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Gerhard Scheit

Was bleibt von Perry Andersons „Entstehung des absolutistischen Staats“?

Der 1938 geborene Perry Anderson gehörte in den siebziger Jahren zu den wichtigsten marxistischen Autoren des angelsächsischen Raums; er war Herausgeber der Zeitschrift New Left Review. Bekannt wurde er im deutschsprachigen Raum durch seine Auseinandersetzung mit Antonio Gramsci (Antonio Gramsci. Eine kritische Würdigung 1977; dt. 1979) und seine Aufsätze Über den westlichen Marxismus (1978). Seine große historische Studie über den Absolutismus, um die es hier im wesentlichen gehen soll, erschien unter den englischen Originaltiteln Lineages of the Absolutist State und Passages from Antiquity to Feudalism 1974 in London.

Anderson ist im weitesten Sinn jenem „strukturalen Marxismus“ zuzurechnen, dessen berühmtester Vertreter einst Louis Althusser war. Im Unterschied zu dessen Arbeiten zeichnet sich Andersons Studie vor allem dadurch aus, daß sie ein wahres Geschichtsbuch ist: Anderson versucht nichts weniger, als die Geschichte des absolutistischen Staats zu schreiben. Und da er mit den Voraussetzungen dieser Staatsform beginnt, setzt seine Studie bereits bei der Antike an. Bestechend ist zunächst die Fülle an historischen Untersuchungen, die er dabei heranzieht und in den Gang seiner Untersuchung hineinverarbeitet, so daß fast der Eindruck entsteht, die diversen Historiker hätten bloß für Anderson zugearbeitet.

Der Fluchtpunkt, vor dem Anderson sein Material anordnet und verkürzt, ist ein bestimmter Begriff von Herrschaft. Getreu den Prämissen des strukturalen Marxismus stützt sich Anderson dabei nicht so sehr auf die ‚Struktur‘ von Ware, Geld und Wert, wie sie Marx im Kapital aufgerissen hat, vielmehr auf die Klassenstruktur, die im Kommunistischen Manifest und den übrigen politischen Schriften von Marx und Engels exponiert wurde. Er weicht jedoch von diesen Schriften insofern ab, als er im Absolutismus keinen Gleichgewichtszustand von Adel und Bürgertum, sondern eine genuine Staatsform des Adels sieht, unter dessen Schirmherrschaft das Bürgertum sich erst entwickelt habe. Aus der Sicht einer Kritik, die vom Kapitalbegriff ausgeht, erscheint diese Definitionssache, auf die Anderson so großen Wert legt, auf den ersten Blick eher belanglos.

Es hängt aber mit dieser Konzentration auf die Klassenfrage zusammen, daß es Anderson gelingt, eine grundlegende Differenzierung für die Geschichte des Absolutismus in allen Einzelheiten durchzuführen. (Insofern knüpfen Immanuel Wallersteins Studien zur Entstehung des „Modernen Weltsystems“ an Anderson an: auch sie erreichen über den „Klassenstandpunkt“ eine erstaunliche Differenzierungskraft.) Anderson unterscheidet dabei prinzipiell zwischen einer westlichen und einer östlichen Entwicklung. Als Ausgangspunkt der westlichen sieht er die lange Krise der europäischen Gesellschaft während des 14. und 15. Jahrhunderts — ausgelöst durch den Kollaps der feudalen Wachstumsdynamik. Im Unterschied zu landläufigen Vorstellungen vom ‚tiefsten Mittelalter‘ war die Zeit vor der großen Hunger- und Pestkatastrophe im 14. Jahrhundert von großer Dynamik, von Produktions- und Bevölkerungswachstum, gekennzeichnet. Anderson arbeitet dies in seiner Vorstudie Von der Antike zum Feudalismus eindrucksvoll heraus. „Im 13.Jahrhundert hatte der europäische Feudalismus eine einheitliche und entwickelte Kultur hervorgebracht, die gegenüber den rudimentären Flickwerk-Gemeinschaften des frühen Mittelalters einen ungeheuren Fortschritt bedeuteten. Für diesen Fortschritt gibt es vielfache Anzeichen. Das erste und wichtigste von ihnen war der große Sprung nach vorn, der beim agrarischen Mehrertrag im Feudalismus erzielt wurde. Denn die neuen Produktionsverhältnisse auf dem Land hatten einen verblüffenden Zuwachs der agrikolen Produktivität ermöglicht. Die technischen Neuerungen, die materiellen Instrumente dieses Fortschritts, waren im wesentlichen der eiserne Pflug für die Feldarbeit, die Einführung des steifen Pferdegeschirrs, für die Gewinnung mechanischer Kraft die Wassermühle, die Mergeldüngung für die Bodenverbesserung und das Drei-Felder-System für den Fruchtwechsel.“ (I S. 220) Den „Massenimpetus“ für diese Fortschritte, die zu einer stetigen Ausweitung und Produktionssteigerung in der Landwirtschaft führten, sieht Anderson dabei durchaus in der Lage der unmittelbaren Produzenten im Feudalismus begründet: „Denn die in Westeuropa entstandene feudale Produktionsweise gewährte der Bauernschaft auch innerhalb der harten Beschränkungen durch die Grundherrschaft einen Mindestraum für die Mehrung des Ertrags, worüber sie selbst verfügen konnte.“ (I S. 223) Anderson verweist darauf, daß die Gesamtbevölkerung von Westeuropa zwischen 950 und 1348 sich verdoppelt haben dürfte, die durchschnittliche Lebenserwartung, die im römischen Reich vermutlich bei etwa 25 Jahren gelegen hatte, im feudalen England — soweit sich dies rekonstruieren läßt — auf 35 gestiegen sei. „Inmitten dieser sich ausdehnenden Gesellschaft belebte sich der Handel nach seinem langen Niedergang während des frühen Mittelalters, immer mehr Städte entstanden und blühten an den Schnittpunkten der regionalen Märkte und Manufakturzentren.“ (I S. 229)

