FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1984 » No. 364/365
Günther Nenning

Vom Marx-Hof zum AKH

Der ahnungslose Deutsche, den wir seiner D-Mark wegen nach Wien locken, sieht sich wehrlos unserer Gemütlichkeit ausgeliefert. Sie ist aber zu gleichen Teilen mit Hinterfotzigkeit gemischt. Wir zeigen ihm:

  1. Die schöne alte Kaiserstadt, innerhalb der Ringstraße und auf ihr. Sie ist immer noch das Beste, was wir haben, und eine sozialdemokratische Stadtverwaltung hat sie wirklich wunderbar hergerichtet.
  2. Der progressiv-liberalen Minderheit (die nach Autobusladungen zu messende touristische Masse ist das nicht) zeigen wir das Rote Wien der Ersten Republik, 1919-1934‚ nostalgisch, romantisch, resigniert.
  3. Ja, und das neueste Wien, die abgründig häßlichen Bauten der Sozialdemokratie ab 1945, wird sich freiwillig schon niemand anschauen, da haben wir uns noch selten getäuscht. Tourist Typ 2) begebe sich nach Wien-Heiligenstadt, in den KarlMarx-Hof, ein beschwingt unterspielter Koloß mit sechs Triumphpforten, 1 km lang, 10.000 Bewohner, 1927-1931 gebaut; Stiege 64, Tür 15, berichtet ihm die 68jährige Pensionistin Elisabeth Mahrer: [1]

Am 13. Februar 1934, fünf Minuten nach eins z’Mittag sind’s kummen, 14 Mann mit’m G’wehr und hab’n Vater g’holt Dann haben’s ihn auf die Wachstub’n bracht und herg’richtet, die Kleider all’s voll Blut. Dann wollt ihm einer mit’n G’wehrkolb’n zwischen die Füß’ einihaun, da is a Polizist dazwischen g’fahrn, der wohnt jetzt noch auf der 88er Stieg’n, der hat ihm’s Leben g’rettet.

„Wohl keine Gemeindeverwaltung einer großen Stadt“, lobte sich das Rote Wien, ehe es im Bürgerkrieg 1934 das Leben verlor, habe „die Aufmerksamkeit der ganzen Welt in einem solchen Maße auf sich gezogen ... War es doch die einzige Millionenstadt mit einer rein sozialdemokratischen Verwaltung.“ [2] Ja, überhaupt die erste Großstadt der Welt, die regiert wurde von Sozialisten westlicher Spielart, noch dazu solchen vom linken Flügel.

„Im Jahr 1928“ — beginnt Ilja Ehrenburg, Sonderkorrespondent der Moskauer „Iswestija“, seine Reportagenserie über den Bürgerkrieg 1934 [3] — „zeigte mir einer der Führer der österreichischen Sozialdemokratie die Häuser, die von der Gemeinde Wien erbaut worden waren. Es waren wunderbare Gebäude, voll Licht und Luft. Sie waren umgeben von jungen Bäumen, Rasenplätzen und Blumenbeeten. Ich sah alles: auch die Kinderspielplätze, die Badeanstalten und die Kaffeehäuser. Befreit aus den stinkenden Elendshöhlen des alten Wien tummelten sich die Arbeiterkinder auf den hellgrünen Plätzen. Die Häuser trugen die Namen, auf die die Arbeiterklasse der ganzen Welt stolz ist, Karl Marx, Engels, Liebknecht. Es waren ganze Städte, errichtet von den besten Architekten Europas. In ihnen wohnten zehntausende Arbeiter und Angestellte.“

Der berühmte russische Autor schildert objektiv, was weltweit alle Progressiven bewunderten und alle Konservativen haßten. Aber auch dem Kommunisten Ehrenburg paßt dieses sozialdemokratische Rote Wien nicht in den Kram:

Ihr habt tatsächlich schöne Häuser gebaut“, sagt er zu seinem sozialdemokratischen Begleiter. „Noch einmal habt Ihr der Welt gezeigt, daß die Arbeiter weit mehr Geschmack, Gefühl für Einfachheit und für Lebensfreude haben als die zweifelhaften Ästheten von der Ringstraße. Aber scheint es Ihnen nicht selbst, daß diese Häuser auf fremder Erde gebaut sind? Nach der Erfahrung unsres Sowjetlandes wissen wir, daß der Arbeiter jeden Fußbreit des von ihm erkämpften Landes mit Blut bezahlen mußte ... Ihr habt nicht mit Gewehren begonnen, sondern mit Zirkel und Lineal. Wie wird das bei euch enden?

