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Günter Bartsch

Von der Revolution zur Subversion

1 Ende der Revolutionen

An die Stelle der Revolution ist im Westen der revolutionäre Mythos getreten. Ihm zufolge können selbst kriminelle Akte Symptome oder Schritte der Umwälzung sein. Oder man setzt wie Herbert MARCUSE auf „Randgruppen“. So wird der Revolutionär — von Che GUEVARA noch als „höchster Typ des Menschen“ gepriesen — museumsreif. Der revolutionäre Mythos ist sein Schwanengesang.

Was liegt dem zugrunde? „Alle bisherigen Revolutionen“, schrieb MARX 1871, „haben die Staatsmaschine nur vervollkommnet. Es kommt jedoch darauf an, sie zu zerbrechen“. Dies sei die Aufgabe der Kommunistischen Partei.

Indes haben auch die Kommunisten, wo immer sie die Macht ergriffen, die Staatsmaschine nicht zerbrochen. Sie machten sie sogar zu ihrem „Haupthebel“ und schufen darüberhinaus Tausende von neuen Behörden. Die bürokratische Staatsmaschine wurde weiter vervollkommnet und erreichte beispiellose Ausmaße.

So traten die kommunistischen Revolutionäre in die Fustapfen der früheren. Sie erwiesen sich sogar als wichtigstes Seitenstück der Staatsmacht. Früher oder später mußte diese Erfahrung zu einem Rückstoß führen. Und tatsächlich: gegen die stetige Fehlentwicklung der Revolution im allgemeinen und der kommunistischen im besonderen hat sich der Subverseur herausgebildet.

Wo liegen die Unterschiede?

2 Merkmale der Subversion

2.1 Basisdemokratie

Der Revolutionär setzt sich die Eroberung der Staatsmacht zum Ziel, um von ihrer Spitze her die Gesellschaft durch Gesetze und Zwang umzuformen. Demgegenüber ist der Subverseur darauf bedacht, den menschlichen Alltag lebendig zu machen und die Gesellschaft von der Basis her zu verändern. Das haben in den 60er Jahren, so im Pariser Mai, die Situationisten versucht. Der Situationistischen Internationale war als deutscher Zweig zeitweilig die „Subversive Aktion“ angeschlossen, welcher auch Rudi DUTSCHKE angehörte. Er zählte zu den Initiatoren der Basisgruppen des Sozialistischen Studentenbundes und zu den ersten Theoretikern der Basisdemokratie. Wenn sich die Grünen den Leitsatz „basisdemokratisch“ zu eigen gemacht haben, so ist das ein Abglanz der Subversion, die fast schlagartig im Jahre 1968 begann.

2.2 Wider das Leistungsprinzip

Der Revolutionär verschrieb sich dem Leistungsprinzip, das nach H. MARCUSE eine Surplus-Repression zur Folge hat. Er ist sogar zum entschiedensten Verfechter dieses Prinzips der Bürgergesellschaft geworden. So heißt es zum Beispiel in China: „Jede Sekunde eine Unze Gold.“

Der Subverseur fordert das Recht auf Müßiggang, um in diesem das kreative Potential verstockter Bedürfnisse freizusetzen. Während es dem Revolutionär um die „Organisation der Arbeit“ geht — weshalb er meist über eine neue Arbeitsorganisation nicht hinauskommt —, erstrebt der Subverseur die Aufhebung der Arbeit und ihrer Organisatoren zugunsten der Kreativität. Eine von Routine und Fremdbestimmung charakterisierte Tätigkeit ist ihm zuwider, wenn sie ihm nicht gar als menschenunwürdig erscheint.

Subverseure arbeiten täglich oder monatlich nur so lange, wie für den Lebensunterhalt (und den Rest des Monats) notwendig ist. Damit durchbrechen sie das Leistungsprinzip an der empfindlichsten Stelle. Das geschah zuerst durch die Hippies und Gammler. Sie wuchsen im gleichen historischen Moment aus dem Erdboden, als die Industriegesellschaft in ihrer Massenproduktion zu ersticken drohte. Daher ist zu vermuten, daß hinter ihnen eine geschichtliche Notwendigkeit stand. Sie deutet sich auch in dem Begriff der „Wegwerfgesellschaft“ an — ein durchaus subverseurer Begriff.

