Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2005 » Heft 3-4/2005
Benjamin Rosendahl

„Walk on water“

oder: ein Drahtseilakt

Eine Filmkritik über die deutsch-­israelische Zu­sammenarbeit von Regisseur Eytan Fox.

Am See Genezareth sagt Axel: „Wenn das Herz von innen ganz rein ist, dann schafft man es, über die Wasseroberfläche zu gehen.“ In Anbetracht der vielen Themen, die Eytan Fox in seinem Film zu bearbeiten versucht, scheint das Über-Wasser-zu-gehen wohl noch die einfachste Schwierigkeit zu sein.

Das neueste Werk des israelischen Filmregisseurs Eytan Fox, das seine Premiere bei der letzten Berlina­le hatte, ist eine deutsch-israelische Koproduktion und heißt „Walk on water“ („lalechet al hamajim“ auf He­bräisch). Die Schauspieler sind teils aus Israel und teils aus Deutschland und sprechen Hebräisch, Deutsch und Englisch. Das Drehbuch schrieb Gal Uchovsky.

Wie bereits in seinem letzten Film („Yossi & Jagger“) lässt Fox auch in „Walk on water“ zwei gegensätzliche Männercharaktere aufeinander treffen. Da wäre zum einen Eyal, der Hauptheld des Filmes, gespielt vom auf­steigenden Star des israelischen Kinos, Lior Ashkenazi (u.a.: „Gift from above“ und „Late marriage“, für den er Georgisch lernte). Eyal ist der Inbegriff des israelischen Machos: Muskulär, wortkarg, zynisch. Außerdem ist er ein Mossadagent, der in James-Bond-Manier gleich in der ersten Szene — vor dem Hintergrund des türkischen Mittelmeeres — einen Hamas-Terroristen mit der eigenen Hand umbringt. Eyal wird Axel gegenüber gestellt (ge­spielt von Knut Berger, den das deutschsprachige Publi­kum bereits aus „Die fetten Jahre sind vorbei“ kennt). Der deutsche Axel ist das Gegenteil von Eyal: Sehr sensibel, ein wenig naiv, offen homosexuell — und er ist der Enkel eines Nazis. Diese Tatsache bringt die beiden zusammen: Als Touristenführer getarnt, versucht Eyal herauszufinden, ob Axels Großvater noch am Leben ist.

Dieser Handlungsstrang alleine hätte einen sehr starken Film gemacht, denn das Verhältnis der bei­den Männer wird sehr eindrucksvoll gespielt und geht auf viele Gesichtspunkte des Verhältnisses von Holocaustopfem und -täterInnen dritter Generation ein, die sich da zum ersten Mal gegenüber stehen. Insbesondere wird klar, dass die Vergangenheit sehr direkt auf die Le­bensweise der beiden einwirkt: Während Eyal die Angst vor der Vernichtung verhärtet und er sich seinen Gefühlen verschließt, versucht Axel seiner Vergangenheit dadurch zu entkom­men, dass er Werte akzeptiert, die denen seines Großvaters diametral entgegenste­hen: Weltoffenheit, Sensibilität und Ver­ständnis. Dieser Unterschied zeigt sich in einer der berührendsten Szenen des Filmes, als Eyal ein israelisches Liebeslied, das im Autoradio gespielt wird, für Axel übersetzt: Während für Eyal das Lied den einige Momente vorher stattgefundenen palästinen­sischen Selbstmordanschlag symbolisiert (dann werden nur ruhige Lieder im israe­lischen Radio gespielt), sehnt sich Axel nach der Intimität, die es vermittelt. Der Film hat mehrere solcher Momente, die gefühlvoll und authentisch inszeniert sind.

