Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 12
Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Hanna Mittelstädt (Übersetzung) • René Riesel

Vorbemerkungen über die Räte und die Räteorganisation

Die Regierung der Arbeiter und Bauern ist entschlossen, Kronstadt und die Schiffe unverzüglich wieder unter die Verfügungsgewalt der Räterepublik zu stellen. Daher befehle ich allen, die gegen ihr sozialistisches Vaterland sich erhoben haben, die Waffen niederzulegen. Wer sich weigert, wird entwaffnet und den sowjetischen Behörden übergeben. Die verhafteten Kommissare und andere Vertreter der Staatsmacht sind unverzüglich freizulassen. Nur wer sich bedingungslos ergibt, kann auf die Gnade der Sowjetrepublik rechnen. Gleichzeitig befehle ich alle nötigen Vorbereitungen für die Niederwerfung der Aufständischen mit Waffengewalt. Die Verantwortung für das der Zivilbevölkerung zugefügte Unglück werden die Weißen Garden in jeder Konsequenz zu tragen haben.

Trotzki, Kamenjew,
Ultimatum an Kronstadt

Darauf antworteten wir mit einer einzigen Parole: Alle Macht den Räten! Hände weg davon — eure Hände, die rot gefärbt sind vom Blut der Freiheitsmärtyrer, die gegen die Weißgardisten, die Besitzer und die Bourgeoisie gekämpft haben!

Aus der Kronstädter Iswestija Nr.6

Während der fünfzig Jahre, in denen die Leninisten den Kommunismus auf die Elektrifizierung beschränkt haben, die bolschewistische Konterrevolution den sowjetischen Staat auf der Leiche der Macht der Sowjets aufgebaut hat und „Sowjet“ nicht mehr Rat bedeutet, haben die Revolutionen den Herren im Kreml nur die Kronstadt-Forderung ins Gesicht geschleudert: „Alle Macht den Räten und nicht den Parteien!“ Das bemerkenswerte Fortbestehen der realen Tendenz zur Macht der Arbeiterräte während dieser ein halbes Jahrhundert lang aufeinanderfolgenden Versuche und Niederwerfungen der modernen proletarischen Bewegung zwingt der neuen revolutionären Strömung von nun an die Räte als die einzige Form der anti-staatlichen Diktatur des Proletariats auf und als das einzige Gericht, das das Urteil über die alte Welt fällen und selbst vollstrecken kann.

Der Begriff des Rates muss genauer bestimmt werden, nicht nur indem man die groben Fälschungen beseitigt, die durch die Sozialdemokratie, die russische Bürokratie, den Titoismus bis hin zum Ben-Bella-Sozialismus angehäuft wurden, sondern vor allem, indem man die Unzulänglichkeiten der kurzen, bisher entworfenen praktischen Experimente der Macht der Räte erkennt — und natürlich auch der Auffassungen der Räterevolutionäre selbst. Das, wonach der Rat als Totalität strebt, kommt negativ in den Grenzen und Illusionen zum Vorschein, die seine ersten Auftritte geprägt und seine Niederlage genauso verursacht haben, wie der sofortige und kompromisslose Kampf, den die herrschende Klasse normalerweise gegen ihn eröffnet. Der Rat will die Form der praktischen Vereinheitlichung des Proletariats sein, die sich selbst die materiellen und geistigen Mittel zur Veränderung aller bestehenden Verhältnisse geben und souverän ihre eigene Geschichte machen. Er kann und muss die handelnde Organisation des historischen Bewusstseins sein. Nun ist es ihm aber noch nirgends gelungen, die Trennung zu überwinden, deren Träger der spezialisierten politischen Organisationen und die Formen des falschen ideologischen Bewusstseins sind, die sie hervorbringen und schützen. Wenn die Räte als hauptsächliche Agenten eines revolutionären Moments normalerweise Delegiertenräte sind, insofern sie die Beschlüsse lokaler Räte koordinieren und föderieren, stellt es sich außerdem heraus, dass die Basisvollversammlungen fast immer wieder als bloße Wahlversammlungen, als erster Grad des damit über ihnen stehenden „Rates“ betrachtet werden. Hier liegt schon ein Trennungsprinzip, das nur dadurch aufgehoben werden kann, dass aus den lokalen Vollversammlungen aller sich an der Revolution beteiligenden Proletarier der Rat selbst gemacht wird, aus dem in jedem Augenblick jede Delegation ihre Macht schöpfen muss.

Wenn wir die Pre-Räte-Merkmale beseitigen lassen, die Marx an der Pariser Kommune begeisterten („die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte“) und außerdem in der Organisation des aus Delegierten des bewaffneten Pariser Proletariats bestehenden Zentralkomitees der Nationalgarde mehr als in der gewählten Kommune selbst gefunden werden können, so war der berühmte Petersburger „Rat der Arbeiterdeputierten“ der erste Entwurf einer Organisation des Proletariats in einem revolutionären Moment. Nach Trotzkis Zahlen in seinem Buch 1905 hatten 200.000 Arbeiter ihre Delegierten zum Petersburger Rat geschickt, aber dessen Einfluss erstreckte sich weit über sein eigentliches Gebiet hinaus, da viele andere Räte in Russland durch seine Beratungen und Beschlüsse beeinflusst wurden. Er fasste die Arbeiter von mehr als 150 Unternehmen zusammen und nahm außerdem die Vertreter von 16 Gewerkschaften auf, die sich ihm angeschlossen hatten. Sein erster Kern hatte sich am 13. Oktober gebildet und schon am 17. bildete der Sowjet ein Exekutivkomitee über ihm, das — laut Trotzki — „ihm als Ministerium diente“. Von insgesamt 562 Delegierten hatte das Exekutivkomitee nur 31 Mitglieder, von denen 22 wirklich Arbeiter waren, die von allen Arbeitern ihrer Unternehmen delegiert worden waren, und 9 vertraten drei revolutionäre Parteien (die Menschewiki, die Bolschewiki und die Sozial-Revolutionäre); doch „waren die Vertreter der Parteien nicht stimmberechtigt“. Man kann annehmen, dass die Basisversammlungen von ihren absetzbaren Delegierten getreu vertreten wurden, diese hatten aber offensichtlich einen großen Teil ihrer Macht auf richtig parlamentarische Weise zugunsten eines Exekutivkomitees aufgegeben, in dem die „Techniker“ der politischen Parteien einen enormen Einfluss ausübten.

