Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2001 » Heft 5/2001
Manfred Gmeiner

Vergessene Interkulturalität

Die Übersetzerschule von Toledo

In den aktuellen Bildungsdiskussionen wird immer wieder auf die Brauchbarkeit oder Verwertbarkeit von Studien hingewiesen. Hier ein kurzes Plädoyer für die in diesen Diskussionen geschmähten „Orchideenstudien“.

Die heutige Bildungspolitik ist von Schlagworten der Nützlichkeit, Brauchbarkeit und Verwertbarkeit der Bildung geprägt. Auch die konkreten Umgestaltungen gehen ganz in diese Richtung. Die Studienzeit soll kürzer werden und die Universitäten sollen sich durch Kooperationen mit der Wirtschaft finanzieren. Das ist bei einigen Studien sicher möglich, doch was ist mit den anderen Studien? Die PolitikerInnen werden da durchwegs deutlich. „Orchideenstudien werden wir uns nicht leisten können“, „Byzantinistik brauch ma net“ ist da zu hören.

Leider schlagen da jene Kritiken, die sich auf den Nutzen, den der Staat aus der Bildungspolitik zieht konzentrieren, in die selbe Kerbe. Die Philosophie müsse endlich praktisch werden. Heißt das endlich selbst die Herrschaft ergreifen? Bei Freerk Huisken in Context XXI 7-8/2000 klang es ganz so. Mit der Sicherheit der wahren Erkenntnis wird beklagt, daß diese nicht direkt zur Anwendung komme. Daß WissenschafterInnen in ihrer Forschung zu verschiedenen Ergebnissen kommen können sei lächerlich und Pluralismus überhaupt ein Greuel. Daß Studieren im Erwerb von verwertbaren Wissen besteht, ist auch hier unhinterfragt. Byzantinistik hat in diesem Konzept wohl auch keinen Platz.

In dieser Diskussion wäre es gut, sich einer Wissenschaftseinrichtung zu erinnern, die lange vor der Entstehung der Nationalstaaten und der heutigen Universitäten existierte: die Übersetzerschule von Toledo, die 1216 gegründet wurde. Leider sind über diese Schule nicht mehr viele Informationen erhalten, da die Inquisition nicht nur die Schule, sondern auch die Dokumente zerstörte. Das Wesentliche der Schule bestand wohl in ihrer Interkulturalität. In Toledo, das bereits seit 1085 wieder unter christliche Herrschaft fiel, konnte sich trotzdem die arabische und jüdische Struktur erhalten. In Toledo lebten Muslime, Juden und Christen friedlich in einer offenen Gesellschaft zusammen. Das Projekt der Übersetzerschule bestand darin, die bedeutendsten Werke der Klassik zu übersetzen. Es wurden Werke griechischer Philosophen, die teilweise nur mehr in ihrer arabischen Übersetzung vorhanden waren, in Romance und von Romance ins Lateinische übersetzt. Andererseits wurden Werke bedeutender arabischer und jüdischer Philosophen übersetzt. Dabei ging es bei der Übersetzung nicht nur um eine sprachliche Übertragung, um die Texte der Sprachen nicht kundigen Personen zugänglich zu machen, sondern um Verständlichmachung der aus anderen Kulturkreisen stammenden Texte. Die Texte wurden nicht nur in ihrem Kontext erforscht, sondern mit den Texten arabischer und jüdischer Philosophen konfrontiert. Diese Auseinandersetzung mit dem Denken war einzigartig, man konzentrierte sich keineswegs nur, wie in anderen Zentren des Wissens dieser Zeit auf mathematische Erkenntnisse der Griechen und geographische und nautische Kenntnisse der Araber, die für die Bedürfnisse der Gesellschaft verwertbar waren.

In einer Zeit, in der der Wahrheitsanspruch, die Fortschrittsgläubigkeit und die Erkenntnisgewißheit der Moderne nicht mehr aufrecht zu erhalten sind, kann dieser interkulturelle Austausch eine Anregung sein. Wenn man nicht gleichzeitig den Anspruch auf Vernunft und Erkenntnis überhaupt aufgibt und das Denken der Beliebigkeit überantwortet, wie dies in manchen postmodernen Philosophien geschieht, sich aber der Bedingtheit jeder Erkenntnis bewußt ist, kann Vernunft nur im Austausch, in der Übersetzung im oben genannten Sinn, durch Überschreitung der eigenen Weltanschauung, gesucht werden. Das, denke ich, sollte auch Aufgabe der Bildung sein und ich kann mir kein Fach vorstellen, das für den/die es studiert, nicht einen Beitrag dazu leisten könnte. Und wenn man/frau nachher weder für die Wirtschaft zu gebrauchen ist, noch für die Weltrevolution, so ist man/frau wenigstens vernünftiger geworden.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
2001
Heft 5/2001, Seite 22
Autor/inn/en:

Manfred Gmeiner:

Nachweislich treuestes Redaktionsmitglied von Context XXI (vom mythologischen Anbeginn bis 2006) und Buchhändler (La Líbrería) in Wien.

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