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Emmerich Nyikos

Verborgene Herrschaft

Die übergesellschaftliche Macht des gesellschaftlich Gemachten

Denn was jeder einzelne will, wird von jedem anderen verhindert, und was herauskommt, ist etwas, das keiner gewollt hat. So verläuft die bisherige Geschichte nach Art eines Naturprozesses und ist auch wesentlich denselben Bewegungsgesetzen unterworfen.

(F. Engels, Brief an J. Bloch vom 21./22. 9. 1890, in: MEW 37: 463f.)

1.

Der Ausdruck Fetisch – „Zauber“ – stammt aus dem Portugiesischen (feitiço , von lat. facticium) und bedeutet ursprünglich nur: „das Gemachte“, das „Machwerk“. Und in der Tat: Ein Ding wird von den Menschen gemacht, dieses Ding aber, weil es sich ihrer Kontrolle entzieht (insofern es nicht als ein profanes Ding, sondern als ein supranaturales gemacht wird), gewinnt schließlich Macht über sie und unterwirft sich buchstäblich die, die es hergestellt haben.

2.

Fetisch: das Gemachte, das Macht über die, die es machen, gewinnt. Erinnert das nicht an den Zauberlehrling von Goethe? Der Besen, der von sich aus keinen Schaden anrichten kann, wird von diesem zum Leben erweckt und entgleitet dann seiner Kontrolle, ja nicht nur das, der Besen übt in der Folge eine solche Macht über ihn aus, dass die Gedanken des Lehrlings nur mehr um die Maßnahme kreisen, das, was er übermütig in Gang gesetzt hat, ein für allemal zum Stillstand zu bringen.

3.

Geschichte bedeutet: Die Akteure, indem sie agieren, hinterlassen historische Spuren, die dann als Handlungsrahmen – das, was Marx die „Umstände“ nannte – das nachfolgende Handeln bestimmen. Indessen hinterlassen nicht alle Handlungen Spuren, obgleich andererseits auch Alltagshandlungen Spuren hinterlassen, viel eher sogar als die Aktionen der Großen Akteure. Solche Handlungen nun, die nicht augenblicklich wieder verdampfen oder, um es anders zu sagen, die zu Umständen „gerinnen“, sind demnach historisch.

Nun ist es aber so, dass Handlungen nicht nur Spuren hinterlassen, die in der Absicht der Handelnden lagen, sondern darüber hinaus gleichfalls auch solche, die jegliche Intention transzendieren, weitere Folgen, die nicht beabsichtigt waren, ja von denen die Akteure schlicht und einfach nichts wussten: Die Irrigation des Zweistromlands erhöht die Produktivkraft der Arbeit enorm, führt aber auch zur schleichenden Versalzung des Bodens, der, nach Generationen, schließlich zur Wüste verkommt.

Diese Gefahr, dass das Handeln Konsequenzen zeitigt, die für die Akteure fatal sind, liegt in jedem Handeln verborgen, und man kann sie nur graduell, durch die Expansion des Wissens um das Funktionieren der Dinge – auf der Grundlage einer prometheischen Haltung –, verringern, niemals jedoch vollständig bannen. – Es versteht sich von selbst, dass das epimetheische Handeln – nach Art des Epimetheus in Hesiods Werke und Tage, dem erst die Folgen seines Tuns zu denken gaben – in einer Gesellschaft, die nur die Gegenwart kennt, epidemisch sein muss. Und wer würde wohl daran zweifeln, dass das Kapital, das die Gesellschaft beherrscht und sie zwingt, so wie es selbst zu agieren, auf das Hier und das Jetzt, auf die Gegenwart, auf das momentane Dasein fixiert ist? Denn wäre es das nicht, so setzte es sich selbst auf das Spiel. Der post-moderne Diskurs – das Exorzieren des Werdens – reflektiert im Grunde daher nur die Maxime der Kapitaleigentümer: „Nach mir die Sintflut.“

4.