Wie war dieser Rat entstanden? Anscheinend war diese Organisationsform von einigen politisch geschulten Elementen der Arbeiterbasis erfunden worden, die im allgemeinen selbst einer sozialistischen Fraktion zugehörten. Es scheint wirklich übertrieben zu sein, wie Trotzki zu schreiben, dass „eine der beiden Petersburger sozial-demokratischen Organisationen den Anstoß zur Bildung einer autonomen revolutionären Arbeiterverwaltung gab“ (außerdem war diejenige von den „beiden Organisationen“, die sofort die Bedeutung dieser Initiative der Arbeiter erkannte, gerade die der Menschewiki). Der Generalstreik im Oktober 1905 war aber eigentlich zunächst am 19. September von Moskau ausgegangen, als die Setzer der Sytine-Druckerei in den Streik traten, besonders weil sie verlangten, dass die Interpunktionszeichen bei den 1000 Typen mitgezählt würden, aus denen die Zahlungseinheit ihres Stücklohns bestand. Ihnen folgten 50 Druckereien und am 25. September bildeten die Moskauer Drucker einen Rat. Am 3. Oktober „fasste die Versammlung der Arbeiterdeputierten der Verbände der Buchdrucker, Mechaniker, Tischler, der Arbeiter der Tabakindustrie u.a.m. den Beschluss, einen allgemeinen Rat (Sowjet) der Moskauer Arbeiter zu bilden“ (vgl. Trotzki, im angeführten Werk). Wie man sieht, ist diese neue Form am Anfang der Streikbewegung spontan entstanden. Diese Bewegung, die schon in den nächsten Tagen abzuflauen begann, kam bis zur großen, bekannten historischen Krise am 7. Oktober wieder in Schwung, als die Eisenbahner von Moskau aus spontan damit begannen, den Verkehr zu stoppen.

Die Räte-Bewegung in Turin im März und April 1920 hatte ihren Ursprung im sehr konzentrierten Proletariat der Fiat-Werke. Zwischen August und September 1919 gaben die erneuten Wahlen zu einer „internen Kommission“ (einer Art kollaborationistischem Betriebsrat, der 1906 durch eine Gesamtvereinbarung mit dem Ziel gegründet worden war, die Arbeiter besser zu integrieren) plötzlich die Gelegenheit dazu, bei der damals Italien erschütternden sozialen Krise die Rolle dieser „Kommisare“ völlig umzuändern. Sie fingen an, sich untereinander als unmittelbare Vertreter der Arbeiter zu föderieren. Im Oktober 1919 waren 30.000 Arbeiter in einer Versammlung der „Exekutivkomitees der Fabrikräte“ vertreten, die vielmehr einer „shopsteward“-Versammlung als einer eigentlichen Räteorganisation ähnelte (auf der Basis eines gewählten Kommissars pro Werkstatt). Das Beispiel breitete sich aber aus und die Bewegung radikalisierte sich — sie wurde von einer Fraktion der in Turin die Mehrheit besitzenden sozialistischen Partei (mit Gramsci) und den piemontesischen Anarchisten unterstützt (vgl. Pier Carlo Masinis Broschüre Anarchisten und Kommunisten in der Bewegung der Räte in Turin). Die Bewegung wurde von der Mehrheit der sozialistischen Partei und den Gewerkschaften bekämpft. Am 15. März 1920 traten die Räte in einen Streik mit Besetzung der Fabriken und sie setzten die Produktion unter eigener Kontrolle wieder in Gang. Am 14. April war in Piemont Generalstreik; an den folgenden Tagen dehnte er sich auf einen großen Teil Norditaliens aus, vor allem unter den Eisenbahnern und den Hafenarbeitern. Die Regierung musste Kriegsschiffe einsetzen, um Truppen in Genua landen zu lassen, die sie gegen Turin einsetzte. Sollte das Programm der Räte später vom Kongress der Italienischen Anarchistischen Union, der am 1. Juli in Bologna zusammenkam, gebilligt werden, so ist es bekanntlich der sozialistischen Partei und den Gewerkschaften gelungen, den Streik zu sabotieren, indem sie ihn isolierten: so weigerte sich z.B. das Parteiorgan Avanti, den Aufruf der sozialistischen Sektion von Turin zu drucken, während die Stadt von 20.000 Soldaten und Polizisten eingeschlossen war (vgl. P.C. Masini). Der Streik, der offensichtlich einen siegreichen proletarischen Aufstand im ganzen Land ermöglicht hätte, wurde am 24. April besiegt. Die Folge ist bekannt.

Trotz bestimmter bemerkenswert fortgeschrittener Merkmale dieses nur selten erwähnten Experiments (sehr viele Gauchisten glauben sogar, dass 1936 in Frankreich zum erstenmal Fabriken besetzt worden wären) muss hervorgehoben werden, dass an ihm und auch bei seinen Anhängern und Theoretikern vieles sehr unklar blieb. So schrieb Gramsci in der Nr. 4 (11. Jahrgang) der L’Ordine Nuovo: „Wir verstehen den Fabrikrat als den historischen Beginn eines Prozesses, der zwangsläufig zur Bildung eines Arbeiterstaates führt.“ Ihrerseits behandelten die Räteanarchisten den Syndikalismus rücksichtsvoll und behaupteten, die Räte würden ihm einen neuen Impuls geben.

