Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2005 » Heft 1-2/2005
Andreas Peham

Von Paulus zu Luther

Der Protestantismus und die Erneuerung des Glaubens

Zweiter Teil einer psychoanalytisch orientierten Kritik des religiösen Antisemitismus.

Nachdem im ersten Teil zunächst das Christentum oder die christliche Ideologie, die ihrem Wesen nach narzisstisch (antisemitisch) ist, und dann insbesondere der Katholizismus im Zentrum der Kritik gestanden ist, soll nun dem Protestantismus Lutherischer Prägung Augenmerk geschenkt werden. Vorher möchte ich aber ausgehend von Luthers geistigem Lehrer, dem Hl. Augustinus, noch einmal kurz auf das Problem der Körperlichkeit und die Sexualphobie zu sprechen kommen. Gerade hier lassen sich nämlich auch zahlreiche Parallelen zum Islamismus, der im abschließenden dritten Teil behandelt werden soll, erkennen.

Erweckungen

Die Regression auf den reinen Narzissmus [1] bedeutet notwendig, „sich von jeder fleischlichen Bindung loszusagen, einschließlich des eigenen körperlichen Ichs. Man muss es hassen und zurückweisen.“ [2] Wie viele Märtyrer des Jihad war auch Augustinus (354-430) leiblichen Genüssen zunächst ganz und gar nicht abgeneigt. Als er zu Beginn seines dritten Lebensjahrzehnts als Christ erweckt wurde, begann ihm die Sexualität zur Krankheit zu werden. Wiederholt beklagte Augustinus seine jugendlichen Ausschweifungen. Jedoch blieb es nicht bei den Selbstanklagen, vielmehr verschob er den Hass auf sein körperliches Ich und seine Vergangenheit auf die Ungläubigen: „Der Gerechte wird sich freuen, dass er Rache schaut; er wird seine Füße baden im Blute der Gottlosen.“ [3] Auch seine antisemitischen Verbalinjurien sind vor diesem Hintergrund zu verstehen. Da der anti-narzisstische Judaismus es vermochte, den Triebfaktor zu integrieren, bietet sich dem Narzissten hier „eine Ad hoc-Unterstützung“ für seine antisemitischen Projektionen, „und eben deshalb wird er auch angegriffen, weil der Jude all dessen beschuldigt wird, was der andere sich im Namen der Reinheit verbietet.“ [4] Entsprechend der affektiven Nähe zur nicht integrierten Analität bezeichnete Augustinus die Juden und Jüdinnen nicht nur (in Tradition der Evangelien) als „Kinder des Teufels“, sondern auch als „aufgerührten Schmutz“. Daneben ist er einer der ersten Hetzer, der das „fremdartige Aussehen der Juden heranzieht: ‚triefäugige Schar’.“ [5]

Die christliche Leib- und Triebfeindlichkeit kam jedoch erst im 13. Jahrhundert (und in auffallender Parallelität zur Verdammung des „jüdischen Wuchers“) so richtig zur Geltung, als sich eine regelrechte Geißlerbewegung mit kirchlicher Legitimation breit machte. In einer der Regeln für Franziskaner hieß es: „Der Geist des Herren jedoch will, dass das Fleisch abgetötet und verachtet, geringgeschätzt, zurückgesetzt und schimpflich behandelt werde.“ [6] Man quälte sich aber nicht nur selbst, sondern tötete vor allem (entsprechend der antisemitischen und frauenfeindlichen Verschiebung des Hasses) die Körper von Juden/Jüdinnen und „Hexen“ ab.

