schon.

So willkommen dem Gastgewerbe die Zubringerdienste der Nur-Vermieter einerseits sind (die Kapazität liegt österreichweit bei 1,750.000 Sitzplätzen), so gern hätten die Wirte doch auf der anderen Seite auch noch das Geschäft mit der Übernachtung gemacht. Prof. Horst Knapp nennt die Privatzimmervermieter eine »bisweilen unlautere Konkurrenz« der gewerblichen Betriebe. Die politischen Losungen sind nicht so direkt, aber zielführend. »Qualitätstourismus«, »Klasse statt Masse«, »Eindämmen des Bettenbooms« heißen sie. Die billigen Quartiere nehmen den teureren Nächtigungen weg und bringen billiges Publikum, das nicht in Hotelrestaurants ißt, sondern sich selbst versorgt. Vom Standpunkt des Gastronomen ist der Wahlspruch ›Kasse statt Masse‹ sicher richtig. Man will nicht die Gäste haben, die nur die staatlich gestützten Grundnahrungsmittel kaufen, sondern will ja die gewinnbringenden Dienstleistungen verkaufen. Der Wirtschaftsbund-Generalsekretär Wolfgang Schüssel: »Vom Wurstsemmeltourismus können in Österreich sicher nicht alle Fremdenverkehrsbetriebe und -regionen leben.« (›a3 gast‹, Juni/Juli 1984) Die kleinen Vermieter, die jahrzehntelang den österreichischen Fremdenverkehr getragen haben, haben ihre Schuldigkeit getan, sie können (ein-)gehen. Qualitätstourismus, sagen auch die beamteten Innsbrucker Fremdenverkehrsexperten Socher und Prünster, führt zwar zu insgesamtem Wachstum, »aber zu Lasten der Zielsetzung einer gleichmäßigeren Einkommensverteilung«. Die Unterschiede zwischen den Inhabern kleiner und großer Betriebe nehmen zu, wie die Unterschiede zwischen guten Fremdenverkehrsgebieten und weniger geeigneten zunehmen. Im Zuge der Ausdehnung des Tourismus auf das ganze Land wurden in manchen Gegenden »vor allem im Sommer vermehrt Gäste aus sozial schwächeren und damit auch krisenanfälligeren Schichten angesprochen« (›Tiroler Fremdenverkehrskonzept II‹). »Im Sommer ist eine Eindämmung der qualitativen Verschlechterung und Überalterung des Publikums anzustreben.« (Landesfremdenverkehrsdirektor Andreas Braun, Tirol) Hier wird nicht nur ein Teil der Gäste, soweit er nicht schon durch die Verhältnisse in Deutschland ausgeschaltet wird, abgeschoben, sondern hier wird vor allem mit deren Quartiergebern abgefahren.

Für viele Hausfrauen ist die Vermietung gerade 1 Arbeitsplatz, den sie sich selbst geschaffen haben und ständig wieder neu schaffen müssen. Heimarbeit sozusagen. Wenn man nur einen Kollektivvertragslohn rechnet, ist das Einkommen in vielen Fällen schon weg. Selbstausbeutung total. »Diese Betriebe werden nach anderen Gesichtspunkten als denen des ausschließlichen Kapitalertrags geführt, sie stellen für die Familie in der Regel einen höheren als einen bloß ökonomischen Wert dar und werden daher nur im äußersten Notfall, nach langer zäher Verteidigung, aufgegeben.« (Vorlage zum ›Österreichischen Fremdenverkehrstag ’80‹) Der Tourismusberater Jakob Edinger meint: »Ein Durchschnittsbetrieb bei uns hat 30 Betten; will eine Familie vom Tourismus leben, muß der Betrieb 60 Betten haben, sonst ist dies nicht möglich.« Das ist sehr hoch gegriffen, aber er sagt es ja zu seiner Kundschaft und nicht zu uns.

Sehr viele kleine Vermieter sind Bauern, die gezwungen sind, sich diesen Nebenerwerb zu schaffen, oder von der allgemeinen Euphorie mitgerissen werden. So wenig sie als Bauern freie Unternehmer sind, so wenig sind sie Betten vermietend und Frühstück verkaufend Selbständige, auch wenn es ihnen noch so heftig eingeredet wird. Die Beherbergung von Gästen ist das für die Frau, was die Landwirtschaft für die Frau und den Mann ist: Selbstausbeutung bis weit unters allgemeine Lohnniveau, verbunden mit psychischer und physischer Schwerstbelastung. Die politischen Falschmünzer preisen diesen Raubbau als »Liebe zur Heimat« einer- und als »Einsatzfreudigkeit« andererseits. Nicht wenige dieser Zuerwerbsvermieter geraten durch die Ausstattung ihres Hauses zu einer kleinen Pension in arge Bedrängnis. Viele Bauern sind gezwungen, eine Lohnarbeit anzunehmen und landen, sofern sie nicht auspendeln müssen, beim Lift oder auf dem Bau, verdingen sich als Pistenarbeiter oder Hilfsskilehrer. Andere schlittern in Abhängigkeiten von Gläubigern und müssen, um ihren Hausbesitz halten zu können, Gründe, d.h. landwirtschaftliche Nutzfläche, verkaufen; auch dies bedeutet oft nur einen Aufschub. Sie verlieren — nicht sprichwörtlich, sondern wirklich — den Boden unter den Füßen.

Einige wenige schaffen den Sprung zum kleinen Kapitalisten, der auch fremde Arbeit ausbeutet. Die Unterschiede im Dorf werden größer: Auf der einen Seite eine Minderheit kapitalistischer, auf Lohnarbeit beruhender Betriebe, auf der anderen die Mehrheit, die ständig sich nach einem Zubrot umsehen muß, d.h. meist zum Lohnarbeiter in den Diensten des touristischen Unternehmers wird. Es ist die Aufgabe ganzer Büros voller smarter Meinungsmanager, diesen Riß, der durch die Gesellschaft geht, zuzuschmieren, die Gegensätze zwischen den beiden Klassen, wie sie in jedem FV-Ort bestehen, wegzulügen. Der Klassenfeind der nebenerwerbsvermietenden und der haupterwerbsvermietenden Familie ist nicht der jugoslawische Schwarzgeschirrspüler im Hotelrestaurant, sondern der, für dessen Kasse dieser arbeitet. Es gibt zwei Sorten Menschen rund um die ganze Welt: jene, die durch die Auspressung andrer Leute Arbeitskraft Profite machen jene, die arbeiten, um leben zu können.

Die in Diskussion stehenden und z.B. in Obergurgl von den Wirtschaftstreibenden schon getätigten Zahlungen an die Bauern bedeuten nichts anderes als die Herstellung eines Abhängigkeitsverhältnisses, bedeuten die Umkehrung der Wirklichkeit. Die Bauern werden zu Söldlingen heruntergemacht, denen es die Hotellerie und die Liftunternehmen gestatten, zu überleben, während doch in Wahrheit der ganze Fremdenverkehr auf der jahrhundertelangen Arbeit der Bauern aufbaut. Die einen pflegen die Wiesen und die anderen pflegen Devisen einzunehmen.