Leider gehen Regisseur Eytan Fox und Drehbuchautor Gal Ochovsky mit der Verbindung zum israelisch-palästinen­sischen Konflikt etwas zu weit: Eyal wird als regelrechter Araberhasser dargestellt, der Palästinenser in einer Szene als „Tiere“ bezeichnet und in einer anderen einen ara­bischen Geschäftsinhaber vor den Augen des Deutschen erniedrigt. Der Zuschauer wird das Gefühl nicht los, dass Eyals Opferstatus ihn blind macht für das Verhalten Palästinensern gegenüber, ja, dass es seinen Hass rechtfertigt. Diese Darstellung, die nicht nur sehr überzogen und vereinfa­chend ist, öffnet leider auch Tür und Tor für historische Vergleiche, die nicht nur im Kino unangebracht sind.

Auch die Verbindung von Sexualität und Identität ist überzogen: So wirkt der Dialog über Beschneidung und Vorhäu­te, den Axel und Eyal unter der Dusche (nach dem Baden im Toten Meer) führen, künstlich und aufgesetzt. Es entsteht der Eindruck, dass die Beschneidung als phy­sische, unüberwindbare Grenze zwischen Deutschen und Juden hervorgehoben wird und symbolisch für die seelische Wun­de steht, die der Holocaust auch an der nächsten Generation hinterlässt. Das führt aber dazu, dass dieser religiöse Brauch komplett aus seinem Zusammenhang ge­nommen wird und eine Funktion, die er nie hatte, in ihn hineininterpretiert wird. Während nämlich während der Nazizeit die Vorhaut über Leben und Tod entschei­den konnte (und jeder, der „Hitlerjunge Salomon“ gesehen hat, kann das nachemp­finden), wird ein Jude heute diese religiöse Tradition wohl kaum in dieser Sichtweise betrachten. (Sogar Salomon Perei sagt am Ende von „Hitlerjunge Salomon“, dass er nur sehr kurz Zweifel hatte, ob er seinen Sohn beschneiden lassen solle.) Als Eyal später herausfindet, dass Axel schwul ist, stürmt er wutentbrannt in das Büro sei­nes Vorgesetzten. Hier wird der Schwäche der Nachkommen der Täter, die sich ihrer Vorfahren schämen, das Männlichkeitside­al der Nachkommen der Opfer, die sich geschworen haben, nicht wie ihre Vorfah­ren kampflos umgebracht zu werden, entgegengestellt. Zwar hat diese Gegenüber­stellung eine gewisse Richtigkeit. Jedoch ist es m.E. ein Fehler, dies als sexuelle Ausrichtung (homo- vs. heterosexuell) darzustellen. Das verstärkt nur Vorurteile über Homosexuelle wie z.B. den Vorwurf, sie seien nicht wirklich männlich.

Ein Aspekt, der im Film hingegen sehr gut dargestellt wird, ist der Generationenkonflikt sowohl der Nachkommen der Opfer als auch der Täter: Während Eyal nur sehr widerwillig die Fahndung nach dem Altnazi aufnimmt, ist es ein sehr per­sönliches Anliegen für seinen Vorgesetzten Menachem (Gidon Shemer), der eine Ge­neration älter als Eyal ist. In einer Szene am Anfang des Filmes meint Eyal, dass es ein sinnloses Unterfangen und zudem eine Zeitverschwendung wäre, nach einem Alt­nazi zu suchen, der fast 90 Jahre alt sei und dem sowieso sein natürlicher Tod bald be­vorsteht. Menachem antwortet darauf mit einem kurzen, aber sehr eindrucksvollen Satz: „Ich will Gott zuvorkommen.“ Die­ser Satz, der ein Motiv der Nebenfigur Menachem im Film ist, symbolisiert das Schuldgefühl, im Gegensatz zu seiner Familie überlebt zu haben, das viele An­gehörige der ersten Generation der Holo­caustüberlebenden plagt. Nazijäger Simon Wiesenthal sagte dazu einmal:
„Du glaubst an Gott und an ein Leben nach dem Tod. Ich auch. Wenn wir (...) die Millionen Juden treffen, die in den La­gern starben und sie uns fragen, was wir ge­tan haben (...) werde ich sagen: ‚Ich habe euch nicht vergessen.‘“ [1]