Jedoch bringt das am 27. März 1920 von den Räte-Anhängern in Turin veröffentlichte Manifest, das „die Arbeiter und Bauern ganz Italiens“ zu einem allgemeinen Rätekongress aufforderte (der nicht stattfinden konnte), einige wesentliche Punkte im Programm der Räte zum Ausdruck: „Der Eroberungskampf muss von nun an mit Eroberungs- und nicht nur mit Verteidigungswaffen geführt werden (das betrifft die Gewerkschaften als ‚in einer bürokratischen Form erstarrte Widerstandsorgane‘, Anmerkung der S.I.). Eine neue Organisation muss sich entwickeln, die den Regierungsorganen der Unternehmer direkt entgegengesetzt ist. Dafür muss sie spontan am Arbeitsplatz entstehen und alle Arbeiter zusammenbringen, da als Produzenten alle einer Autorität unterworfen sind, die ihnen fremd (estranea = äußerlich) ist und die sie los werden müssen … Für euch hat die Freiheit ihren Ursprung in einem sozialen Gebilde, das euch, indem es sich schnell und weltweit ausbreitet, in die Lage versetzt, aus dem ökonomischen Bereich den Ausbeuter und Mittelsmann zu beseitigen und euch selbst zu Herren, zu Herren über eure Maschinen, eure Arbeit, euer Leben zu machen …“

Bekannt ist, wie 1918-1919 in Deutschland auf eine einfache Weise die Arbeiter- und Soldatenräte vom Anfang bis zum Ende entweder von der sozialdemokratischen Bürokratie beherrscht wurden oder ihren Manövern zum Opfer fielen. Sie haben Eberts „sozialistische“ Regierung geduldet, die sich besonders auf den Generalstab und die Freikorps stützte. Die „Hamburger 7 Punkte“ (über die sofortige Liquidierung der alten Armee), die von Dorrenbach unterbreitet und mit großer Mehrheit von dem am 16. Dezember in Bremen eröffneten Kongress der Soldatenräte gebilligt wurden, sind von den „Volkskommissaren“ nicht durchgeführt worden. Die Räte duldeten diese Herausforderung, sowie die schnell auf den 19. Januar festgesetzten Legislativwahlen, den Angriff gegen Dorrenbachs Matrosen und am Vorabend dieser Wahlen selbst die Niederwerfung des Spartakus-Aufstands. 1956 befürwortete der Arbeiterzentralrat von Groß-Budapest, der sich am 14. November gebildet und erklärt hatte, er sei entschlossen, den Sozialismus selbst zu verteidigen, wobei er gleichzeitig „den Rücktritt aller politischen Parteien aus den Fabriken“ verlangte, Nagys Rückkehr zur Macht und freie Wahlen in begrenzter Frist. Zweifellos setzte er im selben Augenblick den Generalstreik fort, während die russischen Truppen schon jeden bewaffneten Widerstand niedergeworfen hatten. Aber selbst vor der zweiten russischen Intervention hatten die ungarischen Räte Parlamentswahlen verlangt — das heißt also, dass sie selbst eine Situation der Doppelherrschaft anstrebten, während sie doch den Russen gegenüber die einzige tatsächliche Macht waren.

Das Bewusstsein davon, was die Macht der Räte ist und sein sollte, entsteht aus der Praxis dieser Macht selbst. Auf einer gehemmten Entwicklungsstufe dieser Macht kann es sich aber recht stark von dem unterscheiden, was dieser oder jener Arbeiter, der Mitglied eines Rates ist, oder sogar ein ganzer Rat als einzelner denkt. Die Ideologie setzt sich der handelnden Wahrheit entgegen, die ihr Betätigungsfeld im Rätesystem hat, und sie kommt nicht nur in der Form feindlicher Ideologien zum Vorschein bzw. in der Form von Ideologien über die Räte, die von politischen Kräften ausgearbeitet werden, die diese unterwerfen wollen, sondern genauso gut in der Form einer der Macht der Räte günstigen Ideologie, die deren Theorie und totale Praxis beschränkt und verdinglicht. Schließlich wäre eine reine Räte-Ideologie zwangsläufig der Räte-Wirklichkeit feindlich gesinnt. Die Gefahr besteht, dass die revolutionären Organisationen, die prinzipiell die Macht der Räte erstreben, zu Trägern einer solchen, mehr oder weniger konsequent formulierten Ideologie werden. Diese Macht, die selbst die Organisation der revolutionären Gesellschaft ist und deren Kohärenz sich objektiv durch die praktischen Erfordernisse dieser als ein Ganzes entdeckten historischen Aufgabe definieren lässt, kann auf einen Fall dem praktischen Problem der partikulären Organisationen entgehen, die notwendigerweise als Feinde oder mehr oder weniger aufrichtige Freunde der Räte in ihre Tätigkeit eingreifen werden. Die in den Räten organisierten Massen müssen dieses Problem zur Kenntnis nehmen und es bewältigen. Hier sind die Räte-Theorie und das Vorhandensein authentischer Räte-Organisationen sehr wichtig. Es kommen dabei bestimmte wesentliche Elemente zum Vorschein, die dann bei den Räten selbst und in ihrer eigenen Einwirkung auf die Räte eine Rolle spielen.

Die gesamte revolutionäre Geschichte zeigt, wie groß der Schuldanteil der jeweils auftretenden Räteideologie an den Niederlagen der Räte ist. Die Leichtigkeit, mit der die spontane Organisation des kämpfenden Proletariats ihre ersten Siege erringt, kündigt oft eine zweite Phase an, in der die Zurückeroberung von innen her geschieht und die Bewegung ihre Wirklichkeit für den Schatten ihrer Niederlage aufgibt. So ist die Räte-Ideologie die neue Jugend der alten Welt.

Sozialdemokraten und Bolschewisten haben den gemeinsamen Willen, die Räte als bloße Hilfsorgane der Partei und des Staates zu betrachten. 1902 wünschte sich Kautsky, der wegen des Verrufs der Gewerkschaften bei den Arbeitern besorgt war, dass die Arbeiter in bestimmten Industriezweigen „Delegierte“ wählten, „die eine Art Parlament bilden, mit der Aufgabe, die Arbeit zu regeln und die bürokratische Verwaltung zu überwachen“ (Die soziale Revolution). Ebert, Noske und Scheidemann werden diese Idee einer hierarchisierten Arbeitervertretung, mit einem Parlament an der Spitze, sehr überzeugt durchführen. Schon am 9. November 1918 ist die Art und Weise, wie diese besondere Räte-Ideologie die Räte behandelt, meisterhaft ausprobiert worden — und zur endgültigen Lehre all derer, die nicht Scheiße statt Gehirn im Kopf haben — als die Sozialdemokraten, um die spontane Räte-Organisation auf ihrem eigenen Gebiet zu bekämpfen, in den Büros des Vorwärts einen „Berliner Arbeiter- und Soldatenrat“ gründeten, der aus 12 Vertrauensmännern der Fabriken und sozialdemokratischen Funktionären und Führern bestand.