In der asketischen Abgeschiedenheit hörte man auch auf sich zu waschen und zu essen. „Der Asket strebt danach, den Geist vom Körper zu befreien, mithin das Tun völlig zugunsten des Denkens auszuschließen. Psychoanalytisch gesprochen: Zurückweisung einer nicht in das Selbst integrierten Analität zugunsten des Narzissmus der Reinheit.“ [7]

Anti-ödipaler Hass

Mit 22 Jahren hatte auch Martin Luther (1483-1546), dieser „Erfinder der Innerlichkeit“ (Adorno), sein Erweckungserlebnis: Er entsagte den sexuellen Genüssen und sperrte sich in ein Augustiner-Kloster. Die Mitgliedschaft in einer Gruppe von Identischen kann auch als eine der Abwehrformen gegen die Ausbildung des ödipalen Über-Ichs begriffen werden. Es handelt sich hierbei um eine „narzisstische, auf Spiegel projizierte Regression (...). Diese Spiegel sind die Mitglieder einer ‚auserwählten Bruderschaft’, die sich unter diesem Zwecke unter dem Schutz einer primitiven, narzisstischen magischen Mutterfigur bildet: eines Meisterdenkers, eines Idols, einer charismatischen Persönlichkeit, eines Messias, einer Religion, einer Ideologie“. [8] Auf diesen Aspekt wird bei der Behandlung der „Moslembrüder“ im letzten Teil noch ausführlicher zu kommen sein.

Bevor Luther, fixiert auf die Vorstellung von der Sündhaftigkeit und Wertlosigkeit diesseitigen Lebens, die Juden und Jüdinnen als Projektionsfläche für seine nicht-integrierte Analität entdeckte, verschob er den dazugehörigen Hass im Geist der Reinigung auf den Vatikan. An dieser Rebellion gegen die Kirche als Verwalterin des christlichen Schuldgefühles, welche anbietet, die Menschen bei Gott von ihren Sünden loszukaufen, und sich so „in eine anale und ödipale Situation ein(schreibt)“, [9] stieß sich etwa Heinrich Heine in seinem Essay „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“. Gegenüber Luthers rigorosem Dualismus von Geist und Materie habe der Katholizismus einiges voraus gehabt: Der Reformator hätte nicht begriffen, „dass der Katholizismus ein Konkordat war zwischen Gott und Teufel, d.h. zwischen dem Geist und der Materie, wodurch die Alleinherrschaft des Geistes in der Theorie angesprochen wird, aber die Materie in den Stand gesetzt wird, alle ihre annullierten Rechte in der Praxis auszuüben. Daher ein kluges System von Zugeständnissen, welches die Kirche zum Besten der Sinnlichkeit gemacht hat.“ [10] Für Heine bestand die Rückschrittlichkeit der Reformation daher im Kampf gegen den Ablasshandel. Am Beispiel des Dank der „Sünde“ ermöglichten Baus des Petersdoms in Rom, diesem „Monument sinnlicher Lust“, schreibt er: „Dieser Triumph des Spiritualismus, dass der Sensualismus selber ihm seinen schönsten Tempel bauen musste, dass man eben für die Menge Zugeständnisse, die man dem Fleische machte, die Mittel erwarb, den Geist zu verherrlichen, dieses begriff man nicht im deutschen Norden.“ [11]

Heine rechnet es Luther jedoch hoch an, dass er sich von den verfälschten griechischen und lateinischen Versionen der Bibel ab- und statt dessen dem hebräischen Original zugewandt hat. Das ging „jedoch nicht ohne die skandalöse Kontaktaufnahme mit den Mördern Gottes“. [12] Auch begrüßte er an Luther und dem Protestantismus dessen „den Geist befreiende Tendenz“, [13] die implizite Rückkehr zu den Ursprüngen im jüdischen Monotheismus, wie sie sich etwa in der Erneuerung des Bilderverbotes oder dem Sturz Marias vom göttlichen Thron äußerte. Tatsächlich legte Luther „wenigstens theologisch den schlimmsten antijüdischen Sumpf trocken.“ [14] Die real existierende Reformation und die Deutsche Ideologie von Luther, diesem Nationalisierer des Christentums, bis Hegel vor Augen, fiel Heines Urteil jedoch zwiespältig aus. Er erkannte, dass sich der „alte Dualismus von Geist und Natur (...) in Luther nicht aufhebt, sondern verschärft. (...) Luther stellt nicht nur die Weichen zum naturentwertenden Geist des Deutschen Idealismus, sondern tradiert als dessen Unbewusstes jenen ‚düsteren Wahn der Mönche’, der sich im Sensualismus seiner ‚Tischreden’ in Richtung Juden“ [15] austobt.

