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Evelyn Adunka

Vom Schtetl in die Stadt

Zu zwei wichtigen Studien über das galizische Judentum

Der Grazer Historiker Klaus Hödl hat nach seiner 1991 erschienenen Untersuchung über die galizischen Juden in New York eine zweite Studie über die galizischen Juden in Wien verfaßt, die noch um vieles bemerkenswerter ist als die erste Arbeit. Hödl schildert ausführlich das Leben und die Verarmung der Juden in der Shtetlwelt Galiziens, die Konsequenzen des von außen herbeigeführten Modernisierungsprozesses und der innerjüdischen, kontradiktären Reformbestrebungen durch den Chassidismus und den Zionismus. Die Krise des ost-und mitteleuropäischen Judentums manifestierte sich auch in einer Emigrations- und Abfallsbewegung, die der Autor zum Teil in seine Darlegungen einbezieht. Er schildert, wie die Orthodoxie, die naturgemäß in der Regel nicht auf Änderung und Pluralität bedacht war, versuchte, durch einige flexible Entscheidungen — für die Errichtung der Beith Jacob Schulen für die bisher vernachlässigte Erziehung der Mädchen, für die Förderung der Handwerksberufe und von einigen ihrer Vertreter sogar für den Zionismus — diese Assimilationsbewegung aufzuhalten.

In den Abschnitten über Wien beschreibt Hödl die Akkulturationsbestrebungen der galizischen Juden in der von ihnen so geliebten kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt, und thematisiert auch — leider nur sehr am Rande — die Gründe für das Fehlen einer größeren und eigenständigen jüdischen Arbeiter- und einer jiddischen Kulturbewegung, das für Wien im Gegensatz zu New York charaktistisch war. Obwohl er auch das Wirken von so einflußreichen und in ihrer Mentalität verschiedenen, säkular-zionistischen, sozialdemokratischen oder religiösen jüdischen Führern wie Robert Stricker, Julius Ofner und Josef Samuel Bloch beschreibt und die Konflikte zwischen der ungarisch dominierten Schiffschul und dem Polnischen Tempel schildert, kann das Buch dennoch bei weitem keine abgeschlossene Geschichte der galizischen Juden in Wien ersetzen.

Charakteristisch für Hödl und ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit ist die ausführliche Schilderung des Rollenbildes und der Emanzipation der jüdischen Frauen in Wien, die sich mit der von manchen, aber nicht von allen — auch hier differenziert Hödl etwas zu wenig — als Unterdrückung empfundenen patriarchalischen jüdischen Religion viel leichter lösten als ihre Männer. Hödls betont sozialgeschichtliche Arbeitsweise, die auch sehr viel ausländische und in Österreich kaum erhältliche Literatur miteinbezieht, stößt jedoch gerade bei diesem Thema sehr oft auf ihre Grenzen. Sein Satz (über die Entwicklung der Wiener Orthodoxie in der Zwischenkriegszeit): „Eine Kenntnis des Glaubensinhaltes und der -form wäre für eine Beantwortung der obigen Frage jedoch unabdingbar“ spricht dabei für sich selbst. Ein interdisziplinärer und mehr auf die Inhalte der jüdischen Religion und Kultur bezug nehmender Ansatz hätte dem Buch sehr viel genützt.

Maria Klanska, Dozentin für deutsche Literatur an der Universität Krakau, hat in ihrer ausgedehnten Studie über ostjüdische Autobiographien in deutscher Sprache einen viel eingeschränkteren Untersuchungsgegenstand gewählt. Sie hat für ihr Buch von 100 jüdischen Autobiographien (deren Titel sie auch im Anhang anführt) in deutscher Sprache 31 ausgesucht, die von ostjüdischen Autoren stammen, die zwischen 1782 und 1938 aus Osteuropa nach Österreich oder Deutschland einwanderten. Anhand dieser sehr eingeschränkten Quellen schildert sie das Leben der Autoren im Schtetl, ihre Flucht sowie ihre Akulturation und Assimilation in ihrer neuen Heimat. Die vielen Wege der Assimilation — durch die Kunst, die Psychoanalyse, den Kommunismus, die Sozialdemokratie etc. — werden bei Autoren wie Elisabeth Bergner, Helene Deutsch, Leo Lania, Manès Sperber oder Minna Lachs deutlich, wenn auch die unterschiedlichen Gründe dafür zu wenig thematisiert werden. Bei so zweifelhaften und unverläßlichen Texten wie den Autobigraphien von Hugo Huppert oder Friedrich Weinreb kann Klanska die vielen offenen Fragen und notwendigen Hintergrundinformationen höchstens andeuten. Ihr Buch ist eine gute Einführung für den interessierten Laien und eine Arbeitshilfe für den Historiker, aber kann das Lesen der von ihr besprochenen Texte sicher nicht ersetzen.

  • Klaus Hödl: Als Bettler in die Leopoldstadt. Galizische Juden auf dem Weg nach Wien. Böhlau Verlag, Wien, Köln, Weimar. 331 S, öS 476,—
  • Maria Klanska: Aus dem Schtetl in die Welt 1772-1938. Ostjüdische Autobiographien in deutscher Sprache. Böhlau Verlag, Wien, Köln, Weimar. 472 S., öS 598,—

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1995
Autor/inn/en:

Evelyn Adunka:

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