Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2000 » Heft 1/2000
Florian Markl

Von Deutschen für Deutsche

Die Ausstellung über den Nationalsozialismus am Obersalzberg

In Südbayern kann man besichtigen, was herauskommt, wenn sich um Deutschland besorgte Historiker mit dem Nationalsozialismus beschäftigen.

25. April 1945: Knapp zwei Wochen vor der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands greifen britische Bomberverbände ein Gebiet in Südbayern an. Wenngleich es sich beim Obersalzberg nicht um die berüchtigte Alpenfestung der Nazis handelte, befand sich in dem beschaulichen Sommerfrischeort nahe Berchtesgaden doch eine der Machtzentralen des „Dritten Reiches“. In unmittelbarer Nähe zu Hitlers „Berghof“ befanden sich neben den Sommerresidenzen Hermann Görings, Martin Bormanns und Alfred Speers, einem Wehrmachtshauptquartier, einem Aktendepot des Außenministeriums, einem Gästehaus für ausländische Staatsgäste und diverser Wirtschaftsgebäude auch ein insgesamt fast drei Kilometer langes, auf zwei Etagen in den Berg gehauenes Bunkersystem, das den prominenten Bewohnern des Geländes jeden nur erdenklichen Komfort bieten sollte.

Die Alliierten hatten kein Interesse, aus dem ehemaligen „Führersperrgebiet“ eine Pilgerstätte für alte und neue Nazis zu machen, und sprengten schließlich im Jahre 1952 mit der Ruine von Hitlers „Berghof“ die letzten Überreste vergangenen Glanzes. Bis zur Rückgabe an die bayrische Staatsregierung im Jahre 1996 diente der Obersalzberg als Ferienort für amerikanische GI’s. Unter der Leitung des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, dessen Leiter Horst Möller in den letzten Monaten zu einem der vehementesten Kritiker der sogenannten „Wehrmachtsausstellung“ des Hamburger Instituts für Sozialforschung avancierte, wurde in den vergangenen drei Jahren die angeblich erste „umfassende Dokumentation nationalsozialistischer Herrschaft“ [1] in Deutschland erarbeitet. Die Dokumentation Obersalzberg - Ort und Zeitgeschichte ist seit Oktober letzten Jahres für BesucherInnen geöffnet.

Die bereits im Titel der Dokumentation angesprochene Verbindung von Orts- und Zeitgeschichte charakterisiert auch das Ausstellungskonzept. Nun mag es ja Menschen geben, die sich unter anderem für die „Anfänge des Tourismus“, die „Erholung in den Bergen“ und die Dauergäste am „liebgewonnenen Obersalzberg“ (S. 23) interessieren. Aber sind diese regionalgeschichtlichen Aspekte für ein Museum mit dem (zugegebenermaßen kaum einzulösenden) Anspruch, eine Gesamtdarstellung des Nationalsozialismus bieten zu wollen, tatsächlich so wichtig, daß diesen rund ein Viertel der gesamten Ausstellungsfläche gewidmet werden mußte?

Der etwas seltsame Beigeschmack dieser Gewichtung wird noch dadurch verstärkt, daß in diesen Regionalteil auch die gesamte Darstellung der Zeit der Weimarer Republik bis zur Machtergreifung Hitlers im Jänner 1933 integriert ist. Dabei werden die BesucherInnen auf einer Schautafel darüber informiert, warum denn so viele Deutsche eigentlich die NSDAP gewählt hätten: Das „nationale Trauma des verlorenen Krieges“ sei ebenso dafür verantwortlich gewesen wie „die harten Versailler Friedensbedingungen“ oder der „Durchbruch der Moderne in Kultur, Gesellschaft, Technik und Wirtschaft“; ja sogar eine „tiefgreifende Sinn- und Wertekrise“ und „kollektive Zukunftsängste“ (S. 49) werden hier als entscheidende Faktoren bemüht, sodaß beinahe der Eindruck entstehen könnte, die AusstellungsmacherInnen hätten ob eines so komplizierten Bündels verschiedener Motive einfach den Überblick verloren und auf die bloße Erwähnung des deutschen Antisemitismus schlicht vergessen.