Der Flächenverbrauch des Fremdenverkehrs ist um ein Vielfaches größer als im Durchschnitt aller anderen Wirtschaftsbereiche. Ein Kleiderwerk z.B., in dem 100 Menschen Arbeit finden (was möglicherweise für 100 Familien Brot bedeutet), belastet die Natur viel weniger als eine Tourismus-Siedlung, die 100 Familien ernähren kann. Aber hier geht es nicht um Natur und Minimalbelastung, sondern um Kapital und Maximalprofite. Wie die Energiewirtschaft sich die Bäche holt und die Täler zumauert, die sie braucht, so nimmt sich die Tourismusindustrie die Wiesen, Wälder und Weiden. Es liegt in der Natur des Kapitals, daß ihm die Natur nur Kapital ist. Auch wenn man es noch so oft gesagt bekommt und mitunter nachplappert, ist es nicht der Fremdenverkehr, der die Landschaft zerstört, sondern sind es die Fremdenverkehrs-Unternehmer. Das Pflücken auch nur weniger geschützter Alpenblumen ist bei Strafe verboten, der Lift AG aber ist die Rodung ganzer Waldstriche und das planmäßige Vernichten der Alpenflora mittels Planierraupen in großem Maßstab erlaubt. Die Fachgruppe der Seilbahnen in der Tiroler Handelskammer meint aber, »die Tatsache, daß der Fremdenverkehr ein für Tirol lebensnotwendiger Wirtschaftsbereich ist und daß die gesamte Fläche der Skipisten im Wintersportland nur 0,6 Prozent der Landesfläche einnimmt, sollten Grund genug sein, auf eine überflüssige Skandalisierung dieses Bereiches zu verzichten« (›Innsbrucker Stadtzeitung‹, August 1985). Der Innsbrucker Wissenschafter Alexander Cemusca, der die Verbrechen der Pistenbetreiber in einer Studie beschrieb, befindet sich aber ohnedies auf der Linie der Kritisierten, wenn er vorschlägt, »für die Reparatur der tourismusbedingten Folgeschäden in Millionenhöhe sollten öffentliche Förderungsgelder des Fremdenverkehrs verwendet werden« (›Kurier‹, 26.6.1985). Daß auch die Gewinne aller Lifte und Bahnen aufgeteilt werden sollten, davon sprach er nicht.

Wo Schaden ist, ist Nutzen. Wie ja nicht nur der Fremdenverkehr mit zig Milliarden verschuldet ist, sondern ja auch der Bankenapparat zig Milliarden Guthaben hat, so stehen einander auch hier Umweltschäden und Profite gegenüber. Die Verwüstungen gehen nicht von den Gewinnen ab, sondern zuerst von der Lebensqualität aller. Wenn sie behoben werden, werden sie (s.o.) von allen bezahlt. Die Gewinne, die die Bevölkerung durch ihrer Hände Arbeit schafft, werden privatisiert, eingesammelt, die Kosten dagegen sozialisiert, aufgeteilt.

Der Landschaftsunternehmer beutet die jahrhundertelange Schwerstarbeit der Bergbauern aus. Was die in vielen, vielen Generationen an Aufwand in den Boden investiert haben, diesem an Arbeit sozusagen einverleibt haben, noch diesen ihnen vom schlechten Boden ewig vorenthaltenen Anteil macht der Unternehmer, der hier sein Geschäft betreibt, flüssig. Er holt früherer Generationen Profite nach und nimmt späterer Generationen Profite vorweg. Er ist der Schmarotzer wie er im Buche steht (Ullstein TB 2806).

Die Arbeitsteilung gibt es natürlich auch im Gastgewerbe. Erst damit wird es ja interessant. Während die Privatzimmervermieterin ihren Gästen selbst schreibt, sie selbst von der Haltestelle abholt, die Zimmer macht und das Frühstück macht, das Geschirr wäscht und die Wäsche wäscht (und v.a.m.), hat der Fremdenverkehrsunternehmer die Arbeiten aufgeteilt auf Sekretärin und Portier, Zimmermädchen und Koch, Abspüler, Putzfrau und v.a.m. Die Folge davon ist, daß die Arbeit produktiver wird, das heißt billiger. Die Profitrate der Fremdenverkehrsunternehmer wäre schon bei gleichem Preis höher. Große Betriebe können auch günstiger einkaufen (Wäsche, Geschirr, Einrichtung z.B.) und wirkungsvoller werben. Aber das alles ist noch nicht genug. Die Hoteliers wollen mehr. Laut Christian W. Mucha, dem Herausgeber des ›Fremdenverkehrs-Magazins‹ wollten sie 1984 sogar einen Aufstand machen: »Warum — übrigens ein streng gehütetes Geheimnis — eine geplante Pkw-Demonstration von Hoteliers gegen die Steuerschraube kurzfristig abgesagt wurde? Die Teilnehmer an der Veranstaltung wären, wie die Organisatoren in letzter Sekunde hektisch realisierten, in ihren Privatautos vorgefahren: Jaguars, Mercedes, Rovers, Porsches, BMWs und andere Nobelmarken. Um Gottes-Himmels-Willen!« (›FM‹, Februar 1985). Soviel zur Steuerschraube. Die mir vorliegende Bilanz eines gut ausgestatteten Sporthotels im Stubai weist für das Jahr 1983 einen Umsatz von 21.386.010 S aus. Der ausgewiesene Gewinn beläuft sich auf 2.292.386 S. Im ›trend‹ schrieb kürzlich ein Gastwirt unter dem Titel »Ich war ein Jahr lang Wirt — und gestehe alles«: »Ich hab immer gewußt, daß man im Gastgewerbe mit den schwarzen Einnahmen reich werden kann. (...) Die meisten Kollegen machen es genauso: bis zu 50 Prozent schwarz, beim Personal und beim Geld.« (›trend‹, 6/85) Nirgendwo sind Schwarzarbeit und Verkauf ohne Rechnung leichter möglich und gebräuchlicher als im Gastgewerbe. Ob 100 oder 120 Mittagessen ausgegeben werden, ob aus einem Kalbsschlögel soundsoviel Schnitzel oder mehr herausgehen, ob aus Kochfleisch Bratenfleisch wird, das ist nicht kontrollierbar. Hier können Steuern hinterzogen werden und hier werden Steuern hinterzogen. Um ordentlich Steuer hinterziehen zu können, muß zuerst einmal Geld in den Betrieb hereinkommen. Der Kleine kann ja gar nicht, weil ihm die Voraussetzung dazu fehlt. Aber auf ihn wird Jagd gemacht. Er ist leichter kontrollierbar. Wenn er vier fremde Autos vor dem Haus stehen hat, muß er fast acht Gäste haben. Die ganz im Sinne des Orwellschen Überwachungsstaates eingerichtete Gästeversicherung soll es der Vermieterin unmöglich machen, für den einen oder anderen nicht angemeldeten Gast fünf (!) Schillinge pro Nacht einzubehalten. Gewinner dieser sanften Blockwartmethoden sind die Verbände, die von den Gewerbetreibenden dominiert werden — und ist ›Zürich Kosmos‹.