Die bolschewistische Räte-Ideologie ist weder so naiv wie die Kautskys noch so grob wie die von Ebert. Von der radikalsten Basis — „Alle Macht den Räten“ — macht sie einen Sprung, um über Kronstadt hinaus wieder auf die Beine zu kommen. In Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht (April 1918) fügt Lenin dem Kautsky-Waschmittel einige Enzyme hinzu: „Die bürgerlichen Parlamente, sogar in der hinsichtlich des Demokratismus besten kapitalistischen Republik der Welt, werden niemals von der armen Bevölkerung als ‚ihre‘ Einrichtungen angesehen … Gerade die Verbundenheit der Sowjets mit dem ‚Volke‘ der Werktätigen schafft die besonderen Formen der Abberufung und anderer Kontrollen von unten, die jetzt besonders eifrig entwickelt werden müssen. Zum Beispiel verdienen die Sowjets der Volksbildung als periodische Konferenzen sowjetischer Wähler und ihrer Delegierten zur Beratung und Kontrolle über die Tätigkeit der sowjetischen Behörden auf diesem Gebiet vollste Sympathie und Unterstützung. Es gibt nichts Dümmeres als die Verwandlung der Sowjets in etwas Starres und sich selbst Genügendes. Je entschlossener wir jetzt für eine rücksichtslos starke Macht, für die Diktatur einzelner Personen für bestimmte Arbeitsprozesse, in bestimmten Momenten rein exekutiver Funktionen eintreten müssen, desto mannigfaltiger müssen die Formen und Methoden der Kontrolle von unten sein, um jede kleinste Möglichkeit, die Sowjetmacht zu entstellen, zu paralysieren, um das Unkraut des Bürokratismus immer wieder und unermüdlich auszureißen.“ Für Lenin sollen also Räte, genau wie religiöse Verbände; zu Gruppen werden, die einen Druck für die Verbesserung der Bürokratie ausüben, die unvermeidlich bei den politischen und wirtschaftlichen — also durch die Partei und die Gewerkschaften erfüllten — Funktionen des Staates entsteht. Die Räte sind also der soziale Teil, der wie die Seele in Descartes philosophischem System doch irgendwo angehängt werden muss.

Selbst Gramsci tut nichts anderes, als Lenin abzustauben, indem er ihn in demokratischer Anständigkeit badet: „Die Fabrikkommissare sind die einzigen und echten sozialen — d.h. ökonomischen und politischen — Vertreter der Arbeiterklasse, da sie am Arbeitsplatz selbst von allen Arbeitern durch allgemeines Wahlrecht gewählt werden. Bei den verschiedenen Stufen ihrer Hierarchie repräsentieren die Kommissare die Einheit aller Arbeiter, wie sie in den Produktionsorganen zustandekommt (Arbeitsmannschaft, Fabrikabteilung, Verband der Fabriken eines Industriezweiges, Verband der Geschäfte einer Stadt, Verband der Produktionsorgane der mechanischen und landwirtschaftlichen Industrie auf der Ebene eines Bezirks, einer Provinz, einer Region, einer Nation, der Welt) deren soziale Macht und Führung die Räte und das Rätesystem repräsentieren“ (vgl. Artikel in Ordine Nuovo). Nachdem die Räte so auf den Zustand sozio-ökonomischer Fragmente reduziert worden sind, die die „zukünftige sowjetische Republik“ vorbereiten sollen, tritt selbstverständlich die Partei, diese „Prinzessin der Neuzeit“ als das unerlässliche politische Verbindungsmittel auf, als vorherbestehender, mechanischer Gott, der um seine künftige Existenz besorgt ist: „Die kommunistische Partei ist das Werkzeug und die historische Form des Prozesses der inneren Befreiung, dank dem die Arbeiter aus Ausführenden zu Initiatoren, aus Massen zu Chefs und Führern und aus bloßen Armen zu Gehirnen und Willen werden“ (Ordine Nouvo 1919). Die Melodie ist neu, aber das Lied der Räte-Ideologie das gleiche — Räte, Partei und Staat. Die Räte fragmentarisch behandeln — ökonomische Macht, soziale Macht, politische Macht — wie die schwachsinnigen Räteideologen der Gruppe Révolution Internationale in Toulouse, heißt glauben, dass, wer die Arschbacken zusammenkneift, nur halb in den Arsch gefickt wird.

Auch der Austro-Marxismus hat nach 1918 bei der von ihm befürworteten Linie einer langsamen reformistischen Entwicklung eine eigene Räte-Ideologie aufgebaut. Max Adler sieht z.B. in seinem Buch „Demokratie und Arbeiterräte“ recht gut ein, wie der Rat das Werkzeug zur Selbsterziehung der Arbeiter, das möglich gewordene Ende der Trennung zwischen Ausführenden und Führenden ist und zur Bildung eines homogenen Volkes führt, das die sozialistische Demokratie verwirklichen kann. Er erkennt aber auch, dass die Tatsache, dass die Arbeiterräte eine Macht innehaben, keineswegs eine ausreichende Garantie für deren kohärentes revolutionäres Ziel ist: dazu müssen die Arbeiter, die Rätemitglieder sind, ausdrücklich die Gesellschaft umgestalten und den Sozialismus verwirklichen wollen. Da Adler der Theoretiker der legalisierten Doppelherrschaft ist — d.h. eines unsinnigen Zustands, der zwangsläufig nicht fähig ist, sich aufrechtzuerhalten, indem er stufenweise dem revolutionären Bewusstsein näher kommt und brav die Revolution für eine spätere Zeit vorbereitet —, steht er letztlich da ohne das einzige wirklich grundsätzliche Element der Selbsterziehung des Proletariats: die Revolution selbst. Um dieses unersetzliche Feld der proletarischen Homogenisierung, sowie die einzige Selektionsweise zur Bildung der Räte selbst und zur Bildung von kohärenten Ideen und Tätigkeitsweisen in den Räten zu ersetzen, sieht Adler letzten Endes keinen anderen Ausweg als folgende Verirrung: „Das Stimmrecht für die Wahl der Arbeiterräte muss von der Zugehörigkeit zu einer sozialistischen Organisation abhängen.“

Man kann wohl behaupten, dass außer der Ideologie über die Räte von Sozialdemokraten und Bolschewiken, die von Berlin bis Kronstadt immer wieder mit Noske bzw. Trotzki voraus waren, die Räte-Ideologie selbst — diejenige der Räte-Organisationen der Vergangenheit und einiger heutiger — immer wieder mit einigen Vollversammlungen und Zwangsmandaten im Rückstand ist. Alle Räte, die es bisher gegeben hat, mit der Ausnahme der landwirtschaftlichen Kollektivitäten Aragoniens, sind in der Idee nur „demokratisch gewählte Räte“, auch wenn diese Beschränkung in den höchsten Momenten ihrer Praxis verneint wurde, wenn alle Beschlüsse durch die souveränen Vollversammlungen gefasst wurden, die abrufbare Delegierte beauftragen.

