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Günther Anders
Marginalien

Unsinn des Sinnbegriffes

Zuerst erschienen in: „Akzente“, Zeitschrift für Literatur
herausgegeben von Michael Krüger in München
Heft 5/Oktober 1982, 3. Umschlagseite

„Ich halte das nicht mehr aus!“ jammerte ein Einzelrädchen, das, völlig frei und in seinen Handlungen und Unterlassungen durch nichts und niemanden bestimmt oder behindert, durchs Weltall rollte. „Wenn ich nur wüsste, wozu diese verfluchte Welt da ist und welche Rolle mein Herumrollen spielen soll? Ich wäre sogar schon zufrieden, wenn ich für mich gar keinen Sinn hätte, wenn es mir nur erlaubt wäre, für sie irgendeinen Sinn zu haben! Ganz gleich welchen! Selbst den sinnlosesten! Aber doch immerhin irgendeinen!“

„Kunststück, dass du so neurotisch bist“, höhnte da ein anderes Rädchen, eines, das sich, wie tausend andrere Maschinenteile, eingefügt in den komplizierten Mechanismus eines (an sich natürlich völlig sinnlosen) Apparates, Tag und Nacht um sich selbst drehte und dadurch seine und immer dieselbe Funktion sklavisch erfüllte. „Unsereins sind solche Inferioritätsanfälle wie dir noch niemals zugestoßen! Sinn? Nur wer dient, hat Sinn! Und unter solchem metaphysischem Sinnhunger, wie du ihn hast, leiden nur diejenigen, die nicht dienen, die, wie sie es prahlerisch nennen, ,frei‘ sind, und die, ohne sich das zuzugestehen, für ihr Leben gerne unfrei, nämlich für etwas, da wären. Manche von ihnen ,want to have their cake and eat it, too‘, diese gehen nämlich in ihrer Unredlichkeit sogar so weit, zu behaupten, ihre Freiheit sei der Sinn ihres Daseins, sie lebten für ihre Freiheit, eine evidentermaßen völlig sinnleere Beteuerung, nein, einfach widerspruchsvolles Geschwätz! Gleichviel, deine verrückte Gier und die Frage nach dem Sinn des Lebens, die gibt es erst seit dem Tage, an dem es frei rotierende Rädchen wie dich gibt, vorher hat man eine derartige Frage aus dem Munde von Rädchen niemals hören können. Am verrücktesten klingt es freilich in unseren Ohren, wenn du auch noch nach dem ,Sinn der Welt‘ rufst. Welch ein Unsinn! Wo soll die denn noch einen Sinn haben? Sinn kann doch nur das Inferiore haben. Nämlich im Ganzen. Aber das Ganze?“

„Was?“ schrie da das Einzelrad zurück, „Selbst wenn ich einen Sinn hätte, hätte die Welt keinen? Wozu soll ich denn dann einen Sinn haben? Welchen Sinn sollte das denn dann noch haben?“

„Warum sollte ich dir denn darauf die Antwort schuldig sein?“ höhnte da das gut integrierte Rädchen. Und rotierte selbstbewusst weiter, bis es hinter dem Horizont verschwunden war.

Günther Anders wurde im Juli 80 Jahre alt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2019
Autor/inn/en:

Günther Anders:

Günther Anders wurde am 12. Juli 1902 in Breslau geboren. Nach dem Studium der Philosophie 1924 Promotion bei Husserl. Danach gleichzeitig philosophische, journalistische und belletristische Arbeit in Paris und Berlin. 1933 Emigration nach Paris, 1936 nach Amerika. Dort viele „odd jobs“, unter anderem Fabrikarbeit, aus deren Analyse sich später sein Hauptwerk ‚Die Antiquiertheit des Menschen‘ ergab. Ab 1945 Versuch, auf die atomare Situation angemessen zu reagieren. Mitinitiator der internationalen Anti-Atombewegung. 1958 Besuch von Hiroshima. 1959 Briefwechsel mit dem Hiroshima—Piloten Claude Eatherly. Stark engagiert in der Bekämpfung des Vietnamkrieges. — Auszeichnungen: 1936 Novellenpreis der Emigration, Amsterdam; 1962 Premio Omegna (der ,Resistanza Italiana‘); 1967 Kritikerpreis; 1978 Literaturpreis der ‚Bayerischen Akademie der Schönen Künste‘; 1979 Österreichischer Saatspreis für Kulturpublizistik; 1980 Preis für Kulturpublizistik der Stadt Wien; 1983 Theodor W. Adorno-Preis der Stadt Frankfurt; 1992 Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Günther Anders starb am 17.12.1992 in Wien.

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