»Gästenepp bringt Gastronomie in schlechtes Licht — Immer mehr Beschwerden werden laut« (›Kurier‹, 14.11.1985), man hört es immer wieder. Unternehmer versuchen sich über den Gewinn aus der Arbeit der Angestellten hinaus durch Preisaufschlag einen Extraprofit zu verschaffen. Ein Beispiel illustriert, daß dies auch im Lebensmittelhandel der Fall ist. Der Kaufmann ist mit dem ihm vom Erzeuger eingeräumten Rabatt nicht zufrieden und hebt den Preis an. Die 1-Liter-Flasche Coca-Cola kostet in Imst im Supermarkt S 6.85 + Einsatz, im Fremdenverkehrsort Obergurgl (Bezirk Imst) kostet sie im Geschäft S 19.80 + Einsatz. »Eine Klasse von Parasiten, echten gesellschaftlichen Schmarotzertieren« hat ein gescheiter Mann die Kaufleute einmal genannt. Die touristische Nachfrage treibt die Preise hinauf. Auch die Einheimischen zahlen dadurch für die lebensnotwendigen Waren mehr.

Ein Beispiel für Unternehmer-Praktiken noch aus einer anderen Sparte der Tourismuswirtschaft: »Ein Autobusuntemehmer besitzt acht Autobusse, aber nur einen Fahrer. Seine Busse rollen dennoch gleichzeitig auf der Straße. Wie das kommt? Ganz einfach! Da Not und eiserner Sparwille bei den Personalkosten erfinderisch machen, behilft sich der clevere Unternehmer auf originelle Weise. Er beschäftigt ›Aushilfslenker‹: Es sind dies biedere Postauto- oder Bahnbus-Chauffeure, Polizisten, Gendarmen oder auch Nebenerwerbslandwirte ...« (›a3 gast‹, Aug./Sept. 1985)

Der Kapitalismus ist nicht das Mittlere, das Vernünftige, das Nächstliegende. Er ist das Äußerste.

Das Kapital ist gut organisiert in Österreich. Die Beiträge der Pflichtmitglieder in den jeweiligen Fremdenverkehrsverbänden werden nach dem Umsatz bemessen. Und das Stimmrecht im Verband richtet sich nach der Beitragshöhe. Auf Landesebene haben die Fremdenverkehrsunternehmer in den Handelskammern gut funktionierende Standesvertretungen. Wohl sind in der Sektion Fremdenverkehr der Handelskammer alle Gewerbetreibenden dieser Branche (zwangs-)organisiert, vertreten tut sich in ihr und mit ihr aber das entsprechende Großkapital. Die Handelskammern besitzen selbst viele Fachschulen zwischen Lochau in Vorarlberg (Gastgewerbeschule) und Wien (Fremdenverkehrsschulen in der Peter Jordan-Straße), die Fachpersonal für die Hotellerie produzieren. Das ›Wirtschaftsförderungsinstitut‹ (WIFI), eine Vorfeldorganisation der Kammer, bildet in vielen Kursen Unternehmer zu Unternehmern und Dienstboten zu Dienstboten aus. Daneben erarbeitet es in Abständen »Strukuranalysen für die Fremdenverkehrsentwicklung«, die — nur wenig verbrämt — den Ausbau diktieren. »Die vorgeschlagenen Maßnahmen stellen Empfehlungen dar, welche in einem Entwicklungsprogramm im Sinne von § 4 des Tiroler Raumordnungsgesetzes verankert werden sollen.« (›WIFI-Strukturanalyse Ötztal‹) Ähnlich wie die ›Weltbank‹ in den Entwicklungsländern die Projekte festsetzt, die vorfinanziert werden, werden hier Zweitausendseelenorten Tennishallen und ähnliches als Notwendigkeit eingeredet. Zum einen profitiert davon die Bauwirtschaft, die ja auch eine Sektion der Kammer ist, zum anderen profitieren davon vor allem die Hotelbesitzer im Ort, die dann — mit dieser Erhebung in der Hand — in Gemeinderat und Verband das Projekt einbringen und durchdrücken. Ob es ihre Idee war und sie über eine ›wissenschaftliche Analyse‹ den ›Bedarf‹ feststellen ließen, oder ob sie die Erfindung von Kammer-Experten nur erfreut aufgenommen haben, ist einerlei. Wirtschaftskammer = Wirtschaft und Wirtschaft = Wirtschaftskammer. Die Rechte sind im Fremdenverkehr, wie wir gesehen haben, ungleich zugewiesen. Profite und Kosten werden dafür schön aufgeteilt: »Da die Fremdenverkehrsverbände ihre Einnahmen zur Abwicklung ihrer Arbeit benötigen, muß die touristische Infrastruktur von öffentlicher Hand finanziert werden, wobei eine eventuelle Verschuldung in Kauf zu nehmen ist.« (›WIFI-Strukturanalyse Ötztal‹, S. 197)

Der Bundeswirtschaftskammer ist kein Vorwurf zu machen. Sie macht die Sache, die sie zu machen hat, sehr gut. Aber was ist, ist den Unternehmern nie genug. Sie wollen, daß die Privatvermieter ausgehungert werden, sie wollen, daß die Nächtigungsmöglichkeiten, die verschiedene Ministerien für ihre Schulungsteilnehmer zur Verfügung halten, verboten werden, sie wollen, daß Kongreßtouristen die Mehrwertsteuer rückvergütet wird (Nutznießer: die reichen Gäste, das sind die Gäste der Reichen!), sie wollen, daß Kreditsteuer und Lohnsummensteuer abgeschafft werden und sie wollen, daß die Hoteliersgattinnen weiterhin in der Zwischensaison stempeln können. Planmäßig holen sie viel mehr heraus als sie an Arbeitslosen-Beiträgen eingezahlt haben. Der Staat ist ein gutes Geschäft für sie. Obwohl sie ihm nichts schenken, ihm alles herausreißen, ist immer wieder etwas in diesem Füllhorn. Gerüchteweise hört man, es werde von den Massensteuem (Lohnsteuer, Mehrwertsteuer) immer wieder voll gemacht. Oberster Unternehmer-Grundsatz, von Generation auf Generation übertragen, ist: »dem Staat nichts schenken«. Für den kleinen Gewerbetreibenden heißt das, Abschreibemöglichkeiten suchen. Für den Fremdenverkehrsindustriellen mit seiner Nächtigungsfabrik oder seinem Liftnetz heißt das: Förderungen ausschöpfen. Schon die Besitzer von Familienbetrieben sind durch die Wirtschafts-Presse (und das ist von ›Presse‹ und ›Kurier‹ angefangen bis zu den Regionalzeitungen fast alles) so verhetzt, daß sie jeden Unsinn zu machen bereit sind, wenn es zum Schaden des Staates sein soll. Es ist zum Nutzen der Wirtschaft, und so war es auch gemeint. Wirtschaftlich interessant ist die Anlage von Vermögen erst, wenn statt in die Hausfassade in die Produktivität investiert wird. Und richtiggehend lohnend wird es, wenn die rundum angebotenen Förderungsmittel eingestrichen werden können.

War das ein Gejammer unserer freien Unternehmer, als es kurzzeitig den Anschein hatte, als würden die staatlichen Subventionen vermindert. Nein, was haben sie geklagt und gebettelt! Im Budget 1986 »sind 6,7 Prozent mehr für FV-Förderung vorgesehen« (›Tiroler Tageszeitung‹, 9.11.1985). Da gibt es Investitions-, Verkaufs- und Kooperationsförderungen jeder Art, ERP- Gelder und ERP-Ersatzfonds-Gelder, Fremdenverkehrs-Sonderkreditaktion und noch anderes mehr. Hinter diesen Titeln warten viele hundert Millionen billiges, staatlich verbilligtes, Geld. Tüpftelchen: »Künftig werden Investitionen in der Fremdenverkehrswirtschaft auch dann gefördert werden, wenn sie aus dem Eigenkapital und ohne Kredite finanziert werden, kündigte Handelsminister Norbert Steger an.« (›Kurier‹, 9.11.1985) Der Raiffeisensektor hat, um hier nocheinmal auf einen Hauptnutznießer zurückzukommen, »der Raiffeisensektor hat am gesamten Volumen der geförderten Fremdenverkehrskredite im Land Salzburg einen Anteil von runden 60 Prozent« (›Wochenpresse‹, 17.1.1984).

