Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2005 » Heft 3-4/2005
Dimitré Dinev

Von Menschen und Fledermäusen

Man kehrt sie weg, schiebt sie ab oder steckt sie in Anstalten. Noch bevor sie etwas berührt haben, nimmt man ihnen die Fingerabdrücke ab. Man hat Angst vor ihren Berührungen. Der Mensch ist mit zehn Fingern und einem Herz geschaffen worden, aber die Beamten schrecken Zahlen nicht ab und anstatt sich um das Herz zu kümmern, kümmern sie sich lieber um die Finger. Manche haben Mitleid mit den Beam­ten und bringen weniger Finger mit. Ein oder zwei haben sie in der Heimat gelassen, verloren unter der Folter oder bei Arbeitsunfällen in Strafanstalten. Die Rücksichtsvollsten haben gleich eine Hand im Krieg gelassen, die weniger Rücksichtsvollen den Verstand. Aber das ist nicht so gut, denn für Verstand und Herz und überhaupt für Sachen, die sich nicht abdrücken lassen, sind nicht mehr die Beamten zuständig.

Man nennt diese Leute Einwanderer, Flüchtlinge, Asylanten, Ausländer, aber man meint immer das gleiche. Man meint die Angst. Deswegen geht man auch mit ihnen so um wie man mit der Angst um­geht. Sie sind keine Menschen, sie sind eine Quote, zehn Finger, eine Zahl. Mit Zahlen wird gerech­net und gehandelt aber nicht gefühlt. Zahlen sind geduldig, sie lassen mit sich alles machen. Zahlen spricht man nicht an, dafür kann man in Zahlen über vieles sprechen. Mit Zahlen und Ängsten lässt sich am leichtesten Politik machen. Zahlen haben weder eine eigene Stimme noch eine Geschichte. Sie stellen genauso Menschen wie Waren und Scheine dar, doch manchmal, sehr selten, kommt auch eine Zahl zu Wort.

Hundertsiebzig Menschen, darunter dreizehn Fa­milien, fünf tschetschenische, zwei armenische, zwei exjugoslawische, eine afghanische, eine ukrainische, über allen ein Dach. Das Dach gehört zum sieben­ten Haus in der Robert-Hamerling-Gasse. Das Haus der Caritas. „Ich will, dass über die Leute der Cari­tas nur Gutes geschrieben wird. Sonst brauche ich gar nicht zu reden anzufangen. Dank ihnen fühle ich mich wieder als Mensch”, sagt einer der Hundert­siebzig und legt seine zur Untätigkeit verdammten Hände auf den Tisch. Seine zehn Finger sind an ih­rem Platz, obwohl sie ihm alle schon einmal gebro­chen wurden. Aber er hatte Glück. Sie gehorchen ihm wieder. Und das ist gut, denn sie hatten noch viel zu tun. Die Frau und die sechs Kinder sollten sie aus Tschetschenien retten und nach Österreich bringen. Oft sind auch zwei gesunde Hände dafür zu wenig. Aber er hatte Glück, meint der Familienvater aus Tschetschenien, der seinen Name lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Seine Finger greifen jetzt nach der Teetasse, heben sie, führen sie zum Mund. Über dem Mund zwei blaue Augen, die geübt sind jedes, auch das kürzeste Aufblitzen des Glücks aufzufangen. Zwischen den Augen eine ge­brochene Nase. „Nein, nein, die Nase ist jetzt wun­derbar. Der französische Arzt hat tolle Arbeit geleistet. Ich bin ihm ewig dankbar. Man hätte sie vorher sehen sollen, weder riechen noch atmen konnte ich mit ihr. Wozu braucht man dann eine Nase?“, meint der Vater. Ja, vieles wurde schon in seinem Leben gebrochen, und sei wieder verheilt. Sein Herz, sein Glaube. Nase und Finger sind nur das Letzte gewe­sen. „Ich bin selber schuld. Wollte mich eine Nacht entspannen. Ich hatte es satt, immer auf der Straße oder in kalten verlassenen Gebäuden zu übernach­ten, und bin nach Hause zurückgekehrt, zu meiner Familie. Bin weich geworden. Wollte unter meinem Dach essen, was Warmes, Frau und Kinder umar­men. Man steht dann nicht so schnell auf, man ver­gisst die Zeit ... Da sind sie ins Haus eingebrochen, haben mich vor den Augen meiner Familie wegge­schleppt und ins Lager geführt ... weiß nicht, wie lange sie mich dort gehalten und geschlagen haben, aber ich hatte Glück. Sie ließen mich gehen. Als dann die Meinen mich gesehen haben ... Ich dach­te, es wäre nicht so schlimm. Ja, mein Kopf war ein bisschen geschwollen und dreckig, aber der Dreck hat sich als getrocknetes Blut herausgestellt. Meine kleinen Töchter haben es am schwersten verkraftet. Die eine bekam rote Flecken, überall am Körper von dem Schock, die andere hörte zu sprechen auf. Nur ein paar Tage danach redete sie wieder ... Mein Bruder organisierte danach die Flucht. Ein kleiner LKW brachte uns nach Österreich. Wenn mein Ge­dächtnis mich nicht täuscht, waren wir zu achtzehnt drinnen. Die Familie retten, das ist das Wichtigste. Ein Volk stirbt aus ... Jeden Tag sterben fünfzig Leute.“ Man hatte sie gleich nach Stinaz geschickt. Am 4. Mai vor zwei Jahren sei das gewesen. Er habe sich dort endlich entspannen können. Es habe ihm nichts ausgemacht, dass die Leiterin seiner neuen Wohnstätte immer wieder vor ihm stehen blieb, ihren Zeigefinger auf ihn richtete, einen Zentime­ter vor seinen Augen und sagte: „Geh zurück nach Russland.“