Narzisstische Kränkung

Mit Schriften wie „Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei“ (1523) wollte Luther die Juden und Jüdinnen missionieren. Wie jede narzisstische Kränkung wurde auch die Zurückweisung des reformatorischen Angebotes an die Juden und Jüdinnen von Luther mittels Antisemitismus geheilt. „Jede narzisstische Kränkung von einer gewissen Stärke löst eine solche Aggressivität aus, dass das Subjekt zur Regression gezwungen wird. Diese Regression mobilisiert ihrer Tiefe entsprechend die dem Ich vorhergehenden Kerne, das heißt eine zentrale Handlungsinstanz pränatalen, phylogenetischen Ursprungs, die im wesentlichen durch Aggression und primitiven Narzissmus strukturiert ist. Genau aus dieser Formation können erschreckende archaische Imagines hervorgehen, die aus all dem bestehen, was der reine Narzissmus des Subjekts nicht akzeptiert: das Schmutzige, Unreine, Bestialische, Ansteckende, Lüsterne, Dämonische...Der narzisstische Antisemit projiziert diese Imagines auf den Juden: Eben deshalb muss er vernichtet (verbrannt) werden.“ [16] Ähnliches lässt sich übrigens auch von Mohammed berichten, wobei sich seine Aggression aber eher in rassistischen Sätzen rationalisierte. Tatsächlich kennt der Koran keine jüdische Über- oder Allmacht, die ja ihren Ausgang im Gottesmordvorwurf hat, vielmehr verweist die Rede von Juden und Jüdinnen als „Schweine“ oder „Affen“ mehr auf den Rassismus als auf den Antisemitismus.

Der antijüdische Hass Luthers ist jedoch nicht nur durch die Zurückweisung motiviert, sondern auch bereits durch die Nähe zu den „Mördern Gottes“ (Heine), wie sie sich aus seiner Wiederentdeckung der Heiligen Schrift im hebräischen Original ergab. Vom Klerus bereits als verkappter „Jude“ beschimpft, musste er die christliche Enterbungstheologie, den Bruch mit dem alten Bund, aufgreifen und weiter radikalisieren. Die „Nähe zur jüdischen Tradition“ vergrößerte die Versuchung des Protestantismus, seine „eigene Identität durch Negation der jüdischen zu sichern.“ [17] Der Protestantismus erneuerte den Anspruch, der legitime Erbe des alten Israels zu sein und im Gegensatz zum Judentum die Schrift richtig zu interpretieren.

Paulinismus

Vor allem aber zog Luther im Gefolge von Paulus den Trennstrich zwischen dem Glauben und dem Gesetz/den guten Taten nach: Weil die Juden und Jüdinnen am Glauben festhielten, eine Erlösung sei nur das Ergebnis der Einhaltung des Gesetzes, machte sie Luther zu den „Feinden Christi“. Ihre „Gottlosigkeit“ bestehe darin, „dass sie durch ihr eigenes Tun, durch ihre Gerechtigkeit errettet werden wollen.“ [18] Schon 1522 sprach Luther in seiner Vorlesung zu den „Römerbriefen“ ein „Wort wider die Anmaßung der Juden und zum Lobpreis der Gnade und zur Zerstörung jeglichen hoffärtigen Vertrauens auf die Gerechtigkeit und guten Werke“. [19] In den „Schmalkaldischen Artikel“ (1537) kamen „die entscheidenden - unüberbrückbaren - Unterschiede zwischen seiner Theologie und dem Judentum zum Ausdruck (...): Die Menschen sind allzumal Sünder und werden ohne Verdienst gerecht aus Gottes Gnade und durch die Erlösung Christi in seinem Blut. Gesetz, Werk, Verdienst haben für die Erlösung keine Bedeutung, allein der Glaube macht gerecht.“ [20] Luther vertrat also „einen extremen Paulinismus“, [21] der das Heil nur im Glauben ohne allem menschlichen Tun sehen wollte und konnte. Das „jüdische Beharren auf menschlicher Verantwortung vor Gott und die Forderung nach rechtem Tun“ erschien ihm, der „alles außerhalb des sola fide als teuflische Sucht des Menschen zum Selbstruhm vor Gott verstand“, [22] als Gotteslästerung.

