Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2001 » Heft 7-8/2001 — 1/2002
Heribert Schiedel

Universität und Rechtsextremismus

Wie soll das Zusammengehen: hier der Hort von Aufklärung, dort organisierte Unmün­digkeit, hier Wissenschaft, dort Ideologie?

Die Selbstwahrnehmung von Universitätsangehörigen steht nicht selten einer Sensibilisie­rung gegenüber Rechtsextremismus im Wege. Historische Phänomene wie Demokratisierung, steigender Frauenanteil und soziale Öffnung werden weniger gesellschaftlichen Kräftever­hältnissen als der darüber thronenden Universität selbst zugeschrieben. Die Ausblendung von Kontinuitäten gehorcht der wechselseitigen Selbstvergewisserung. Gerade das Bild von Wis­senschaft als etwas ganz anderes als Ideologie hat den Faschismus an der Macht relativ unbe­schadet überstanden. Aber barbarischer noch als nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, war es, weiter Wissenschaft zu betreiben.

Daneben zeichnet sich die diskursiv vermittelte Wahrnehmung des Rechtsextremismus durch eine Fixierung auf dessen gewaltförmige, subkulturelle Ausdrucksformen vor allem unter (möglichst ungebildeten, arbeitslosen und aus möglichst zerütteten Familienverhältnis­sen stammenden) Jugendlichen aus. Im besten Fall gerät noch die FPÖ als bewegungsförmi­ges Ressentiment gegen „Fremde“ und personalisierte Zwänge in den Blick. Seit ein paar Jahren läßt sich auch das Treiben der völkischen, burschenschaftlichen Eliten nicht mehr vollständig ignorieren. Aber ein historisch-analytisches Herangehen an die strukturellen Verbindungen von Universität und Rechtsextremismus ist noch relativ wenig verbreitet.

Begriffsbestimmung

In der wissenschaftlichen Literatur hat der Begriff Rechtsextremismus fast durchwegs den des Neofaschismus ersetzt. Sofern dies das Resultat einer Kritik an vorschnellen historischen Ana­logiebildungen und der relativen Unbrauchbarkeit des faschismustheoretischen Instrumenta­riums für die Beschreibung aktueller gesellschaftlicher Prozesse und moderner Artikulations­formen von radikal antiemanzipatorischen Inhalten darstellt, ist dagegen wenig einzuwenden. Ge­horcht die Wahl der Begrifflichkeit jedoch dem Interesse, historische Kontinuitätslinien zu kap­pen und den Antifaschismus zu entsorgen, ist Einspruch angebracht. Diese Versuche, Rechts­extremismus als Pathologie moderner Gesellschaften zu normalisieren, gehen Hand in Hand mit ideologischen Anstrengungen, rechtsextreme Artikulationen zu entpolitisieren und rassisti­sche Gewalt als affektbehaftete Antworten auf Desintegrations-Erfahrungen zu entschuldigen.

Mit Holzer begreifen wir Rechtsextremismus als kritischen Arbeitsbegriff, der in idealty­pischer Weise ein Bündel von Anschauungen, Einstellungsmustern und Verhaltensweisen be­schreibt. [1] Diese lassen sich im Einzelnen benennen als:

  • Antiliberalismus und -Pluralismus
  • Frontstellung gegen (Parteien)Demokratie, „raffenden“ (heute: „unfairen“) Kapitalis­mus und „internationalistischen“ Sozialismus
  • Antiegalitarismus: Behauptung der „Natürlichkeit“ sozialer Differenz bis hin zu Sozial­darwinismus
  • völkischer Nationalismus, Rassismus/Antisemitismus und Forderung nach starkem Staat
  • Volksgemeinschaftsideologie: Behauptung der organischen Ganzheit und Homogenität des „Volkes“
  • unterschiedliche Formen des „Revisionismus“
  • Autoritarismus: Führer- und Gefolgschaftsprinzip
  • personalisierendes Denken, Verschwörungstheorien, „Sündenbock“-Mechanismen
  • manichäisches Weltbild, Freund-Feind-Schema, dichotomisches Denken: Reduktion der Komplexität sozialen Lebens
  • Gewaltbereitschaft und -akzeptanz, Kult der Stärke und der Männlichkeit
  • Entlastung der „Mitte’

Ausdrücklich gewarnt sei hier vor einem statischen Verständnis des Phänomens. Der Rechts­extremismus als Diskurs stellt vielmehr eine spezifische Anordnung dieser Elemente dar, wo­bei diese permanent neu geordnet und gewichtet werden.