Die schwere Krise im 14. Jahrhundert zeigte jedoch, daß für eine solche Akkumulation ab einem bestimmten Punkt alle staatlichen, monetären und sozialen Rahmenbedingungen fehlten, und das absolutistische System, wie es sich nun im Westen entwickelte, stellte eben diese Bedingungen bereit. „Die zentralisierten Monarchien Frankreichs, Englands und Spaniens repräsentierten einen entscheidenden Bruch mit der pyramidalen, parzellierten Souverenität der mittelalterlichen Gesellschaftstrukturen mit ihren Stände- und Lehenssystemen. [...] Die absoluten Monarchien führten stehende Heere ein, eine dauerhafte Bürokratie, nationale Besteuerung, ein kodifiziertes Gesetz, und sie schufen die Grundlagen für einen gemeinsamen Markt.“ (II S. 17 u. 19)

Den Absolutismus im Osten hingegen begreift Anderson im wesentlichen als eine Reaktionsform auf die Entwicklung im Westen: „Die transnationale Wechselwirkung innerhalb des Feudalismus fand immer zuerst auf der politischen und nicht auf der ökonomischen Ebene statt [...] in Eroberung und nicht im Handel bestand ihre hauptsächliche Ausdehnungsform. Die ungleiche Entwicklung des Feudalismus innerhalb Europas fand somit ihren charakteristischen und direkten Ausdruck nicht in Handelsbeziehungen, sondern in militärischen Beziehungen zwischen den entsprechenden Gebieten des Kontinents. [...] der internationale Druck des westlichen Absolutismus, der politische Apparat einer mächtigeren feudalen Aristokratie, die entwickeltere Gesellschaften beherrschte, verpflichtete den Adel im Osten zum Aufbau einer ähnlich zentralisierten Staatsmaschine, wenn er überleben wollte.“ (II S. 240 f.) Im folgenden zeigt Anderson eindrucksvoll, wie dieser Druck auf den Osten konkret und über die Jahrhunderte hinweg ausgeübt wurde, beschreibt etwa den jungen absolutistischen Staat Schwedens als „Geißel des Ostens“: „Sein machtvoller Zugriff und sein Einfluß auf Preußen, Polen und Rußland in den neunziger Jahren zwischen 1630 und 1720 ist vergleichbar mit den Folgen der Eroberungszüge Spaniens in Westeuropa zu einer früheren Epoche [...].“ Was passierte, wenn es nicht gelang, gegen die Bedrohung aus dem Westen einen absolutistischen Staat aufzubauen, wird am Beispiel der polnischen Gebiete deutlich, die sich die anderen Staaten bei nächster Gelegenheit unter den Nagel rissen.