Nur durch die historische Praxis, in der die Arbeiterklasse all ihre Möglichkeiten entdecken und verwirklichen muss, wird auf die genauen Organisationsformen der Macht der Räte hingewiesen. Dagegen aber besteht die unmittelbare Aufgabe der Revolutionäre darin, die Grundsätze der Räte-Organisation festzusetzen, die in allen Ländern im Entstehen begriffen sind. Durch den vorliegenden Artikel — dem noch einige folgen sollen — der Hypothesen zum Ausdruck bringt und an die grundsätzlichen Forderungen der revolutionären Bewegung erinnert, bezwecken wir, eine egalitäre und wirkliche Debatte einzuleiten. Aus ihr werden nur die ausgeschlossen, die sich weigern, sie in dieser Form zu stellen, und die, die sich heute im Namen eines sub-anarchistischen Spontaneismus zu Feinden jeder Organisationsform erklären und nur die Fehler und die Konfusion der alten Bewegung reproduzieren — diese Mystiker der Nicht-Organisation, seien es Arbeiter, die durch einen allzu langen Aufenthalt bei trotzkistischen Sekten entmutigt wurden, oder Studenten, die in ihrer elenden Lage gefangen bleiben und unfähig sind, dem bolschewistischen Organisationsmodell zu entgehen. Selbstverständlich befürworten die Situationisten die Organisation — davon zeugt die situationistische Organisation selbst. Diejenigen, die ankündigen, sie seien mit unseren Thesen einverstanden, indem sie der S.I. gleichzeitig einen verschwommenen Spontaneismus zuschreiben, können nicht einmal lesen.

Gerade deswegen, weil die Organisation nicht alles ist und es nicht ermöglicht, alles zu retten bzw. zu gewinnen, ist sie unerlässlich. Im Gegensatz zu dem, was der Schlächter Noske (in Von Kiel bis Kapp) über den 6. Januar 1919 schreibt, konnten die Massen nicht deswegen „Berlin an diesem Tag um Mittag nicht in ihre Gewalt bekommen“, weil sie „Schönredner“ hatten statt „entschlossenen Führern“, sondern weil die autonome Organisationsform der Fabrikräte eine derartige Entwicklungsstufe der Autonomie noch nicht erreicht hatte, dass sie „entschlossene Führer“ und eine getrennte Organisation zur Herstellung der Verbindungen hätten entbehren können. Ein weiterer Beweis dafür ist das schmachvolle Beispiel vom Mai 1937 in Barcelona: dass als Antwort auf die stalinistische Provokation so schnell zu den Waffen gegriffen wurde, dass aber auch dem von den anarchistischen Ministern erteilten Ergebungsbefehl so schnell gehorcht werden konnte, sagt viel über die enorme Fähigkeit zur Autonomie der katalanischen Massen und gleichzeitig über das, was ihnen noch an Autonomie fehlte, um siegen zu können. Auch morgen entscheidet noch der von den Arbeitern erreichte Grad an Autonomie unser Schicksal.

Die im Entstehen begriffenen Räte-Organisationen werden es also nicht versäumen, die von der VII. S.I.-Konferenz gebilligte Minimale Definition der revolutionären Organisationen (vgl. S.I. Nr. 11) anzuerkennen und wirklich als ein Minimum für sich wiederaufzunehmen. Da ihre Aufgabe darin besteht, die Macht der Räte vorzubereiten, die sich selbst mit keiner anderen Form der Macht vereinigen lässt, wissen sie, dass jedes abstrakte Einverständnis mit dieser Definition sie unwiderruflich dazu verurteilt, nichts zu sein. Folglich wird ihr wirkliches Einverständnis praktisch durch die nicht-hierarchischen Beziehungen innerhalb der sie bildenden Gruppen bzw. Sektionen bestimmt, sowie durch die Beziehungen zu anderen Gruppen bzw. autonomen Organisationen; durch die Entwicklung der revolutionären Theorie und der einheitlichen Kritik der herrschenden Gesellschaft, sowie durch die permanente Kritik ihrer eigenen Praxis. Indem sie die alte Teilung der Arbeiterbewegung in getrennte Organisationen, Parteien und Gewerkschaften ablehnen, behaupten sie ihr einheitliches Programm und ihre einheitliche Praxis. Trotz der schönen Räte-Geschichte haben alle vergangenen Räte-Organisationen, die beträchtlich an den Klassenkämpfen teilgenommen haben, die Trennung in einen politischen, einen wirtschaftlichen und einen sozialen Sektor bestätigt. Indem sie zwar die Räte auf ihr Programm setzte, sich aber als einzige wesentliche Aufgabe die Propaganda und die theoretische Diskussion, „die politische Erziehung der Massen“, stellte, hat eine der wenigen alten Parteien, die der Analyse wert ist, die KAPD (Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands) der AAUD (Allgemeine Arbeiterunion Deutschlands) die Rolle überlassen, die revolutionären Fabrikorganisationen zu föderieren, eine vom herkömmlichen Syndikalismus nur wenig entfernte Auffassung. Wenn die KAPD sowohl den Parlamentarismus und den Syndikalismus der KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) als auch die leninistische Auffassung einer Massenpartei ablehnte und eher die bewussten Arbeiter zusammenbringen wollte, so war sie doch immer noch dem alten hierarchischen Modell der Avantgardepartei — mit ihren Berufsrevolutionären und bezahlten Redakteuren — verbunden. Die Ablehnung dieses Modells und besonders einer von den revolutionären Fabrikorganisationen getrennten politischen Organisationen führte 1920 zur Abspaltung eines Teil der AAUD-Mitglieder, die die AAUD-E (Allgemeine Arbeiterunion Deutschlands — Einheitsorganisation) gründeten. Die neue Organisation sollte durch ihre bloße innere Demokratie die Erziehungsarbeit verrichten, die bisher der KAPD zugefallen war, und stellte sich gleichzeitig die Aufgabe, die Kämpfe zu koordinieren: die föderierten Fabrikorganisationen würden sich im revolutionären Moment in Räte verwandeln und für die Verwaltung der Gesellschaft sorgen. Hier war die moderne Losung des Arbeiterrats immer noch mit den messianischen Erinnerungen an den alten revolutionären Syndikalismus vermischt — so sollten die Fabrikorganisationen auf magische Art und Weise Räte werden, wenn sich ihnen einmal alle Arbeiter angeschlossen hätten.