Problematisch am Begriff Rechtsextremismus ist insbesondere sein totalitarismustheore­tischer Background. Die dahinterliegende Vorstellung von der Anordnung der Ideologien läßt sich mit dem Bild des Hufeisens oder des „Verfassungsbogens“ (Andreas Khol) verdeut­lichen: die Entfernung zwischen den beiden Enden (Rechts- und „Linksextremismus“) ist — je nach Biegung — mehr oder weniger gering, die zu liberal-demokratischen Positionen auf jeden Fall größer. Als zentrale Bestimmungsgröße von Extremismus erscheint hier dessen Front­stellung gegenüber der liberalen Demokratie und der Grad der Gewaltbereitschaft/-akzep­tanz. Dadurch wird der Blick auf den unterschiedlichen sozialen Gehalt und auf die unter­schiedlichen Ziele der „Extremismen“ verstellt.

Daneben suggeriert die unkritische Verwendung des Rechtsextremismus-Begriffes die Möglichkeit einer genauen ideologischen wie personellen Abgrenzung, insbesondere ge­genüber dem Konservativismus. Der soziologische und ideologische Ort, in welchem Rechts­extremismus in der Regel festgemacht wird, ist der „Rand“. Demgegenüber kann gar nicht oft genug betont werden, daß rechtsextremes Gedankengut eine militante Steigerungsform der zentralen Werte und Ideologien spätkapitalistischer Gesellschaften darstellt. An erster Stelle wäre hier das Erfolgs- und Konkurrenzdenken zu nennen, das im rechtsextremen Dis­kurs zum Sozialdarwinismus radikalisiert wird. Das meint die bekannte Rede, wonach der Rechtsextremismus in der „Mitte“ der Gesellschaft entspringt. Die Weigerung, Rechtsextre­mismus in erster Linie inhaltlich — und hier vor allem als organisierten Rassismus — zu be­stimmen, passt sich in das Bedürfnis nach Entlastung der „Mitte“ ein. Die weite Verbreitung rassistischer und antisemitischer Einstellungen über die vermeintlichen Grenzen des Rechts­extremismus hinaus stünde dem Abschieben des Problems an den „Rand“ entgegen. Auch käme dann die Bedeutung des Medien- und Elitendiskurses für die (Re)Produktion rassistischer Wahmehmungs- und Verhaltensmuster in den Blick. Gerade am Beispiel des Rassismus läßt sich zeigen, welche legitimatorische Funktion diese Diskurse für den Rechtsextremismus haben.

Aber der Rechtsextremismus ist nicht auf das bruchlose (historisch-ideologische) Kontinuum gesellschaftlicher Normalität und die direkte Wirkung von herrschenden Diskursen zu redu­zieren. Er erscheint vielmehr auch als (vielfältig determiniertes) universelles Deutungsmuster sozialer Realität, insbesondere kann er vor dem Hintergrund kapitalistischer Vergesellschaf­tungsformen als (über)konformistische Form der Verarbeitung von sich verschärfender so­zialer Ungleichheit begriffen werden.

„Neue Rechte“

Aktuellen Versuchen, Faschismus und Konservativismus neu zu verklammern, begegneten wir lange mit analytischer und begrifflicher Verwirrung. Die Verwendung eines statischen Rechtsextremismusbegriffes, der sich allzu eng am historischen Beispiel orientierte, verhin­derte die Erfassung moderner Versuche, den Faschismus zu enthitlern. Insbesondere zeigten sich viele sprachlos angesichts der aktuellen Radikalisierung des Konservativismus. Nur wenn wir Rechtsextremismus von vornherein inhaltlich begreifen als „extreme Spielart des Kon­servativen“, [2] lässt sich das Phänomen eines Neokonservativismus, der entliberalisiert und mit völkischem Nationalismus verknüpft wird, analytisch fassen.