Die großen Happen für die Großen, die kleinen Happen für die Mittleren. Zwischen 1.1.1975 und 31.7.1979 wurden 303 Großprojekte (ab 5 Mio. Förderungsvolumen) aus ERP-Mitteln mit einer durchschnittlichen Investitionssumme von 23,8 Mio. gefördert. Die solcherart zur Bratenschüssel Gekommen wollen den Tischplatz auch nicht mehr räumen. Die ›Ötztaler Gletscherbahn-Ges.‹ z.B. sitzt auf einem fetten Eigenkapitalpolster (9 Mio. S Mehreinnahmen im vergangenen Winter, d.i. eine Steigerung von 16%) und schüttet Dividende aus, aber sie behält sich das ERP-Geld und leistet nur die Tilgungsrate. Im Protokoll der Gesellschaftsversammlung vom 23. Oktober 1985 heißt es genüßlich: »Der Schuldenstand bei der ERP-Stelle beträgt nach Abzug der Rückzahlungen in diesem Jahr noch ca. 53 Mio.«

Ihre Helfer haben diejenigen, die den Gewinn aus andrer Leute Arbeit schöpfen, überall sitzen. Im Handelsministerium denkt ein Ministerialrat darüber nach, ob nicht Schneekanonen aus Mitteln der Hausaktion gefördert werden könnten (›tourist austria‹, 27.1.1984), ein Landeshauptmann fordert, daß pleitebedrohten Fremdenverkehrsbetrieben Heizungs- und Stromschulden, sowie Abgaben und Sozialbeiträge gestundet werden (Wallnöfer bei der OVP-Landeshauptleutekonferenz in Maria Plain 1984), und ein vom örtlichen Wirtschaftsbund abhängiger Bürgermeister gewährt den Hoteliers am Platze ohne Not Aufschub bei der Entrichtung der Getränkesteuem. Getränkesteuer, Lohnsummensteuer und Vergnügungssteuer sind Gemeindesteuern und es ist ihre Sache, sie einzuheben, sie zu stunden oder sie zu erlassen.

Damit die, die vom Fremdenverkehr (am meisten) profitieren, sich selbst schonen und von den Leistungen der Gemeinde profitieren können, obliegt dieser der Ausbau der touristischen Infrastruktur. Im ›Tiroler Fremdenverkehrskonzept‹ steht zwar, daß es nicht so sein sollte, daß alle für die Bedürfnisse weniger zahlen, im ›WIFI‹-Bericht steht aber, daß es schon so sein soll, »... wobei eine eventuelle Verschuldung in Kauf zu nehmen ist«. Jede Einrichtung, die nicht als solche gewinnträchtig ist, ist von der Gemeinde zu schaffen und zu betreiben. Eine Sportanlage, ein Hallenbad, ein Veranstaltungszentrum ist nie für sich ein Geschäft, die Umwegrentabilität ist aber offensichtlich. Die Gesamtheit der Gemeindebürger finanziert den Nutznießern des Fremdenverkehrs ein Freizeitangebot für deren Gäste, das sich sehr wohl im Preis ausdrückt. Die ›Defizit-Betriebe‹ sind von der ›öffentlichen Hand‹ zu finanzieren und zu erhalten. Aber Defizit-Betriebe sind es ja nur in bezug auf die Gemeindekassa, nicht in bezug auf die Bilanz der Profiteure. »Um 33 Steuermillionen wurde der Schlanitzer-Almweg (3,5 Kilometer)« zum Feriendorf des Bauunternehmers Rogner auf der Schlanitzer-Alm »als breites Asphaltband in die Natur gestampft.« (›Kurier‹, 2.11.1985) »In Deutschland muß sich im Gegensatz zu uns jeder Bauherr selbst um die Aufschließung kümmern. Bei uns fällt das der Allgemeinheit, vor allem der Gemeinde zu.« (Dipl.-lng. Helmut Schimek, Obmann der Bundesfachgruppe Architekten in der Bundesingenieurkammer in ›a3 gast‹, Juni/Juli 1985)

Der Gemeinde, allen Bürgern, ob sie etwas mit dem Fremdenverkehr zu tun haben oder nicht, ist es nicht nur bestimmt, Freizeiteinrichtungen für die Kunden der Fremdenverkehrswirtschaft zu zahlen, sondern mit ihren Mitteln den Mist, den die Kunden der Fremdenverkehrswirtschaft hinterlassen haben, wegzuschaffen. Die Steuerzahler kommen für Anlagen auf, die sie selbst kaum in Anspruch nehmen (Sporthallen, Schwimmbäder, Festsäle), und für solche, deren Ursache nicht sie sind (Wasserversorgung, Abwasserbeseitigung, Kläranlagen, Wasserschutz, Lawinenschutz usw.). Es hat eben alles seine Richtigkeit im Kapitalismus. Seine!

Was bleibt an gemeindefinanzierter Infrastruktur, wenn man von den Zweckbauten für den Fremdenverkehr absieht? Was ist mit dem vielen, vielen Geld für die Einheimischen getan worden? Wo sind Kindergärten, Jugendzentren, Frauenhäuser, Altersheime?

Die Mittel der Gemeinde sind zu 100 Prozent in den Tourismus investiert worden, ja, sie hat sich weit darüber hinaus noch in Schulden gestürzt, um den Liftiers und Gastwirten jenes Ambiente zu schaffen, in dem sich ihr Geschäft am besten entfalten kann. Der Hoteliervereinigung ist dieser Aufwand noch zu wenig. Sie fordert anläßlich ihrer 31. Generalversammlung in Wels (1983): »Änderung des Finanzausgleiches zugunsten der Fremdenverkehrsgemeinden unter Berücksichtigung der Gästebetten und Personalbetten in der Bettenstatistik.« (›tourist austria‹, 18.11.1983) Die (FV-)Gemeinde soll noch mehr bekommen, um noch mehr für sie tun zu können.

Die Einkommensteuerrichtlinien 1984 zu verschiedenen Betriebsausgaben lesen sich wie ein Kapitel aus dem Märchen vom Schlaraffenland der Brüder Grimm:

Zinsen: Zinsen für betriebliche Kredite sind auch dann voll absetzbar, wenn die Schulden nicht nur auf die laufende Geschäftstätigkeit, sondern auch auf zahlreiche und laufende Privatentnahmen zurückzuführen sind bzw. wenn der Betrieb überschuldet ist.

Reisekosten: Unternehmer können für betrieblich bedingte Reisen nur dann die pauschalierten Taggelder (derzeit bis S 380.- pro Tag) von der Steuer absetzen, wenn das Reiseziel mehr als 25 km vom Betriebsort entfernt liegt.