In einem Warensystem handeln die Akteure jeder für sich – als Privateigentümer, sei es der Produktionsmittel, sei es des Arbeitsvermögens –, zugleich aber wirken sie alle zusammen, jedoch nicht bewusst, nicht nach einem gemeinsamen Plan, sondern spontan und bewusstlos. Was aus der Kombination ihrer Aktivitäten herauskommt, ist daher nicht nur das, was sie wollten – die Profitmaximierung, der Lohn –, sondern darüber hinaus sind es auch solche Effekte, die sie, wenn es in ihrer Macht stehen würde, um jeden Preis zu vermeiden versuchten. Jeder Kapitalproduzent strebt etwa danach, die Produktion auszuweiten, um die Masse seines Profits zu erhöhen – im Rahmen des Gegebenen ein durchaus rationales Verhalten –, da dies jedoch alle zugleich tun, folgt die Überproduktion wie das Amen im Gebet auf dem Fuße, der Absatz stockt und es fallen die Preise, und man weiß nicht mehr, woher und wohin. Schließlich, um den Verlust, als Folge des Preisverfalls, zu konterkarieren, wird das Volumen der Produktion von jedem Akteur von neuem erhöht und so fort, bis schließlich die Mehrheit, diejenigen, die mit den anderen nicht mehr mithalten können, vollends ruiniert ist: Das Gemachte gewinnt Macht über die, die es machten. Dies ist ganz unabhängig davon, was sich die Akteure selbst dabei denken. – Hierin besteht im Übrigen der Unterschied zum Fetisch im eigentlichen Sinn, dessen Macht über die Akteure rein fiktiv, d.h. Produkt der puren Einbildung ist. Was zählt, ist daher nicht, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse den Akteuren als sachliche erscheinen, worauf es ankommt, ist vielmehr, dass die Sachen selbst, das Gemachte, die wahren dramatis personae sind.

Hier handelt es sich nun nicht mehr nur darum, dass in den Handlungen Wirkungen liegen, die gar nicht beabsichtigt sind, sondern dass sich notwendigerweise Konsequenzen ergeben, die keiner gewollt hat, eben weil das Zusammenwirken stets mehr ergibt, als wenn jeder Akteur für sich allein handeln würde: Das Ganze ist, wie schon Hegel gewusst hat, mehr als die Summe seiner Teile. Da aber dieses Zusammenwirken blind und spontan ist, unterliegt dieser „Überschuss“ per definitionem keiner Kontrolle, wächst mit anderen Worten über die Akteure hinaus und bestimmt als Rahmen der Praxis diktatorisch ihr Handeln.

5.

Die Philosophen der frühen Bourgeoisie – von Vico, über Mandeville, Ferguson und Smith bis hin zu Marquis Mirabeau, Herder, Kant, Schiller und Hegel – haben die nicht-intentionalen Folgen des Tuns durchaus als positives Faktum gesehen: Sie haben sie als „invisible hand“ oder „List der Vernunft“ sogar in den Rang einer philosophischen Wahrheit erhoben. Wir aber wissen, dass – im Rahmen des Kapitalsystems mit seinen spezifischen Gesetzen – ab einem bestimmten historischen Punkt das spontane, bewusst- und planlose Agieren nicht nur zu periodischen Systemkrisen führt, sondern geradewegs zu einem Gesellschaftszustand, wo es nur mehr darum zu tun ist, den Schaden, den man selbst nolens volens verursacht, immer und immer wieder von neuem – wie in einem Tretrad – zu flicken.

6.

Die übergesellschaftlichen Mächte, die im Prinzip nur das Resultat der Praxis der bürgerlichen Gesellschaft, einer Gesellschaft von Privatleuten, sind, degradieren diese Gesellschaft zu einem lachhaften Popanz, der an Fäden zappelt, die jene dann obendrein noch, verblendet wie sie nun einmal ist, als Inkarnation schlechthin der Freiheit versteht. – Wie sagte doch Brecht? Es gibt keine schlimmere Knechtschaft als die, die sich als Freiheit drapiert.