Aber aus der Not wurde in der wissenschaftlichen Literatur oft eine Untugend: die unre­flektierte Übernahme der ideologischen Selbstbezeichnung von rechtsextremen Intellektuel­len als „Neue Rechte“ stellt in gewisser Weise bereits einen Erfolg von deren Durchdringungs- und Normalisierungsstrategien dar. Daneben ist zweifelhaft, ob die Etablierung eines vermeintlich abgrenzbaren neuen Begriffes zwischen Konservativismus und Rechtsextremismus, die Konstruktion eines eigenständigen Zwischenbereiches im bürgerlichen Lager tatsächlich den Erkenntnisgewinn befördert. Vielmehr sollte der Rechtsextremismus als Anordnung ver­schiedener Diskurse und als durchaus flexibel begriffen werden. Er kann von seinen Träger­innen sehr wohl an die jeweiligen hegemonialen Konstellationen und sozialen Kräfteverhältnisse angepasst und in Strategie wie Taktik den Anforderungen gemäß variiert werden. Rund um einen harten ideologischen Kern entfaltet der Rechtsextremismus einen Formenreichtum, welcher sich nicht in bloßer Mimikry bis hin zur Selbstverleugnung erschöpft. Dem entspricht auch eine Vielzahl von unterschiedlichen Gruppen, die nicht bloß arbeitsteilig operieren, son­dern sich durchaus auch in ihren Mitteln und Zielen unterscheiden.

Daneben ist der Rechtsextremismus nach Auschwitz und in Österreich unter den Bedingun­gen des NS-Verbotsgesetzes auf symbolische und indirekte Diskurse angewiesen. Diese operie­ren mit Andeutungen und Unterschwelligkeiten, wie das Beispiel des Antisemitismus zeigt: Wenn da etwa die Rede ist von einer „Welteinheitsbürokratie“ oder der verborgenen Macht der US-amerikanischen „Ostküste“, wissen die Adressatinnen, daß damit das „Weltjudentum“ gemeint ist.

Neorassismus

Gerade in rassistischen Diskursen ist eine über semantische Tricks hinausgehende Bedeutungs­verschiebung zu bemerken. Im Neorassismus wird nämlich nicht nur einfach „Rasse“ durch „Kultur“, die „biologische Vererbung“ durch die „Unaufhebbarkeit der kulturellen Differen­zen“ [3] ersetzt, sondern auch auf einer Ebene darüber operiert. Ausgestattet mit den windigen Er­kenntnissen der Verhaltensforschung etwa eines Eibl-Eibesfeldt, liefert der Neorassismus als Metarassismus eine Theorie der Ursachen für xenophobe Aggressionen. Dabei wird „nicht die rassische Zugehörigkeit, sondern das rassistische Verhalten zu einem natürlichen Faktor er­klärt.“ [4] Die Ontologisierung des Rassismus erfolgt vor allem über die Behauptung eines Territorialtriebes der Menschen, welcher im Falle der Überschreitung einer unterstellten „Toleranzschwelle“ gegenüber „Fremden“ deren militante Abwehr befördere. Die Reduktion der potentiellen Opfer rassistischer Gewalt und die ethnopluralistische [5] Segregation der unter­schiedlichen „Kulturen“ wird dann zur antirassistischen, weil Rassismus vorbeugenden, Strategie.

Falsche Sicherheiten

Gerade am Beispiel des Neorassismus wird deutlich, wie sehr die biologistisch (wissenschaft­lich!) unterfütterte Ideologie der extremen Rechten bereits hegemonial ist.