In seiner berüchtigten Hetzschrift „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) aktualisiert und kodifiziert Luther die gesamte mittelalterliche Judenfeindschaft: Er fordert, die Synagogen anzuzünden, die Häuser der Juden und Jüdinnen zu zerstören, sie dann in Ställen als „Gefangene im Exil“ zu konzentrieren, ihnen ihre Gebetsbücher, den Talmud und die Bibel wegzunehmen, den Rabbinern bei Todesstrafe zu verbieten Unterricht zu erteilen und rituelle Handlungen zu setzen, sie zur Zwangsarbeit zu zwingen, obwohl es eigentlich besser sei, sie zu verjagen, ihnen den Wucher zu untersagen, ihnen ihren gesamten Besitz zu nehmen, da dieser durch Wucher geraubt und gestohlen sei.

Stand schon Luthers Anrennen gegen den Ablasshandel im Zeichen der Reinheit und der nicht-integrierten Analität, so wird dieses Motiv im Ressentiment gegen den („jüdischen“) Wucher noch mal deutlicher. Insbesondere in seinen „Tischreden“ ist „die Verknüpfung des Judentums mit analen und koprophagen Phantasien ein durchgehender Topos“. [23] Der Wucher als der hässlichste Repräsentant der Analität wurde auch judaisiert, weil die Juden und Jüdinnen es vermocht hatten, diese Triebkomponenten zu integrieren. Dazu kam der magische Charakter einer undurchschauten Geldwirtschaft, in welcher der Zins quasi durch Zauberhand geschaffen wurde. Es waren stets die Juden und Jüdinnen, welche mit den ihnen zugeschriebenen Taten oder Absichten halfen, das Unerklärliche leicht erklärbar zu machen. Auch die zweite (gesellschaftliche) Natur fordert Opfer, und die AntisemitInnen waren bereit, diese in Pogromen und dann in Auschwitz darzubringen. Über den Stellenwert des bis heute (in spontan-antikapitalistischen Diskursen) beliebten Bildes von der Vertreibung der Händler und Wechsler aus dem Tempel, dieser Ikone eines wild um sich schlagenden Narzissmus, gibt auch eine Hitler-Rede (12. 4. 1922) Auskunft: „In grenzenloser Liebe lese ich als Christ und Mensch die Stelle durch, die uns verkündet, wie der Herr sich endlich aufraffte und zur Peitsche griff, um die Wucherer, das Nattern- und Ottergezücht hinauszutreiben aus dem Tempel! Seinen ungeheuren Kampf für unsere Welt, gegen das jüdische Gift, den erkenne ich heute nach zweitausend Jahren, in tiefster Ergriffenheit am gewaltigsten an der Tatsache, dass er dafür am Kreuz verbluten musste.“ [24]

Schon 1572 schritt man im Geiste Luthers zur Tat: Seine Anhänger brannten die Berliner Synagoge nieder und verjagten die Juden und Jüdinnen. Dass sich die zweite und dritte Reformation (Calvin, Osiander, Zwingli, Capito usw.) von Luthers Pogromaufrufen absetzte, verweist auf die Tatsache, dass es in letzter Instanz die konkreten historischen (politischen und ökonomischen) Bedingungen sind, die über den Grad der Verbreitung des Antisemitismus und seiner Radikalität entscheiden. Der Protestantismus in Ländern oder Städten, in welchen die kapitalistische Entwicklung fortgeschrittener war, kannte den Hass auf das Geld und den Wucher nicht in diesem Ausmaß. Vor dem Hintergrund der eigenen blutigen Verfolgung kann hier auch von „einer gewisse(n) existentielle(n) Solidarität mit dem Schicksal der Juden“ [25] gesprochen werden. Es ist der Status der jeweiligen Kirche im Verhältnis zum Staat, der über den Grad der Ausbreitung und Heftigkeit des Antisemitismus entscheidet. Bei Luther als dem Begründer eines deutschen (Landes- und dann Staats-)Christentums kamen religiöse und politische (nationale) Motive des Antisemitismus zur Deckung. In der Folge verstärkten sie sich wechselseitig am deutschen Sonderweg zum Volksstaat.