Doch die Nichtbeachtung offensichtlicher ideologischer Kontinuitäten zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Ausstellung. Die inhaltliche Beschränkung auf die „Regimephase des Nationalsozialismus“ (S. 19) hat nicht nur zur Folge, daß wesentliche Traditionslinien aus der Vorgeschichte des Dritten Reiches (wie eben der Antisemitismus) nahezu völlig ausgeblendet werden. Auch über die Zeit nach der militärischen Niederlage Deutschlands erfährt mensch so gut wie nichts. Der „unheilvollste Abschnitt (der) deutschen Geschichte“ (S. 9) habe ja nur zwölf Jahre gedauert, wozu also über die Zeit davor oder danach sprechen?

Das nationalsozialistische Regime wird in der Ausstellung anhand mehrerer thematischer Schwerpunkte dargestellt, wobei die einzelnen Teile von recht unterschiedlicher Qualität sind. Sehr ausführlich dargestellt werden die „Volksgemeinschaft“ und deren organisatorische Strukturen von der NSDAP über die „Hitler-Jugend“ zum „Reichsarbeitsdienst“. Auch die Darstellung des NS-„Terrorapparates“ kann als durchaus gelungen bezeichnet werden. Positiv hervorzuheben sind hier vor allem die eigens für die Ausstellung hergestellten Organigramme diverser Einrichtungen wie etwa des sogenannten „Reichssicherheitshauptamtes“ (unter dessen Dach im Jahre 1939 die Sicherheitspolizei, die Gestapo, die Kriminalpolizei und der parteiinterne Nachrichtendienst SD zusammengefaßt wurden) oder die Struktur des SS- und Polizeiapparates in den von Deutschland besetzten Gebieten. Die verzweigten Organisationsstrukturen vieler NS-Institutionen sind für Menschen, die sich nicht mehr oder minder hauptberuflich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen müssen, oft nur schwer nachvollziehbar. Dem Münchner Institut für Zeitgeschichte ist es aber gelungen, in recht anschaulichen Grafiken ein wenig Licht in das Dickicht dieser Strukturen zu bringen.

Der Ausstellungsabschnitt über die Vernichtung der europäischen Juden und Jüdinnen ist äußerst konventionell gestaltet. Obwohl einige wichtige Aspekte der Vernichtungspolitik, wie etwa der Ghettoisierungsprozeß in Polen oder der von Himmlers Stäben in Gang gesetzte Versuch einer rassistischen Neuordnung Europas durch riesige Umsiedlungsprogramme sogenannter „Volksdeutscher“, kaum erwähnt werden, erhält mensch einen groben Überblick über die verschiedenen Stufen und Etappen der „Endlösung der Judenfrage“. Das Problem der „Dokumentation Obersalzberg“ besteht denn auch weniger darin, daß die Judenverfolgung und -vernichtung nicht dargestellt würden, als vielmehr in dem Umstand, daß dieses Thema lediglich als ein Aspekt des Nazi-Regimes neben vielen anderen interpretiert wird. Der totalitarismustheoretische Backlash der letzten Jahre ist hier deutlich zu erkennen. Während in anderen Dokumentationen (etwa der „Topographie des Terrors“ auf dem Gelände der Hauptquartiere von Gestapo und SS in Berlin) deutlich gemacht wird, daß es sich bei der rassistisch motivierten Vernichtungspolitik um den Kern des nationalsozialistischen Regimes handelt, gewissermaßen um das Wesen des nationalen Aufbruchs der Deutschen in den Jahren nach 1933, prangt am Obersalzberg folgendes Zitat des Historikers Karl Dietrich Bracher: „Extreme politische Konzeptionen, die als ’Endlösung’ für alle möglichen Probleme verheißen werden, dienen niemals humanen Zwecken, sondern erniedrigen Menschen zu bloßen Instrumenten eines destruktiven Machtwahns und eines barbarischen Regimes.“ Von einer Hervorhebung des singulären Charakters der „Endlösung der Judenfrage“ kann hier keine Rede sein.