Anscheinend wurde er von dem ehemaligen Bundespräsidenten SCHEEL geprägt. Jedoch hat dieser Begriff einen ökologischen Grundton. Die ökologische Bewegung ist von Grund auf subverseur, ohne es schon zu wissen und zu begreifen. Vorerst spürt sie nur, daß ihr die Gewänder der Revolutionstheorien allesamt nicht passen. Gerade an der ökologischen Bewegung zeigt sich, wie positiv und unerläßlich der Subverseur sein kann. In ihr verteidigt er das Lebensrecht der Erde, Tiere und Pflanzen, ja das bedrohte Leben selbst.

2.3 Freie Assoziationen anstelle von straffer Organisationsdisziplin

Der Revolutionär will Organisationen und Parteien mit „eiserner Disziplin“ (LENIN), doch schon Rosa LUXEMBURG fragte, ob das nicht eine verlängerte Fabrikdisziplin sei oder gar eine neue Variante des Kasernenhofstils. Heute sind die Revolutionäre aller Länder, nicht nur der kommunistischen, in Kaderparteien zusammengefaßt.

Schon die Anarchisten stellten diesem Zentralismus die Föderativ-Idee und ihr entsprechende Föderationen gegenüber, die lediglich koordinieren. Der Subverseur geht noch weiter. Er bildet freie Arbeitsgemeinschaften, die nicht einmal ein Koordinationskomitee haben. Solche Assoziationen gibt es seit einigen Jahren auch in Osteuropa, so die „Charta 77“ in der Tschechoslowakei, der ähnliche Gruppierungen in anderen kommunistischen Regimen entsprechen. Die Assoziation ermöglicht Zusammenarbeit und personale Entfaltung.

Der Revolutionär ist meist Anhänger einer kollektivistischen Ideologie, welche den Einzelnen klein schreibt und den „Massen“ unterordnet. Seit 1968 aber heißt es: „Soziale Revolution ohne individuelle Emanzipation ist Konterrevolution!“ Die persönlichen Probleme sind Keime der gesellschaftlichen und verdienen daher die gleiche Aufmerksamkeit. Nach Ansicht des Subverseurs müssen sie gleichrangig behandelt und gleichzeitig gelöst werden. Er ist Sozialisator und Personalist. Die Subversion entspricht sowohl dem Zug zur Kooperation als auch dem zur Individuation.

Der Revolutionär will alles zentralisieren. Er beschneidet die Vielfalt, wo er nur kann. Der Subverseur ist für eine Vielzahl autonomer Protestbewegungen, die insgesamt ein neues soziales und politisches Klima schaffen sollen, zunächst aber eine „Szene“ bilden, die als Freiraum gedacht ist. Der Subverseur dezentralisiert und setzt auf Spontaneität, ohne sie zu überschätzen.

2.4 Vom ökonomischen Fortschritt zur ökologischen Verantwortung

Alle Revolutionstheorien wurzeln in der Fortschrittsgläubigkeit, die uns an den Rand einer universalen Katastrophe gebracht hat. Die Subversion wurzelt in der menschlichen und gesellschaftlichen Evolution, welche den Fortschritt nur insoweit enthalten kann, als er verantwortbar ist. Viele naturwissenschaftlichen Erfindungen sind nicht mehr verantwortbar, da sie die menschliche Substanz schädigen oder schwächen. Man wirft den Subverseuren durchaus mit Recht eine gewisse Fortschrittsfeindlichkeit vor. Dafür sind sie evolutionsfreundlich. Sie ordnen sich nicht mehr in ein zu Ende gehendes Zeitalter, sondern in den Kontext des Universums ein. Daher ihr kosmisches und planetarisches Bewußtsein, das die Grenzen der noch vorherrschenden Polit-Ideologien durchbricht.

Die Revolutionäre gehen fast allesamt vom ökonomischen Primat aus. Nicht nur die Marxisten sehen den Hauptansatz gesellschaftlicher Veränderungen in wirtschaftlichen Maßnahmen und Eingriffen in das Eigentumsrecht. Der Subverseur geht hingegen vom ökologischen Primat aus. Er ordnet die Wirtschaft dem Ganzen unter und ist in der Regel Ökologe.

Alle Revolutionen gründen sich auf Forderungen, die an den Staat und die Gesellschaft gestellt werden. Im Grunde geht es um eine Umverteilung des Sozialprodukts. Die einen wollen mehr, die anderen sollen weniger haben. Der Subverseur hingegen verweigert und verzichtet. Ihm geht es um die von FROMM am klarsten formulierte Alternative: Haben oder Sein? Er stellte sich von Anbeginn auf die Seite des Seins gegen die Mehrhabenwollenden, noch ehe FROMMsS Buch erschien.