Der metapolitischen Strategie der Erlangung einer „kulturellen Hegemonie“ kommt die unter Intellektuellen verbreitete Unfähigkeit entgegen, rechtsextreme Positionen zu erken­nen. Am Beispiel befragter deutscher Studentinnen berschreiben Alex Demirovic und Gerhard Paul dies wie folgt: „Das Bild, das eine Reihe von Studierenden in unseren Diskussionsgrup­pen von Rechtsextremismus hatte, ist offensichtlich bestimmt von der Medienpräsentation gewalttätiger Jugendlicher. Der (linksliberale, Anm. H. S.) Konsens (...) bewirkt eine regelrechte Wahrnehmungssperre gegenüber abweichenden, rechten Meinungen, sobald sie auf subtile, in­tellektuelle Weise vertreten werden. Dieser Konsens hat zwei bemerkenswerte Eigenschaf­ten. Erstens ist er außerordentlich löchrig; er kann eine Reihe von neurechten Ideologemen einschließen, ohne daß sie erkannt werden. (...) Zweitens wird der Gruppenkonsens in hohem Maße durch Formen symbolischen Drucks und symbolischer Ausgrenzung erzeugt.“ [6]

Solange dieser linksliberale, antirassistische Konsens nicht inhaltlich bestimmt wird und auf der Ebene der wechselseitigen Selbstvergewisserung verbleibt, solange er nicht in dissidente Haltungen gegenüber institutionellen Rassismen mündet, spielt er bloß Rechtsextremisten in die Hände. Denn während die Politik der Ausgrenzung und Diskriminierung von „Frem­den“ damit schon längst die Integration rechtsextremer Positionen betreibt, ermöglicht ein abgehobener antirassistischer Intellektuellen-Diskurs die Selbstdarstellung von Rechtsextre­misten als „Nonkonformisten“, als Widerstandskämpfer gegen „Denkverbote“, „jeglichen Meinungsdiktats“ und die „intellektuelle Immunschwäche, die sich da Political correctness nennt“. [7] Demgegenüber muss die strategische Behauptung der „Neuen Rechten“, es gebe eine ideologische Vorherrschaft der Linken oder „68er“, permanent mit dem institutionellen Rassismus und gesellschaftlichen Rechtsruck kontrastiert werden.

Notwendige Warnungen und Aufrufe wie der „Appell zur Wachsamkeit“ französischer (und im Gefolge europäischer) Intellektueller, bleiben wirkungslos, wenn sich diese Wach­samkeit auf den mehr oder weniger akademischen Diskurs beschränkt. Die Verweigerung der Teilnahme an Diskursen, die Rechtsextremisten integrieren, entzieht diesen eine beliebte Le­gitimationsgrundlage. Tatsächlich kommt heute keine Podiumsveranstaltung von Rechtsex­tremisten ohne der Einladung politischer Opponentinnen mehr aus. In der Regel dienen die­se dort als demokratisches Feigenblatt. Aber diese Gesprächsverweigerung muß eben Hand in Hand gehen mit einer gesamtgesellschaftlichen politischen Offensive gegen Rechts.

Querfrontstrategie

Die Notwendigkeit des „Appells zur Wachsamkeit“ ergibt sich nicht nur in Frankreich aus dem massenhaften Überlaufen vormals linker und kritischer Intellektueller. Diese greifen zunächst die strategische Gesprächsbereitschaft von Rechtsextremisten auf, lassen sich in ein­schlägige Diskussions- und Publikationszusammenhänge einbinden, um dort dann schließlich als reuige Konvertiten herumgereicht zu werden. Das Aufgehen dieser „Querfrontstrategie“ wird neben dem allgemeinen Rechtsruck einerseits befördert von einer intellektuellen Verlotte­rung und neuen Romantik. Andererseits kommt ihm die Verfassung vieler männlicher Links­intellektueller entgegen. Verena Krieger beschreibt dies am Beispiel Heiner Müllers Begei­sterung für Ernst Jünger: „Meine These ist, daß das Jüngersche Amalgam von Dekadenz, Gewalt und Potenz ein in den letzten Jahren etwas aus der Mode gekommenes revolutionäres Heroentum wieder zum Erglühen bringt und ihm neue Gestalt verleiht — eine neue Gestalt, die ihren reaktionären Charakter erst jetzt offenbart, der im Grunde immer schon darin ange­legt war. Dieser chauvinistische Heroismus impliziert eine grundsätzliche und abgrundtiefe Verachtung gegenüber allem Schwachen, Weiblichen und Unterlegenen. Auf die gegenwärtige gesellschaftliche Situation bezogen, bedeutet das auch, gegenüber einer Position der Nieder­lage, Ratlosigkeit und Perspektivlosigkeit. Genau diese Niederlage und Radosigkeit aber ist es, in der sich Linke oder besser gesagt: alle die in kritischer Opposition zur herrschenden Realität stehen, befinden — jedenfalls wenn sie ehrlich sind.“ [8]