Die Frage war berechtigt. Im Bürgerkrieg 1934 wurden die schönen Wohnhäuser des Roten Wien von den Kanonen der Regierungstruppen zerschossen. Seither hat sich das Rad der Geschichte weitergedreht, immer schneller.

Die Wiener Gemeindebauten wurden nach 1934 wieder aufgebaut, im Zweiten Weltkrieg wieder zerschossen, nach 1945 wieder aufgebaut.

In Moskau und anderen sowjetischen Städten wurden Wohnhäuser nach dem Muster des Roten Wien gebaut, im Zweiten Weltkrieg zerstört, dahinter wieder aufgebaut — der aufmerksame Besucher des Sowjetlandes kann sie heute noch entdecken, und glaubt sich vor einem Wiener Gemeindebau.

In Wien wie in Moskau ist der Volkswohnbau der Zwanziger- und Dreißigerjahre nur noch historische Anekdote. Hie der westliche, dort der östliche Sozialismus bauen längst nach schlechtestem kapitalistischem Muster. Brutale Betonklötze mitten im Nirgendwo, Silos zur rationellen Aufbewahung der Arbeiter und Angestellten in der Zeit zwischen zwei Arbeitstagen. Wer dort nicht wohnt, denkt sich: da drin müßte ich Selbstmord begehen; wer dort wohnt, tut dies nicht allzuselten.

Die dort wohnen‚ beziehen den Sinn bzw. Un-Sinn ihres Lebens aus den Freuden bzw. Leiden im Bauch des Leviathans „moderne Industriegesellschaft“. Im Westen ersticken sie am materiellen Besitz, im Osten schon an der Sehnsucht danach.

„Im Dienste der Partei“, schildert hingegen Joseph Buttinger, Kopf der österreichischen „Revolutionären Sozialisten“ in der Illegalität nach dem Februar 1934, empfanden die Bewohner jener Gemeindebauten „das rätselhafte Glück eines sinn- und zweckvollen Lebens, das die kapitalistische Gesellschaft selbst ihren Nutznießern versagt. Die Eintönigkeit und Armseligkeit ihres Daseins hatte ein Ende, seit sie ihre freien Stunden oder ihre öde Arbeitslosenexistenz mit einer Tätigkeit ausfüllen konnten, die mit den großen Dingen des Lebens, dem Schicksal und der Zukunft der Menschheit zusammenhing.“ [4]

Steht man vor den Wohnsilos des neuen Rosaroten Wien — seit 1945 baute die Stadtverwaltung ungeheure Quantitäten davon, gestützt auf Wählermehrheiten von weit über 50%, wie auch 1919-1934 — so ist ohne weiteres klar, daß diese Schilderung ein Märchen aus alter Zeit ist. Kein vernünftiger Wienbesucher wird sich diese Schrecknisse gesondert ansehen, er findet sie bei sich daheim genau so.

Hingegen jene Wohnbauten der Zwanziger- und Dreißigerjahre soll er sich ansehen: steht man vor den klaren, jubilierenden Linien dieser Architektur; sparsam, aber stets mit Ornament und Menschengestalten geschmückt; nie ein Block, stets ein gegliederter Körper mit reichlich Innenhöfen: Bäumen, jetzt schon recht alt, schattenspendend auf Bänke, Beete, Spielplätze; Balkone, die auf den Innenhof gehen, gar nicht unähnlich den Alt-Wiener „Pawlatschen“; draußen der Verkehr‚ drinnen so still, daß man nur die Kinder hört und die Amseln — ja, da kriegt man ein Gefühl für die wundersame Mixtur aus Grandiosität und Kleinbürgeridylle, die das Wesen des alten Austromarxismus ausmacht.

Aus der Pflichterfüllung jedes einzelnen, an der unscheinbaren Stelle, an der er steht, mit welchem Eifer ... Unermüdlichkeit ... Leidenschaft ... Begeisterung er an die kleinsten Aufgaben herantritt, da ein paar Flugblätter verbreitet, dort neue Menschen für unsere Idee gewinnt daraus wird der Fortschritt der Arbeiterbewegung, die durch alle Länder geht, daraus werden die Beziehungen der arbeitenden Menschen, daraus allein wird schließlich ihre Befreiung.

So Otto Bauer, von 1919 bis 1934 unbestritten die führende Gestalt der österreichischen Sozialdemokratie; „revolutionäre Kleinarbeit“, nannte er die Mixtur. [5]

Architektur ist geronnener Geist. Die nach 1945 entstandenen Wiener Gemeindebauten reden laut und deutlich von der Preisgabe der eigenen Maßstäbe einer sozialistischen Stadtverwaltung, von der — erst verschämten, dann offenen — Anpassung an das, was altmodisch „Kapitalismus“, neumodisch „moderne Industriegesellschaft“ heißt.