All das hatte sein logisches Ende. Nach der Niederwerfung des Aufstandes von 1921 und der Unterdrückung der Bewegung verließen zahlreiche Arbeiter, die durch die weiter entfernte revolutionäre Perspektive entmutigt waren, die Fabrikorganisationen, die verkamen und gleichzeitig aufhörten, Organe eines wirklichen Kampfes zu sein. Die AAUD wurde ein anderer Name für die KAPD und die AAUD-E musste zusehen, wie sich die Revolution mit derselben Schnelligkeit entfernte, wie die Zahl ihrer Mitglieder abnahm. Sie waren zu bloßen Trägern einer Räte-Ideologie geworden, die immer mehr von der Wirklichkeit getrennt wurde.

Die weitere Entwicklung der KAPD zum Terrorismus und die spätere Unterstützung der bloßen „unmittelbar ökonomischen“ Forderungen durch die AAUD führten 1929 zur Spaltung zwischen den Fabrikorganisationen und ihrer Partei. Bereits als zwei Leichname schlossen sich 1931 AAUD und AAUD-E auf erbärmliche und prinzipienlose Weise gegenüber dem nationalsozialistischen Emporkommen zusammen. Die revolutionären Elemente der beiden Organisationen kamen zusammen, um die KAUD (Kommunistische Arbeiterunion Deutschlands) zu bilden. Als Organisation der Minderheit, die sich ihres Zustandes bewusst war, war diese die einzige in der ganzen deutschen Räte-Bewegung, die keinen Anspruch darauf erhoben hat, die künftige ökonomische — und im Falle der AAUD-E ökonomisch-politische — Organisation der Gesellschaft zu übernehmen. Sie forderte die Arbeiter dazu auf, autonome Gruppen zu bilden und für die Verbindungen zwischen diesen Gruppen selbst zu sorgen. Die KAUD kam aber in Deutschland viel zu spät. 1931 war dort die revolutionäre Bewegung schon seit fast zehn Jahren tot.

Wäre es auch nur, um die Zurückgebliebenen grölen zu lassen, die immer noch im Streit zwischen Anarchisten und Marxisten stecken, erinnern wir hier daran, dass die CNT-FAI — lässt man das tote Gewicht der anarchistischen Ideologie beiseite, mit ihrer größeren Praxis der befreienden Phantasie — dieselben organisatorischen Vorkehrungen wie die marxistische KAPD-AAUD billigte. So wie die deutsche kommunistische Arbeiterpartei will die iberische anarchistische Föderation die politische Organisation der bewussten spanischen Arbeiter sein, während ihre AAUD — bzw. die CNT — damit beauftragt wird, die zukünftige Gesellschaft zu verwalten. Als Elite des Proletariats verbreiten die FAI-Militanten die anarchistische Idee in den Massen, während die CNT die Arbeiter in ihren Gewerkschaften praktisch organisiert. Es gibt trotzdem zwei wesentliche Unterschiede, von denen der eine — ideologische — genau das bringen wird, was von ihm zu erwarten war: die FAI will die Macht nicht ergreifen und begnügt sich damit, das gesamte Verhalten der CNT zu beeinflussen; andererseits vertritt die CNT wirklich die spanische Arbeiterklasse. Nachdem es also am 1.Mai 1936 — d.h. zwei Monate vor der revolutionären Explosion — vom CNT-Kongress in Saragossa gebilligt worden war, ist eines der schönsten Programme, das je durch eine vergangene revolutionäre Organisation aufgestellt wurde, teilweise von den anarcho-syndikalistischen Massen durchgeführt worden, während ihre Führer in Ministerialismus und Klassenkollaboration versanken. Mit den Massenzuhältern Garcio Oliver, Secundo Blanco und der Subdirektorin des Bordells, Montseny, erfuhr die anti-staatliche libertäre Bewegung, die schon den anarchistischen Schützengrabenprinz Kropotkin geduldet hatte, endlich die historische Krönung ihres ideologischen Absolutismus — die Regierungsanarchisten. In seiner letzten historischen Schlacht musste der Anarchismus zusehen, wie die gesamte ideologische Suppe, die sein Wesen ausmachte — Staat, Freiheit, Individuum und sonstiges, ausgelaugtes, großgeschriebenes Gewürz — ihm aufs Maul zurückfiel, während die libertären Arbeiter und Bauern seine Ehre retteten. Sie leisteten den größten praktischen Beitrag zur internationalen proletarischen Bewegung, indem sie die Kirchen in Brand steckten, an allen Fronten der Bourgeoisie, den Faschismus und den Stalinismus bekämpften und anfingen, die kommunistische Gesellschaft zu verwirklichen.