Beschäftigung von nahen Angehörigen: Gehälter an mitarbeitende Familienangehörige werden nur insoweit als Betriebsausgaben anerkannt, als sie den zwischen Familienfremden üblichen Betrag nicht übersteigen.

Pkw-Kosten: Pkw mit Anschaffungskosten von bis zu S 350.000 (inkl. Umsatzsteuer) werden vom Fiskus im allgemeinen als steuerlich voll absetzbar anerkannt.

Usw.

(aus: ›a3gast‹, Aug./Sept. 1985)

Die Unternehmer dürfen, anstatt Steuern zu zahlen, die Einnahmen in Besitz anlegen. Die Fremdenverkehrswirtschaft wird vom Staat nach allen Regeln der Kunst des Geldhineinsteckens beschenkt. Je länger die herrschende Politik währt, desto stärker macht sie das Kapital. 1981 betrug der Anteil der Einkünfte aus Besitz und Unternehmen am gesamten Volkseinkommen 31,5 Prozent. 1982 waren es 33,5 Prozent. Und 1983 machten die Profite aus Eigentum schon 34,3 Prozent der von allen Österreichern erzielten Einnahmen aus. Und das bei steigender Zahl der Lohnarbeiter. Ja, deswegen.

Welches sind nun — neben den aufgezählten — die großen heimlichen Profiteure des heimischen Fremdenverkehrs? Wenn der Landeshauptmann die Landnahme im hintersten Pitztal durch das Tourismuskapital befürwortet mit »i konn es nit verantwortn, zu sogn — die Pitztaler solln weiter Grant’n brock’n« (›Blickpunkt‹, 9.5.1985), so ist das eben dazu angetan, die Einkommensverhältnisse im Fremdenverkehr zu verdecken. Wenn es im neuen ›Tiroler Fremdenverkehrskonzept‹ heißt, »die Tiroler Fremdenverkehrspolitik ist so zu gestalten, daß 1. aus dem Fremdenverkehr für die einheimische Bevölkerung Einkommenssteigerungen resultieren«, so ist das Demagogie, der die Wirklichkeit hohnlacht.

45 Prozent nur des im Tiroler Fremdenverkehr gemachten Umsatzes entfallen auf das Beherbergungs- und Gaststättengewerbe. Mehr als ein Viertel rinnt in den Sektor Nahrungs- und Genußmittel. 5,1 Prozent kassiert der Groß- und Einzelhandel, 3,5 Prozent schneidet die Energiewirtschaft mit. Diese Zahlen sind aus einer Untersuchung herausgerechnet, mit der uns die Wirtschaft vor Augen führen möchte, wie wir doch alle gut vom Fremdenverkehr leben. Wie hoch der Anteil der Seilbahnwirtschaft am 47-Milliarden-Umsatz ist, den der Fremdenverkehr 1984 in Tirol erzielt hat, teilt sie uns nicht mit. Landesfremdenverkehrsdirektor Andreas Braun sprach beim vorjährigen ›Tiroler Seilbahntag‹ unter dem Titel »Wohin rollen Tirols Fremdenverkehrsmillionen?« nicht darüber, wohin Tirols Fremdenverkehrsmillionen rollen, sondern davon, wie die Fremdenverkehrswerbung des Landes ihre Mittel verwendet. So werden wir hinter dem einen Licht hervor hinter das nächste geführt. Liftunternehmer zu sein, ist sicher die schönste Form des Lebens auf dem Lande. Diese Branche erzielt immer den höheren Zuwachs als die anderen Bereiche, zweistellige Steigerungsraten von einem Jahr aufs folgende sind keine Seltenheit. Das angeeignete Kapital, das der Liftunternehmer in den Ausbau der Anlagen hineinsteckt, bekommt er schnell und ordentlich vermehr wiedert heraus. Das nicht-eigene Kapital — die Landschaft —, das er dabei verbraucht, bekommt niemand mehr heraus. Aber darum geht es nicht. Föderalismus und Gemeindeautonomie sind die Basis, auf der die heimische Tourismusindustrie steht. Im kleinen Dorf ist der große Bauherr mit der Baubehörde nahezu identisch. Die Verflechtung von wirtschaftlicher Macht und politischer Funktion ist vollkommen. Der Traum der Mächtigen ist die Wirklichkeit. Keine Frage ist, daß die Milliardenumsätze der Tiroler Seilbahnwirtschaft, die mit der Beförderung von 200 Millionen Fahrgästen / Jahr erzielt werden,— entgegen der veröffentlichten Meinung — von den ca. 4.600 Liftangestellten und nicht von den diversen Liftgesellschaften und Bergbahnen AGs erarbeitet werden.

Wenn man herausbekommt, daß ein mittlerer Skilift pro Jahr etwa 50.000 kWh Strom verbraucht, was dem Jahresbedarf von 10 Haushalten, und daß eine durchschnittliche Bergbahn ca. 500.000 kWh verbraucht, was dem Bedarf von 100 Haushalten entspricht, versteht man die Freude, die die Energiewirtschaft an jedem neugespannten Seil hat. Wallnöfers TIWAG sind Wallnöfers soziale Programme (s.o.) höchst willkommen. (Teilweise hält die TIWAG auch Liftanteile, etwa in Serfaus). Im Gastgewerbe sind rund 15,5 Prozent der eingesetzten Energie elektrische. 70,7 Prozent der Energiekosten entfallen auf flüssige Brennstoffe. Das Geld dafür rinnt durch die Hände einiger Händler und Großimporteure hindurch ins Ausland. Der Energieeinsatz pro Erwerbstätigen im Beherbergungsgewerbe ist rund ein Drittel höher als im Durchschnitt aller öffentlichen und privaten Dienstleistungssparten. Wenn man bedenkt, daß die ›industriell-gewerbliche Sachgüterproduktion (einschl. Bergbau)« einen Energieeinsatz von 255 Mio. Kilojoule je Erwerbstätigen hat, so sind die pro Arbeitsplatz im Fremdenverkehr aufgewendeten 153 Mio. KJ ungeheuer viel für eine Branche, die nichts produziert.

Wir könnten dem Herrn Landesfremdenverkehrsdirektor noch lange Auskunft darüber geben, wohin Tirols Fremdenverkehrsmillionen rollen, von der Getränkeindustrie, die in Österreich besonders stark konzentriert ist, angefangen und bei Kosmetik- und Musikindustrie noch lange nicht aufgehört. Vergessen sollte man auf keinen Fall die Zeitungswirtschaft. Fast jeden Samstag verkauft z.B. die ›Tiroler Tageszeitung‹ eine ganze Rückseite an einen Fremdenverkehrswirtschaftstreibenden, Sonderbeilagen (Hoteleröffnungen, Liftinbetriebnahmen etc.) und tägliche, oft über mehrere Seiten laufende kleine Anzeigen kommen dazu. Der Dank im ›redaktionellen Teil‹ bleibt nicht aus, ja eilt den Einschaltungen voraus. Die Regionalzeitung, die (im Oberland) über Ereignisse im lokalen Fremdenverkehr berichtet (Eröffnungen, Ehrungen, Nächtigungen), gehört einem Verlag, der u.a. Prospekte für dieses Gebiet produziert (Grafikstudio und Druckerei). Die Bezirkszeitung, die nicht nachsteht in der Hofberichterstattung, gehört ebenfalls einem Druckereinunternehmer. Dieser gestaltet und druckt nebst anderem fast sämtliche Veranstaltungsplakate im Bezirk (Sommerfeste, Fünfuhrtee, Rodelpartie etc.).