Völlig indiskutabel ist der Ausstellungsabschnitt über den deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. So wird behauptet: „Erst der Staatsstreichversuch vom 20. Juli 1944 führte Konservative und Sozialisten, Christen, Gewerkschafter und Kommunisten im Widerstand gegen die Diktatur zusammen.“ (S. 285) Was würden sich wohl ehemalige kommunistische WiderstandskämpferInnen denken, wenn heute erklärt wird, sie hätten sich hinter den Attentatsversuch Stauffenbergs und jener Militärs gestellt, die den Krieg und damit die Vernichtung von Millionen Menschen erst ablehnten, als ein deutscher Sieg in weite Ferne gerückt war? Wie würden sie reagieren, wenn man heute in einer „kritischen Würdigung“ deren Widerstand als „Angebot positiver Identifikation mit dem modernen demokratischen Rechtsstaat“ (S. 284) präsentiert — einem demokratischen Rechtsstaat, der sowohl in der Weimarer Republik als auch während der zeitweisen Eindämmung des furor teutonicus in der Nachkriegszeit die Verfolgung und Verurteilung kommunistischer Opposition als eine seiner vornehmsten Aufgaben verstand?

Die Abschnitte über „Hitlers Außenpolitik“ und den Verlauf des Zweiten Weltkrieges nehmen in der „Dokumentation Obersalzberg“ einen so geringen Platz ein, daß sie beinahe zwangsläufig vollkommen unzureichend bleiben mußten. Unter dem Stichwort Außenpolitik wird denn auch der „Anschluß“ Österreichs behandelt, wobei auf den Ausstellungstafeln auf die Anführungszeichen schon einmal vergessen wird. Etliche wichtige Themen werden (so gut wie) gar nicht angesprochen. Über das Zwangsarbeitsprogramm der Nationalsozialisten beispielsweise, von dem im Laufe des Krieges mehr als 9,5 Millionen Menschen betroffen waren, erfahren die BesucherInnen ebensowenig wie über die Kollaborateure in den von Deutschland eroberten Gebieten. Nicht einmal erwähnt werden die Prozesse nach Kriegsende, in denen zumindest einige von Hitlers willigen Vollstreckern angeklagt und verurteilt wurden. Auch die Wirtschaftspolitik des Regimes ist, abgesehen vom „Reichsarbeitsdienst“, einfach kein Thema. Die „Dokumentation Obersalzberg“ ist eine Ausstellung von Deutschen für Deutsche. In keinem Punkt wird das deutlicher, als am Ende des Ausstellungsbereiches. Zum Vergleich: In der Dauerausstellung im Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin finden sich im Epilog zwei Bilder. Das eine zeigt Schülerinnen aus Deutschland und Israel bei der Besichtigungdes Vernichtungslagers Auschwitz, auf dem anderen ist ein geschändeter jüdischer Friedhof in Deutschland zu sehen. Am Obersalzberg wird nicht der Opfer, sondern der Täter gedacht: Den Abschluß der Ausstellung bildet eine eigens vom Institut für Zeitgeschichte erstellte Landkarte, auf der die deutschen Soldatenfriedhöfe in Europa eingezeichnet sind. In Lettland beispielsweise befinden sich demnach 433 Kriegsgräber. In den Jahren der deutschen Besatzung wurden allein dort über 70.000 Juden ermordet.

[1So zumindest der Institutsdirektor Möller im Ausstellungskatalog. Möller, Horst/Dahm, Volker/Mehringer, Hartmut (Hrsg.): Die tödliche Utopie. Bilder, Texte, Dokumente. Daten zum Dritten Reich. München 1999, S.12f. Die Seitenangaben im Text beziehen sich auf diesen Band.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
2000
Heft 1/2000, Seite 5
Autor/inn/en:

Florian Markl:

Politikwissenschafter, arbeitet für den Allgemeinen Entschädigungsfonds.

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