Pathologien

Abschließend seien noch kurz die Versuche von Christian Knoop und Thomas von der Osten-Sacken, eine „Psychopathologie des Islamisten“ [26] zu entwerfen, besprochen. Die Autoren stellen richtigerweise das Geschlechterverhältnis ins Zentrum ihrer Analyse. Tatsächlich ist der Islamismus auch als wildgewordene (extrem narzisstische) Männlichkeit zu begreifen. Aber anstatt von der aktualisierten Kastrationsangst in zerfallenden Gesellschaften oder krisenhaften (Modernisierungs-)Prozessen und dem Fetischismus als Abwehrversuch zu reden, wird einer der Fetische selbst (die „Ehre“) für das Ganze genommen. Ausgehend vom nicht weiter hinterfragten Konzept der (Männer-)„Ehre“ versuchen die Autoren dann den Beweis zu führen, dass die männlichen Mitglieder der Umma über kein entwickeltes Über-Ich verfügen, sondern abhängig bleiben von äußeren Instanzen. Dieses, am autoritären Charakter des bürgerlich vergesellschafteten Individuums erprobte (und eigentlich auch schon hier veraltete) Analyseraster läuft stets Gefahr die verinnerlichten Autoritäten zu affimieren. Auch Knoop und Osten-Sacken argumentieren vor dem unausgesprochenen Hintergrund der bürgerlichen Gesellschaft, die so jede Pathologie verliert. So wird Freud als Kronzeuge des Zivilisationsprozesses angeführt, ohne seine Warnungen vor dessen Folgen und Begleiterscheinungen zu erwähnen. Das Unbehagen überkommt die Autoren erst beim Betrachten der fremden Kultur.

Anstatt also schon das Konzept der „Ehrhaftigkeit“ zu kritisieren, stoßen sich die Autoren dann an der Tatsache, dass diese nicht „Teil eines ins Über-Ich übernommenen Wertekanons“ sei, sondern als Inhalt und Ziel religiöser Vorschriften äußerlich bleibe. Aber warum soll derartiger Zwang verinnerlicht werden? Ist die Befreiung von ihm nicht leichter, wenn er äußerlich bleibt? Eröffnet die Äußerlichkeit der Kontrollinstanz nicht viel mehr Möglichkeiten des Ausweichens, ja der Flucht vor dem Zwang durchs Kollektiv? Hier wird der Hintergrund der Autoren gar ein protestantischer. Jedoch wird er diesmal ausgesprochen, wenn das Fehlen eines Äquivalents zur „christlich vermittelten Buße“ beklagt wird.

Das eigentliche Problem des Textes, in dem die richtigen Fragen gestellt werden, besteht jedoch darin, dass streckenweise ein falsches Verständnis der Freudschen Kategorien vorherrscht. So können „äußere Zwänge“ nicht sublimiert werden, und die Sexualität stellt keine „Form der Sublimierung“ dar. Vor allem aber wird ein falscher Gegensatz aufgemacht: Es ist nicht das Gewissen, welches das Christentum vom Judentum (Gesetz) unterscheidet, sondern der Glaube. Gegen Freud wird die Existenz eines äußerlichen Regelwerkes als Ursache für das „Fehlen einer internalisierten Kontrollinstanz“ betrachtet. Demnach dürfte sich auch im Judentum kein Gewissen ausgebildet haben.