Wo kommen die Gewinne im Fremdenverkehr her? Aus den Taschen der Urlauber? Nein, sie zahlen nur den wahren Wert der Leistung. Sie kommen aus den Taschen der Arbeiter!

Der Arbeiter bekommt genug zum Leben. Er bekommt nicht den wahren Gegenwert seiner Arbeit. ›Ja, das ist‹, sagen Sie, ›weil der Hotelier ja das Hotel hat.‹ Aber der Hotelier hat das Hotel ja gerade deswegen, weil er immer schon den Arbeitern nicht den Gegenwert ihrer Arbeit gegeben hat. Alles, alles, alles ist mit den den Arbeitern für ihre Arbeit zustehenden, ihnen aber vorenthaltenen Summen erworben: die Baumaterialien und die Arbeit der Arbeiter der Baufirma (deren wahren Wert wieder der Bauunternehmer kassiert, aber nicht seine Arbeiter erhalten), die Maschinen, die Möbel, alles, alles. Auf dieser Einrichtung basiert unsere Wirtschaft. Die Grundlagen sind Kapital auf der einen und eine große Masse besitzloser Menschen auf der anderen Seite, die gezwungen sind, für die Lebenshaltungskosten (plus dem Wenigen, das sich die Arbeiterschaft in hundertjährigem Kampfe erstritten hat) zu arbeiten.

Der, der Geld hat, kauft sich die Arbeitskraft eines Arbeiters (indem er ihn anstellt und entlohnt) wie irgendeine andere Ware. Er hat damit einen guten Griff getan, denn hiermit hat er die einzige Ware erworben, die die ganz und gar ungewöhnliche Eigenschaft besitzt, Wert zu erzeugen. Jede andere Ware auf dem Markt wird durch den Gebrauch verbraucht. Bei der Ware Arbeitskraft aber schafft der Verbrauch, das ist das Arbeitenlassen, selbst einen Wert. Dabei wird zwar auch die Ware Arbeitskraft verbraucht, jedoch sind die Auslagen für ihre Wiederherstellung (Arbeitslohn) viel niedriger als der Wert der von ihr geschaffenen Ware oder — im Fremdenverkehr — der von ihr erbrachten Leistung. Die Differenz ist des Unternehmers.

Arbeit ist also Quelle allen Reichtums. Nicht Kapital. Der Fremdenverkehr als arbeitsintensive Branche ist besonders ertragreich. Deshalb fließt auch soviel — anderswo herausgepreßtes — Kapital in den Fremdenverkehr hinein.

Der Arbeiter im Gastgewerbe bietet dem Gastgewerbetreibenden seine Arbeitskraft zum Kaufe an. Der Arbeitslohn ist der Preis, den die Ware Arbeitskraft pro Monat kostet, d.i. jene Summe Geldes, die zu ihrer Erhaltung (Essen, Kleiden, Wohnen etc.) notwendig ist. Der Wert ist ein viel höherer. Den Preis des Wertes kassiert nicht der Arbeiter vom Arbeitgeber, sondern der Arbeitgeber vom Konsumenten, hier also vom Urlauber.

Im Fremdenverkehr herrschen ideale Voraussetzungen für richtigen Kapitalismus. Der Bedarf an Arbeitskräften ist groß und das Angebot an freien, billigen Arbeitskräften ist noch größer. Der Kapitalbesitzer braucht nur zuzulangen. Die Bundeswirtschaftskammer sagt es allen ihren Mitgliedern, nicht öffentlich, aber in einem internen Unternehmerbehelf: »Der leistende Mensch stellt die kostbarste Wirtschaftsgrundlage dar. Dies gilt in besonderem Maße für die Fremdenverkehrswirtschaft (...).« (›Rationalisierung durch zwischenbetriebliche Kooperation im Fremdenverkehr‹, BWK/WIFI, 1970)

Das wenig industrialisierte, bevölkerungsreiche Tirol z.B., mit seinem hohen Anteil an unausgebildeten Arbeitskräften, die einander um die freien Arbeitsplätze konkurrenzieren, bietet dem touristischen Unternehmer diese »kostbarste Wirtschaftsgrundlage« wie er es sich nur wünschen kann. Er nimmt sich die billigsten und willigsten Arbeitskräfte, wenn er sie braucht, und wirft sie weg, wenn er keinen Bedarf hat. Von letzterem zeugen die hohen Arbeitslosenraten in den Fremdenverkehrsregionen Tirols in der Zwischensaisonszeit (14,8 Prozent — die nicht aus der Gegend stammenden Saisonarbeiter nicht mitgezählt!).

Die Zahl aller im Tiroler Fremdenverkehr Beschäftigten wurde für das Jahr 1979 mit rund 66.000 Personen angegeben. Den größten Teil davon nehmen Familienmitglieder oder familiennahe Angestellte ein. 20.000 Arbeitskräfte kommen selbst im Jahresdurchschnitt (in der Saison somit wesentlich mehr) von außerhalb der Sippschaft, 60 Prozent von ihnen sind Gastarbeiter. Auslandsabhängigkeit auch hier, nicht nur auf der Konsumenten-, sondern auch auf der Produzentenseite. Alle die klassischen Niedriglohngruppen sind auf dem touristischen Arbeitsmarkt besonders stark vertreten: Jugendliche, Frauen, Ausländer.

Je mehr Arbeiter ein Betrieb einstellen kann, desto höher ist der Ertrag für den Dienstherrn. Ein Teil der Arbeit jedes Arbeiters wird ja Beute des Betriebsinhabers. Je mehr Beute, desto mehr Angestellte — desto noch mehr Beute usw.

Durch die Stückelung der Arbeit wird sie primitiver, d.h. von ungelernten Arbeitern verrichtbar. Der große Unternehmer hat hier wieder dem kleinen gegenüber einen Vorteil. Der benötigt teurere Fachkräfte, die einen ganzen Arbeitsgang beherrschen, jener braucht nur unausgebildetes Menschenmaterial, dem — wie in der Industrie — je ein Handgriff angelernt wird. Ihm stehen ungleich mehr einer Arbeit bedürftige Menschen zur Verfügung, folglich wetteifern sie untereinander mit der Senkung der Ansprüche an den Arbeitsplatzgeber. Die ungeschulten Arbeitskräfte, die es gerade im Bergbauernland Tirol zuhauf gibt, brauchen auch keinen Ausbildungsaufwand vergütet zu bekommen. Sie kosten, was ihre nackte Existenz kostet.

Was heißt Ausbeutung? Immer wieder ist die Rede davon. Es ist ein grobes Wort für die legale Aneignung fremder Arbeit, d.h. die Aneignung jener Arbeit, die über die zur Erhaltung des Lebens notwendige Arbeit hinausgeht. Da aber der Arbeiter für die an sich ja zur Deckung der Lebenskosten ausreichende Arbeit nicht den wahren Gegenwert von seinem Herrn erhält, ist er gezwungen, so lange für diesen zusätzlich zu arbeiten, bis das zum Leben Nötige für ihn abfällt.

Jede Ware ist das zu ihrer Herstellung Benötigte wert und kostet das zu ihrer Herstellung Benötigte. Die Ware Arbeitskraft ist das zu ihrer Herstellung Benötigte wert und sie kostet den Käufer das zu ihrer Herstellung Benötigte (Wohnung, Nahrung, Kleidung u.a.). Dies ist der Lohn.

