Zeitschriften » MOZ » Jahrgang 1990 » Nummer 58
Otto Johannes Adler
Film

Viel Glück, Jean-Luc!

Godard wird 60

Seit vier Jahrzehnten schreibt, spricht und monologisiert Jean-Luc Godard über den Film, das Sehen, Schauen und Begreifen der Bilder, die dunklen Räume und das Licht, all die Beziehungen der Liebe und des Scheiterns. Über Godard und die Welt, mit einem Wort: das Kino. Und vor drei Jahrzehnten wurde er gleich mit seinem Debutfilm schlagartig berühmt, avancierte bald zu einem der Klassiker der „Nouvelle Vague“ des französischen Kinos: „Außer Atem“ brach frech mit alten Sehgewohnheiten und spuckte gleichsam Papas Kino ins Gesicht. Kurioserweise blieb bis dato „Außer Atem“ der einzige Film Godards, der im herkömmlichen Sinn finanziell erfolgreich war und ein Vielfaches seiner Herstellungskosten einspielte. Kinofilme wie „Alphaville“ (1965), „Pierrot le Fou“ (1965) oder selbst die Großproduktion „Le Mépris“ (1963, „Die Verachtung“) mit Brigitte Bardot brachten zwar abwechselnd Kritikerlob und Kritikerschelte, aber Godard entfernte sich mehr und mehr von dieser Art des immer noch kommerziell orientierten Films, um schließlich 1968 einen Bruch zu vollziehen.

In den siebziger Jahren zog sich Godard in die Schweiz zurück, gründet gemeinsam mt Anne-Marie Miéville die Produktionsfirma „Son- image“ und arbeitet hauptsächlich mit Video und fürs Fernsehen. Mit „Numéro Deux“ bringt er 1975 den ersten Videofilm heraus, der für das Kino umkopiert wurde - das Ergebnis bleibt aber enttäuschend. Erst 1980 kehrte Godard wieder in den Kinosaal zurück: „Sauve qui peut (la vie)“ („Rette sich wer kann/Das Leben“) nennt er seinen „zweiten ersten Film“, und er kehrt damit auch wieder zu dem Kino der bekannten (Schauspieler-)Gesichter zurück: Isabelle Huppert, Jacques Dutronc, Nathalie Baye. Auf Seiten der Kritik hat sich hierbei wenig geändert: Lobeshymnen und schroffe Ablehnung halten sich meist die Waage, und kommerziell gesehen spielen die Filme gerade wieder ihre Herstellungskosten herein. Doch Godards Filme sind andere geworden - noch immer will er das Kino von neuem (er-)finden, nun aber bereits mit einer Erfahrung von zwanzig Jahren Arbeit. Deutlich zeigt dies sein nächster Film „Passion“ (1982), zu dem er auch einen einstündigen Videofilm dreht: „Godard inszeniert Passion’.“ Hier faltet er sozusagen seine stets ungeschriebenen Drehbuchseiten auf und versucht, die Entstehung des Filmes a posteriori als Drehbuch sichtbar werden zu lassen, eine faszinierende Seh-Arbeit, die ein wenig Einblick gibt in die Arbeitsweisen dieses Regisseurs. So erklärt Godard auch in einem Gespräch mit Woody Allen („Meetin1 W.A.“, 1986), daß er seine Arbeitsweise dahingehend geändert habe, daß er bis zuletzt auf die Ideen warte - Allen kann hierzu nur den Kopf schütteln: Selten sah man zwei bekannte Regisseure so aneinandervorbeireden.

Mit „Prénom Carmen“ (1983) schlug Godard kräftig in die Wogen des Carmen-Mythos, zumal ohnehin bei Godard meist die Frauen die dominierenden Rollen verkörpern. Mit „Je Vous salue Marie“ („Maria und Joseph“, 1984) erregt er mit seiner Neuinterpretation der unbefleckten Empfängnis in manchen katholischen Kreisen in Paris zwar Ärgernis, aber zu einem Skandal reichte es nicht (wie etwa bei Achternbuschs „Gespenst“). „Détective“ (1985) zeigte erneut Godards alte Liebe zu den Themen des amerikanischen Film Noir, da aber Godard - anders als etwa Truffaut (beide Weggefährten hatten sich seit 1972 nichts mehr zu sagen) - keine gefälligen Hommagen dreht, wurde auch dieser Film nicht jener Erfolg, der er eigentlich hätte werden müssen.

Es ist daher auch nicht verwunderlich, daß „Soigne ta droite“ („Schütze deine Rechte“, 1987) gar nicht mehr in die deutschsprachigen Kinos kam. Ein Besitzer eines Programmkinos erzählte mir hierzu, daß die Leute zwar immer wieder nach Filmen von Godard verlangten, aber wenn er sie im Programm habe, dann würden die Zuseher ausbleiben. Und dieses Phänomen ist tatsächlich zu bemerken: Über Godard wird mehr geredet, als seine Filme gesehen werden. Er war also erneut auf dem besten Wege, wieder im Exil der Un-Sichtbarkeit zu verschwinden. Heuer ließ jedoch Godard erneut aufhorchen: In seinem bislang letzten Film mit dem sinnigen Titel „Nouvelle Vague“ spielt Alain Delon die Hauptrolle. Ein Star wie Delon war für Godard wie ein Trumpf, der es ihm ermöglichte, auch mit schlechten Karten sein Spiel zu machen. Und Alain Delon leistet sich endlich wieder einmal ‚Kunst‘, um zu beweisen, daß er mehr kann als nur eine Knarre halten. So war beiden geholfen, auch wenn die meisten Delon-Fans diesen Film meiden werden, während die meisten Godard-Fans (ein Dutzend) seufzen werden, weil „Nouvelle Vague“ rundum ein zum Seufzen schöner Film ist. Jean-Luc Godard wird immer jünger.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1990
Nummer 58, Seite 73
Autor/inn/en:

Otto Johannes Adler:

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