Als Synkretismus von Judentum und Christentum ist der Islam vielmehr charakterisiert durch das (aktuell sehr konflikthafte) Nebeneinander von Gesetz und Glaube. Der Islamismus, der wie der europäische Faschismus auch als ein Aufstand „zorniger junger Männer“ gegen das Gesetz begriffen werden kann, versucht dieses Nebeneinander zugunsten des Glaubens aufzulösen. Darüber soll uns der Stellenwert der Scharia im Islamismus nicht hinwegtäuschen: Sie dient dort eben nicht wie das Gesetz der strikten Trennung des Menschen vom Göttlichen, sondern steht vielmehr unter dem Stern der Reinheit der Umma, dieser grandios-narzisstischen Verschmelzungsphantasie. Davon soll im abschließenden dritten Teil ausführlich die Rede sein.

[1Der Narzissmus wurde im ersten Teil als dem intrauterinen Leben vergleichbarer Zustand absoluter Glückseligkeit vorgestellt. Im Entwicklungsverlauf gerät dieser Narzissmus in Konflikt mit der ödipalen Reifung und der sich beständig erneuernden (unbewussten) Erfahrung der Kastration als schmerzhafte Erkenntnis, dass die Grenzen des Körpers und Genießens sehr viel enger gesteckt sind als die des Begehrens. Gegen dieses notwendige Aufgeben der Illusion der Allmacht, welches begleitet wird von der Integration der Analität, regt sich jedoch Abwehr: Neben der Vermeidung mittels Fetischismus die Regression auf die Stufe der phantasmatischen Einheit mit der Mutter. Auf der Ebene der Beziehungen kommt es zum Rückfall in den anfänglichen (prägenitalen oralen und/oder analsadistischen) Modus der totalen Beherrschung des Objektes.

[2B. Grunberger/P. Dessuant: Narzissmus, Christentum, Antisemitismus. Eine psychoanalytische Untersuchung. Stuttgart 2000, S. 163.

[3zit. n. Gerhard Czermak: Christen gegen Juden. Reinbeck b. Hamburg 1997, S. 41.

[4Grunberger ... a.a.O., S. 172.

[5Rudolf Krämer-Badoni: Judenmord, Frauenmord, Heilige Kirche. München 1988, S. 26.

[6ebd., S. 85.

[7Grunberger ... a.a.O., S. 272.

[8ebd., S. 70.

[9ebd., S. 371.

[10zit. n. Rudolf Kreis: Antisemitismus und Kirche. In den Gedächtnislücken deutscher Geschichte mit Heine, Freud, Kafka und Goldhagen. Reinbek b. Hamburg 1999, S. 142.

[11zit. n. ebd.

[12zit. n. ebd., S. 140.

[13ebd., S. 141.

[14ebd.

[15ebd., S. 142f.

[16Grunberger...a.a.O., S. 361.

[17Ekkehard Stegemann: Der Protestantismus. Zwischen Neuanfang und Beharrung, in: Herbert A. Strauss/et al. (Hg.): Der Antisemitismus der Gegenwart. Frankfurt a. M.; New York 1990, S. 49-65; hier S. 51.

[18Ernst L. Ehrlich: Luther und die Juden, in: Herbert A. Strauss/ Norbert Kampe (Hg.): Antisemitismus. Von der Judenfeindschaft zum Holocaust. Frankfurt a. M.; New York 1985, S. 47-65; hier: S. 48.

[19zit. n. ebd., S. 53.

[20ebd.

[21Karl-Erich Grözinger: Die „Gottesmörder“, in: Julius H. Schoeps/ Joachim Schlör (Hg.): Antisemitismus. Vorurteile und Mythen. München, Zürich 1995, S. 57-66; hier: S. 63.

[22ebd., S. 65.

[23Kreis ... a.a.O., S. 285.

[24zit. n. ebd., S. 13.

[25Stegemann...a.a.O., S. 53.

[26vgl. Context XXI, Nr. 8/2004, S. 13ff.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2005
Heft 1-2/2005, Seite 37
Autor/inn/en:

Andreas Peham:

Andreas Peham (früher auch unter dem Pseudonym „Heribert Schiedel“) ist freier Mitarbeiter im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands., seit Mai 2002 Redaktionsmitglied, seit 2005 Vorstandsmitglied von Context XXI.

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