Hingegen entstanden die Gemeindebauten der Ersten Republik 1919-1934 auch ökonomisch auf eine ganz andre Weise. Was vom Bürgertum in der Ersten Republik gehaßt, im Bürgerkrieg 1934 zerschossen und nach 1945 nie mehr zugelassen wurde war das Steuersystem des sozialdemokratischen Finanzreferenten Wiens, Hugo Breitner, ursprünglich bürgerlicher Bankdirektor.

Die politischen Gegner nannten ihn „Steuersadisten“. Er gab zu: [6] „Wir Sozialdemokraten haben wirklich harte Steuern eingeführt ... Für den Lohnempfänger führte das neue System zu keiner Einschränkung; hingegen wurde der Kapitalkräftigere gezwungen, für den über das unbedingt Notwendige hinausgehenden Aufwand erhöhte Abgaben zu entrichten ...“. Das seien, tobte die Opposition, „eigentlich keine Steuergesetze, sondern Übergangsbestimmungen zur sozialistischen Herrschaft“.

Aus dem kräftigen Rest des bürgerlichen Reichtums der Hauptstadt eines Großreiches, und davon war nach dem ersten Weltkrieg noch genug da, finanzierte Breitner die Volkswohnbauten, für die ihm nichts zu teuer war, und alle anderen sozialen Wunderwerke Wiens mitten in Nachkriegsnot und Krise. Bis diese und der Bürgerkrieg alles fortspülten.

Bruno Kreisky war kein Breitner. Er ließ den politischen Gegner und wirtschaftlichen Partner in Ruhe, von Worten abgesehen. Die 13 Jahre seiner Regierung (1970-1983) waren gut demokratisch, aber kaum republikanisch. Er war Kaiser, unter dessen und der Weltkonjunktur Szepter jeder sein Huhn im Topf hatte. Das ist jetzt vorbei; Krise ist die Stunde der Wahrheit. Das Unsozialistische, allzu Kapitalistische am österreichischen Sozialismus Spielart Kreisky wird deutlich, an der Stadt selbst, wo denn sonst. Düster überragen die unvollendeten Zwillingstürme des Allgemeinen Krankenhauses den Stephansdom.

Wofür dieser ein Symbol ist, versteht sich von selbst. Das AKH hingegen ist Symbol der größten Korruptionsaffäre der kleinen Republik. Die ist jetzt ausgestanden. Was bleibt, ist der Größenwahn: Baut man das Ding fertig, was aber zuviel Geld kostet, müßte man es in Betrieb nehmen, was aber erst recht zuviel Geld kostet. Also läßt man’s; man baut halt bissel weiter und hofft, daß man nie fertig wird.

Zu verhaften
Sind nicht die ehrlich rafften
Sondern die Denker und Lenker
Die babylonischen Pläneschwenker
Der Turmbau schon
Ist die Korruption.
Wer gesund ist
Wird hier krank
Wer krank ist bleibt hier lang
Wer stirbt der stirbt hier hoffnungslos
Und spukt durch die zweitausend Zimmer
Und finde seine Ruhe nimmer
In des Sozialstaats Moderschoß. [7]

Im Roten Wien entstanden Wunderwerke, im Rosaroten Wien Schrecknisse. Dem Fremden, der sich ans Alte hält, wird’s hier gefallen. Wir bleiben die Haupt- und Residenzstadt der Gemütlichkeit.

[1Profil Nr. 6, Wien 1984‚ S. 16 f.

[2Österr. Gemeinde—Zeitung, Jg. 5 (1928), Heft 13, S. 22, zit. bei: Felix Czeike, Wirtschafts- und Sozialpolitik der Gemeinde Wien 1919—1934, 1. Teil, Wien 1958, S. 7, 19

[3Ilja Ehrenburg, Der Bürgerkrieg in Österreich, Moskau 1934, neu abgedruckt in: der streit, Jg. 5, Nr. 1, Wien 1984, S. 3 f.

[4Joseph Buttinger, Am Beispiel Österreichs, Ein geschichtlicher Beitrag zur Krise der sozialistischen Beweung, Köln 1953, S. 77

[5Otto Bauer, Revolutionäre Kleinarbeit, Rede vor der Wr. Angestelltenjugend, Wien 1928, jetzt in: O.B.‚ Werkausgabe‚ Bd. 3, S. 590

[6Zit. bei Felix Czeike, a.a.O. (Anm. 1), S. 18, 3

[7Günther Nenning, Vorwärts zum Menschen zurück, Ein rot—grünes Plädoyer, Wien 1983, S. 142

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1984
No. 364/365, Seite 12
Autor/inn/en:

Günther Nenning: Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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