Sie sei eine alte Frau gewesen. Alte Menschen sind oft wie Kinder, und mit Kindern kenne er sich aus. Sechs habe er, vier Mädchen und zwei Buben. Es habe ihm auch nichts ausgemacht, dass sie immer weniger Brot bekamen. Zwei Scheiben Brot standen jedem zu, sechzehn Scheiben hätten sie jedes Mal bekommen sollen. Manchmal bekamen sie aber nur zwölf oder elf. Der Mensch nimmt es mit den Zahlen nicht so genau.

Aber, was soll’s. Das größte Privileg sei es, sich vor der Kanonenkugel verstecken zu können. Der Rest sei unwichtig. Unangenehm sei nur das Interview gewesen. „Ich habe meine Geschichte erzählt. Der Beamte hat eine andere aufgeschrieben. Ein Dichter wahrscheinlich. Ich wollte dann nicht unterschrei­ben. Das sind nicht meine Worte, sagte ich. Wenn du nicht unterschreibst, wirst du sofort zurückge­schickt, drohte er mir. Was hätte ich tun sollen. Ich unterschrieb ... Danach bekam ich Angst, dass wir hier kein Asyl bekommen, und abgeschoben wer­den. In der Panik fuhren wir nach Frankreich. Aber von dort schickte man uns wieder zurück. So ist das
Gesetz. Gut, dass mir dort ein Arzt die Nase wieder hergerichtet hat. Nun kann ich zumindest wieder atmen.“