Die Situation der Lohnarbeiter im Fremdenverkehr ist so schlecht, daß selbst die von den Regierenden beherrschte ›Arbeiter-Kammer‹ in einer 1979 veröffentlichten Untersuchung nicht umhinkam, von den — natürlich nicht so genannten — rohen Verhältnissen zu berichten. »Der durchschnittliche Netto-Gesamtverdienst inklusive Trinkgelder, Umsatzbeteiligung, Familienbeihilfe usw. beträgt 6.824.- öS im Monat. Umgerechnet auf die Arbeitszeit macht das einen Stundenlohn von 26.- öS aus.« Dieser Durchschnittslohn wird auch bei zehn- und mehrstündigem Arbeitstag von vielen Berufsgruppen im Gastgewerbe noch erheblich unterschritten. So kommt ein Zimmermädchen auf ca. 5.260.- im Monat, das Küchenhilfspersonal nicht einmal auf das. Frauen unterschreiten durchschnittlich diesen Mittelwert, ebenso wie mit dem Betriebsinhaber verwandte Arbeiter und türkische und jugoslawische. Der Nettostundenlohn sinkt für diese Gruppen auf bis unter 20 Schillinge. Der mehrfache Hotelbesitzer und Kammerfunktionär Fred Beck meinte, die Löhne seien zu niedrig angegeben, da zum Zeitpunkt der Erhebung »Vorsaisonlöhne« gezahlt wurden. Der Zirler Hotelier Karl Reinhart: »Unsere Mitarbeiter haben Zimmerstunden und können, wenn gerade kein Geschäft ist, stricken oder Rätsel auflösen. Wo gibt es das in der Industrie?«

Dadurch daß der Kapitalist dem Arbeiter minimalen Stundenlohn zahlt, zwingt er ihn, um auf das Nötigste zu kommen, noch in Überstunden für ihn zu arbeiten. Im Fremdenverkehr werden Feiertagsarbeit und Überstunden nicht mit 100 Prozent Zuschlag entlohnt. Aber, so sagt es der mehrfache Hotelier und Funktionär Otto Scheiner: »Wer sich für diesen Beruf entschließt, weiß um den langen Dienst.«

Dem auf Lohnsummen fixierten Blick entgeht die ständige rapide Produktivitätssteigerung, die zusätzlichen Ertrag des Unternehmers und zusätzliche Belastung der Arbeiter bedeutet. Entfielen 1960 auf 1 Beschäftigten im Hotel- und Gastgewerbe 156 Nächtigungen, so waren es 1973 schon 218.

Die von den Wirtschaftstreibenden zugesagten kollektivvertraglichen Mindestmonatslöhne beziehen sich nicht — wie zugesagt — auf 173 Monatsstunden, sondern mitunter auf wesentlich mehr. Eine 20-jährige Kellnerin in Maurach am Achensee kam im Jänner 1980 auf einen Monatslohn von 7.500 Schilling netto bei 337,5 Arbeitsstunden. Eine Stefanie Krenn schrieb in einem Leserbrief an ›profil‹ über ihre Arbeit im Fremdenverkehr: »Sie werden es nicht glauben, ich habe im Dezember 1979 483 1/2 Stunden gearbeitet.« Dafür bekam sie 5.770.-. Der Hotelier und Funktionär Hugo Westreicher ersucht da um »Toleranz für die vielen Fremdenverkehrsunternehmer, die eben erst selbständig wurden und in Personalfragen noch nicht geschult« seien. Die oben angeführten Beispiele sind keine Exzesse, die folgenden sind keine. Der Kapitalismus ist ein Exzess.

Da sind die Ausländer, die nach dem Ausländerbeschäftigungsgesetz nicht Inhaber der Arbeitsbewilligung sind. Sie ist auf den Arbeitgeber ausgestellt und verhindert so den freien Wechsel des Arbeitsplatzes.

Da sind die Lehrlinge, die nie in eine Berufsschule gehen oder denen der Berufsschulbesuch vom Urlaub abgezogen wird. Solche, denen ihr Recht auf Wochenendfreizeit ebenso genommen wird wie ein Teil des zugesagten Gehalts.

1984 schreibt ein Kärntner Zimmermädchen von Seefeld aus an ihre Freundin: »Wir haben unser erstes Geld schon bekommen stat 6000 S 5000 S und 4000 S ausbezahlt bekommen und einen weggelegt vals wir abhauen wohl. Sowas finde ich für eine Schweinerei und sauereih entschuldige bitte die Ausdrücke.«

In unserem westlichen Nachbarland protestierte kürzlich der ›Zentralverband der Hotel- und Restaurantangestellten‹ gegen die »immer schlechter werdende Zahlungsmoral unter Hoteliers und Wirten«. »So mußten allein im August 239.000 Franken von Arbeitgebern wegen Vertragsverletzungen eingefordert werden. Die Situation sei dramatisch, hieß es, zumal hier die Dunkelziffer um ein Mehrfaches größer sei.« (›Neue Zürcher Zeitung‹, 28.9.1985)

Auf Basis des Lohnsystems nach gerechtem Lohn zu rufen, ist dumm von den Nachbetern und demagogisch von den Vorbetern in Partei und Gewerkschaft. Unter dem Kapitalismus gibt es keine Gerechtigkeit. Und auf einem Telegrafenmasten wachsen keine Pfirsiche. Schade.

Die Beispiele ließen sich wirklich endlos fortsetzen, von der Verpflegung (»Wir bekommen immer nur die Reste, die von den Hotelgästen übrigbleiben.« — Hausdiener/Abwascher; »Was wir getrunken haben, haben wir auf den Groschen bezahlen müssen, gratis ist nur das blanke Wasser gewesen.« — Küchenhilfe in Galtür) über die Unterkunft (»Maria ihr Kasten geht nicht zum Aufsperren. Wir haben kein Nachtlämpchen. Unser Bett und Tisch quietschen soviel.« — Kärntner Beiköchin im Außerfern; »Das ganze Haus war zentralgeheizt, kaltes und warmes Fließwasser, nur in unseren Zimmern nicht. Da hat es nur Kaltwasser gegeben, darunter ein blechernes Becken wie ein Pissoir in einem Internat, eiserne Bettgestelle, unglaublich hoch, und die Kammer immer kalt.« — Osttiroler Küchenmädchen in Westtirol) bis zur Schwarzarbeit (»Mir wurde gesagt, daß ich mit 5.500 angemeldet werde. Ich habe aber nie eine Versicherungskarte gekriegt ...« — Hausbursch in Ischgl; »Was da der Staat und die Leut ausgenutzt werden, nein, ..., nicht einmal angemeldet haben sie mich.« — Osttiroler Küchenmädchen) und weit darüber hinaus. Aber wer es begreift, der begreift es. Für den anderen, der die Gesetzmäßigkeit dieser Erscheinungen nicht sehen will bleiben es Entgleisungen. Das Übel ist die Lohnarbeit, nicht die Niedrigkeit der Löhne. Die ist sogar von der Bundeswirtschaftskammer erhoben und dokumentiert: »Die bezahlten Löhne und Gehälter im Fremdenverkehr werden von der Untersuchung als die bei weitem niedrigsten von allen Wirtschaftszweigen bezeichnet; der Lohnunterschied zu anderen Branchen werde auch nicht durch die Trinkgelder quantitativ wettgemacht, heißt es in der Studie.« (›a3 gast‹, Sept./Okt. 1980) Auch zuletzt waren, laut ›Sozialbericht 1984‹ die Tariflohnsteigerungen im Fremdenverkehr »merklich unterdurchschnittlich«. Nach Meinung der Seefelder Lokalzeitung müsse dazu aber doch gesagt werden, »daß die Angestellten in Saisonbetrieben wohl zur Saisonzeit (unbestritten) sehr viel arbeiten müssen, im Anschluß daran aber geruhsame Wochen und Monate mit Arbeitslosenunterstützung genießen.« Was soll man da noch sagen? Aja, daß sie die Arbeitslose ja vorher einbezahlt haben und daß diese bei einem Lohn von sechs- oder siebentausend kaum ausreichen wird, irgendetwas zu genießen. Viele Saisonarbeiter müssen während der Saison zuhause die Miete fortzahlen, weil sie die Wohnung ja in der arbeitslosen Zeit brauchen. Freie Kost und Unterkunft werden übrigens bei der Einkommensbesteuerung angerechnet. Daß Saisonangestellte ja auch einen Teil ihres Lohnes am Ort ausgeben, sei nur grad erwähnt.