Die elitäre Selbstwahrnehmung und die narzisstische Betroffenheit vieler männlicher Links­intellektueller äußert sich daneben in hektischer Betriebsamkeit. Man(n) müsse ja mit den Rechten um Begriffe streiten, heißt es vielerorts.

Rittern um Begriffe

Am Beispiel des antiaufklärerischen Kampfbegriffes „nationale“ oder „kulturelle Identität“ läßt sich verdeutlichen, wie die rechtsextreme Diskursstrategie dank des Mitspielens ursprüng­lich opponenter Geister allzu oft aufgeht. Ganz so als ob kollektive „Identitäten“, die ent­lang ethnisierter Grenzen konstruiert werden, nicht notwendig harmonisierend und herrschafts­stabilisierend, also schon von daher „rechts“ seien, plädieren manche immer noch dafür, den Begriff nicht der Rechten zu überlassen. Im hegemonialen Diskurs des völkischen Nationalismus meint „Identität“ die Eigenschaft eines durch Sprache, Abstammung, Geschichte und Kultur begrenzten Kollektivs, das so als Person und Organismus erscheint. Im ethnopluralistischen Diskurs wird damit sozio-ökonomische Differenz in kulturelle übersetzt und mit der Forderung nach Bewahrung von „Identität“ perpetuiert. Diese Festschreibung von Migrantinnen auf deren (bewahrenswerte!) „Kultur“, die als authentischer Ausdruck des Lebens in den Her­kunftsländern und nicht als spezifische Verarbeitungsform der sozialen Realität im Zielland ver­standen wird, ist mittlerweile nicht mehr auf den Diskurs der „Neuen Rechten“ beschränkt. Auch paternalistische Formen des Multikulturalismus und „differentialistischen Antirassis­mus“ [9] haben heute die Rede von den (doch so befruchtenden!) kulturellen Unterschieden kultiviert.

Gegenintellektuelle

Der „neurechte“ Chefideologe Alain de Benoist verschrieb der Szene in selektiver Rezeption des Gramsci der „Gefängnishefte“ den Abschied vom parteiförmigen und/oder militanten Engagement und statt dessen den Kampf um kulturelle Hegemonie. Gramscis Hegemonie­konzept wurde im rechtsextremen Diskurs jedes (Klassen)Gehaltes entledigt und auf eine Technik der Erlangung der Herrschaft über die Köpfe reduziert. Rechtsextreme Kultur-/Hege- moniekämpfer mit dem männlich-elitären Habitus einer Kriegerkaste leugnen ihre sozialen Interessen und stellen sich als freischwebende Intellektuelle dar. Schon im historischen Be­wegungsfaschismus agierten Intellektuelle als Mittler zwischen Kapitalinteressen und den Massen. Auch dabei mussten sie sich notwendig als frei von jedwedem Partikularismus dar­stellen. Heute positionieren sich „national-freiheitliche Akademiker“ im propagandistischen Rückgriff auf auf das bürgerliche Revolutiönchen von 1848 wieder als Vertreter der Interessen der „kleinen Leute“.