Mit nur zwanzig Euro, die seine kleinste Tochter von der Stewardess bekommen hatte, und einer Nase, mit der er endlich das Land auch riechen konnte, landete er wieder in Österreich. Diesmal hatten sie mehr Glück. Nach einigen Tagen in Traiskirchen kamen sie in dieses Haus. Sie bekamen zwei Zim­mer. Das sei ein großes Glück. Und sei­ne Kinder machen ihn noch glücklicher. Auf die eine Tochter sei er besonders stolz. Eine ganze Klasse habe sie über­sprungen, so fleißig sei sie. Sie will Me­dizinerin werden. Vielleicht, um ihren Vater, falls ihm wieder etwas gebrochen werden sollte, selbst heilen zu können. „Sie wollen wissen, was mein glück­lichstes Erlebnis hier in Österreich war. Die Krankenversicherung. Seit Septem­ber sind wir wieder hier. Seit kurzem ist die Familie versichert. Das war der glücklichste Augenblick ... Es ist kein süßes Leben, aber man will leben ... Mein ältester Sohn ist in psychologischer Betreuung. Ich weiß nicht, was er erlebt hat. Er hat nie viel geredet ... Er muss­te in unserer Stadt immer dicke Wände suchen, hinter denen er die Geschwi­ster vor den Kugeln verstecken konnte. Wahrscheinlich hat er da was erlebt ... Jetzt muss er keine dicken Wände mehr suchen. Jetzt brauchen wir nicht einmal die Wohnungstüre zuzusperren, so wie es einmal in der Heimat war. Das ist ein Privileg. Die Kanonenkugel fragt nicht, wer du bist. Ich sag es ja immer, wir hatten Glück ... Was ich mir jetzt am mei­sten wünsche: Arbeit, je schwerer desto besser. Traktorfahrer, das wäre was für mich. Ich hab die schwere Arbeit immer geliebt. Siebenunddreißig Jahre alt bin ich. Siebzehn davon hab ich gearbeitet. Allein wenn ich das Wort Arbeit höre, läuft mir der Speichel im Mund zusam­men. Wozu hab ich sonst diese zwei Hände? Wozu sind sie verheilt? Aber lassen wir das. Komm jetzt zu mir, einen Tee mit meiner Familie trinken. Was zu essen wird sich auch finden. Du bist ja schon hungrig. Ich seh’ es dir an.“ Die achtköpfige tschetschenische Familie lebt von dreihundertzwanzig Euro im Monat.

Josefine hat keine Angst, ihren Na­men zu nennen. Josefine heißt Josefine. So wurde sie in Nigeria getauft. Auf dem Kopf trägt sie eine schwarze Cord­mütze, auf einem ihrer Finger einen Ring mit dem gekreuzigten Jesus drauf. Diesen Ring hatte sie auch gehabt, als ihr die Fingerabdrücke genommen wurden. Man konnte also sagen, dass ihr die Abdrücke hinter Jesu Rücken genommen wurden. Sie ist allein nach Österreich gekommen. Sie hat nur sich und ihn, sagt sie, lacht sie und zeigt zur Decke des Zimmers. Über der Decke pflegt der Himmel zu sein und irgend­wo dort versteckt sich Josefines einziger Gefährte. Sie hat einmal mehr gehabt. Einen Sohn hat sie gehabt, einen Mann und eine kleine Farm. Das ist schon sehr viel, wenn man aus Ugbodu kommt. Ugbodu ist eine Stadt in Nigeria mit zwei Kirchen, vielen Okkultisten, Schamanisten und sehr viel Staub. Auf den staubigen Straßen spielen die Kinder, in den Kirchen singen die Erwachsenen und beten und hoffen auf ein besseres Leben und ihre Hoffnungen werden zu Staub, mit dem mal die Kinder, mal die Okkultisten spielen. Josefine hat Eier verkauft. Sechs Tage in der Woche. Am siebenten hat sie sich schön gemacht und ist zur Messe in die Kirche gegan­gen. Und so Jahr für Jahr. Aber wahr­scheinlich merkt sich auch Gott Städte mit solchen Namen schwer oder er wollte die treue Josefine allein für sich haben, denn er hat ihr alles genommen. Zuerst den Sohn, dann den Mann und dann auch die Farm. Einen Bruder hat­te er ihr nur gelassen. Einen Bruder mit dem Namen Daniel, und dieser hat ihre Flucht organisiert. Sie wusste nicht, wo­hin sie geht. Sie ist zuerst auf ein Schiff gestiegen, sechs Tage hat sie dort ver­bracht, am siebenten, anstatt zur Messe zu gehen, ist sie in einen Laster umge­stiegen. Aber beten kann man überall, auch in einem mit Obst beladenen La­ster. In ihm hat sich Josefine versteckt und gebetet. Sie weiß nicht, wie lange sie gefahren ist, denn drinnen war es nur dunkel und sie hat viel geschlafen. Nur Gott wusste, wohin sie fährt. Gott und der Fahrer. Eines Tages lässt er sie aussteigen. „Du bist in Wien“, sagt er ihr, und fährt weiter. Ein Unbekannter, ein weißer Mann, hat ihr dann gehol­fen, und sie nach Traiskirchen gebracht. April war es, als sie Nigeria verlassen hat. Am 15. Juni ist sie in Traiskirchen ange­kommen. Furchtbar sei das Essen dort gewesen. Viel schlimmer als auf einem Schiff und in einem Lastwagen. „Schau, so habe ich ausgesehen, als ich ankam“, sagt sie und zeigt den Lichtbildausweis, den ihr die Beamten gleich bei der An­kunft gemacht haben. „Und wie schau ich jetzt aus.“ Viel abgemagerter schaut sie jetzt aus. Nur zwei Mal am Tag, mor­gens und abends hätte man dort Essen bekommen, und das sei so ungenießbar gewesen, dass die meisten es wegge­worfen hätten. „Die Fledermäuse sind abends gekommen und haben es aufge­gessen. Alle Fledermäuse der Gegend haben sich davon ernährt, und wir ha­ben gehungert.“ Vielleicht wissen eines Tages, wenn nicht die Menschen, dann die Fledermäuse in Österreich, was im Lager Traiskirchen auf dem Speiseplan steht.