Es gibt heute einige Organisationen, die heimtückisch behaupten, sie seien keine. Durch diese Erfindung können sie es gleichzeitig vermeiden, sich um die einfachste Klärung der Grundlage zu kümmern, auf der sie die ersten besten zusammenbringen (indem sie sie auf magische Weise „Arbeiter“ nennen); so ist es weiter möglich, den Halbmitgliedern von der informellen Führung keine Rechenschaft abzulegen, die allein schaltet und waltet; irgendetwas zu sagen und vor allem jede andere mögliche Organisation und jede von vornherein verdammte theoretische Aussage zu verurteilen, indem man alles in einen Topf wirft. So schreibt z.B. die Gruppe Informations Correspondance Ouvrière in einem vor kurzem erschienenen Bulletin (ICO Nr. 84, August 1969): „Die Räte sind die Umgestaltung der Streikkomitees unter dem Einfluss der Situation selbst und als eine Antwort auf die Erfordernisse des Kampfes selbst, in der Dialektik selbst dieses Kampfes. Jeder andere Versuch, in irgendeinem Moment des Kampfes die Notwendigkeit zu formulieren, Arbeiterräte zu bilden, gehört zu einer Räte-Ideologie, wie sie in verschiedener Form bei gewissen Gewerkschaften, in der PSU oder bei den Situationisten zu finden ist. Das Konzept des Rates selbst schließt jede Ideologie aus.“ Wie man sich vorstellen kann, wissen diese Leute nichts von der Ideologie, da ihre eigene sich nur durch den gerüstlosen Eklektizismus von ausgebildeteren unterscheidet. Sie haben aber gehört — vielleicht beim Lesen von Marx, vielleicht einfach durch die S.I. — dass die Ideologie etwas Schlechtes geworden ist. Das machen sie sich zunutze, indem sie versuchen, glauben zu lassen, dass jede theoretische Arbeit — der sie wie einer Sünde fernbleiben — bei den Situationisten wie bei der PSU eine Ideologie ist. Durch ihren tapferen Rückgriff auf die „Dialektik“ und das „Konzept“, die jetzt ihren Wortschatz zieren, werden sie keineswegs von einer schwachsinnigen Ideologie befreit, die gerade dieser Satz zur Genüge zu erkennen gibt. Rechnet man idealistischerweise nur auf das Räte-„Konzept“ bzw. auf die praktische Untätigkeit der ICO (was eine noch euphorischere Denkweise ist), um aus den wirklichen Räten „jede Ideologie auszuschließen“, so muss man auf das Schlimmste gefasst sein: wir sahen, wie die historische Erfahrung keinen derartigen Optimismus rechtfertigt. Die Überwindung der primitiven Form der Räte kann nur aus immer bewusster werdenden Kämpfen erwachsen sowie aus Kämpfen um mehr Bewusstsein. ICO’s mechanistische Vorstellung einer perfekten, automatischen Antwort des Streikkomitees auf die „Erfordernisse“, nach der der Rat zu ihm angemessener Zeit recht gut von allein entsteht,vor allem unter der Bedingung, dass man nicht von ihm spricht, beachtet die Erfahrungen der Revolutionen unseres Jahrhunderts überhaupt nicht, die zeigen, dass „die Situation an sich“ die Räte genauso schnell verschwinden, abfangen und rekuperieren wie entstehen lassen kann.

Verlassen wir aber diese kontemplative Ideologie, die, wie ein sehr verkommener Ersatz für die Naturwissenschaft, die Entstehung einer proletarischen Revolution ungefähr wie einen Sonnendurchbruch beobachten möchte. Räte-Organisationen werden sich bilden, obwohl sie genau das Gegenteil eines Führungsstabs sein müssen, auf dessen Befehl Räte entstehen würden. Trotz der Periode einer neuen offenen sozialen Krise, die wir seit der Bewegung der Besetzungen betreten haben, und der hier und dort, von Italien bis Russland ermunternden Lage werden aller Wahrscheinlichkeit nach echte Räte-Organisationen noch lange Zeit brauchen, um sich zu bilden, und andere wichtige revolutionäre Momente passieren, bevor sie auf bedeutender Ebene in sie eingreifen können. Man sollte nicht mit der Räte-Organisation spielen und einige verfrühte, parodistische Experimente mit ihnen anstellen bzw. unterstützen. Es steht aber außer Zweifel, dass die Räte größere Chancen haben, sich als einzige Macht zu erhalten, wenn bewusste Räte-Anhänger zu ihnen gehören und sie sich die Rätetheorie wirklich angeeignet haben.

Im Gegensatz zum Rat als einer permanenten Basiseinheit (der ständig von sich aus Delegiertenräte bildet und verändert) und einer Versammlung, an der alle Arbeiter eines Betriebes (Werkstatt- und Fabrikräte) und alle Bewohner eines Stadtsektors, die sich der Revolution angeschlossen haben, teilnehmen (Straßen- und Viertelräte) muss die Räteorganisation, um ihre Kohärenz und die praktische Ausübung ihrer internen Demokratie zu sichern, ihre Mitglieder wählen, je nachdem, was sie ausdrücklich wollen und effektiv tun können. Für die Kohärenz der Räte bürgt die bloße Tatsache, dass sie die Macht innehaben, jede andere Macht beseitigen und über alles entscheiden. Diese praktische Erfahrung ist das Gebiet, auf dem die Menschen zur Einsicht in ihre eigene Aktion kommen und „die Philosophie verwirklichen“. Selbstverständlich können auch ihre Mehrheiten vorübergehende Fehler anhäufen und dann weder Zeit noch Mittel haben, sie zu berichtigen. Sie können aber überhaupt nicht daran zweifeln, dass ihr eigenes Schicksal das wirkliche Ergebnis ihrer Entscheidungen ist und dass ihre Existenz selbst zwangsläufig durch den Gegenschlag ihrer Fehler vernichtet wird, wenn sie nicht Herr darüber werden.

In der Räteorganisation wird die wirkliche Gleichheit aller bei den Beschlüssen und deren Ausführung keine leere Parole, keine abstrakte Forderung sein. Sicherlich haben nicht alle Mitglieder einer Organisation dieselben Talente, und es liegt auf der Hand, dass ein Arbeiter immer besser als ein Student schreibt. Da aber die Organisation global über alle notwendigen Talente verfügt, kann ergänzend gesagt werden, dass keine Hierarchie der individuellen Talente die Demokratie untergraben wird. Weder der Beitritt zu einer Räteorganisation, noch die bloße Proklamation einer idealen Gleichheit macht es allen Mitgliedern möglich, schön und klug zu sein und gut zu leben, sondern ihre wirklichen Fähigkeiten dazu, schöner und klüger zu werden und besser zu leben, indem sie sich frei entwickeln beim einzigen Spiel, das der Lust wert ist — der Zerstörung der alten Welt.

In den sozialen Beziehungen, die sich jetzt entwickeln werden, lehnen die Räteanhänger es ab, in Streikkomitees gewählt zu werden. Ihre Aufgabe besteht dagegen darin, so zu handeln, dass alle Arbeiter sich an der Basis in Vollversammlungen organisieren, die über die Art und Weise entscheiden, in der der Kampf geführt werden soll. Man muss anfangen zu verstehen, dass die absurde Forderung nach einem „Streik-Zentralkomitee“, die während der Bewegung der Besetzungen von einigen Naiven erhoben wurde — falls sie durchgesetzt worden wäre — die Bewegung zur Autonomie der Massen noch schneller sabotiert hätte, da fast alle Streikkomitees unter der Kontrolle der Stalinisten standen.