Man könnte die Frage, die Anderson so sehr beschäftigt — ob der Absolutismus ein Gleichgewichtszustand zwischen Adel und Bürgertum oder eine Herrschaftsform des Adels sei — auch anders stellen: In welchem Verhältnis standen darin feudale und kapitalistische Ausbeutungsformen? Aber was ist überhaupt eine feudale Ausbeutungsform? Versteht man darunter einzig und allein die Leibeigenschaft, so war der Absolutismus im Westen kein feudales System mehr, sondern dessen Abschaffung, während der Absolutismus im Osten das feudale System überhaupt erst begründet hat, indem er die Leibeigenschaft nämlich einführte und in bisher nicht gekannter Form verschärfte. Anderson jedoch hat einen anderen Begriff von Feudalismus: „Das Ende der Leibeigenschaft bedeutet nicht das Ende der feudalen Verhältnisse auf dem Lande. Es ist ein allgemeiner Irrtum, beides miteinander zu identifizieren. Private außerökonomische Zwangsherrschaft, persönliche Abhängigkeit und die Verbindung des unmittelbaren Produzenten mit den Produktionsmitteln verschwanden natürlich nicht automatisch dann, als man damit aufhörte, den ländlichen Mehrwert in der Form von Arbeit oder durch Abgabe von Produkten zu schöpfen und statt dessen Pachtgeld erhielt: solange aristokratisches, agrarisches Eigentum einen freien Warenmarkt auf dem Lande und die Mobilität der menschlichen Arbeitskraft blockierte — solange die Arbeit nicht von den sozialen Bedingungen ihrer Existenz getrennt war, um ‚Arbeitskraft‘ zu werden —, blieben die ländlichen Produktionsverhältnisse feudal.“ (II S. 19) Darum begreift Anderson den Absolutismus im wesentlichen als „ein wiederentfaltetes, erneuertes System der Feudalherrschaft“ (II S. 20) — ja seine ganze Studie scheint geschrieben, um die These Althussers von 1969 zu stützen: „Das politische Regime der absoluten Monarchie ist nur die neue politische Form, die notwendig ist, um die feudale Herrschaft und Ausbeutung in der Periode der Entwicklung der Warenwirtschaft zu erhalten.“ (L.A.: Montesquieu, Paris 1969, S. 117; zit. n. II S. 21)

Vielleicht sollte es besser heißen, der Absolutismus entfaltete den Feudalismus — über dessen eigene Grenzen hinaus: die ursprünglich feudale Wachstumsdynamik wurde in ein anderes System übersetzt, worin das allgemeine Äquivalent des Geldes durch die Zentral- und Allmacht des Staats neu fundiert wurde, und das darum im Inneren wie im Äußeren der Akkumulation keine Grenzen mehr setzte. Anderson selbst gelangt unmittelbar in die Nähe eines solchen Begriffs von Absolutismus, wenn er auf die Bedeutung des Geldes bei der ‚Wiederentfaltung des Feudalismus‘ zu sprechen kommt: „Die Institution der Leibeigenschaft als Instrument der Mehrwertgewinnung vereinte auf der Ebene der kleinsten gesellschaftlichen Gruppe, dem Dorf, ökonomische Ausbeutung und politisch-legale Zwangsherrschaft. Der einzelne Grundherr schuldete seinerseits einem feudalen Oberherrn, der die Vorherrschaft über alles Land in seinem Machtbereich beanspruchte, Lehenstreue und Ritterdienst. Die zur allgemeinen Praxis gewordene Umwandlung der Abgaben in Geldrenten schwächte das engmaschige Verbundsystem der politischen und ökonomischen Unterdrückung der Bauernschaft und drohte es aufzulösen [...] Die Klassenherrschaft der Feudalherrn stand daher mit dem allmählichen Verschwinden der Leibeigenschaft auf dem Spiel. Die Konsequenz dieser Situation war eine Verlagerung der politisch-legalen Zwangsherrschaft in Richtung auf eine zentralisierte, militarisierte, alle Autorität okkupierende Organisationseinheit — den absolutistischen Staat.“ (II S. 22)

Man hat dem strukturalen Marxismus zu Recht vorgeworfen, er sei unhistorisch. Es mag also paradox klingen, daß die wichtigste Studie, die dieser Marxismus hinterlassen hat, eine historische ist. Aber es ist vermutlich kein Zufall, daß diese Studie nicht über das Kapital, sondern über dessen Entstehung aus nichtkapitalistischen Formen der Ausbeutung geschrieben wurde. Der strukturale Marxismus besaß keinen Begriff vom Warenfetisch und hat — in guter alter marxistischer Tradition — die ersten Kapitel des Kapital immer ignoriert. So kommt er dem richtigen Begriff des Kapitals dort am nächsten, wo der Reichtum noch nicht vollständig zu Kapital geworden, nicht in eine durchgängige innere Formbestimmtheit der Subsistenzmittel selbst verwandelt und auf den in allen produzierten Gütern steckenden Wert reduzierbar ist, wo die Aneigner des Reichtums als Subjekte noch nicht zurücktreten und als Anhängsel des „automatischen Subjekts“ Geschichte machen. Was von Perry Andersons Geschichte des absolutistischen Staats bleibt, ist jedoch nur in dieser Perspektive zu erkennen.

  • I: Perry Anderson: Von der Antike zum Feudalismus. Spuren der Übergangsgesellschaften. Übersetzt von Angelika Schweikhart. 2. Aufl. Frankfurt am Main 1981. (edition suhrkamp 922)
  • II: Perry Anderson: Die Entstehung des absolutistischen Staates. Übersetzt von Gerhard Fehn. Frankfurt am Main 1979. (edition suhrkamp 950)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1998
Heft 4/1998, Seite 4
Autor/inn/en:

Gerhard Scheit:

Geboren 1959, Musikstudium, Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik, dissertierte über „Theater zwischen Moderne und Faschismus (Bronnen, Brecht)“, arbeitet als freier Autor und Lehrbeauftragter in Wien.

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