Ein Jahr ist Josefine schon in Öster­reich, aber darüber, wie sie sich hier fühlt, will sie ungern reden. „Wenn ich durch die Straßen gehe, traue ich mich nicht, den Blick vom Boden zu heben ... Alle Leute starren mich so an, als ob ich ihnen die Luft zum Atmen stehle ... Gut, dass es die Mirella von der Caritaszentrale gibt, und die Theresa hier im Haus. Sie helfen mir, wenn ich Probleme habe.“ Und Probleme hat ein Mensch mit schwarzer Haut allein wenn er hier atmet. „Manchmal weine ich, weine und weine, aber dann geht’s wieder. Ich wohne jetzt mit einer jungen Frau aus Nigeria. Sie ist schon wie meine Toch­ter ... Armes Mädchen, ihr Mann, ein Lehrer, ein Christ, wurde umgebracht. Sie wollte man auch umbringen, weil sie zum Christentum konvertiert war. Aber sie ist geflohen. Leider hatte sie nicht so viel Glück wie ich. Die Schmuggler auf dem Schiff haben sie tagelang vergewal­tigt, dann auf einer griechischen Insel rausgeworfen und ihr gesagt, sie wäre in Italien ... Ich kümmere mich jetzt um sie. Jeden Sonntag gehen wir gemein­sam in die Kirche. Und alle dort glauben, ich bin ihre Mutter ... Sie ist jetzt mei­ne Tochter“, sagt Josefine. Wenn sie an die Fledermäuse in Traiskirchen denkt, lacht sie, und sie hat wieder Hoffnung. Bis vor kurzem hatte sie ja nur Gott da oben über den großen Dächern gehabt, und seinen Sohn an ihrem kleinen Fin­ger. Jetzt hat sie auch eine Tochter. Da darf man schon hoffen.

Manchmal, sehr selten, kommen auch Zahlen zu Wort. Aber viel öfter werden Menschen zu einer Zahl, einer Quote. Solange uns Vorurteile blind machen, werden wir ähnlich den Fledermäusen unsere Kreise um Orte wie Traiskirchen drehen, um uns bei erster Gelegenheit auf die Fremden zu stürzen, wie auf ein gefundenes Fressen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2005
Heft 3-4/2005, Seite 46
Autor/inn/en:

Dimitré Dinev:

Geboren 1968 in Bulgarien, besuchte das Bertolt-Brecht-Gymnasium in Plovdiv; ab 1986 erste Veröffentlichungen in bulgarischer, russischer und deutscher Sprache. 1990 Flucht nach Österreich, Studium der Philosophie und der russischen Philologie in Wien. Sein erster Roman, Engelszungen (Deuticke, 2003), wurde mehrfach ausgezeichnet und zu einem großen Erfolg bei Kritik und Publikum. Lebt als freier Schriftsteller in Wien.

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