Da es nicht unsere Sache ist, einen für alle künftigen Zeiten gültigen Plan zu schmieden, und ein Schritt nach vorne für die wirkliche Rätebewegung besser als zwölf Räteprogramme ist, kann man nur schwer genaue Voraussetzungen festsetzen, was die Beziehungen der Räteorganisationen zu den Räten im revolutionären Moment betrifft. Die Räteorganisation — die sich dessen bewusst ist, dass sie vom Proletariat getrennt ist — muss aufhören, gerade in dem Moment als getrennte Organisation vorhanden zu sein, der die Trennung aufhebt; das gilt sogar dann, wenn die vollständige, durch die Macht der Räte garantierte Vereinigungsfreiheit verschiedene dieser Macht feindlich gesinnte Parteien und Organisationen weiter bestehen lässt. Es kann jedoch bezweifelt werden, dass die sofortige Auflösung aller Räteorganisationen, sobald Räte entstanden sind, wie Pannekoek es wünschte, eine durchführbare Maßnahme ist. Die Räteanhänger werden als solche innerhalb der Räte sprechen und sollen nicht eine beispielhafte Auflösung ihrer Organisationen verkünden, um dann nebenbei zusammenzukommen und die Rolle von Gruppen zu spielen, die einen Druck auf die Vollversammlung ausüben wollen. Dann ist es für sie leichter und gerechter, die unvermeidliche Anwesenheit von hier und dort unterwandernden Bürokraten, Spionen und ehemaligen Streikbrechern zu entlarven und zu bekämpfen. Sie müssen genau so stark gegen künstliche bzw. grundsätzlich reaktionäre Räte (z.B. Polizeiräte) kämpfen, die es nicht versäumen werden zu entstehen. Sie werden so handeln, dass die vereinheitlichte Macht der Räte weder diese Organe noch deren Delegierte anerkennt. Da die Unterwanderung anderer Organisatoren den von den Räteorganisationen verfolgten Zielen genau entgegengesetzt ist und diese jede Inkohärenz in ihrem eigenen Schoss ablehnen, so verbieten sie jede doppelte Zugehörigkeit. Wie wir schon sagten, müssen alle Arbeiter einer Fabrik dem Rat beitreten — zumindest die, die seinen Spielregeln zustimmen. Für die Frage, ob man die im Rat duldet, „die gestern mit der Pistole in der Hand aus der Fabrik hinausgejagt werden mussten“ (Barth), kann nur eine praktische Lösung gefunden werden.

Die Räteorganisation wird man letzten Endes nur durch die Kohärenz ihrer Theorie und ihrer Aktion beurteilen können, sowie durch ihren Kampf um die vollständige Abschaffung jeder Macht, die außerhalb der Räte weiter besteht bzw. versucht, sich ihnen gegenüber zu verselbständigen. Um die Diskussion aber sofort zu vereinfachen, indem man sich sogar weigert, eine Menge Pseudo-Räteorganisationen in Betracht zu ziehen, die von Studenten oder besessenen Berufsmilitanten vorgetäuscht werden können, kann man unserer Meinung nach keine Organisation als eine Räteorganisation anerkennen, die nicht zumindest aus zwei Dritteln Arbeitern besteht. Da dieses Verhältnis für einen Kompromiss gehalten werden könnte, fügen wir hinzu, dass wir es für unerlässlich halten, es durch folgende Regel zu berichtigen: bei jeder Delegation zu Zentralkonferenzen, in denen nicht vorausgesehene Beschlüsse durch ein Zwangsmandat gefasst werden können, sollten die Arbeiter drei Viertel der Teilnehmer ausmachen — kurz: das umgekehrte Verhältnis wie bei den ersten Kongressen der „sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands’“

Wie bekannt, neigen wir keineswegs zu irgendeiner Art Proletkult. Es handelt sich dabei um „Dialektiker gewordene“ Arbeiter, wie sie es massenweise bei der Ausübung der Macht der Räte werden müssen. Andererseits aber sind immer noch und immer wieder die Arbeiter die zentrale Kraft, die den Lauf der Geschichte zum Stillstand bringen kann und unerlässlich dafür ist, deren gesamte Grundlage neu zu erfinden. Obwohl andererseits die Räteorganisation selbstverständlich andere Kategorien von Lohnempfängern und besonders von Intellektuellen nicht von sich trennen darf, ist es doch auf jeden Fall geboten, die eventuelle verdächtige Bedeutung dieser letzteren streng zu beschränken. Man sollte dazu nicht nur prüfen, ob sie tatsächlich Räterevolutionäre sind, indem man alle Aspekte ihres Lebens in Betracht zieht, sondern auch so handeln, dass so wenig wie möglich von ihnen in der Organisation sind.

Die Räteorganisation akzeptiert ein Gespräch mit anderen Organisationen auf gleicher Ebene nur dann, wenn sie konsequent die Autonomie des Proletariats befürworten; genau wie die Räte sich nicht nur von der Übernahme durch Parteien und Gewerkschaften befreien müssen, sondern auch von jeder Tendenz, die es darauf absieht, diesen einen Platz einzuräumen und mit ihnen auf gleicher Ebene zu verhandeln. Die Räte sind die einzige Macht, oder sie sind nichts. Die Mittel zu ihrem Sieg sind schon ihr Sieg. Mit den Räten als Hebel und der totalen Negation der spektakulären Warengesellschaft als Stützpunkt kann man die Welt aufheben.

Nicht am Ende, sondern bereits am Anfang der Revolution findet der Sieg der Räte statt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1977
Numéro 12, Seite 64
Autor/inn/en:

René Riesel:

Geboren 1950 in Algier. Autor und Aktivist, zunächst Anarchist, näherte sich später den Positionen der Situationisten an. Er beteiligte sich Anfang 1968 an den Studentenprotesten in Nanterre, wo er für seine Gruppe die Bezeichnung „Enragés“ („Wütende“) fand. Er wurde 1968 bei den Situationisten aufgenommen, 1972 wieder ausgeschlossen.

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

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