Bei der Beurteilung der Löhne im Fremdenverkehr muß ja die Zahl der monatlichen Arbeitsstunden und die unumgängliche mehrmonatige Arbeitslosigkeit (»Jahresstelle gesucht«) in Rechnung gestellt werden. Der Unternehmer kauft die Ware Arbeitskraft nur für die Tage, an denen er sie braucht. Er hat sozusagen mit dem Staat einen Servicevertrag abgeschlossen, wie bei der Maschine mit dem Maschinenhändler. Im Falles eines Defekts ist ihm promptes Service zugesichert. Ein Gerät, das ausfällt, bekommt er durch ein anderes ersetzt. Dafür zahlt er monatlich Raten. Das gleiche beim Arbeiter. Fällt er aus, bekommt er einen neuen. Braucht er ihn nicht, wird er gewartet. Für die Reparatur des Ausgeschiedenen hat er nicht extra aufzukommen, das macht der Service-Partner Sozialstaat. Er ist in Wahrheit für ihn da. Daß die Beträge für diesen Unternehmer-Service (Lohnnebenkosten) noch dazu vom Lohn abgehen, nur nebenbei. Es machte auch keinen prinzipiellen Unterschied, wenn sie von den vom Lohnarbeiter für ihn, den Lohnarbeitgeber, erarbeiteten Gewinnen gezahlt werden müssten.

Was ist, ist nicht genug. Die Kapitalbesitzer wollen mehr Rendite. »Das Fremdenverkehrsgewerbe bietet nach wie vor jede Menge Lehrstellen und sichere Arbeitsplätze mit guten Verdienstmöglichkeiten, nur bedarf es eines ›Umdenkprozesses‹ hin zu Leistungsbewußtsein und kleiner Abstriche von den herkömmlichen Annehmlichkeiten (Wochenendfreizeit).« (Hotelier und Bundesrat Christian Fiegl) »Wenn der Gast in Österreich weiter König bleiben soll, müssen die individuellen Serviceleistungen über flexiblere Arbeitszeiten weiter ausgebaut werden.« (Nationalrätin Helga Rabl-Stadler) Sie wollen den Jugendlichen künftig nicht mehr jeden zweiten Sonntag freigeben müssen (Abschaffung des § 18 Abs. 3 des Kinder- und Jugendbeschäftigungsgesetzes), wollen, daß auch Arbeiter, die das 16. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, bis 22 Uhr beschäftigt werden dürfen, daß die im Gastgewerbe beschäftigten Jugendlichen im Sommer bis 23 Uhr arbeiten müssen dürfen usw. Heuer das und nächstes Jahr jenes. Warum sind die Lehrlinge so wichtig im Fremdenverkehr? Weil sie am allerbilligsten sind. Auch ohne Gastarbeiter liefe nichts im österreichischen Fremdenverkehr. Man läßt sie das freilich bei den Löhnen nicht merken. Nur bei der Arbeitszeit zeigt man ihnen, wie unendlich wichtig ihre Arbeit ist. Auch sie tragen den zum Kapital sozialen Staat mit. Die Universitätsprofessorin Elisabeth Lichtenberger rechnet in ihrer Studie »Gastarbeiter — Leben in zwei Gesellschaften« nach, daß »der typische Gastarbeiter in Österreich entgegen einer landläufigen Meinung mehr an Beiträgen in die Versicherungen einzahlt, als er an Leistungen ausgezahlt bekommt« (›DiePresse‹, 16.2.1985). Den Überschuß beziehen dann die Gastwirtegattinnen als Arbeitslose in der Zwischensaison.

Unten ist unten und oben ist oben. Die Geldleute brauchen Arbeiter, um ihr Geld zu vermehren. Und die Arbeiter brauchen Geld, um sich zu erhalten. Sie können sich nur erhalten, indem sie das Geld derer, für die sie arbeiten, vermehren. Dadurch bleiben die Arbeiter immer Arbeiter und die Kapitalisten immer Kapitalisten.

Wie es ist, ist es nicht richtig. Fremdenverkehr ist ein gleichgültiges Wort für brutale Verhältnisse, normale. Aber da sind die netten Leute von nebenan, die die Kapitalisten überreden wollen, von der Ausbeutung Abstand zu nehmen. Die das alles andere als sanfte Kapital zu sanftem Tourismus überreden wollen. Ihre Kritik ist reaktionär. Sie wollen frühere Verhältnisse wiederhaben. Sie sehen nicht, daß der Kampf der gezeigten Widersprüche den Prozeß schon vorangetrieben hat und ihre Erkenntnis immer noch auf einer früheren Stufe verharrt. Sie können die Aufgabe, dem Zug der menschlichen Gesellschaft voranzugehen und ihn vorwärtszuführen, nicht auf sich nehmen. Sie traben bloß hinterher und klagen, daß er sich zu schnell bewegt, und versuchen, ihn zurückzuzerren und in die entgegengesetzte Richtung zu lenken. Für sie geht nur etwas zugrunde, für uns kündigt sich Neues an. Wir haben täglich Nachhilfe in Kapitalismus. Wir werden unsere Lektion lernen.

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Mitgliedschaft

Ich trete hiemit dem Verein Context XXI - Verein für Kommunikation und Information als förderndes Mitglied in der gewählten Beitragsgruppe bei. Ich kann meine Beitragsgruppe jederzeit ändern.

SEPA-Lastschriftmandat

Ich/Wir ermächtige/ermächtigen Context XXI – Verein für Kommunikation und Information, Zahlungen meiner/unserer Mitgliedsbeiträge von meinem/unserem Konto mittels SEPA-Lastschrift einzuziehen. Zugleich weise ich/weisen wir mein/unser Kreditinstitut an, die von Context XXI – Verein für Kommunikation und Information auf mein/unser Konto gezogenen SEPA–Lastschriften einzulösen. Ich kann/Wir können innerhalb von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrages verlangen. Es gelten dabei die mit meinem/unserem Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen. Zahlungsart: wiederkehrende Lastschrift (Recurrent)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1986
Heft 6, Seite 3
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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