Daneben inszeniert sich der rechtsextreme Akademiker oder Bildungsbürger gerne als Querdenker, Tabubrecher und anarchischer Geist. Ganz Mann und noch mehr Narziss trägt er seine Selbstwahrnehmung als Angehöriger einer völkischen Elite oder „geistigen Rasse“ (Julius Evola) demonstrativ zur Schau. Mit dem Vordenker der „Nouvelle Droite“ de Benoist legt der rechtsextreme Intellektuelle eine „aristokratische Moral“ an den Tag, welche sich durch die „Fähigkeit“ auszeichne, „gegen seine eigenen Interessen zu handeln“. [10] Er sieht sich gerne als tragischer Held, der völlig verantwortungslos gegenüber den Folgen seines Tuns erscheint. Nochmals der Nietzscheaner Benoist: „Die Freiheit zu handeln geht immer Hand in Hand mit einer Freiheit dem Ziel der Handlungen gegenüber.“ [11]

Als Gegenintellektueller [12] bekennt er offen und stolz, von Intuitionen oder Wesensschauen auszugehen, welche „keines Beweises fähig“ seien und sich ganz esoterisch nur „demjenigen mit(teilen), der ein Auge dafür hat.“ [13]

Diese Gegenrationalität charakterisierte bereits Herbert Marcuse als Versuch, „die Ratio unter die Heteronomie des Irrationalen zu stellen“. Dabei werden „vor die Autonomie der Vernunft als ihre prinzipielle (nicht bloß faktische) Schranke irrationale Gegebenheiten gela­gert (...) (‚Natur‘, ‚Blut und Boden‘, ‚Volkstum‘, ‚existentielle Sachverhalte‘, ‚Ganzheit‘ usw.), von denen die Vernunft kausal, funktional oder organisch abhängig ist und bleibt.“ [14]

Ab- und Gegenwehr

Diese Form der Rationalität war und ist mit einer Verwissenschaftlichung rechtsextremer An­schauungen durchaus vereinbar. Neben ihren konkreten Beiträgen zum rechtsextremen Dis­kurs (etwa eines Konrad Lorenz, Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Lothar Hobelt oder Felix Ermacora) kommt Wissenschaftlerinnen legitimatorische Funktion zu. Gemäß dem Vorurteil der Ideologiefreiheit von Wissenschaft dient sie auch der extremen Rechten seit jeher zur Immuni­sierung der eigenen Weltanschauung, der Herstellung von Salon- und Bündnisfähigkeit so­wie der Eröffnung neuer publizistischer Foren.

Gegenüber der Wahrnehmung von Wissenschaft als Hort der reinen Wahrheit und von ihren Produzentinnen als höchstens instrumentalisierbar sollte die Rolle der Universitäten im Faschismus in Erinnerung gerufen werden. Gerade in Österreich kommt den deutschna­tionalen Angehörigen der autoritären und elitären Anstalt Universität herausragende Bedeu­tung als Wegbereiter der antisemitischen Herrschaft zu. So wie in den 20er Jahren wird heute das Postulat der „Freiheit der Wissenschaft“ und der „Autonomie der Hochschulen“ von (angehenden) Akademikerinnen immer dann in Anschlag gebracht, wenn sich diese mit Ras­sismus- und Rechtsextremismusvorwürfen konfrontiert sehen. Andererseits antworten auch vie­le demokratische Wissenschafterlnnen auf den inneren Faschismus der Universitäten mit dem Rückzug auf eine „reine Wissenschaft“. Dem wäre mit W. F. Haug entgegenzuhalten: „Es ist eine wissenschaftstheoretische Illusion, sich von Entpolitisierung und Reduktion auf Formelles sozusagen hinterrücks nun doch einen politischen Effekt zu versprechen: den einer politischen Immunität. Vielmehr vermag nur die Reflexion auf gesellschaftliche wie politische Gehalte der Wissenschaft, diese Gehalte, die man eh nicht los wird, zu kontrollieren und da­durch Bedingungen zu schaffen, die es der Wissenschaft erlauben, auf eigenem Boden einer anti­demokratischen Politik ebenbürtig entgegenzutreten.“ [15]