7.

Verborgene Herrschaft mithin, die das Gerede von „Demokratie“ schlechterdings hinfällig macht. Und in der Tat: Es ist nicht der dêmos, der „herrscht“ (ho dêmos krateî), indem er alle vier Jahre zur Wahl geht, es ist vielmehr so, dass die vom dêmos Gewählten, wer immer das sei, alles daransetzen müssen, dass das bürgerliche Gesellschaftssystem, so wie es ist, friktionslos funktioniert, und das bedeutet mithin, dass sie gezwungen sind, die Prinzipien dieses Systems, dessen Vorgaben, getreulich zu exekutieren – als volonté générale der Bourgeoisie. Und dies aus keinem anderen Grund, als dem, dass, wenn sie dieses oder jenes „Versprechen“ (das sie ihrer Wählerschaft gaben, damit sie sie in die Staatsämter wählt) einlösen wollen, vorausgesetzt ist, dass der Produktionsapparat reibungslos schnurrt – dass, anders gesagt, die Profitrate sich im Bereich des Tolerierbaren hält. Denn wenn sie es nicht tut – wenn der Systemmotor stottert –, dann verengt sich der Spielraum für die Akteure des Staates, für die vom dêmos Gewählten, enorm. Und überhaupt: Selbst im Falle einer rein zynischen Haltung, wo es gar nicht mehr darum zu tun ist, eine Klientel zu bedienen (die eine oder die andere Klasse: die Arbeiter, den „Mittelstand“ oder die Bauern), d.h. deren partikulare Belange, so führt allein schon das Selbsterhaltungsprinzip – die Entschlossenheit, sich als Hohes Staatspersonal zu behaupten – dieses dazu, im Sinne des bürgerlichen Systems – des Privateigentums – zu agieren. Denn wenn das Produktionssystem kriselt, wenn es zu Turbulenzen kommt, dann ist es mit der Wiederwahl ganz sicher vorbei. – Freilich sind solche Turbulenzen nie zu vermeiden, es zu versuchen jedoch gebietet die Selbsterhaltungstendenz, also der unwiderstehliche Drang, auch die nächste Wahl zu gewinnen.

8.

Gerede von „Demokratie“: eine Fassade, hinter der sich gar nichts verbirgt. Und dennoch: Die „Demokratie“ ist für alle zu einem Sakralding geworden – für oben und unten, für links und für rechts, für vorne und hinten –, zu einem Fetisch mithin, der von allen verehrt wird, dem alle huldigen müssen und dessen Missachtung den Bannstrahl aller „politisch Korrekten“ nach sich zieht, selbst wenn es so sinnentleert ist wie die Alternation von zwei Fraktionen ein und derselben Partei.

Ein Fetisch, vor dem man im Staub liegt, ein „Objekt“, das bloßer Ersatz ist, ein grotesker Ersatz, der nie an das Ersetzte herankommt, kurz: ein Surrogat bloß für das, was den Namen der „Freiheit“ – Einsicht in die Notwendigkeit – allein verdienen würde: das bewusste und planmäßige Handeln, nicht nur, wie bisher, im Mikrokosmos des Alltags, sondern zugleich auch in der Geschichte, in diesem Makrokosmos, den seines naturhistorischen Charakters zu entkleiden heute, angesichts des Produktivkraftkomplexes, den das Kapitalsystem malgré lui hervorgebracht hat, durchaus im Bereich des Denkbaren liegt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2013
Heft 58, Seite 8
Autor/inn/en:

Emmerich Nyikos:

Geboren 1958. Historiker, lebt als freier Autor in Mexiko-City. Zuletzt erschienen: Das Kapital als Prozess. Zur geschichtlichen Tendenz des Kapitalsystems (2010).

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