2.5 Gewaltlosigkeit

Die Revolutionäre sind gewaltsam. Sie betrachten die Gewalt als „Lokomotive der Geschichte“. Der Subverseur tritt für gewaltfreie Aktionen ein. Er will nicht überwältigen, sondern das Neue eher auf sanfte Weise einführen. Die Blumen in den Händen der Hippies waren ein Symbol. Blumen statt Molotow-Cocktails — das gilt für jede Subversion, die weder etwas mit dem Terrorismus noch mit „Staatsumsturz“ zu tun hat (obwohl der Begriff im Duden noch so übersetzt wird). Sie ist nicht zerstörend, sondern aufbauend.

Der Revolutionär glaubt im Banne von HEGEL und MARX, daß Negationen die Triebkraft zur Schaffung einer Neuen Gesellschaft sind. Die geschichtliche Erfahrung lehrt jedoch, daß sie lediglich den Abbau, die Demontage oder Zerstörung des Bestehenden erleichtern. Der Subverseur geht von Bejahungen aus, vor allem von der Bejahung des Lebens. Er will nicht zerstören, sondern umwandeln. Die Kraft zur Umwandlung und zur Schaffung einer wahrhaft Neuen Gesellschaft, die auch brachliegende menschliche Substanz fruchtbar macht. Es zeigt sich, daß Revolutionierung die destruktiven Tendenzen stärkt oder entfesselt. Der Subverseur setzt auf Sensibilisierung, auf eine Steigerung der menschlichen Empfindsamkeit, die bestimmte Verhältnisse schließlich so unerträglich findet, daß sie umgewandelt werden müssen.

Der Revolutionär packt die Gesellschaft gleichsam am politischen Schopf, um sie wie eine Schildkröte auf den Rücken zu werfen und das Unterste nach oben zu kehren, was nach MAO das Wesen der Revolution ausmacht. Der Subverseur hingegen formt die Gesellschaft von innen her um, indem er Keimzellen neuer Kultur schafft und sie so miterneuert. Ist das Wachstum dieser Keime weit genug gediehen, so fällt die Schale der alten Gesellschaft wie von selbst ab. Auch eine grundsätzlich andere Politik wird dann möglich.

Der Revolutionär ist intellektuell, ein Spezialist und Techniker der Umwälzung, die er sogar zu seinem Beruf macht. Seine Theorien sind aus dem Kopf heraus gesponnen und hängen wie Spinnennetze über der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Das ist eine Übertragung des technischen und wirtschaftlichen Spezialistentums auf die Politik. Sie führt geradewegs zu neuen Privilegien der Berufsrevolutionäre. Der Subverseur ist insofern spirituell, als er sich um ein ganzheitliches Denken und Handeln bemüht. Er will Körper, Geist und Seele wieder zusammenfügen. Seine Spiritualität umfaßt jedoch auch ökologische, metaphysische und religiöse Aspekte. Daher pflegt er zu meditieren, ohne sich in der Regel auf eine bestimmte Meditationstechnik festzulegen. Es geht ihm um Rhythmisierung, um den Gleichklang der verschiedenen inneren und äußeren Lebensbereiche.

3 Durch Selbstveränderung zur Weltverbesserung

Der Revolutionär empfindet sich als Gesetzgeber der Zukunft. Aber er denkt kaum daran, das, was er verkündet, vorzuleben. Für den Subverseur ist die Vereinigung von Wort und Tat selbstverständlich. Er lebt die Werte, welche die ganze Gesellschaft impulsieren sollen — beispielsweise ökologische Ethik, Solidarität und Gerechtigkeit. Es ist ihm klar, daß sich die Gesellschäft nur insoweit positiv verändern läßt, wie jene, die das wünschen, zur Selbstveränderung fähig sind. Wir können von anderen allein erwarten, wozu wir selbst bereit sind.

Kurzum: der Revolutionär ist ein eindimensionaler Mensch, der Subverseur ein vieldimensionaler. Mit ihm wird sich daher das Zukunftspotential erschließen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1983
Wurzelwerk 25, Seite 18
Autor/inn/en:

Günter Bartsch:

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