Neben einer reflexiven Wissenschaftstheorie könnte eine Antwort auf das ideologische Verschanzen hinter einer „Freiheit“ oder „Autonomie“ darin liegen, diese Postulate von ihrer Abstraktheit zu befreien und auf eine gesellschaftliche Grundlage zu stellen. Diese bürger­lich-demokratische Errungenschaft muß nach Auschwitz eben mit konkreten Inhalten gefüllt werden. Als Minimalkonsens wären diese etwa in Adornos neuem kategorischen Imperativ auf den Punkt gebracht. Demnach wäre das „Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.“ [16]

[1vgl. Holzer, Willibald I.: Rechtsextremismus - Konturen, Definitionsmerkmale und Erklärungsansätze, in: Stiftung DÖW (Hg.): Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus. Wien 1993. S.11-96.

[2ebd., S.16

[3Balibar, Etienne: Gibt es einen Neo-Rassismus?, in: Das Argument 175, 31 .Jg., H.3/1989. S.375

[4ebd., S.374

[5Ethnopluralismus: Kampfbegriff der „Neuen Rechten“, die sich damit vom alten Rassismus abzugrenzen versucht. Hier wird nicht mehr an einer Hierarchisierung der „Rassen“ festgehalten, sondern die Schädlichkeit einer „Vermischung“ der „Kulturen“ oder „Völ­ker“ behauptet. Dies gelte auch und gerade für die minorisierte „Kultur“ in Migrationsgesellschaften und im globalen Zusam­menhang, womit der „Ethnopluralismus“, der sich oft mit einem spezifischen Kulturrelativismus verbindet, in multikulturalistische Diskurse der Differenz und postkolonialistische Diskurse einbrechen konnte. Das „ethnopluralistische“ Ordnungsmodell, in wel­chem die „Kulturen“ sich in wechselseitiger Abgeschiedenheit entwickeln sollen, erinnert nicht umsonst an die Apartheid, denn in weiten Teilen handelt es sich dabei bloß um modifizierten rassistischen Reinheitswahn.

[6Demirovic, Alex; Paul, Gerhard: Eliten gegen die Demokratie? Studierende zwischen demokratischem Selbstverständnis und rechts­extremen Ideologien, in: Institut für Sozialforschung (Hg.): Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Studien zur aktuel­len Entwicklung. F/M., N.Y. 1994, S.86

[7Mölzer, Andreas: 10 Jahre JF. Beilage zur JF 25/26, S.8

[8Krieger, Verena: Rechtsentwicklung der Linksintellektuellen?, in: Das Argument 211, 37.Jg., H.5/1995, S.662

[9Taguieff, Pierre-Andre: Die ideologischen Metamorphosen des Rassismus und die Krise des Antirassismus, in: Bielefeld, Uli (Hg.): Das Eigene und das Fremde. Neuer Rassismus in der Alten Welt? Hamburg 1992, S.238

[10zit. nach Hatzenbichler, Jürgen: Korporation, Tradition und Neue Rechte, in: Mölzer, Andreas (Hg.): Pro Patria. Das deut­sche Korporations-Studententum - Randgruppe oder Elite? Graz 1994, S.266

[11zit. nach ebd., S.268f

[12vgl. zum Begriff: Brunkhorst, Hauke: Der Intellektuelle im Land der Mandarine. F./M. 1987, S.133ff

[13Weißmann, Karlheinz: Rückruf in die Geschichte. Die deutsche Herausforderung. Alte Gefahren - Neue Chancen. F./M., Berlin 1992, S.22

[14Marcuse, Herbert: Der Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung, in: Abendroth, Wolfgang (Hg.): Fa­schismus und Kapitalismus. Theorien über die sozialen Ursprünge und die Funktion des Faschismus. - F./M. 1979, S.50

[15Haug, Wolfgang Fritz: Vom hilflosen Antifaschismus zur Gnade der späten Geburt. Hamburg, Berlin 1987, S.123

[16Adorno, Theodor W.: Negative Dialektik. F./M., S.35

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
2002
Heft 7-8/2001 — 1/2002, Seite 6
Autor/inn/en:

Heribert Schiedel:

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