Für Eyal hingegen ist dieses Schuldge­fühl nicht vorhanden, weswegen er es bevorzugt, sich mit aktuellen Bedrohungen des jüdischen Staates (z.B. Pläne von Selbstmordattentätern) zu befassen als mit Altnazis. Auch bei den Nachkommen der Täter unterscheiden sich die Einstellungen: Während Axels Eltern über die Jahre hinweg absolute Loyalität zum Großvater ge­zeigt hatten, hat Axel selbst eine Distanz zu ihm, die sich vielleicht auch dadurch erklärt, dass er seinen Großvater (der sich jahrelang in Argentinien versteckt gehalten hat) nie kennengelernt hat. Aber auch abgesehen davon wächst Axel im Berlin der Minderheiten auf, in einer Gesellschaft, in der man selbstverständlich Russisch, Italie­nisch und natürlich Türkisch auf den Stra­ßen hört. Und es ist eine Gesellschaft, in der sich Axel offen homosexuell bekennen kann. Es ist somit eine zeitliche, örtliche und ideologische Distanz zu den Ideen der Nazizeit vorhanden (zumindest hofft das der Drehbuchautor des Filmes).

Leider fehlen dem Film überzeugende weibliche Figuren: Zwar haben einige Frauen, vor allem Axels Schwester Pia, die von Carolina Peters verkörpert wird, längere Kameramomente. Jedoch sind alle weiblichen Nebenfiguren (Eyals Frau, eine Mitarbeiterin des Mossad, etc.) zwei­dimensional und haben keinerlei Tiefe. Damit verpasst der Film ein wichtiges The­ma, nämlich geschlechtsbezogene Unter­schiede in der Verarbeitung der Shoah.

Darauf, wie der Film endet, und insbesonders auf die Frage, ob Axels Gross­vater noch am Leben ist, soll hier nicht eingegangen werden. Es sei jedoch hin­zugefügt, dass er wunderschöne (wenn gleich altbekannte) Landschaftsaufnah­men aus Israel enthält, die sehr gut in Szene gesetzt sind. Auch am Soundtrack, für den Ivri Lieder verantwortlich war, lässt sich nichts aussetzen: Von Bru­ce Springsteen über Esti Ofarim bis zu modernem israelischen Liedgut ist alles dabei und wird sehr gut in den Film in­tegriert. Alles in allem handelt es sich um einen gelungenen Film, der es schafft, viele wichtige Fragen aufzuwerfen. Lei­der gibt er jedoch keine Antworten.

[1(1) aus einem Interview mit Clyde Farnsworth im New York Times Magazine (2. Februar, 1964), zitiert in: http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/biography/Wiesenthal.html
Das Originalzitat lautet:
„Wiesenthal once spent the Sahbath at the home of a former Mauthausen inmate, now a well-to-do jewelry manufacturer. After dinner bis host said, „Simon, if you had gone back to building houses, you’d be a millionaire. Why didn’t you?“ „You’re a religious man,“ replied Wiesenthal. „You believe in God and life after death. I also believe. When we come to the other world and meet the millions of Jews who died in the camps and they ask us, ‚What have you done?‘, there will be many answers. You will say, ‚I became a jeweler‘, Another will say, ‚I have smuggled coffee and American cigarettes‘, Another will say, ‚I built houses‘, But I will say, ‚I didn’t forget you‘.“ (eigene Übersetzung).

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2005
Heft 3-4/2005, Seite 42
Autor/inn/en:

Benjamin Rosendahl:

Geboren 1977 in München, lebt seit 1999 in Israel. An der Hebräischen Universität absolvierte er den Studiengang „Middle Eastern Studies“ mit dem Abschluss Bachelor of Arts. Seine Übersetzerausbildung an der Bar-Ilan Universität schloss er mit dem Magister ab. Seither ist er als freier Übersetzer und Journalist tätig.

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